„DIE HÜTTE“ INTERVIEW: RADHA MITCHELL meditiert beim Putzen


Ein Familienvater auf einem Weg persönlicher Transformation, als er durch den Mord an seiner Tochter jeglichen Sinn verliert. Genau darum geht es in der Bestsellerverfilmung „Die Hütte – ein Wochenende mit Gott“. Anlässlich des deutschen Kinostarts am 06.04.2017 durften wir uns mit Schauspielerin Radha Mitchell über Glaube, Vergebung, Transformation und Verlust unterhalten.

Die Hütte - Ein Wochenende mit Gott Filmplakat 1989 ergatterte die heute 43-Jährige ihre erste Hauptrolle in der australischen Kinderserie WIE HUND UND KATZE. Um die Jahrtausendwende verschlug es sie nach Hollywood, wo sie sich durch Projekte wie PITCH BLACK, SILENT HILL, Woody Allens MELINDA & MELINDA oder SURROGATES – MEIN ZWEITES ICH an der Seite von Bruce Willis einen Namen machte. Obwohl sie aus Hollywood mittlerweile kaum wegzudenken ist, ist sie keine typische Hollywoodschauspielerin. Über Hollywood-Druck schüttelt sie den Kopf, ihre Rollen sucht sie nicht nach Budget aus und auf roten Teppichen erscheint sie anders als ihre Kolleginnen erfrischend minimalistisch. Einer der privatesten Menschen, die es in Hollywood gibt: So beschreiben Journalistenkollegen die Australierin mit dem gewinnenden Lächeln. Man erzählt sich sogar, sie würde in Interviews hohe Mauern um die eigene Person errichten und bis auf Karriereinformationen nichts, aber auch gar nichts mit der Außenwelt teilen.

Radhas zwischenmenschliche Beziehungen bleiben ein wohlbehütetes Geheimnis. Dasselbe gilt für ihre Kindheit, ihren Glauben, ihre Hobbys, ihre Überzeugungen und alles andere, das sie entmystifizieren könnte. Einige Kollegen munkeln, sie antworte auf alle Fragen nur das Nötigste: verhalte sich freundlich, aber bleibe stets unnahbar. Vor unserem Interview mit der vielseitigen Australierin erwarten wir deshalb eine kühle und kurz angebundene Unterhaltung mit einem Profi, der seit mehr als zwei Dekaden von Small Budget Indie-Streifen bis zum High Budget Hollywoodfilmen an schlicht allen Arten der Filmproduktion beteiligt ist. Was uns tatsächlich erwartet, ist eine überraschend lange Konversation mit einer spürbar ausgeglichenen Person, die ihre Gedanken zu zähmen weiß, vor Weltoffenheit strahlt und so befreiend lacht, als lebe sie in einer besseren Welt. Vielleicht tut Radha Mitchell das auch: Wie sie uns berichtet, glaubt sie zumindest fest an die Erlernbarkeit von Vergebung, meditiert die kleinsten Alltagsaktivitäten und sucht sich ihre Filmrollen mittlerweile nach Bedeutungshaftigkeit aus.

Wieso hattest du Interesse an einer Rolle in „Die Hütte – ein Wochenende mit Gott“?
Ich wollte mir von der Story mehr oder weniger das Christentum erklären lassen (lacht). Ich bin nicht christlich erzogen worden und bin in der Schule zwar mit christlichen Ritualen und im Privaten mit christlichen Idealen in Kontakt geraten, aber habe nie einen wirklich persönlichen Bezug zum Christentum aufgebaut. Im Film wird auf wunderbare Art und Weise betont, dass der „christliche“ Akt der Vergebung ein unverzichtbarer Bestandteil der individuellen Entwicklung ist. Die Geschichte eröffnet die Möglichkeit, christliche Rituale in einem realeren, persönlichen und zutiefst menschlichen Kontext wahrzunehmen.

