Die Wahrheit der Lüge

Die Wahrheit der Lüge (2011), Deutschland
Laufzeit: - FSK: 16 - Genre: Thriller / Drama
Kinostart Deutschland: - Verleih: WTP International

Die Wahrheit der Lüge Filmplakat -> zur Filmkritik

erhältlich auf 4K UHD, Blu-ray und DVD

Inhalt

Ein Autor (Christoph Baumann) hält zwei Frauen (Marina Anna Eich, Julia Jaschke) gefangen, um sie an die Grenzen ihrer Erfahrung zu bringen. Er treibt diverse Psychospiele mit ihnen. Unterstützt wird er von seiner undurchsichtigen Verlegerin (Antje Nikola Mönning). Die Spiele werden immer bizarrer. Doch nichts ist so wie es scheint. Die Regeln werden aufgestellt, um gebrochen zu werden.

Christoph Baumann, Marina Anna Eich und Julia Jaschke | mehr Cast & Crew


DVD und Blu-ray | Die Wahrheit der Lüge

Blu-ray
Die Wahrheit der Lüge Die Wahrheit der Lüge
Blu-ray Start:
27.07.2012
FSK: 16 - Laufzeit: 98 min.
DVD
Die Wahrheit der Lüge Die Wahrheit der Lüge
DVD Start:
27.07.2012
FSK: 16 - Laufzeit: 98 min.

zur DVD Kritik

Filmkritik Die Wahrheit der Lüge

Filmwertung: | 6/10


„Was echt ist und was nicht, entscheidet die Sicht.“ – ein Zitat das punktgenau beschreiben sollte, was Roland Reber, ungeschlagener deutscher Meister in der Darstellung menschlicher Abgründe, mit seinem aktuellen Psychodrama „Die Wahrheit der Lüge“ in einer mal feinfühligen, mal gnadenlos schockierenden und erbarmungslos unkonventionellen Story thematisiert.

Ein Autor (Christoph Baumann) hält in einem Kellerverlies 2 charakterlich grundlegend verschiedene Frauen gefangen, wobei es am Ende nicht im Geringsten deren Gefangenschaft ist, worum sich der Film tatsächlich dreht. Im Zuge psychologischer Folter und sadistischer Spiele ist es des Autors eigentliches Ziel, die beiden Frauen „auf den Gipfel“ der Grenzerfahrung und dabei in die Selbsterkenntnis zu führen, um ihnen den Ausbruch aus jenem Verlies zu ermöglichen, in das sie sich selbst gesperrt haben. Weil die Uhr langsam, aber sicher abläuft, scheint der in seinem Vorhaben erfolglose Autor immer mehr in die Enge getrieben, während die beiden Frauen sich einfach nicht von ihm brechen lassen wollen. Ununterbrochen halten sie an der Hoffnung fest, nach Ablauf der Zeit aus dem Keller entlassen zu werden- bis plötzlich des Autors Verlegerin (Antje Mönning) ins Spiel kommt und den Mann immer erbarmungsloser dazu drängt, die Frauen durch noch grausamere Methoden endlich ans Ziel zu bringen. Als der Autor sich schließlich tatsächlich von dem Zureden seiner Verlegerin beeinflussen lässt und den Gefangenen mit dem sich unaufhaltsam nähernden Tode droht, begreift er selbst noch nicht einmal, wie manipulierbar und angreifbar er sich mit dem eigenen Verhalten macht. Ohne es zu bemerken katapultiert er sich durch seine Entscheidungen immer tiefer in sein eigenes Spiel hinein und wird dabei immer mehr zu Vermittler zwischen den gefangenen Frauen und der unberechenbaren und gnadenlosen Verlegerin. Schon bald ist kaum mehr zu sagen, wer die Fäden in der Hand hält, wer wessen Marionette ist und wer wen "auf den Gipfel" führt. Realität und Spiel verlaufen zu einem kaum mehr zu entwirrenden und für den ein oder anderen Beteiligten zunächst absolut verwirrenden Ganzen, das sich gegen Ende Stück für Stück und im Zuge von schockierenden, gar unvorhersehbaren Wenden in eine Zahl verschiedenster, alleine standpunktabhängiger Einzelrealitäten aufknotet…

Cast
Christoph Baumann- „der Autor“
Marina Anna Eich- „die Mutige“
Julia Jaschke- „die Zögerliche“
Antje Nikola Mönning- „die Verlegerin“

