Tenet

Tenet (2020), Großbritannien / USA
Laufzeit: - FSK: 12 - Genre: Action / Science-Fiction / Thriller
Kinostart Deutschland: - Verleih: Warner Bros.

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Inhalt

Um die gesamte Welt vor dem Untergang zu bewahren, steht dem Protagonisten nur ein einziges Wort zur Verfügung: Tenet. Seine Mission führt ihn in eine zwielichtige Welt der internationalen Spionage, in der die Gesetze der Zeit nicht zu gelten scheinen. Zeitreisen? Nein. Inversion.

John David Washington, Robert Pattinson und Elizabeth Debicki | mehr Cast & Crew


Tenet - Trailer




Filmkritik Tenet

Filmwertung: | 8/10


In einem ganz regulären Kinojahr wäre Christopher Nolans neuer Streich ohne Zweifel einer der meisterwarteten Filme. In diesem Jahr jedoch haftet dem Raum und Zeit sprengenden Bondesquen Spionagefilmspektakel aber der Status eines Heilsbringers an: Nach mehrmaligen Starttermin-Verzögerungen ist es Nolans elfter Film, der nicht nur verspätet die Sommersaison mit großen Fanfaren eröffnet, er soll schlichtweg auch ein strahlendes Leuchtfeuer für die Kinoerfahrung selbst sein und dem brachliegenden Geschäft einen überlebenswichtigen Kickstart verschaffen. Kaum ein Film dürfte einer solchen Erwartungshaltung gerecht werden können, doch es besteht wie von Nolan gewohnt kein Zweifel, dass auch „Tenet“ trotz spürbarer Schwächen zwingend auf der größtmöglichen Leinwand erlebt und nicht nur am Monitor gesehen werden will.

Nach nun jahrelang mühsam aufgebauter Geheimhaltung seitens der Macher über den über 200 Millionen Dollar teuren Film wäre es vermessen, zu sehr auf die genaue Beschaffenheit seiner Geschichte einzugehen. Dass der Film John David Washingtons unbenanntem CIA-Agenten auf einer außerhalb offizieller Befugnisse operierenden Spionagemission über die ganze Welt folgt, um etwas „Schlimmeres als den nuklearen Holocaust” zu verhindern, sei aber verraten. Bei dieser globalen Odyssee erhält Washington Unterstützung von Mittelsmann Neil (Robert Pattinson), um gegen den megalomanischen und skrupellosen russischen Oligarchen Andrei Sator (Kenneth Branagh) und eine von ihm ausgehende Bedrohung vorzugehen. So etwas wie das Herz in einem ansonsten eher kalt, intellektuell und mechanisch anmutenden Film ist Sators unglückliche Ehefrau Kat (Elizabeth Debicki), die ihren Mann verachtet und für Washington den Weg zu seinem Ziel bahnen soll. An sich verfügt „Tenet“ über eine weitestgehend konventionelle Spionagegeschichte, die jedoch in den entscheidenden Punkten mit einem innovativen und überaus originellen Kniff versehen ist.

John David Washington in Tenet
John David Washington in Tenet © Warner Bros.
Wie schon so oft in Nolans Gesamtwerk spielt Zeit auch in „Tenet“ ganz explizit eine tragende Rolle: Waren der Effekt und die Wahrnehmung von Zeit auf die Menschen in verschiedenen narrativen, aber auch philosophischen Implikationen bereits in „Memento“, „Inception“, „Interstellar“ und „Dunkirk“ von entscheidender Wichtigkeit, treten sie nun in „Tenet“ an vorderste Front: Wie bereits bekannt, behandelt der Film die Inversion von Zeit, genauer gesagt von Menschen und Objekten, die in einer ansonsten linear ausgerichteten Welt rückwärts verlaufen. Hier verbirgt sich auch das titelgebende Palindrom, das, soviel sei gesagt, dieses im Film gezielt hervorgerufene Phänomen beschreibt. Das klingt verwirrend und ist es oft auch, weshalb der Film sicherlich als seelenverwandtes Gegenstück zu „Inception“ verstanden werden kann. Wie auch bei dem gefeierten 2010 erschienenen Film ist es angesichts seiner noch verschachtelteren und komplexeren Beschaffenheit auch (Interesse vorausgesetzt) nahezu notwendig, den Film mehrfach zu sehen, um seine ausgeklügelten Ideen gänzlich zu dekodieren.

