CANNES-REPORT I: PREVIEW - 70. INTERNATIONALE FILMFESTSPIELE VON CANNES 2017 17.–28. Mai 2017

Die Internationalen Filmfestspiele von Cannes, nach wie vor das bedeutendste Filmfestival der Welt, feiern 2017 ihren siebzigsten Geburtstag. Zu diesem Anlass haben sich die Kuratoren besonders viel Mühe gegeben. So werden zum ersten Mal auch Serien (darunter das Comeback von David Lynchs TWIN PEAKS [1990/91]), zahllose Ausstellungen, Sonderveranstaltungen wie vor allem ein Strandkonzert von Tony Gatlif und auch eine Installation von Alejandro González Iñárritu zu goutieren sein. Das Festival ist dieses Jahr besonders stolz, so außergewöhnliche Premieren feiern zu können wie Kristen Stewarts lediglich siebzehnminütiges Regiedebüt COME SWIM (2017), Abbas Kiarostamis letzten, nun posthum erscheinenden Film 24 FRAMES (2017) oder das ebenso Erstlingswerk SEA SORROW (2017) der achtzigjährigen Vanessa Redgrave. Personell werden zum Jubiläum Stars wie Nicole Kidman, Diane Krueger, Marion Cotillard, Isabelle Huppert, Dustin Hoffman, Colin Farrell, Robert Pattinson und Joaquin Phoenix erwartet.


© Bronx (Paris). Photo: Claudia Cardinale © Archivio Cameraphoto Epoche/Getty Images

Grundtendenzen des Festivals

Das Filmfestival Cannes lebt sowohl im als auch außerhalb seines Wettbewerbs von einer multinationalen und -kulturellen Diversität, die ihresgleichen sucht. Sind von den Veranstaltern selbst keinerlei politische Meinungsäußerungen zu erwarten, spiegeln sich diese umso mehr in den einzelnen Werken wider. Es ist davon auszugehen, dass etliche Filme globalpolitische Themen wie die Flüchtlingsströme und den Terrorismus (so zum Beispiel Michael Hanekes HAPPY END [2017] oder Fatih Akins AUS DEM NICHTS [2017]) behandeln werden. Übermäßigen politischen Output wird aber auch dieses Ausgabe der Festspiele nicht erzeugen.
Für emotional-berührendes Kino stehen dieses Jahr wohl aller Voraussicht nach Noah Baumbachs überdeterminiert besetzte Familienkomödie THE MEYEROWITZ STORIES (2017) mit unter anderem Dustin Hoffman, Adam Sandler und Ben Stiller oder auch Naomi Kawases Drama RADIANCE (2017) um einen erblindenden Fotografen. Eher das Gegenteil, nämlich schwerpunktmäßig stilistisch ausgefeiltes und intellektualisiertes Kino, dürfte von Bong Joon-Hos OKJA (2017) und selbstredend Hong Sangsoos THE DAY AFTER (2017) geliefert werden.
Ein Filmfestival wie namentlich das von Cannes lebt von der Begegnung im Hier und Jetzt. Dies gilt sowohl für das reelle Leben außerhalb der Kinosäle als auch in diesen. Es darf also nicht als vermessen aufgenommen werden, dass der Historisierungsgrad dieses Jahr in Cannes erfreulicherweise relativ gering ausfällt. Lediglich mit Jacques Doillons RODIN (2017) mit Vincent Lindon als gleichnamigen Künstler und Sofia Coppolas THE BEGUILED (2017) sind die einzig dezidierten Historienfilme im Offiziellen Wettbewerb aufgenommen worden. Inwiefern diese mit ihrem Geschichtsstoff auch gleichzeitig Themen der Gegenwart zu verhandeln im Stande sind, bleibt abzuwarten. Vor einer Flucht in die Historie muss man sich dieses Jahr jedenfalls nicht fürchten.