Wer sich zuvor schon einmal mit Reber oder wtp beschäftigt hat, den wird das Cast für das Verwirrspiel von Film, den „Die Wahrheit der Lüge“ bedeutet, wohl kaum überraschen. So erkennt man bis auf eines eigentlich alle Gesichter aus diversen früheren Reber Projekten wieder. Zwar macht sich Christoph Baumann (The Passion of Life) dabei in der Rolle des Autors zunächst nicht schlecht, wenn er neben seichtem Irrsinn eiskalte Berechnung in seiner Darstellung anklingen lässt, jedoch bringt er die Situation selten auf den Höhepunkt und kühlt sie zu schnell wieder zu hölzerner Durchschnittlichkeit ab, als dass sie den Zuschauer wirklich entflammen würde, was letztlich wohl vor allem mit der Herausforderung zusammenhängen dürfte, die die absolute Entwicklung seines Charakters innerhalb des Plots für ihn bedeutet haben sollte. „Der Gipfel“ ist dabei zwar nur selten wirklich fühlbar, trotz dessen beweist er durchaus darstellerische Wandlungsfähigkeit und zumindest bedingte Anpassungsfähigkeit an eher unkonventionelle Techniken und Thematiken, wenn seine Darbietung letztlich auch nicht als die beste seiner bisherigen Karriere beschrieben werden kann. Als die unberechenbare und gnadenlose Verlegerin liefert Nikola Mönning (Engel mit schmutzigen Flügeln) dabei eine genau gegenteilige Technik. So treibt sie die Situation bis ins Extrem hinein und tut sich sichtlich leicht, hochzufahren und den Moment später wieder zu Boden zu drücken, jedoch wirkt die ein oder andere Szene durch ihr energieüberladenes, übersteigertes Auftreten hier und da allzu überspielt und inszeniert. Auch Marina Anna Eich (Engel mit schmutzigen Flügeln, Anatomie) scheint sich in der Rolle der „Mutigen“ als personifizierte Metapher für eine Seite der menschlichen Seele etwas schwer mit einer energetisch ausgewogenen Darstellung zu tun, wobei gerade ihre Rolle Übertreibungen im Sinne von „over acting“ zulässt, ohne dem Zuschauer unbedingt das Gefühl zu geben, er befinde sich in einem Dorftheater. Lobenswert sollte zumindest ihre allgegenwärtige Aura aus glaubhafter und durchaus nachfühlbarer Rebellion sein, wenn sie ihr hier und da auch aus den Händen gleitet und sich etwas verselbstständigt. Als die zweite, „zögerliche“ Seite der menschlichen Seele kann Darstellerin Julia Jaschke (Preis der Unschuld) zwar kaum mit Authenzität in der Vermittlung von Dialogen punkten, jedoch beweist sie in „Die Wahrheit der Lüge“ zumindest die Fähigkeit, Verzweiflung und Resignation zu wenigstens stellenweise fühlbarem, psychischen Verfall zu koordinieren.

Grundsätzlich sollte das Cast an sich nicht schlecht gewählt worden sein, mehr lässt sich die insgesamt eher durchwachsene Leistung der Besetzung wohl auf die Schwierigkeit der dargestellten Thematik selbst zurückführen. So verlangt ein bis zur Symbolik übersteigerter Ausgangscharakter nach einer in Maßen übertriebenen schauspielerischen Darstellung. Die hohe Kunst dabei trotzdessen Authenzität und Natürlichkeit zu wahren sollte denen vorbehalten sein, die sich seit Jahrzehnten im Business bewegen und durch eine diverse Vielzahl verschiedenster Rollen ein natürliches und eigendynamisches Gefühl für on-point-play entwickelt haben. Kaum verwunderlich dürfte es also sein, dass die dünne Linie, die eine mitreißende Darstellung personifizierter Metapher zulässt, hier größtenteils nicht gegangen, sondern klar unter- oder überschritten wurde, was weniger den Darstellern selbst vorzuwerfen ist, sondern vielmehr der Künstlichkeit von Thematik und Begebenheit. Sichtlich bemühte sich Baumann in seiner Darstellung, Übersteigerungen zu vermeiden, wenn dies auch zu einer Untersteigerung führte, die ihn deutlich an Bildschirmpräsenz verlieren ließ- der gute Wille zumindest war da.

