Nymph()maniac (Teil 2)

Nymphomaniac: Volume II (2013), Deutschland / Dänemark / Frankreich
Laufzeit: - FSK: 16 - Genre: Drama / Special Interest
Kinostart Deutschland: - Verleih: Concorde Filmverleih GmbH

Nymph()maniac (Teil 2) Filmplakat -> zur Filmkritik

Inhalt

Eine ganze Nacht lang reden Seligman (Stellan Skarsgård) und Joe (Charlotte Gainsbourg) miteinander. Joe erzählt dem Junggesellen, der sie mit in seine Wohnung genommen hat ihre Lebensgeschichte:
Ihre erotischen Abenteuer und schonungslosen Experimente geraten zunehmend zu einem Zwang. Die Schilderung ihrer Suche nach Sex, nach Lust und nach Befriedigung ist für Seligman faszinierend, immer wieder versucht er, Erklärungen zu finden.
Die Kapitel des zweiten Teils sind gefüllt mit Szenen und Assoziationen, mit spielerischen Verbindungen und überraschenden Themen: Zum Beispiel mit mehrstimmigen Orgel-Stücken und drei Männern, mit der Freude und dem Leiden in der orthodoxen und der römischen Kirche, mit realen Körpern und ihren Spiegelungen, bis hin zu schmutzigen Geschäften und der sauberen Handhabung einer Pistole ... und mit starken Emotionen wie Lars von Trier sie perfekt in Szene zu setzen weiß: Eine Herausforderung und ein großes Kinoerlebnis.


Charlotte Gainsbourg, Stellan Skarsgård und Stacy Martin | mehr Cast & Crew


Filmkritik Nymph()maniac (Teil 2)

Filmwertung: | 10/10


"Vergiss die Liebe" steht auf dem Filmplakat unter Lars von Triers "Nymp()maniac" und die Bedeutung der abgebildeten Peitsche wird im zweiten Teil des insgesamt über vierstündigen Werkes klar. Wer sich bereits mit Teil 1 auf die Reise in die seelischen Untiefen der Nymphomanin Joe begeben hat, der wird die Liebe längst vergessen haben. Ab dem 3. April kann man nun in den deutschen Kinos Zeuge werden, wie von Triers Werk seine Kapitel 6 bis 8 entfaltet.

Um die Lebensbeichte der 40-jährigen Joe (Charlotte Gainsbourg), die sie in einer Nacht vor dem älteren Junggesellen Seligman (Stellan Skarsgård) ablegt, in vollständiger Entfaltung verstehen zu können, muss man beide Teile von Lars von Triers "Nymp()maniac" gesehen haben, die zweifellos nur aufgrund der epischen Länge des Gesamtwerkes entstanden sind. In der Obhut Seligmans gibt die zuvor so übel zugerichtete Joe immer tiefere Einblicke in ihre Gefühlswelt, die ihrem Leben als Nymphomanin zugrunde liegt. Während die ersten 5 Kapitel im ersten Teil noch die von Stacy Martin gespielte junge Joe zeigen, ist in den verbleibenden drei Kapiteln im zweiten Teil die von Charlotte Gainsbourg dargestellte ältere Joe zu sehen, die sich letztlich auch in Seligmans Wohnung befindet. Teil 2 setzt am Ende des 5. Kapitels an und zeigt noch die junge Joe, die Jerôme (Shia LaBeouf) in ihrer Beziehung zunehmend sexuell überfordert, wobei auch die erneute Ausweitung ihrer sexuellen Gelüste auf viele Männer keine Lösung darstellt. Besuche bei dem Spezialisten für masochistische Gelüste K (Jamie Bell) verheißen der älteren Joe später, dem Kern ihrer Nymphomanie näher zu kommen. Ein lebensphilosophischer Diskurs zwischen Joe und Seligman entsteht.

Im zweiten Teil des in Belgien und Deutschland gedrehten Werks "Nymp()maniac" entfaltet sich die Kongenialität der künstlerischen Extreme des dänischen Regisseurs Lars von Trier und der großartigen französischen Schauspielerin Charlotte Gainsbourg, der als Tochter des früher als nicht minder exzentrisch geltenden Serge Gainsbourg das Interagieren mit schwierigen, aber künstlerisch höchst anspruchsvollen Männern im Blut zu liegen scheint. Dem Zuschauer wird im 2.Teil deutlich, dass sich die Vorausschau, die Fortsetzung würde noch expliziter und verstörender sein, auf die psychologische Komponente bezieht. Den körperlich anstrengenderen Part im Sex-Marathon hatte Stacy Martin in den Rückblenden des ersten Teils zu absolvieren, während die sexuellen Aktionen der älteren Joe nun zwar wesentlich exotischer sind, dafür aber weniger schockieren, da sie nun verstärkt eine psychoanalytische Rückkoppelung im Dialog zwischen Joe und Seligman offenbaren. In Teil 2 nähert sich die im ersten Teil noch als naiv dümmlich etablierte Joe dem intellektuellen Niveau Seligmans an und übertrumpft ihn sogar, als er mit seinen metaphorischen Anmerkungen an Grenzen stößt. Der längst auf Augenhöhe stattfindende Dialog verdeutlicht zunehmend Joes desillusionierte zwischenmenschlichen Ansichten, die aus ihrem Munde plötzlich richtiger erscheinen als Seligmans philosophischer menschheitsbejahender Ansatz.

Wer also in Erwartung nahtloser Fortführung Joes schmerzlicher, körperlich abgebildeter Selbstmalträtierung an die Fortsetzung herangeht, dem werden zunächst auch sexuelle Eskapaden geboten, die zum Lachen anregen. Etwa wenn Joe noch in Begleitung von Jerôme im Restaurant diverse Eislöffel in ihrem Unterleib verschwinden lässt oder wenn sie zwei farbige Zeitgenossen in ihr Zimmer holt, die mit entblößter Gerätschaft dann jedoch um die Aufteilung der zu penetrierenden Körperöffnungen Joes streiten. Für eine nicht minder glanzvolle Episode muss Joe des Nachts von 2 bis 6 Uhr bei dem hervorragend von Jamie Bell gespielten professionellen Auspeitscher K vorstellig werden, um sich arretieren und im Stile Jesu Christi römisch bestrafen zu lassen, wobei der Feuchtigkeitsgrad zwischen ihren Beinen K Auskunft über das Gelingen seiner Arbeit gibt. Doch da ist auf eigenartige Weise längst klar, dass hier kein Porno mehr läuft, sondern ein gekonnt durchdekliniertes Psychogramm, das narrative, künstlerische und filmische Unschlagbarkeit erlangt hat. Im Schlussteil gibt von Trier dann ein Plädoyer für Frauen ab, indem Seligman sagt, dass alles Joe geschehene nicht der Rede wert wäre, würde es ein Mann resümieren, womit er verdeutlicht, welche moralische Last eine Frau zu tragen hat. Bevor Joe sich am Ende der Nacht schlafen legt, nennt sie Seligman ihren besten, ihren ersten Freund. Als Kontrapunkt dazu gleicht die Schlusssequenz danach der Detonation einer Bombe im zarten Gefüge aufkeimender Menschlichkeit.

Lars von Triers psychologische Studie über die Nymphomanin Joe ist vielmehr ein Blick auf die abgrundtief moralisch verlogene Welt um sie herum. Er beweist einmal mehr, dass er die Menschen kennt, sie liebt, sie hasst.

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Bilder © Concorde Filmverleih GmbH