CANNES-REPORT III: FAZIT - 71. INTERNATIONALE FILMFESTSPIELE VON CANNES 2018 8. - 19. Mai 2018

Einschätzung

Das diesjährige Cannes enttäuscht – wieder einmal. Nicht nachvollziehbar war bereits das Vordatieren des Festivals um ein bis zwei Wochen auf Anfang Mai und damit in den Dauerregen an der Côte d’Azur, wobei gerade auch Klima, Atmosphäre und Lage der Stadt soviel zum einzigartigen Erlebnis vor Ort beitragen. Weiterhin brachten auch die organisatorischen Direktiven und Änderungen nichts: Auf dem roten Teppich wurden wie immer – wenn auch in geminderter Anzahl – Selfies geschossen und die Neuerung, die Pressevorführungen zeitgleich mit den nun tatsächlichen Weltpremieren der Filme zu schalten, interessiert bei der dargetanen Qualität dann auch nicht mehr sonderlich.

Auch dieses Jahr oszillierte die Berichterstattung über Cannes zwischen anspruchsvoll gemeinten intellektuellen Lobeshymnen unter manch einem Kritiker und Sensationsmeldungen der Trivialpresse wie in etwa „Barfuß über den roten Teppich“. So weit, so bekannt. Doch bildeten die Croisette und namentlich auch der rote Teppich zumindest auch einen Treffpunkt zum Aufmerksammachen und Verhandeln veritablerer gesellschaftspolitischer Themen wie der Metoo-Debatte und der Verteidigung des Kinos als Gemeinschaftserlebnis vor Netflix. Auch dies geschah aber relativ glanzlos und in einer Art des Herunterarbeitens einer vorgefertigten Agenda. So durfte kurz auf die Lage der Frauen in der Filmbranche und die Rechte der Schwarzen aufmerksam gemacht werden. Am anderen Tag waren auf dem Teppich dann aber endlich wieder die Stormtroopers aus STAR WARS zu sehen und beendete wurde das ganze Spektakel mit einem Auftritt der Sänger Sting und Shaggy und der Liedzeile „I send an SOS to the world“… In einer derart sinnlosen und unreflektierten Aneinanderreihung von Events findet nichts anderes als ein Ausverkauf des roten Teppichs und auch des Festivals insgesamt statt.



Die Filme

Nur wenige bis sehr wenige Filme und jedenfalls noch weniger als im Vorjahr konnten überzeugen, ja überhaupt ernst genommen werden. Beispiele hierfür sind Pawel Pawlikowskis COLD WAR, Matteo Garrones DOGMAN und Gaspar Noés CLIMAX. Tiefpunkte der absoluten Geschmacklosigkeit erreichten Lars von Triers THE HOUSE THAT JACK BUILT und Yann Gonzalez’ UN COUTEAU DANS LE COEUR, Filme, bei denen man sich schon fragt, wo man sich gerade als Zuschauer befindet – sicher aber nicht auf dem größten und bedeutendsten Filmfest der Welt. Mögen selbst zu solchen Werken noch positive Stimmen zu hören sein, so liegt dies sicherlich an einem (Kritiker-)Publikum, das nicht mehr dem sensiblen und vigilanten Auditorium des Filmfests Cannes entspricht, wie es sich noch vor ein paar Jahren gerierte. Heute scheint es ganz so zu sein, dass zu jeglichem Dreck nur noch – entweder aus Mitleid, Anstandsgefühl oder geradezu propagandistischer Gleichgeschaltetheit – geklatscht wird.

In toto enttäuschten jedenfalls alle vier Selektionen des Offiziellen Wettbewerbs, des Un Certain Regard, der Quinzaine des Réalisateurs und der Sémaine de la Critique. Dies scheint wohl der Preis für die Quantität, aber letztlich auch die zweischneidige Diversität des Festivals zu sein. Wer auf ein abwechslungsreiches Programm verschiedener Regiestile, Kulturen, Nationen, Geschichten und politischer und künstlerischer Interessen pocht, zahlt am Ende wohl den Preis der hohen quantitativen Wertlosigkeit und Miserabilität als Schattenseite davon. Bezeichnend ist nur, dass derartige Ausrutscher in so frequentiertem Maße und auch bereits über viele Jahre hinweg zu beobachten und zu erleiden sind.

Der Offizielle Wettbewerb repräsentierte 2018 ganz klar sichtbar ein Kino der guten Absichten, der hohen Ambitionen und der kritischen Grundhaltung gegenüber politischen Missständen in der Welt. Doch hielten in so gut wie keinem einzigen Werk der Einsatz der den Regisseuren zur Verfügung stehenden künstlerischen Ausdrucksmittel, deren Talent, suggestive Kraft oder Innovationsbereitschaft diesen Zielen stand. Ganz deutlich zeigte sich dies bei Eva Husson und Spike Lee, doch auch in unzähligen anderen Beiträgen, wie zum Beispiel denen A.B. Shawkys, Nadine Labakis oder Stéphane Brizés.