Ein kaum nachvollziehbares Manko scheint neben all dem „over acting“ aber vor allem eins zu sein- durch den gesamten Film hindurch schafft es keiner der Darsteller, den Zuschauer in den wirklichen Situationskern mitzunehmen. Sollte man annehmen, durch die Übersteigerungen müsste das Cast zumindest den situativ allgegenwärtigen Konflikt von Autorität und Kontrolle bzw. Kontrolllosigkeit deutlich wahrnehmbar abstrahlen und durch Mimik und Gestik immer mehr zu einem berührbaren Gebilde ausformen. Stattdessen ertrank jegliches Gefühl des Autoritätskonflikts beinahe vollständig in den Bemühungen um das Wahren von konkreter metaphorischer Symbolik der Einzelpersönlichkeiten. Letztlich ist auch das weniger Verschulden der Darsteller als Verschulden des Filmemachers. Wie das Cast erklärte, legte Reber ihnen das Drehbuch als Grundlage zur eigenständigen Weiterentwicklung ihrer Charaktere vor. Zwar führt ein solches Vorgehen durch die Möglichkeit der kreativen Entfaltung und der absoluten Identifikation mit der Rolle in der Zusammenarbeit mit vielen Schauspielern sicherlich oft zu überraschend packenden und emotional fesselnden Darstellungen, „Die Wahrheit der Lüge“ beweist am Ende aber, dass das nicht zwingend der Fall sein muss und dass konkrete Vorgaben vor allem bei einem Kunstfilm mit allgegenwärtiger Symbolik und damit zusammenhängender, übersteigerter Charaktereinführung zu wohl durchaus präziseren und punktgenaueren Darstellungen geführt haben könnten als es ohne sie der Fall war.

Kritik
Statt den Film in einem gängigen Genre zu halten und ihm dabei trotzdem etwas Spezielles mitzugeben, bemüht sich Reber letztlich deutlich darum, seine Vision des Filmemachens speziell zu halten und möglichst unkonventionell und kunstvoll aus dem gängigen Genre herauszukatapultieren, was den Durchschnittskinogänger am Ende melancholisch das ein oder andere Stück von Altbewährtem vermissen lässt. Schon die Einführung der Figuren als "der Autor", "die Verlegerin", "die Mutige" und "die Zögerliche" schiebt die Handlung von der Ebene der möglicherweise real erfahrbaren Begebenheit auf die der Künstlichkeit und absoluten Metapher, sodass der Film selbst ziemlich schnell einen mehr oder weniger erfahrungsfernen Beigeschmack erhält. „Es ging mir nie um die reale Darstellung von 2 gefangenen Frauen, sondern um die Metapher der Gefangenschaft, die wir Leben nennen“ begründete Reber die Künstlichkeit seines Filmes. So mag der künstliche Beiklang und die allgegenwärtige Metaphorik der Vision des Filmes im Sinne einer allübergreifendem Symbolik von Grenzerfahrung und menschlichem Abgrund, von menschlichem Leben zwischen Gefangenschaft und Ausbruch, zwischen Schicksal und Selbsterkenntnis, Kontrolle und Kontrolllosigkeit zwar hilfreich sein, dennoch beschränkt sie das mögliche Zielpublikum doch auf eine Hand voll jener, die zu Gunsten der Kunst und der zu vermittelnden Botschaft bereit sind, auf erfahrungsnahes Entertainment zu verzichten. Genretypische Szenerien liefert „Die Wahrheit der Lüge“ nämlich kaum, dafür bedient sich der Streifen einer höchst diversen und beeindruckenden Bandbreite treffsicherer, wirkungsvoller Filmkniffs, welche, wenn vom Zuschauer erkannt, durchaus zum genussvollen und intensiven Erleben der eigentlichen Message verhelfen können. Bemerkenswert homogen, fast schon als Spiegelbild der inneren Situation stellt Reber dabei die äußere Situation seiner Figuren heraus. Gekonnt inszeniert er reale Schauplätze als authentische Metaphern für menschliche Beengung durch Gesellschaft und Alltag, um sie schließlich im Stile kafkaesker Szenerie der Weite einer kalten Welt gegenüber zu stellen. Mal schwungvoll, mal zögerlich zeichnet er so das Bild einer Welt, in der der Mensch sich wie in einem unterirdischen Labyrinth kaum mehr zurechtzufinden vermag. Jedes Detail des Filmes scheint dabei in sich mehr oder weniger verschlungen und macht den Streifen während dessen selbst zu dem undurchschaubaren Labyrinth des Lebens, von dem er letztlich handelt. Nicht nur ist die Unmöglichkeit, zwischen Echtem und Unechtem, zwischen Wahrheit und Lüge zu differenzieren hier Thematik, sie wird zusehends auch zur tatsächlichen Erfahrung des Zuschauers, wenn der zuweilen unfähig sein dürfte, sich in den Bild gewordenen Gedankengängen der Charaktere nicht zu verlaufen. Dabei kann vom 0/8/15 Besucher eines Psychodramas jedoch kaum erwartet werden, sich genug Gedanken über Kameraeinstellungen und differenziert den Plot unterstützende Beleuchtung zu machen, um den Film als die Vision schätzen zu können und mit genau jenem Gefühl der Erkenntnis zu verlassen, das Reber ursprünglich wohl zu bestreben versuchte. Zwar dürfte auch der Durchschnittskinogänger kaum darum herum kommen, sich alleine durch die zumeist Orange und Gelb durchtränkte Szenerie körperlich beengt und zusehends unbehaglich zu fühlen, dennoch wird er sich schwer tun, den Grund für jenes Gefühl der Beengung zu erkennen und den nach Erkenntnis verlangenden Ausbruch aus Einengung zum Ende hin befriedigend erfahren zu können. Wohl um genau jene Problematik zu reduzieren, scheint Reber die Charaktere absichtlich zu derart eindeutigen Symbolen übersteigert zu haben, dass sie auch für einen Blinden mit Leichtigkeit auszumachen sein sollten. Wenn der Versuch, so auch der größeren Masse und einem dementsprechend breiteren Publikum das Verständnis des Dargestellten zu ermöglichen, am Ende auch lobenswert sein dürfte, ist es doch gerade die Übersteigerung der Figuren, die die breite Masse im selben Schritte wieder von dem Film zurückschrecken lässt, weil man sich immer schwerer tut, mit Rebers Charakteren eine wirkliche Verbindung aufzubauen. So nimmt ihre Symbolik der „Wahrheit der Lüge“ einen Bestandteil, auf den die Symbolik selbst eigentlich angewiesen ist. Die Übersteigerung der Figuren vermittelt am Ende nämlich nicht nur wie ganz offensichtlich angestrebt deren Metaphorik, sondern gibt mehr oder weniger unbeabsichtigt das Gefühl, gerade jene Metaphorik und mit ihr die Botschaft des Filmes sei nicht auf die Masse übertragbar und tangiere das durchschnittliche, echte Leben kaum, wodurch die Message selbst schließlich nicht mehr richtig greift. Damit erbaut der Film eine Metaphernwelt für das menschliche Leben, die er selbst wieder einreißt, wenn er sie derart übersteigert, dass sie gefühlsmäßig nicht auf das durchschnittliche Menschenleben anwendbar scheint.

