James McAvoy

James McAvoy ©Ascot Elite Filmverleih GmbH

Daten und Fakten

Geburtstag:
21.04.1979
Geburtsort:
Glasgow, Schottland


zum Interview mit James McAvoy

Filmographie James McAvoy

James McAvoy hat in folgenden Filmen mitgewirkt, als:

Darsteller:

Atomic Blonde
Atomic Blonde
(2017)






Drecksau
Drecksau
(2013)



Penelope
Penelope
(2006)

Split
Split
(2017)

Submergence
Submergence
(2017)




Wanted
Wanted
(2008)





Stimme:






Interview mit James McAvoy

James McAvoy im Interview zu "Drecksau"


Gibt es an Bruce Robertson irgendetwas, dass ihn erlöst? Eine Eigenschaft, die alles wieder gut macht?
Nein, ich glaube, für Bruce Robertson gibt es keine Erlösung. Das einzig Gute an ihm ist, dass er am Ende des Films in der Lage ist, sich selber im Spiegel anzusehen und zu sagen: “Ich weiß wer ich bin und ich bin genau zu dem geworden, wovor ich mein Leben lang Angst hatte. Ich habe mein Leben lang so sehr versucht, vor meiner eigenen Wertlosigkeit davonzulaufen, dass ich genau dazu geworden bin. Jetzt bin ich wirklicher Abschaum.” Er verurteilt sich selber. Dadurch erreicht er keine Erlösung, aber es ist das Beste, was er tun kann.

Es handelt sich also um eine Art sich selbst bewahrheitender Prophezeiung?
Ja, auf gewisse Art schon. Im Original heißt der Film „Filth“ (zu Deutsch: Dreck/Abschaum) und genau das hört er stets von seinem Vater. Dass er nichts anderes als Dreck oder Abschaum ist. Also lernt er von jungen Jahren an nichts anderes als das. Bruce versucht so sehr, das von sich zu weisen, dass er eine Art mächtiges und starkes Alter Ego kreiert hat. Es gelingt ihm nur mit Drogen und Alkohol dieses wilde Bild aufrecht zu erhalten. Im Grunde hat er Angst vor all den Menschen, von denen er glaubt, dass sie besser seien als er. Deswegen muss er sie niedermachen. Die Schwarzen, die Weißen, die Schwulen, die Heteros, Männer, Frauen, einfach alle. Es ist sein Selbsthass, mit dem er nicht umgehen kann. Also projiziert er ihn hinaus auf die Welt.

Haben Sie es genossen, mal wieder einen Schotten zu spielen?
Ja. Ich glaube, ich habe immer unterschätzt, wie sehr ich meine Heimat in den letzten Jahren vermisst habe und wie nah mir das ging. Ich habe es unterschätzt, wie nett es sein würde, sich einfach mal wieder mit einer Gruppe Schotten zu umgeben. Man kann so etwas nicht leugnen. Es gibt einfach eine kulturelle Basis, die wir mit den Menschen aus unserer Heimat teilen. Man kann einander mit wenig Worten das sagen, was man anderen Menschen erst erklären müsste. Die ganze Kommunikation ist eine andere, wenn man die gleiche kulturelle Herkunft teilt. Das ist schön und es hat mir gefehlt.

Aber Sie haben nicht nur in Schottland gedreht, sondern auch hier in Deutschland, in Hamburg.
Ja, das war furchtbar, ich hasse Hamburg (lacht)! Nein, das hat natürlich Spaß gemacht. Wir haben einige der intensivsten und emotional anstrengendsten Szenen hier gedreht. Einige waren aber auch ganz lustig. Dabei konnte viel improvisiert werden, was immer gut ist. Aber ein großer Teil der Hamburger Szenen war wirklich düster, wahnsinning und geradewegs auf den Abgrund der Figur zugehend. Die allerletzte Szene, die ich für „Drecksau“ drehte, war auf der Reeperbahn. Es war die Szene, in der eine Prostituierte mir ins Gesicht schlägt und ich im Dreck lande. Die Aufnahme war sofort im Kasten, aber ich erinnere mich, wie ich dort in diesem Rotlichtbezirk auf der Straße lag, um mich herum Prostituierte und Betrunkene und ich dachte „Ich bin froh, dass dieser Dreh jetzt ein Ende hat. Mehr kann ich nicht ertragen.“ Es war düster und hart und ging mir nach einer Weile an die Substanz.


