CANNES 2018: Kurzkritik zu Nuri Bilge Ceylan: The Wild Pear Tree (2018)

Mit Nuri Bilge Ceylans spannend erwarteten THE WILD PEAR TREE, dem ersten Film nach dessen Palmengewinner WINTERSCHLAF (2014) aus dem Jahre 2014, ist es nun beschlossene Sache – das Weltkino verliert einen seiner großen visuell begnadeten Regisseure an ein abtrünniges literarisches Pseudointellektuellenkino mit philosophischen Dialogen in der Endlosschleife.


Szene aus The Wild Pear Tree

Die Geschichte um den aufstrebenden Jungliteraten Sinan, der in sein Heimatdorf zurückkehrt und dort den unausgetragenen Konflikt mit seinem herrischen Vater wieder aufnimmt, fängt Ceylan gemeinsam mit seinem Stammkameramann Gökhan Tiryaki zwar nach wie vor in gewaltigen Panoramabildern beeindruckender anatolischer Landschaften ein, doch geschieht dies nur noch l’art pour l’art. Anders als in beinahe allen Vorgängerwerken Ceylans dienen Bild und Kadrage nicht mehr als Narrative, sondern lediglich als ästhetische Mittel um ihrer selbst willen. Der Regisseur verliert sich, wie dies in WINTERSCHLAF schon punktuell geschah, in THE WILD PEAR TREE nun endgültig und wohl für immer und dabei diametral entgegen seinem bisherigen Werk ziellos in seiner anscheinend neu entdeckten Leidenschaft für das Fabulistische.

Connaisseure des Werks Ceylans können nach diesem Film nicht frustrierter den Kinosaal verlassen, was in der Premiere vorzeitig auch massenweise geschah. Was der türkische Regisseur hier sich abzuliefern wagt, ist ein starkes Stück. Über drei Stunden lang folgen Zuschauer ohne Türkischkenntnisse ununterbrochen Untertiteln, die sich wie ein Roman lesen. Dabei verlieren sich die Charaktere in hingespuckten Dialogen über das Leben und die Kunst. Völlig an den Haaren herbeigezogene und unverständliche Traumsequenzen, die immer wieder die ohnehin uninspirierte Geschichte torpedieren, sollen anscheinend für Verblüffung und Spannung sorgen. Hierüber ärgert man sich ab einem gewissen Punkt aber erst gar nicht mehr, denn mit abnehmender Lesekraft schwindet proportional auch das inhaltliche und thematische Interesse am Film.


Szene aus The Wild Pear Tree

Ceylans Kino ist endgültig eines des Intellektuellen, Symbolischen und Piktoralen, des Ausstellenden geworden. Nicht schändlicher lässt sich dies durch das inszenatorische Ausschmücken eines Buchladens ausdrücken, in dessen Vordergrund Ceylan eine Biografie über Adolf Hitler platziert und womit er wohl wie an manch anderer Stelle im Film latent auf lächerlichste Art und Weise Kritik an Erdogans autoritären Führungsstil in der heutigen Türkei formulieren will. Was geht im Kopf eines Regisseurs vor, der auf diese Weise mit dem Zuschauer zu kommunizieren gedenkt?

So besiegelt THE WILD PEAR TREE als unendlich beanspruchendes, aber nicht ansprechendes Kino die Karriere des türkischen Filmregisseurs Nuri Bilge Ceylan als einstigen Meister eines überragenden visuell-suggestiven Kinos.

by Uwe Humbs
Photos © Festival de Cannes + FDC