Die Preisträger

Kore-eda Hirokazus sentimental-rührendes Drama um eine Ganovenfamilie, die ein kleines Mädchen in seine Kreise aufnimmt und sich fortan um dieses kümmert, mit der Goldenen Palme zu würdigen, spiegelt sicherlich folgerichtig das Übermaß der etwas niveauloseren künstlerischen Geschmäcker der Jurymitglieder anno 2018 wider. Sicher ist jedenfalls davon auszugehen, dass das Votum eines Meisterregisseurs wie dem diesjährigen Jurymitglied Andrey Zvyagintsev anders ausfiel. Was sollte andererseits faute de mieux anderes und besseres ausgezeichnet werden?

Das oben beschriebene Kino der guten Absichten, doch kläglichen künstlerischen Umsetzung wird von keiner anderen Preisvergabe besser reflektiert als der des Großen Preises der Jury an Spike Lee für dessen Werk BLACKKKLANSMAN. Wie in der Kurzkritik zum Film bereits verhandelt, ist Lee zwar nicht wegen seiner ehrenwerte Intentionen und Motive zu tadeln, doch kann man dieses Werk künstlerisch doch wohl wirklich nicht ernstnehmen. Wer zudem wichtige und virulente soziopolitische Themen filmisch dermaßen primitiv verarbeitet, dessen gar kritische Haltung selbst kann entweder nur noch auf ein mitleidvolles Belächeln oder aber auf Wut um so viel Stumpfsinn stoßen.

Verdientermaßen erhielt zumindest der Pole Pawel Pawlikowski den Regiepreis für seine überwältigende inszenatorische Leistung in COLD WAR, einem etwas über achtzigminütigen Schwarzweißdrama über ein Paar in den 1940er- bis 1960er-Jahren in der ehemaligen UdSSR. Der Film war eines der ganz großen künstlerischen Ereignisse der diesjährigen Ausgabe, taugte aber aufgrund seines eigenwillig-individuellen Erzählstils und -rhythmus richtigerweise nicht zum Palmengewinner.

Die Tatsache, dass von Jahrgang zu Jahrgang immer wieder neue Preise und Palmen erfunden und neu aus dem Boden gestampft werden, trägt eher zur Entwertung der Preiswürdigung des Festivals bei. So ging anno 2018 eine Sonderpalme an Jean-Luc Godard und seinen Film LE LIVRE D’IMAGE, der exemplarisch für den unermüdlichen Neuerfindungsdrang der Regielegende sei und dem die Kinogeschichte so viel verdanke.

Letztlich ist der Jury in ihren Entscheidungen angesichts der Qualität der Beiträge im Offiziellen Wettbewerb kein allzu großer Vorwurf zu machen und die Prämierung im hohen Maße als arbiträr zu qualifizieren, wobei dennoch die Auszeichnung Spike Lees mit dem zweithöchsten Preis für einen solch kauzigen und im Grunde lächerlichen Film doch sehr übertrieben bleibt.

Fazit: Echte Neuerungen sind unabdingbar

Die Quintessenz der diesjährigen Ausgabe lautet konzis: Das Ende des Filmfestivals Cannes in puncto Bedeutung und Extravaganz ist absehbar, wenn nicht dringende organisatorische und personale Neuerungen vorgenommen werden. Der qualitative Niedergang des Festivals ist jedoch schon seit vielen Jahren ein schwelender und andauernder. Dies liegt eindeutig an der Quantität der eingeladenen Filme. Man muss darüber nachdenken, ob die Reihen Un Certain Regard und Séances spéciales in dieser Menge wirklich nötig sind. Eine Verschlankung und Komprimierung täten gut. Regisseure wie Wim Wenders, Margarethe von Trotta oder auch Apichatpong Weerasethakul aus Gründen der Treue einzuladen, weil diese eine lange Cannes-Historie aufzuweisen haben, mutet als privater Freundschaftsdienst seitens des Festivalleiters Thierry Frémaux an. Deren diesjährige Beiträge hatten jedenfalls nichts vor Ort verloren. Es ist nicht hinnehmbar, stundenlang auf Filme zu warten, von denen im Vorfeld beinahe nichts bekannt ist, um sie dann notgedrungen mit Dutzenden anderer frustrierter Zuschauer frühzeitig wieder zu verlassen.

Das Zusammenlegen oder Streichen der einen oder anderen Sektion also, die strengere Akzentuierung der künstlerischen Qualität eines Films, die ausschließlich ausschlaggebend sein darf für seine Wahl oder Nichtwahl und nicht zuletzt die personale Erfrischung, womöglich gar unter einer neuen Festivalleitung, können allein etwas an der flächendeckenden Miserabilität der diesjährigen Ausgabe ändern.

by Uwe Humbs
Photos © Festival de Cannes + FDC