Oder man macht es, wie die etwas gelangweilte Expositionsgeberin und Wissenschaftlerin Laura (Clémence Poésy) gegenüber Washington zu Beginn empfiehlt und versucht gar nicht erst „Tenet“ zu verstehen, sondern einfach nur zu fühlen. Doch das fällt letztlich nur bedingt leicht, denn selten zuvor hat der ohnehin schon gerne dafür kritisierte Nolan derart exzessiv und leider auch oft schmerzlich hölzern erklärende, bedeutungsschwere und theorisierende Dialoge zum Besten geben lassen. Diese wiederholen sich mit großer Regelmäßigkeit und haben zunächst nur eingeschränkt einen erhellenden, sondern aufgrund ihrer geschrieben wirkenden Ausführlichkeit eher zusätzlich verwirrenden Effekt. Elegant ist das leider nicht, dennoch wird hier eben auch etwas beschrieben, womit man, wie auch der Protagonist, noch nie in Berührung gekommen ist. Immerhin stellt Robert Pattinsons Neil seinem Gegenüber auch zwischenzeitlich die passende Frage, ob er schon Kopfschmerzen hat.

John David Washington und Robert Pattinson in Tenet
John David Washington und Robert Pattinson in Tenet © Warner Bros.
„Tenet“ ist ohne jeden Zweifel ganz wie erwartet das thematisch, narrativ wie auch filmisch hochgradig ambitionierte Filmpuzzle-Spektakel, das man unmöglich ignorieren kann. Nolan lässt in den 150 Minuten Laufzeit angesichts der ausgeklügelt-komplexen Handlungsstruktur und den gigantischen, aber auch innovativen Schauwerten in Form nie dagewesener und stets organisch aus der Geschichte hervorgehenden Actionszenen keine Langeweile aufkommen. Man möchte hier immer Schritt halten und auch wenn sich längst nicht alle Feinheiten beim ersten Mal erschließen, ist dem Kern der Story relativ leicht zu folgen.

Dennoch lässt sich kaum bestreiten, dass „Tenet“ eine zerebrale und eben nicht emotionale Erfahrung ist. John David Washington verfügt, wie bereits in Spike Lees „BlacKkKlansman“ eindrucksvoll unter Beweis gestellt, über jede Menge Charisma und Hauptdarstellerqualitäten. In „Tenet“ kann der ehemalige NFL-Profi diese leider immer wieder nur andeuten und bleibt eine auf lässige Coolness reduzierte enigmatische Präsenz. Überhaupt wirken die Figuren in diesem Konstrukt meist eher blass und trotz spürbarer Bemühungen eines glaubhaft bedrohlichen und kaltherzigen Kenneth Branagh sowie eines sympathischen Robert Pattinson der Geschichte und den aufsehenerregenden Schauwerten untergeordnet. Den größten Eindruck hinterlässt da sicherlich die wunderbare Elizabeth Debicki, die ihrer Rolle spürbar Seele, aber auch eine Hitchcockartige kühl-geheimnisvolle Note verpasst.