Photo by Anne Facompre

Also blieb gar keine Zeit, um auf der Reeperbahn selber ein bisschen zu feiern?
Doch, ein bisschen, aber das hielt sich erstaunlicherweise ziemlich in Grenzen.

Jon S. Baird hat uns verraten, dass Sie auch an der Arbeit als Regisseur interessiert sein könnten. Stimmt das?
Ja, ich glaube, das würde mir sehr gefallen. Ich bin als Schauspieler schon immer sehr technisch an die Sache herangegangen und glaube, dass ich mir der Arbeit, die hinter der Kamera vorgeht, sehr bewusst bin. Als Schauspieler achte ich schon immer darauf, dass wir den Zusammenhang wahren und der Erzählstruktur gerecht werden, dabei ist das eigentlich gar nicht meine Aufgabe. Ich glaube, es ist sogar einer meiner Fehler, dass ich mir all dieser kleinen Dinge viel zu bewusst bin. Ich glaube, dass ich instinktiv wahrscheinlich ein besserer Regisseur als Schauspieler wäre.

Haben Sie denn schon Projekte in Aussicht, bei denen Sie Ihre Ambitionen verwirklichen könnten?
Es gibt einige, an denen ich arbeite. Drehbücher, die ich selber geschrieben habe und die ich gerade weiter entwickele. Aber ich glaube nicht, dass diese schon ausgereift genug sind, um sich damit wirklich an die Arbeit zu machen. Vielleicht würde mich jemand anheuern um bei dem Drehbuch eines anderen Autoren Regie zu führen. Das könnte ich mir auch vorstellen. Momentan bin ich allerdings sehr damit beschäftigt, etwas für mich selber zu entwickeln. Das Problem ist nur, dass alles, was ich schreibe, wirklich düster ist und sich da niemand herantraut (lacht). Womöglich muss ich mir erst eine romantische Komödie einfallen lassen, bevor ich ein Projekt auf die Beine gestellt bekomme (lacht).

Würden Sie gerne Regie führen und gleichzeitig auch in dem Film mitspielen?
Ich glaube, ich würde lieber andere Leute spielen lassen. Ich glaube, über mich selber Regie zu führen, wäre ziemlich schwierig. Wobei ich glaube, dass es Regiekollegen gibt, die jetzt sagen würden, dass ich das eh schon versuche (lacht). Ich glaube, das hat denen nicht so gefallen (lacht). Wobei das bei Jon (S. Baird) kein Problem war. Es gibt Regisseure, die wollen, dass du einfach die Klappe hältst und tust, was sie dir sagen. Jon war da anders und war tatsächlich an unserer Meinung interessiert. Das ist natürlich toll.

Könnten sie die Hauptthemen von „Drecksau“ identifizieren?
Ich glaube, das fiele mir schwer.

Jon S. Baird sagte, es sei im Grunde eine sehr tragische Liebesgeschichte...
Hmm, ja, ich glaube, dass es eine sehr tragische schwarze Komödie ist. Was die Themen angeht – Selbsthass wäre sicher eines davon. Und die Art und Weise, auf die unserer Unsicherheiten ans Licht kommen und unsere Leben prägen. Wenn wir andere Menschen misshandeln oder ihnen Unrecht tun, dann ist das so oft auf unsere eigenen Unsicherheiten und eine Abneigung unserer selbst zurückzuführen. Ich glaube, darum geht es in „Drecksau“. Bruce ist im Grunde das größte Opfer von allen. Er hasst sich selbst noch mehr, als er alle anderen hasst. Niemand im Film, auch niemand unter den Zuschauern, wird ihn jemals so sehr hassen, wie er es selber tut. Und das empfinde ich als sehr tragisch. Damit wären wir wieder bei der sich selbsterfüllenden Prophezeiung.