Allein für denjenigen, der sich mit Kunstfilm, Theater oder den Hintergründen des Filmemachens zumindest ein wenig auseinandergesetzt hat, sollte der Film so letztendlich eine tatsächlich tiefgreifende und beeindruckende Kinoerfahrung sein. So fallen dem Kenner gezielt eingesetzte Kamerafahrten ins Auge, deren Länge zuweilen symbolisch für jenen langen Weg interpretiert werden kann, den Selbsterkenntnis bedeutet. Dabei unterstützt wirklich gekonnte Beleuchtung kunstvoll Szenen der Erleuchtung und des kurzweiligen Durchbrechens von Verwirrung, jedoch sollte auch solcherlei differenziertes, filmerisches Können am Ende nur jenen auffallen, die filmerisch selbst etwas können. Mit all seinen so diversen und doch so homogenen und nahezu perfekt ineinander greifenden Einzelteilen künstlerischer Wirkungsästhetik dürfte es metaphorisch passend sein, „Die Wahrheit der Lüge“ als eine Art Masterpuzzle des Films zu bezeichnen, welches, wenn mit der richtigen Technik und ein wenig Puzzleerfahrung zusammengefügt, ein bewegend treffendes und wunderschönes Bild von der Polarität menschlichen Lebens und dessen Abgründen zeigt. Dennoch handelt es sich immer noch um ein Masterpuzzle, dessen Endbild sich demzufolge vom Hobbypuzzler nur schwer zusammensetzen lässt, wenn der schnell die Lust verliert, nach entsprechenden Puzzleeinzelteilen Ausschau zu halten und wahrlich nicht die Wahrheit der Lüge im Sinne eines genretypischen Psychodramas erfahren wird. Trotzdem bleibt klar anzuerkennen, dass Reber sich bei aller Kunst und Theatralik seit seinen vorherigen Filme, darunter beispielsweise (Dark side of our inner space, Engel mit schmutzigen Flügeln) immer mehr mit dem Mainstream zu versöhnen scheint, so vor allem durch eine Handlung die vom breiten Kinopublikum klar nachzuvollziehen sein sollte und relativ konsequente Spannungssteigerung in Form von gezielt geführten Dialogen.

„Was echt ist und was nicht entscheidet die Sicht.“ - daher sollte wohl einfach jeder für sich selbst sehen, ob er das Puzzle „Die Wahrheit der Lüge“ lösen will und vor allem lösen kann, denn letztlich ist sowie so immer nur der eigene Eindruck wahr- und wie wahr das ist, was hier kritisiert wird oder noch zu kritisieren wäre hängt am Ende wohl genauso stark mit dem Standpunkt des Betrachters zusammen wie alles andere auf der Welt.

by

Bilder © WTP International