CANNES 2018: Kurzkritik zu Eva Husson: Les filles du soleil (2018)

Mit dem äußersten Pomp auf dem roten Teppich startete am Samstagabend das wohl meist erwartete Werk des diesjährigen Festivals, Les Filles du Soleil der französischen Regisseurin Eva Husson. Der Film erzählt von den Lebensschicksalen Bahars (Golshifteh Farahani), der Anführerin eines kurdischen Befreiungsbataillons, das ausschließlich aus Frauen besteht, den Frauen der Sonne, und der sie begleitenden Kriegsreporterin Mathildes (Emmanuelle Bercot), die ihren Mann während einer Reportage im Kriegsgebiet verloren hat. Mögen die filmischen Mittel Hussons streckenweise primitiv und einfallslos anmuten, bleibt Les Filles du Soleil der bisher stärkste und wichtigste Beitrag im Wettbewerb.


Szene aus Les filles du soleil

Das Werk erzählt schonungslos wie die Ehefrau und Mutter eines Kindes, Bahar, Anwältin von Beruf, und ihre Familie eines Nachts in ihrem Heimatdorf einem Überfall von Extremisten zum Opfer fallen. Während die Männer sofort hingerichtet werden, steht für sie, die anderen Frauen und deren Kinder der Weg in die sexuelle Versklavung an. Nachdem sich Bahar mit großen Mühen befreien kann, gründet sie die Widerstandsgruppe Frauen der Sonne, deren Ziel es ist, das Heimatdorf von den Extremisten zu befreien und Bahars Kind zu befreien. Dem bürgerlichen Leben gewaltvoll entrissen, gefoltert, vergewaltigt, geschändet, gedemütigt und von der Weltpolitik währenddessen und im Folgenden im Stich gelassen, bleibt den kurdischen Frauen somit nichts anderes übrig, als ebenso wie ihre Gegner mit Gewalt und getrieben von Hass und Vergeltungssucht sich zur Wehr zu setzen und eben dadurch den kriegerischen Konflikt vor Ort aufrechtzuerhalten. Les Filles du Soleil zeigt damit eindrucksvoll, wie Gewalt und Fundamentalismus zirkulär noch mehr Gewalt und kriegerische Auseinandersetzung erzeugen.

Neben diesen virulenten und hohen Ambitionen grenzt der Film stilistisch leider beinahe an einen Reinfall. Husson möchte sich partout nicht positionieren, ob sie nun mehr in Richtung Hollywoodfilm in der Nachfolge Oliver Stones Platoon (1986) oder anspruchsvolles Arthauskino im Schatten Xavier Beauvois' Des Hommes et des Dieux (2010), an dessen Ästhetik der Film stark erinnert, schreiten will. Die zahllosen Feuergefechte und der unverblümt belehrende Humanismus, für den Husson wenn auch ehrenhafterweise einstehen will, sind dabei symptomatisch für die erste, die hochwertigen und kraftvollen Bilder und die Drastik, mit der sie eingefangen werden, für letzte Richtung.

Für diesen künstlerischen Spagat zahlt die Regisseurin denn leider auch einen hohen Preis. Insbesondere das Ende des Films offenbart endgültig und in ungeheurem Maße dessen Grundpathetik, mit welcher Husson nicht ironisch spielt – hierfür wäre das Thema des Films auch zu ernst –, sondern die sie ernstmeint. In der allerletzten Szene erfolgt sodann obzwar kinematografisch herausragend inszeniert die letzte große Belehrung der Regisseurin über menschliches Mitgefühl und die condition humaine im Allgemeinen. Es spricht hier nicht die Figur Mathilde, sondern ein vorgefertigtes Programm Hussons. In dieser immerwährenden evidenten Aufgesetztheit liegt die große Schwäche des Films.


Szene aus Les filles du soleil

Denn es bleibt letztlich dabei, dass vollendete Kunst sich dadurch auszeichnet, ihre Intentionen nicht offen dem Zuschauer vor Augen zu halten und ihn gewissermaßen damit gar zu indoktrinieren. Die sentimentale Widmung am Ende des Abspanns, die Husson allen Frauen angedeihen lässt, die dem Angedenken der Geschichte entschwunden sind einerseits und denjenigen, die die Zukunft noch formen werden, steht hierfür traurigerweise ebenso symbolisch wie stellvertretend.

So strahlt der Film zwar in vielen Einzelszenen und -bildern eine überwältigende und ergreifende Strahlkraft aus, die mitfühlen lässt, aufwühlt und verstört. Doch bleiben Bahar und Mathilde stark eindimensional. Traditionelle Versatzstücke des Kriegsfilmgenres wie zum Beispiel Rückblenden aus dem noch geordneten bürgerlichen Leben der Protagonistinnen oder Szenen, in welchen sich diese voll Heimweh und Sehnsucht an die Zeit vor dem Krieg erinnern, wirken schlichtweg ideenlos. Es mangelt damit abseits der großen Bilder und Sujets ein weitereres Mal – wie so häufig im Kino der Gegenwart – an einer ausgefeilteren Dramaturgie und Charakterentwicklung. So vermag der Film denn auch nur szenisch, doch nicht durch die Figuren oder gar die Geschichte zu überzeugen.

Trotz dieser zahlreichen filmischen Schwächen wird Les Filles du Soleil wohl der wichtigste und gewaltigste Film der diesjährigen Ausgabe des Festivals bleiben. Es handelt sich letztlich um ein obzwar künstlerisch ambivalentes Werk von zu hohen Ansprüchen, das die ihm nun zuteilwerdende Weltaufmerksamkeit verdient hat und einen kritischen Epitaphen für das politische Kollektivversagen in einer Welt der Unzuverlässigkeit, Hoffnungslosigkeit und Stagnation setzt.

by Uwe Humbs
Photos © Festival de Cannes + FDC