Haben Sie Angst, dass ein großer Teil der Zuschauer den Film nicht verstehen wird?
Ja, auf jeden Fall. Darüber mache ich mir immer Sorgen. Ich glaube, dass wir es bestenfalls geschafft haben, einen Film zu machen, den die Menschen entweder lieben oder hassen werden. Ich glaube nicht, dass es viele Zuschauer geben wird, deren Urteil irgendwo in der Mitte liegt. Entweder findet man „Drecksau“ richtig toll und kann daraus etwas mitnehmen, oder man hält den Film für den letzten Mist. So wie ich das sehe, ist das bei dem britischen Publikum zumindest so. Ich bin natürlich gespannt, wie die Deutschen reagieren werden. Glücklicherweise hören wir momentan mehr positives als negatives Feedback, aber es gibt natürlich immer noch diejenigen, die sagen, „Drecksau“ sei der letzte, rassistische, homophobe und frauenfeindliche Scheiß. Einige Zuschauer glauben, dass der Film all diese Dinge rechtfertige, aber das tut er nicht. Ich glaube, er verurteilt sie und stellt sie als eine Art sozialer Krankheit dar. Letzten Endes kann ich mir aber natürlich nicht wirklich Sorgen darüber machen, was die Leute denken. Das würde mich ja in den Wahnsinn treiben.

Es ist immerhin eine Irvine Welsh Verfilmung – was soll man also erwarten?!
Es geht um Missbrauch. Auch das ist eines der Themen in „Drecksau“. Ich glaube, es wird Zuschauer geben, die sich von der drastischen Darstellung der Thematik im Film vielleicht selber etwas missbraucht fühlen werden. Und vielleicht legen wir es auch genau darauf an. Wobei nicht alle von Welshs Geschichten so sind. In „Trainspotting“ geht es um Drogenmissbrauch, ja, aber es geht eigentlich um eine Gruppe Schulfreunde, die auf- und auseinanderwachsen und sich dem Leben zuwenden. „Drecksau“ ist das Gegenteil. Bruce wendet sich dem Leben ab und am Ende wendet er sich sogar krass gegen es.

Ich glaube, dass es in Irvine Welshs Geschichten eine ganze Menge Wahrheit gibt. Es wird gerne gesagt, dass sie einer Karikatur ähneln würden, aber ich sehe das nicht so. Manchmal stellt er Dinge ein wenig übertrieben dar, aber in ihrem Kern liegt immer ein großes Stück Wahrheit.

Wie haben Sie sich auf die Rolle vorbereitet?
Ich habe versucht, zu verstehen, warum er diesen Missbrauch betreibt, warum er so furchtbar wahnsinnig ist, warum er nicht vernünftig denken kann. Dadurch habe ich darüber nachgedacht, was mich persönlich wahnsinnig werden lassen würde. Und ich glaube, wenn ich mich meinen Ängsten hingeben und die Kontrolle über sie verlieren würde, dann würde ich verrückt werden. Zum Glück habe ich meine Ängste jedoch unter Kontrolle. Das unterscheidet uns.

Was sind denn Ihre Ängste?
Ich habe nicht die gleichen Ängste wie Bruce. Aber ich denke, ich teile ein paar Ängste mit einer Vielzahl an Menschen. Zum Beispiel die Angst, nicht geliebt oder als Schauspieler nicht ernst genommen zu werden. Natürlich habe ich auch ganz banale Ängste, wie die, nicht in der Lage zu sein, meine Rechnungen zu bezahlen und solche Dinge. Meine Ängste sind weniger fundamental als die von Bruce. Er hat vor allem immer Angst davor, dass sein Vater recht haben könnte und er wirklich nichts als Abschaum ist.

Neben „Drecksau“ haben Sie so ziemlich zur gleichen Zeit „Trance“ gedreht und dann in „Macbeth“ gespielt. Also ein Jahr voller finsterer Figuren?
Ja, das kann man sagen. Das läuft darauf hinaus, dass man in seiner Freizeit viele Komödien guckt, um sich abzulenken (lacht). Macbeth war am anstrengendsten. Ich war wirklich fertig und zu der Zeit ungenießbar, was mir im Nachhinein wirklich leid tut. Aber diese Rolle hat mir einfach soviel abverlangt, dass ich zwischen den Vorstellungen nur noch kaputt und ausgelaugt war und versucht habe, zu schlafen. Trotzdem war es ein tolles Jahr und es hat sich alles wirklich gelohnt.

Interview geführt durch Anne Facompre