Erwartungen zur Jury

So diversifiziert die alljährliche Filmauswahl sich darstellt, so verschieden tritt auch immer wieder die neunköpfige Jury des Offiziellen Wettbewerbs zusammen. Den Vorsitz und damit mit der größten Entscheidungsgewalt ausgestattet, nimmt dieses Jahr der Spanier Pedro Almadóvar ein. Dessen Filme zeichnen sich bekanntlich durch eine ununterbrochene Stichomythie der Figuren, Knalligkeit, bunte Farben und viel spanischen Eigenhumor aus. Akkompagniert wird Almadóvar von bekannten Schauspiel- und Regiegrößen wie der US-Amerikanerin Jessica Chastain, dem Italiener Paolo Sorrentino oder dem Südkoreaner Park Chan-wook. Die Vielfältigkeit der oben angesprochenen Grundtendenzen des Festivals spiegelt sich dabei in den einzelnen künstlerischen Handschriften wider und wird so sicher in die einzelnen Juryvoten einfließen.
Während letztes Jahr ganz dezidiert entgegen des einhelligen Kritikervotums nicht Maren Ades Slapstickdrama TONI ERDMANN (2016) die Goldene Palme gewann, sondern Ken Loachs ernste und nüchterne Sozialstudie I, DANIEL BLAKE (2016), könnte es dieses Jahr umgekehrt sein. Mit Pedro Almodóvar, Maren Ade, die dieses Jahr prompt als Jurymitglied aufgenommen wurde und als besondere Überraschung Will Smith, der bisher noch keinerlei Verbindung zum Filmfestival hatte, dürften komisch-heitere Werke eine größere Chance bei der diesjährigen Preisverleihung haben.

Filmische Highlights

Der meistantizipierte Film des Festivals und des Jahres dürfte Michael Hanekes HAPPY END (2017) sein, der am kommenden Montag uraufgeführt wird. Von diesem ist zwar bisher nur eine einzige Tagline und ein einziges offizielles Still einsehbar, doch wird es sich thematisch wohl mehr oder minder stark mit dem Flüchtlingsthema und der damit einhergehenden porträtierten Besorgnis und Aufwühlung der französischen Bourgeoisie auseinandersetzen. Haneke hat die Chance, nach DAS WEISSE BAND (2009) und AMOUR (2012) als bisher einziger Preisträger die dritte Goldene Palme und dies auch noch mit drei hintereinander geschalteten Werken zu gewinnen.
Als ein regelrechter Cannes-Veteran zeigt sich der Russe Andrey Zvyagintsev, der seit 2007 mit dem nun bereits vierten Film im Wettbewerb aufwartet. Sein neues Werk LOVELESS (2017), das sich um einen vernachlässigten Jungen in der Scheidungssituation seiner Eltern dreht, wird wohl ebenso wie Todd Haynes' WONDERSTRUCK (2017) für die Cannes so eigene kinematografische und bildinszenatorische Opulenz sorgen. Die ersten Bilder und Ausschnitte hiervon lassen große Kinokunst erwarten.
Sehr gespannt darf man auch auf den neuen Film der Schottin Lynne Ramsay sein. YOU WERE NEVER REALLY THERE (2017) mit Joaquin Phoenix in der Hauptrolle, wurde vom Festival für den Offiziellen Wettbewerb zu einem Zeitpunkt selektiert, noch bevor er wirklich fertiggestellt war. Zur Zeit dürfte am Film immer noch der letzte Rohschliff vorgenommen werden. Inhaltlich widmet sich Ramsay – ähnlich wie Zvyagintsev – dem Schicksal eines entlaufenen Teenagers, jedoch vermutlich mit einer viel stärkeren und exponierten Gewaltdarstellung. Diese klang auch schon in ihrem in Cannes so gefeierten Vorgängerfilm WE NEED TO TALK ABOUT KEVIN (2011) an.
Neben Valeska Grisebachs WERSTERN (2017), der für die Nebensektion Un Certain Regard gewählt wurde, wartet diesjährig noch ein einziger weiterer deutscher Film in Cannes auf, dafür aber auch gleich im Offiziellen Wettbewerb: Fatih Akin, vor genau zehn Jahren in Cannes mit dem Preis für das Beste Drehbuch für AUF DER ANDEREN SEITE (2007) ausgezeichnet, konkurriert mit seinem neuen Werk AUS DEM NICHTS (2017) mit seinen lediglich siebzehn Mitbewerbern um die Goldene Palme. Auch dieser Film widmet sich mit dem Terrorismus einem politischen Thema.
Ein letzter Fokus sei auf des Griechen Yorgos Lanthimos THE KILLING OF A SACRED DEER (2017) gelegt, von dem noch beinahe nichts bekannt ist, außer dass auch hier wie im äußerst einfallsreichen und bildgewaltigen Vorgängerwerk THE LOBSTER (2015) [Preis der Jury in Cannes 2015] Colin Farrell die Hauptrolle übernimmt. Lanthimos muss immer noch als ein äußerst talentierter wie innovativer Nachwuchsregisseur gelten, dessen Filme international in der höchsten Kritikergunst stehen und auch immer wieder Oscarnominierungen einheimsen.

