CANNES 2018: Kurzkritik zu Matteo Garrone: Dogman (2018)

Cannes-Liebling Matteo Garrone kehrt nach seinen beiden eher gewöhnungsbedürftigen Werken REALITY (2012) und TALE OF TALES (2015) mit DOGMAN wie erwartet zu seinem harten sozialrealistischen Stil von GOMORRAH (2008) zurück, einem Meisterwerk, dessen Größe er mit dem vorliegenden Film zwar nicht ganz erreicht, doch dessen Motive und Stilmitteleinsatz er in gewohnt gekonnter Weise neu variiert und akzentuiert. Anders als so unendlich viele andere Beiträge in Cannes dieses Jahr ist der Regisseur dabei an seinem Protagonisten, dessen sozialer Einbettung in ein größeres Gemeinwesen, seine Schwächen, Stärken, Ängste und Abhängigkeiten wahrhaftig interessiert. Durch den überwältigenden Einsatz filmischer Mittel gelingt das authentische Ausschälen dieser Attribute – erzählt durch kraftvolle Bilder, ein glaubhaftes Laienspiel und ein meisterhaftes Übergewicht an der Inszenierung des Regisseurs.


Szene aus Dogman

Marcello, ein ruhiger, naiver und etwas debiler kleinwüchsiger Mann, geht in einem devastierten Vorort in Italien dem außergewöhnlichen Beruf des Hundefriseurs nach. Ihn zeichnen eine große Zärtlichkeit und Wärme gegenüber seinen Tieren aus, die er unter anderem vor dem Erfrierungstod im Kühlschrank rettet und mit denen er abends vor dem Fernseher Pasta isst. Marcello verdient als Drogendealer und Mittäter an Wohnungseinbrüchen zusätzliches Kleingeld, das er für Tauchausflüge mit seiner Tochter ausgibt. Das Sozialgefüge der Kleinstadt gerät aus den Fugen, als Simone (eine Anspielung an Luchino Viscontis ROCCO UND SEINE BRÜDER [1960]), ein gewalttätiger und kokainabhängiger Ex-Boxer, aus dem Gefängnis entlassen wird und es fortan mit einer andauernden Gewaltherrschaft überzieht. Bald sieht sich auch der in all seinen Mitteln so beschränkte Marcello vor die Notwendigkeit gestellt, Simone zu bändigen.

Garrone gelingt eine meisterhafte Inszenierung des Charakters Marcello und dessen Oszellierung zwischen Sanftmut und Naivität einerseits und Verschlagenheit und Gewaltbereitschaft andererseits. Als der Hundefriseur, der sich durch so viel Zuneigung und Herzenswärme gegenüber Tieren auszeichnet, durch die Bestie Simone seine soziale Anerkennung in der Ortschaft verliert und seine wirtschaftliche Existenz bedroht sieht, schreckt er nicht davor zurück, die Bestie zuerst mit Trick, später mit der äußersten Brutalität in ihre Schranken zu weisen. Eingebettet wird diese Charakterentwicklung glaubhaft und nachvollziehbar in gewaltige und intensive Milieubilder der namenslos bleibenden Lokalität, die aber wohl ein Vorort Roms sein soll. Schon in den ersten paar Minuten des gut hundertminütigen Werks verfällt man einer visuellen Sogkraft und atmosphärischen Dichte, die ihresgleichen suchen.


Szene aus Dogman

Dabei überzeugt DOGMAN auch dramaturgisch auf ganzer Linie. Das Motiv der Animalität, das den Film durch seinen Titel, den Beruf Marcellos und die ständige Anwesenheit der Hunde durchzieht und mit dem bestialischen Charakter Simones verknüpft wird, ist subtil und nie aufdringlich. Garrone hat wirklich eine Geschichte mit Aussagekraft und universaler Thematik zu erzählen und läuft damit auch nicht Gefahr, mit billiger Metaphorik oder gar Symbolik zu operieren. Angereichert wird dies mit angetippter Komik und ein wenig Witz Marcellos, nur um dann wieder blitzartig und exponiert, doch dramaturgisch notwendig den brutalen Gewaltausbrüchen Simones Raum zu geben. Ein Wechselspiel, das stilistisch und erzählökonomisch einwandfrei gelingt und Garrone in die Reihe der großen Meister unter den Filmregisseuren der Gegenwart stellt.

Der Film erzählt letztlich in seinem globalsten Kontext von der Zugehörigkeit eines schwachen und naiven Mannes zu einem von Kriminalität und Gewalt geprägten Gemeinwesen, das unter der allgemeinen privaten Tyrannei eines anderen Mannes steht und davon, wie diese Gemeinschaft schließlich ausgerechnet von jenem vermeintlich schwächsten Glied in der Sozialkette davon befreit wird. DOGMAN ist damit ein großer Film, der ein authentisches Charakterporträt zeichnet, eine ebensolche Charakterentwicklung nachvollzieht, dabei eine Milieustudie mitliefert und letzten Endes die universale Geschichte von Tyrannei und Befreiung auf innovative Weise erzählt.

by Uwe Humbs
Photos © Festival de Cannes + FDC