The Mule

The Mule (2018), USA
Laufzeit: - FSK: 12 - Genre: Thriller
Kinostart Deutschland: - Verleih: Warner Bros.

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Inhalt

Eastwood spielt Earl Stone, einen Mann in seinen Achtzigern, der – hoch verschuldet und allein – vor der Zwangsvollstreckung seines Unternehmens steht, als er ein Jobangebot erhält, bei dem er lediglich Auto fahren soll. Doch ohne es zu wissen, hat Earl als Drogenkurier für ein mexikanisches Kartell angeheuert. Er macht seinen Job gut – sogar so gut, dass seine Fracht immer wertvoller wird und er einem Aufpasser des Kartells zugeteilt wird. Aber der ist nicht der Einzige, der Earl beobachtet: Der mysteriöse neue Drogenkurier ist ebenfalls auf dem Radar des knallharten DEA-Agenten Colin Bates aufgetaucht. Doch auch wenn seine Geldprobleme nunmehr der Vergangenheit angehören, belasten Earl die Fehler seiner Vergangenheit zunehmend – und es ist ungewiss, ob er noch Zeit hat, das Geschehene wiedergutzumachen, oder ob das Gesetz – oder das Kartell – ihn vorher erwischen wird.

Clint Eastwood, Taissa Farmiga und Bradley Cooper | mehr Cast & Crew


The Mule - Trailer




Filmkritik The Mule

Filmwertung: | 8/10


Über 10 Jahre transportierte der Amerikaner Leo Sharp für das mexikanische Sinaloa Kartell große Mengen Kokain von seiner Heimatstadt Detroit an die Grenze zu Mexiko – schließlich bis zu 200 Kilogramm pro Monat. Sharp hat mit seinen Trips Millionen Dollar erwirtschaftet, das wirklich Außergewöhnliche an der Geschichte ist jedoch, dass der gebürtige Detroiter zu Beginn seiner kriminellen Karriere bereits auf die 80 zuging. Seine unglaubliche Geschichte liefert die Grundlage für Clint Eastwoods wunderbare 37. Regiearbeit „The Mule”, bei der die nun 88-jährige Ikone zum ersten Mal seit 2012 wieder vor die Kamera tritt. Heraus gekommen ist ein enorm unterhaltsamer und gut aufgelegter Film, der Eastwoods gewohnte Ruhe vor und hinter der Kamera ausstrahlt. „The Mule” ist erstaunlich komisch, trotz seiner Entschleunigung spannend und schließlich auf ganz unaufdringliche Weise auch einsichtsreich und berührend.

The Mule: CLINT EASTWOOD spielt Earl Stone
The Mule: CLINT EASTWOOD spielt Earl Stone © Warner Bros. Entertainment Inc., Imperative Entertainment, LLC, and BRON Creative USA, Corp. All Rights Reserved. - Foto-Credit: Claire Folger
Earl Stone (Eastwood) denkt auch im hohen Alter von 90 Jahren noch längst nicht daran, seine Leidenschaft an den Nagel zu hängen: Er kreiert als Gartenbauer immer noch einzigartige Blumen, mit denen er regelmäßig Preise abräumt. Doch der Internethandel hat dem alteingesessenen Traditionalisten zu schaffen gemacht und ihn nun an den Rand des finanziellen Ruins getrieben. Doch nicht nur das, der eigentlich unwiderstehlich trocken-charmante Earl ist auch schon seit Jahren von seiner Familie entfremdet, da er ihr immer wieder berufliche Verpflichtungen vorgezogen hat. So verpasst er die Hochzeit seiner Tochter Iris (Alison Eastwood) ebenso wie schon zuvor andere prägende Ereignisse ihres Lebens. Von seiner Frau Mary (Dianne Wiest) ist er geschieden, lediglich die Beziehung zu seiner Enkelin Ginny (Taissa Farmiga) scheint noch hoffnungsvoll zu sein.

Als ein mexikanischer Bekannter von Ginny mitbekommt, dass Earl in finanzieller Not ist, vermittelt er ihn an Freunde, die Kurierdienste für ein mexikanisches Kartell organisieren. Als völlig unbescholtener Bürger im hohen Alter könnte Koreakriegs-Veteran Earl ein kaum unauffälligerer Kandidat als Drogenschmuggler sein. Schnell beginnt er auf scheinbar entspannte Weise sehr viel Geld zu machen, jedoch ist auch DEA-Agent Colin Bates (Bradley Cooper) neben den Drahtziehern des Kartells schließlich auch auf der Spur des unwahrscheinlichsten aller Drogenkuriere...

The Mule: DIANNE WIEST als Mary und CLINT EASTWOOD als Earl Stone
The Mule: DIANNE WIEST als Mary und CLINT EASTWOOD als Earl Stone © Warner Bros. Entertainment Inc., Imperative Entertainment, LLC, and BRON Creative USA, Corp. All Rights Reserved. - Foto-Credit: Claire Folger
Von Beginn an strahlt „The Mule” die Ruhe aus, die Clint Eastwoods eindrucksvolle Regiekarriere über Jahrzehnte so beständig geprägt hat. Auch wenn „The Mule” durchaus manch aufregenden, gefährlichen und spannenden Moment zu bieten hat, sollte man hier sicher nicht unbedingt einen intensiven Thriller erwarten. Der Film handelt viel mehr davon, dass es nie zu spät ist, sich zu ändern, während er zugleich eine Meditation über Vergänglichkeit und den Versuch, Zeit aufzuholen darstellt. Eastwood lässt gelegentlich seine gewohnt grummelig-griesgrämige Präsenz aufflackern, jedoch mit einer weit sanfteren Note als etwa noch in „Gran Torino”. Earl ist kein frustrierter, skeptischer und zurückgezogener Mann, viel mehr ist er ein unwiderstehlicher Charmeur und Genießer, der die kleinen Momente des Lebens vielleicht etwas zu sehr zu schätzen weiß und dabei das Wesentliche aus den Augen verliert.