Gewichtung in den unterschiedlichen Reihen

Das Filmfestival Cannes schichtet sich in die wesentlichen Sektionen Compétition (Wettbewerb um die Goldene Palme), Un Certain Regard, Quinzaine des Réalisateurs und Sémaine de la Critique auf. Nur die letzteren beiden und letztere auch nur beschränkt sind grundsätzlich dem öffentlichen Publikumsverkehr geöffnet.
Es lässt sich durchaus vertreten, dass der Wettbewerb dieses Jahr mit nur achtzehn konkurrierenden Werken eher schmal ist. Eine durchschnittliche Anzahl mit zwanzig Werken und darüber hinaus ist die Regel. Dennoch zeigt sich die diesjährige Compétition thematisch und kinematografisch vielfältig und daher ansprechend. Gerade aus der quantitativ beschränkten Konzentration kann eine sehr gelungene Gesamtdramaturgie des Festivals erwachsen.
Der Un Certain Regard birst dieses Jahr nur so von Debütwerken, die sektionsübergreifend allesamt um die Goldene Kamera, den Preis für das beste Debüt, konkurrieren. Gleich sieben der sechzehn Filme sind Erstlingswerke. Bekanntere Namen dürften hier lediglich Laurent Cantet (Goldene Palme für DIE KLASSE [2008]), Mathieu Amalric (Preis für die Beste Regie für TOURNÉE [2010]) oder Michel Franco (Preis für das Beste Drehbuch für CHRONIC [2015]) sein. Es ist von diesen Filmen wie auch von der gesamten Sektion dieses Jahr aber prima vista nicht allzu viel zu erwarten.
Das genaue Gegenteil dürfte für die Quinzaine des Réalisateurs gelten, die Sektion, die sich namentlich virtuosem Regiehandwerk widmet und als Karrieresprungbrett für Nachwuchskünstler dient. Nicht nur bekannte Namen wie Philippe Garrel (vertreten mit L'AMANT D'UN JOUR [2017]), Bruno Dumont (vertreten mit JEANNETTE, L'ENFANCE DE JEANNE D'ARC [2017]) oder Abel Ferrara (vertreten mit ALIVE IN FRANCE [2017]) sind hier vertreten, sondern auch unbekannte Talente. Mitunter am spannendsten dürften hier Sean Bakers THE FLORIDA PROJECT (2017), ein Coming-of-Age-Film über eine junge Rasselbande und ihre Sommerferien, Vladimir de Fontenays MOBILE HOMES (2017), die Gesichte um eine verwahrloste umhervagabundierende Familie in den Vereinigten Staaten und MARLINA THE MURDERER IN FOUR ACTS (2017) der Indonesierin Mouly Surya sein, das sich auf surrealistische Weise den Themen Gewalt, Mord, Sühne und Schuld annimmt.
Die diesjährige Sémaine de la Critique gestaltet sich schlussendlich als besonders schwach und nichtssagend dieses Jahr. Die lediglich sieben hier aufzuführenden Filme scheinen eine gewisse Platzhalterposition gegenüber den anderen weitaus stärkeren Sektionen einzunehmen.

Fazit

Das Filmfestival Cannes lebt dieses Jahr von Neuerungen und Extravaganzen, die den klaren und ungetrübten Blick auf den genuin filmischen Grundstock zu verschleiern drohen. Dabei treffen die diesjährig qualitativ eher durchwachsenen Sektionen des Un Certain Regard und der Sémaine de la Critique auf einen punktuell sehr verheißungsvollen und abwechslungsreichen Offiziellen Wettbewerb mit den großen Highlights der Filme Hanekes, Haynes', Zvyagintsevs, Ramsays, Akins und Lanthimos'. Ein besonderes Augenmerk ist auf die vielen Debüts und Nachwuchsregisseure zu werfen, die in das Rennen um die Goldene Kamera gehen. Hierfür bietet insbesondere die anregend anmutende Quinzaine des Réalisateurs eine ideale und filmisch hochwertige Plattform. Die äußerst bunte Vielfalt an künstlerischen Geschmäckern und Provenienzen in der Jury des Offiziellen Wettbewerbs rund um Pedro Almodóvar verspricht eine spannende Preisverleihung am 28. Mai 2017.

by Uwe Humbs
Photos © Festival de Cannes + FDC / Philippe Savoir (Filifox)