Einige Leitpersonen des Christentums bezeichnen „Die Hütte – ein Wochenende mit Gott“ als Beleidigung für den christlichen Glauben. Was könnte sie dazu bewegt haben?
Konservative Denkweisen. Ehrlicherweise bin ich keine Expertin, wenn es um den christlichen Glauben geht. Ich könnte mir aber vorstellen, dass den Kritikern das Buch und der Film einfach ein bisschen zu fortschrittlich sind. Für mich persönlich ist das aber das Großartige an dem Film. Das Christentum wird in der Geschichte in einem modernen Kontext konzeptualisiert. Gott erscheint als eine persönliche und individuelle Idee. Das macht Sinn, wenn man die unbegrenzten Kräfte der Gottesidee bedenkt. Der Film und das Buch sind darum bemüht, einen persönlichen Ankerpunkt innerhalb der göttlichen Unbegrenztheit aufzuzeigen. Schicksalsschlag: Mack (Sam Worthington) und Nan Philips (Radha Mitchell) müssen zusammenhalten

Gibt es überhaupt einen Glauben ohne persönlichen Ankerpunkt?
Für den einzelnen Menschen ist Gott idealerweise keine namenlose und undefinierte Menge, sondern eine persönliche Idee. Jeder nimmt zum Glauben auf persönliche Art und Weise Kontakt auf und macht aus der allgemeingültigen Gottesidee die Gottesgestalt, die er zu einem bestimmten Zeitpunkt im Kontext seines Lebens am ehesten braucht. Solche Zuordnungsversuche finden in jeder Religion statt. Unabhängig vom Individuum kann es keinen Gott geben. Auch im Hinduismus ist Gott letztlich erst der persönliche Bezug, den der Einzelne zu den Göttern hat.

Du hast viel Zeit in Indien verbracht. Wie würde sich der Film verändern, ginge es statt um den christlichen Glauben um den Hinduismus oder Buddhismus?
Ich glaube, dass die Geschichte des Films relativ kulturabhängig und universalgültig ist. Würde man die Story in Indien spielen lassen und statt dem Christentum den Hinduismus oder Buddhismus darstellen wollen, würde sich an den Grundelementen der Geschichte vermutlich gar nicht allzu viel verändern. Vor einem hinduistischen Hintergrund würde Gott genauso auftreten, wie es der Hilfesuchende gerade braucht und im Buddhismus: na gut, im Buddhismus gibt es statt einem Gottesbild nur Metaphern als Sinnbilder von einzelnen Bewusstseinszuständen. Deshalb würde Gott vor buddhistischem Hintergrund vielleicht nicht erscheinen, aber Vergebung und die persönliche Suche nach Entwicklung wären noch immer zentral.

Wieso ĂĽberhaupt der christliche Glaubenskontext, wenn die Botschaft universal ist?
In den USA macht der christliche Hintergrund am meisten Sinn, weil ein Großteil der Bevölkerung mit dem christlichen Glauben aufwächst. Trotzdem ist die Botschaft des Films nicht ausschließlich christlich interpretierbar: Es ist eher eine Universalweisheit, zu der jede Kultur und jeder Mensch einen persönlichen Bezug hat. Genau das macht die Wirkung des Films derart stark und unmittelbar. Auch wenn du nicht mit dem Christentum vertraut bist, macht die Botschaft für dich Sinn, berührt dich und verändert vielleicht sogar die Art und Weise, wie du das Leben siehst.

Wir sehen uns mittlerweile mit vielen Konflikten auf der Glaubensbasis konfrontiert. Denkst du, dass die Filmbotschaft der Vergebung heutzutage gerade deshalb noch wichtiger ist?
Ja, durchaus. Ich glaube, es geht grundsätzlich bei den meisten Konflikten um Vergeltung. Wir werden dazu erzogen, stolz auf Akte der Rache zu sein. Menschen sind permanent darum bemüht, ihr eigenes Ego mit diesem Stolz zu füttern und sich mächtig zu fühlen. Dieser Zusammenhang liegt den meisten Konflikten zugrunde. Was bleibt, ist ein bitterer Beigeschmack von Reue. Der Film macht über die Vergebungsbotschaft klar, dass es gerade bei Religion nicht um das eigene Ego gehen sollte. Der Akt der Vergebung hinterlässt keinen bitteren Nachgeschmack: Beim Vergeben stellt man die eigene Person zurück, um sich mit etwas Höherem zu verbinden und auf die Welt zu vertrauen. Dieser Akt ist wirklich schwierig, aber er lohnt sich für alle Beteiligten und das erklärt der Film auf hervorragende Art und Weise. Auch der persönliche Pfad zur Vergebung wird im Film am Beispiel des Familienvaters sehr beeindruckend dargestellt.