„Tenet“ funktioniert zweifelsohne dann am Besten, wenn er seine sensationell orchestrierten Actionmomente und sein herausragendes Gespür für den filmischen Raum zum Besten gibt. Nicht nur sind Hoyte van Hoytemas gigantische 70mm- und IMAX-Bilder wahrlich von atemberaubender Schönheit, Klarheit und Größe, die tadellos von Nathan Crowley ausgestatten Schauplätze in Oslo, Tallinn, Mumbai, Amalfi oder London und die fein-eleganten Kostüme von Jeffrey Kurland machen den Film alleine sensorisch zum großen Erlebnis. Der fast komplette Verzicht auf computergenerierte Effekte gibt dem Film zudem eine außergewöhnliche reale und authentische Greifbarkeit, die es so im heutigen Blockbusterkino fast nur noch bei Nolan zu bewundern gibt. Gepaart mit Ludwig Göranssons erwartungsgemäß wuchtigem Score ist „Tenet“ audiovisuell überaus einnehmend und verdeutlicht mit maximalem Aufwand, was in den letzten Monaten so sehr vermisst wurde: filmische Größe, die sich im Kinosaal gebührend entfalten kann.

Elizabeth Debicki in Tenet
Elizabeth Debicki in Tenet © Warner Bros.
Die großen Highlights sind eben die faszinierenden Set Pieces, die meist durch den simultanen Ablauf normaler wie auch invertierter Zeit schlichtweg zum Staunen anregen und oft etwas nie Gesehenes darstellen, bei dem man kaum verstehen kann, wie sie realisiert wurden. Einfache Kampfszenen werden so zum verstandsprengenden Kuriosum, wie auch eine völlig einzigartige Verfolgungsjagd auf einer Autobahn in Tallinn oder das alles aus den Angeln hängende, überaus explosive Finale. Einige dieser Szenen werden im Verlauf des Films wieder besucht und aus anderem Blickwinkel beleuchtet, wobei „Tenet“ spätestens auch immer wieder ernsthaft zu überraschen weiß. Sensationell und wahrlich irrwitzig ist auch die im Vorfeld oft angeteaste Sequenz, bei der eine funktionsfähige Boeing 747 in eine Lagerhalle donnert, aber auch ein Segeltörn mit rasanten F50-Hightech-Katamaranen erweist sich als überraschend majestätisch.

Dennoch kriegt man bei „Tenet“ trotz aller beschriebener Stärken das Gefühl nicht los, dass etwas fehlt, nicht ganz richtig ist. Auch wenn es dem Film angesichts seiner Überwältigungstaktik gelingt, den Zuschauer immer bei der Stange zu halten, wirkt er merkwürdig distanziert, passiv, ja leblos. Menschlichkeit ist durchaus vorhanden, erscheint aber dann doch nur behauptet und nicht glaubwürdig ausgelebt. So hat das alles am Ende ein wenig von viel Lärm um Nichts, eine komplexe, aber luftleere Handlung mit durchaus vorhandenen leisen Zwischentönen, aber ohne wirklichen tieferen Sinn. Denkt man da etwa an den immer noch unterschätzten „The Prestige“ zurück, offenbart sich ein nicht minder ernsthafter, aber eben auch leichtfüßigerer Nolan, der spürbar über die Jahre mit jedem Film noch eine Schippe drauflegen musste. So kommt es zu einer merkwürdig klobigen und ungelenken Schwerfälligkeit, die „Tenet“ merklich herunterzieht. Ob es sich hierbei um Kritik auf hohem Niveau handelt, muss man aber letztlich für sich selbst entscheiden. „Tenet“ mag zwar die hohen Erwartungen sicher nicht zu übertreffen wissen, hat es jedoch gerade in diesen Zeiten unbedingt verdient, auf der großen Leinwand gewürdigt zu werden.

Fazit:
Auch trotz eines nahezu exzessiven Hangs zu ungelenken Expositionsdialogen und einer latent merkwürdigen Schwerfälligkeit und mechanisch anmutenden Distanziertheit lässt sich die gigantische Ambition und der hochoriginelle Erfindungsreichtum von „Tenet“ nicht ignorieren. Auch in seinem elften Film sorgt Christopher Nolan für ein bahnbrechendes und oft innovatives Spektakel, das Köpfe zum Glühen und Augen zum Leuchten bringt – ein Film, der gerade jetzt das Erleben auf der großen Leinwand unabdinglich macht.
by Florian Hoffmann

Bilder © Warner Bros.


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