So rettet er mit seinem ersten Lohn seine eigene Existenz und kauft sich sein in der Zwischenzeit verpfändetes Haus zurück. Es folgt ein mächtiger nagelneuer Lincoln Truck, der den alteingesessenen Ford Pickup ersetzt, aber dann hilft er auch sofort seiner Enkeltochter finanziell aus oder fördert den Neubau seines geliebten durch einen Brand beschädigten Veteranenclubs. Earl wird zum Wohltäter und versucht mit neu gewonnener Freiheit auch den Kontakt zu seiner Familie wiederherzustellen und alte Fehler wiedergutzumachen.

The Mule: TAISSA FARMIGA als Ginny und CLINT EASTWOOD als Earl Stone
The Mule: TAISSA FARMIGA als Ginny und CLINT EASTWOOD als Earl Stone © Warner Bros. Entertainment Inc., Imperative Entertainment, LLC, and BRON Creative USA, Corp. All Rights Reserved. - Foto-Credit: Claire Folger
Die Geschichte, dass ein alter Gartenbauer wie Earl Drogen für eine der gefährlichsten kriminellen Organisationen der Welt transportiert, birgt natürlich enorm viel originelles Potential. Die Aufeinandertreffen mit den zunächst skeptischen Kartellmitgliedern spielt Eastwood voll aus und entwaffnet die angestrengt auf dicke Hose-machenden Gangster ein ums andere Mal mit seiner entspannten Lässigkeit. Viele seiner Sprüche sind pures Gold, gerade wenn er herrlich trocken immer wieder auf den Generationenkonflikt anspielt. Ein Running Gag sind sicher auch Earls entfremdete Beobachtungen zum Internet-Verhalten der jüngeren Generation, die ohne Google „nicht mal einen Obstkasten öffnen” könnte. Nebenbei ist „The Mule” aber auch ein wunderbares Road Movie, das zahlreiche Facetten Amerikas über Landschaften, Menschen und Diners ganz beiläufig, aber wahrhaftig portraitiert.

In dramaturgischer Hinsicht erreicht „The Mule” sicher nicht ansatzweise die Höhen von Eastwoods Regiekarriere. Spätestens zur Hälfte sollte das Drehbuch von „Gran Torino”-Autor Nick Schenk durchschaubar werden, sodass einigermaßen erfahrenen Zuschauern der erzählerische und thematische Bogen des Films erkennbar wird. Das tut dem Genuss des Films aber keineswegs einen Abbruch, denn man folgt der Reise dieses Mannes jederzeit sehr gerne – gerade weil hier niemand geringeres als Clint Eastwood zu sehen ist. Hier schwingt natürlich viel Würde und Geschichte mit, sodass es alleine ein Ereignis ist, der 88-jährigen Legende zuzusehen.

The Mule: CLINT EASTWOOD spielt Earl Stone
The Mule: CLINT EASTWOOD spielt Earl Stone © Warner Bros. Entertainment Inc., Imperative Entertainment, LLC, and BRON Creative USA, Corp. All Rights Reserved. - Foto-Credit: Claire Folger
So gelingt es dann auch, an sich wenig originelle Themen wie die immer wieder angepriesene Bedeutung von Familie wahrhaftig und nicht abgedroschen erscheinen zu lassen. Hier schwingt sicher auch eine nicht zu verkennende autobiografische Note mit, wenn es um Earls Reue über verlorene Zeit geht und er sogar seine eigene Tochter besetzt. Doch noch deutlicher ist sicherlich die Beziehung zu seiner Ex-Frau Mary, bei der sicher auch etwas von Eastwoods eigenen Frauengeschichten (Earl hat ganze zwei (!) Dreier mit jungen Frauen im Verlauf des Films), vor allem mit der kürzlich verstorbenen Sondra Locke mitschwingt. Dass Earl jemand ist, der auch mit 90 Jahren überhaupt keinen Gedanken daran verschwendet, mit der Arbeit und dem aktiven Leben aufzuhören, ist dann sicher auch kein Zufall angesichts Eastwoods einmaligem Arbeitsethos und Lebensstil. „The Mule” wird so zu einem weit wahrhaftigeren und zarteren Film, als er es in den Händen von anderen Filmemachern geworden wäre.


Fazit:
Mit „The Mule“ präsentiert Clint Eastwood eine erstaunliche Geschichte in wunderbar entschleunigter und überraschend amüsanter Form. Dennoch erzeugt Eastwood, der hier nochmal in einer starken Hauptrolle glänzen darf, subtile Spannung und letztlich auch eine wahrhaftige Note über den Wert der Familie, die nachhallt.
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Bilder © Warner Bros.