Familienausflug: Mack (Sam Worthington), seine Frau Nan (Radha Mitchell) und Tochter Missy (Amélie Eve) Kann jeder Vergebung erlernen?
Ja, ich glaube, dass Vergebung und Loslassen unter gewissen Umständen erlernbar sind. Der Schlüssel dazu ist wahrscheinlich ein demonstrativer Akt, wie er im Film vorkommt. Sobald dir jemand ehrliche Vergebung vormacht, fühlst du sie tief in dir und spürst, dass das Vergeben das Richtige ist. Schon im Kindergarten wird die Vergebung als Ideal nahegelegt. Trotzdem bringt man dir auch ein Leben lang bei, Ungerechtigkeiten gegenüber der eigenen Person anzuklagen und dir verdiente Vergeltung zu holen, wenn dich jemand schlecht behandelt. Der Wunsch nach Vergeltung ist tief in uns verankert: Vielleicht ist er sogar ein Relikt des Überlebensinstinkts. Obwohl jeder diese Seite von sich kennt, würde ich sie nicht als unsere menschliche Seite bezeichnen. Sobald jemand aus vollem Herzen Menschlichkeit demonstriert, inspiriert uns das oft selbst zu menschlicherem Verhalten.

Gibt es Dinge, die man nicht vergeben kann?
Das Szenario des Films bewegt sich nahe an Dingen, die eigentlich kaum zu vergeben sind. Ich glaube, jeder hat in dieser Hinsicht seine persönlichen Grenzen. Bei der Vergebung geht es nicht unbedingt darum, die schrecklichsten Dinge einfach so hinzunehmen. Sobald etwas aber tiefe Wunden in der eigenen Seele hinterlässt, hast du selbst die meisten Probleme. Erlösung kommt nur, wenn man über die eigene Wunde hinwegkommt und dieses Hinwegkommen funktioniert nur über den Umweg der Vergebung. So wie Jesus das Kreuz getragen und durch die Vergebung Erlösung erfahren hat, so können auch wir uns durch den Akt der Vergebung erlösen. Der Weg dorthin birgt immer Schwierigkeiten, Herausforderungen und Stolpersteine. Trotzdem ist Vergebung immer der richtige Weg, um über etwas hinwegzukommen und Transformation mit dem Ziel der Entwicklung zu erleben.

Wie man liest, praktizierst du regelmäßig Yoga. Hilft diese Praktik, das Loslassen zu lernen?
Ja, ich glaube schon. Yoga befördert einen in den eigenen Körper hinein. Du musst dich beim Praktizieren auf deinen Atem und deine Haltung konzentrieren. Das ebnet dir den Weg in den gegenwärtigen Moment hinein. Wer sich im gegenwärtigen Augenblick bewegt, denkt nicht an Vergangenes oder Zukünftiges. Wo kein Gedanke an Vergangenheit oder Zukunft verschwendet wird, kann es wiederum weder Reue noch Ängste geben. Die Lossagung von der Vergangenheit und Zukunft führt auf natürliche Art und Weise zum Loslassen und man tut sich mit dem Vergeben leichter. Man ist, wo man gerade ist und beschäftigt sich mit nichts als dem Augenblick.

Gilt das auch fĂĽr Meditation, wie du sie angeblich praktizierst?
Für Meditation gilt das auch, aber in etwas anderer Weise. Man kann jede einzelne Aktivität des eigenen Alltags „meditieren“ – ob Putzen ist oder Einkaufszettelschreiben. Im Grunde ist Meditation nicht viel mehr als die volle Konzentration auf die Dinge, die man gerade tut. Es geht darum, die eigene Gedankenwelt zu beachten und sich von bestimmten Gedanken bewusst loszusagen. Das gilt vor allem für solche Gedanken, die deiner Person nicht entsprechen. Meditation kann dir also durchaus beibringen, loszulassen, aber noch mehr verhilft das Meditieren dir zu mehr Kontrolle über den eigenen Gemütszustand.

Verlust ist ein Hauptthema des Films. Hast du Tipps, wie man mit Verlusten am besten umgeht?
Um über einen Verlust hinwegzukommen, muss man das Verlorene loslassen. Es hilft wahrscheinlich, neue Dinge zu entdecken und sich auf diese neuen Dinge voll zu fokussieren. Was auch immer du verlierst – ob eine geliebte Person, einen Job oder etwas Anderes, mit dem du dich hochgradig identifizierst – suchst du idealerweise nach etwas, mit dem du den leeren Platz in deinem Leben füllen kannst. Abgesehen davon ist Akzeptanz der Schlüssel, um über Verlust hinwegzukommen. Sobald wir Dinge akzeptieren, wie sie sind, beschäftigen wir uns nicht mehr damit, sie ändern zu wollen und das ist der erste Schritt, um das Verlorene mit reinem Gewissen loszulassen.

