CANNES 2017: Kurzkritik zu Michael Haneke: HAPPY END (2017)

Im Alter von 75 Jahren hat Michael Haneke mit HAPPY END (2017) nun sein erstes und vermutlich gleichzeitig letztes akzentuiert komödiantisches Werk vorgelegt. Berechtigterweise nur sehr lauwarm in Cannes aufgenommen, ist HAPPY END ein Film von Haneke für Haneke und bestenfalls noch seine Fangemeinde und braucht sich somit keine Hoffnung auf die Preisverleihung kommenden Sonntagabend zu machen. Dabei ist sicher davon auszugehen, dass der Regisseur mit diesem überaus selbstreferenziellen Werk erst gar keine großen künstlerischen Ambitionen hat, sondern vielmehr seinen ruhigen und selbstironischen Abschied vom Kino zelebrieren möchte. Es ist ein Film in eigener Angelegenheit.

HAPPY END handelt von den einzelnen Mitgliedern der Familie Laurent, die in einer Villa in der nordfranzösischen Stadt Calais leben und sich wie immer beim österreichischen Regisseur gegen- und wechselseitig seelische Schmerzen zufügen. Jede der Figuren, so zum Beispiel der alternde und sterbesüchtige Patriarch Georges (Jean-Louis Trintignant) oder der Chefchirurg und Ehebrecher Thomas (Mathieu Kassovitz), tragen dabei ihre spezifischen sozial devianten und abartigen Gelüste aus. Sie bleiben trotz des einzigartigen Schauspiels Schablonen und Vehikelvieh für die ebenso abartigen Klischees des Regisseurs, der an dramaturgischer Entwicklung oder Tiefe gar nicht erst interessiert ist.

Ein weiteres Mal stellt Haneke somit Form über Inhalt. Das alte Klischeekonglomerat rund um die bourgeoise Großfamilie, das so viele abgedroschene Phänomene wie häusliche Gewalt, Ehebruch, Depression, sexuelle Perversionen, Mordgelüste und anderes biologisch und kulturell Niederträchtiges mehr bereithält, bietet weder an Substanz noch an inszenatorischer Umsetzung Neues und wurde von Kollegen wie Luis Buñuel, Marco Ferreri oder Pier Paolo Pasolini bereits innovativer abgehandelt und ausgeschöpft. Ohne inhaltliche Innovation ist HAPPY END damit nichts weiter als oberflächliches Belehrungskino.

Formaler Aufbau und Ziel des Films sind dabei nicht Narration und dramatische Klimax, sondern vermeintliche Figurencharakterisierungen und ein pseudokritisches gesellschaftliches Gesamtporträt. Eigentlicher Fokus ist jedoch, sich selbst – wenn auch im nota bene Versuch der Selbstironie – zu zelebrieren. Die Autoreferenzen sind unzählig und reichen von BENNY’S VIDEO (1992) und FUNNY GAMES (1997) über CACHÉ (2005) und DAS WEISSE BAND (2009) bis ganz explizit hin zu LIEBE (2012). Das mag ganz interessant und lustig für die Kenner des Werkes des Regisseurs sein, sonst aber auch nichts.

Hanekes Kino ist und bleibt Geschmacksache: Es handelt sich um im doppelten Sinne grausames Intellektuellenkino der Indexikalität, Symbolik und insbesondere: Interpretation. Der Regisseur will dezidiert – und damit eine Grundtendenz des deutschen Gegenwartskinos bedienend – interpretiert werden. Technische Fehlerlosigkeit wiegt bei ihm mehr als inhaltliche Botschaften und emotionale Begegnung. Genau dies macht seine Filme für viele so langweilig und aufgesetzt. Nichts anderes gilt ein weiteres Mal für HAPPY END.

Als der Film am Ende dann doch noch mit gewaltigem Schwung zu einer politischen Stellungnahme und Kritik auszuholen und aufzutrumpfen scheint, bricht Haneke auch diese Szene mit einem ironischen Gewalttwist auf. Was bleibt, ist das hoch anspruchsvolle Schauspiel des gesamten Casts, das wohl ohne Weiteres als die absolute aktuelle Weltklasse bezeichnet werden darf. Dies, die typische detailgenaue Regie und der durchaus visuelle Glanz des Films sind aber nicht genug, um HAPPY END fruchtbares Kritikerlob aussprechen zu können.

by Uwe Humbs
Photos © Festival de Cannes