Mack (Sam Worthington) und seine Frau Nan (Radha Mitchell) halten zusammen Du warst in der Vergangenheit an mehreren Filmen mit spirituellem Hintergrund beteiligt: Einer davon war „Looking for Grace“. Inwiefern unterscheidet sich dieses Projekt von „Die Hütte – ein Wochenende mit Gott“?
„Looking for Grace“ ist zwar ein spiritueller Film, aber das auf eine extrem alltägliche Art und Weise. Das Spirituelle schwingt die ganze Zeit in der Geschichte mit, aber bewusst wahrnehmen kann man es wegen der Alltagsverbundenheit kaum. Grace ist ein Teenager, der eines Tages wegläuft und von den Eltern mithilfe eines Privatdetektivs gesucht wird. Der Film erzählt die Geschichte aus unterschiedlichen Perspektiven. Die einzelnen Blickwinkel bauen die Story im Zusammenspiel bis hin zum Höhepunkt auf. Im Klimax wird einer der Hauptcharaktere von einem Track überfahren. Der Film hat also viel schwarzen Humor, aber auch eine ernste Seite. Nichts als selbstverständlich betrachten, weil alles jederzeit enden kann – das ist eine Hauptbotschaft der Geschichte. Außerdem zeigt der Film, dass unsere Handlungen sich gegenseitig in kaum vorstellbarem Maß beeinflussen, ohne dass wir es selbst bewusst bemerken. Jeder Charakter des Films hat sein eigenes Erleben, aber die Einzelerlebnisse bilden zusammen ein Netzwerk, das das Unfallereignis des Höhepunkts aufbaut.

„Looking for Grace“ ist also in etwas anderer Weise spirituell als „Die Hütte“. Gilt das auch für „The Waiting City“?
„Looking for Grace“ konzentriert sich auf die Wichtigkeit von Kommunikation mit den eigenen Liebsten und macht diese Botschaft auf hypnotische Art und Weise klar, ohne sie zu predigen oder die eigene Spiritualität direkt auszusprechen. Auch in „Waiting City“ schwingen die spirituellen Elemente mehr oder weniger unausgesprochen in der Grundhandlung mit. Allerdings hat „Waiting City“ deutliche Korrelationen zu „Die Hütte“. In beiden Filmen geht es vor allem um Verluste und Akzeptanz. Ein Paar reist in „Waiting City“ nach Indien, um ein Kind zu adoptieren. Am Ende müssen sie sich von der Idee verabschieden und damit umzugehen lernen. Wir haben den Film in Indien gedreht Die Dreharbeiten an atemberaubenden Schauplätzen Kalkuttas waren eine wirklich interessante Erfahrung für mich. Im Grunde hat der Film wie “Die Hütte“ außerdem christliche Elemente: zum Beispiel echte Nonnen, die sich in Mutter Theresas Kalkutta aufhielten (lacht).

Seit „Four Reasons“ hast du nicht nur als Schauspielerin, sondern auch als Regisseurin und Drehbuchautorin Erfahrung. Geht deine Zukunft in diese Richtung?
Ja, das stimmt. Ich habe diese Dinge nicht forciert weiterverfolgt, aber ich habe noch immer viele Ideen für Geschichten, die ich gerne irgendwann erzählen würde. Ich bin jetzt an einem Punkt meiner Karriere angelangt, von dem ab ich in meinem professionellen Leben vorrangig an Dingen beteiligt sein möchte, die mir persönlich etwas bedeuten. „Die Hütte – ein Wochenende mit Gott“ hat zu diesem Anspruch sehr gut gepasst. Transformationen sind für mich persönlich ein extrem wichtiges Thema. Ich sage nicht, dass ich in Zukunft unbedingt an konservativen Projekten beteiligt sein will, aber ich will an Dingen arbeiten, die eine Wirkung haben und die Grenzen des einfachen Entertainments durchbrechen. Was könnte wohl befriedigender sein, als Botschaften der Heilung zu vermitteln?

by Sima Moussavian / Photos Copyright: Concorde Filmverleih GmbH