Nymph()maniac (Teil 1)

Nymph()maniac (Teil 1) (2013), Deutschland / Dänemark / Frankreich
Laufzeit: - FSK: 16 - Genre: Drama / Special Interest
Kinostart Deutschland: - Verleih: Concorde Filmverleih GmbH

Nymph()maniac (Teil 1) Filmplakat -> zur Filmkritik

Inhalt

An einem kalten Winterabend findet Seligman (Stellan Skarsgård) in einer kleiner Seitenstraße die halb-bewusstlose, offensichtlich zusammengeschlagene Joe (Charlotte Gainsbourg). Er nimmt sich ihrer an, bringt sie zu sich nach Hause und pflegt die Frau. Als sie wieder zu sich kommt und Seligman sie fragt, was passiert sei, erzählt Joe nach einigem Zögern dem fremden Mann ihre Lebensgeschichte. Und dies ist die Geschichte ihrer Sexualität, ihrer zahllosen erotischen Erlebnisse, mutig und albern, lustvoll und quälend, beiläufig und zwanghaft, eine Zumutung und eine Befreiung.
Zunächst geht es um die junge Joe (Stacy Martin) und ihren Sex, schonungslos, berührend, verstörend, packend. Erzählt in Kapiteln, mit Assoziationen und Rückblenden, stellt der Film überraschende Verbindungen her: In Teil Eins zwischen Schokolade und Männern im Zug, zwischen Fliegenfischen und der Suche nach Männern, zwischen Lust und Eifersucht, zwischen Zeitmanagement und zerbrochenen Eiern, zwischen Bäumen und Delirium tremens. Ein großes Kino Erlebnis, das neugierig macht auf mehr.


Charlotte Gainsbourg, Shia LaBeouf und Uma Thurman | mehr Cast & Crew


Filmkritik Nymph()maniac (Teil 1)

Filmwertung: | 9/10


Ein T-Shirt mit der Aufschrift "Persona non grata" trug der dänische Regisseur Lars von Trier, als er mit dem ersten Teil seines neuen Films "Nymph()maniac" im Gepäck bei der diesjährigen Berlinale erschien und spielte damit auf seinen allseits bekannten kleinen verbalen Fehltritt bei den Filmfestspielen in Cannes an. Für kontroverse und diskutable Filme stehende Festivals können es sich jedoch kaum erlauben, einen kreativen Regisseur wie von Trier dauerhaft zur unerwünschten Person zu erklären und so war die in Berlin präsentierte ungekürzte Fassung des ersten Teils ein wahres Highlight. Die gekürzte, den wesentlichen Inhalt aber nicht minder transportierende Fassung von Teil 1 startet nun gleich im Anschluss an die Berlinale am 20. Februar in den deutschen Kinos, bevor Teil 2 dann am 3. April kommt.

"Wenn Du weinst, geht es mir gut. Die Hand Deiner Angst füttert mein Blut", so die harten Klänge von Rammstein, als Seligman (Stellan Skarsgård) die übel zugerichtete Joe (Charlotte Gainsbourg) in einer Gasse findet und sie mit nach Hause nimmt, wo zwischen beiden ein Gespräch beginnt, in dem Joe ganz offen von ihrer Sexsucht erzählt. In Rückblenden sieht der Zuschauer Joe als kleines Mädchen (Maja Arsovic), als Jugendliche (Stacy Martin) und Gainsbourg als Erwachsene, die in Teil 1 nur als Erzählerin zu sehen ist. Während Seligman den intellektuellen Part gibt und Joes Schilderungen mit philosophischen Weisheiten angefangen vom Fliegenfischen bis hin zu Bach begleitet, ist die Figur der Joe eher einfach gestrickt. Sie erzählt, wie sie als 2-jährige ihre Möse entdeckte, oder schildert ihre Entjungferung in einer kleinen Mopedwerkstatt, die im mathematischen Stile 3 plus 5, dreimal von vorne und fünfmal von hinten, gezeigt wird.
Später geht sie mit ihrer Freundin in Fick-mich-Klamotten, wie die Mädchen es nennen, auf eine Zugfahrt und wettet um eine Tüte Schokolinsen, wer dort mit den meisten Männern in sexuellen Kontakt tritt, wobei der Zwischenstand wie ein Sportergebnis auf der Leinwand angezeigt wird. In insgesamt acht Kapiteln, von denen fünf im ersten Teil behandelt werden, begleitet der Zuschauer Joe als Nymphomanin von der Geburt bis ins späte Erwachsenenalter und wird Zeuge aller Facetten erotischer Ausschweifungen.

Der dänische Regie-Exzentriker Lars von Trier hat nach seinen jüngeren Werken "Antichrist" (2009) und "Melancholia" (2011) nun zum dritten Mal in Folge Charlotte Gainsbourg angerufen und sie auch für sein Projekt "Nymph()maniac" gewonnen. Man sagt, von Trier braucht eine Frau, um seinen Werken Seele einzuhauchen, beneidet und hasst sie dann dafür und muss sie deshalb beim Dreh künstlerisch zerstören. Die Diskussion um das in Belgien und Deutschland gedrehte skandalumwobene Pornodrama geht seit Monaten durch die Medien und bescherte von Trier so eine glänzende Promotion. Zuschauer bestritten nach ersten Vorführungen oft, einen irgendwie gearteten Porno gesehen zu haben, wohl um nicht in Verdacht zu geraten, prüde oder uncool zu sein. Von Trier dürfte das amüsieren, informierte er doch Gainsbourg vorher telefonisch, dass er einen Porno mit ihr drehen will, und bat auch Stellan Skarsgård explizit um Mitwirkung an seinem neuen Porno mit dem Hinweis "aber deine Rolle sieht nicht vor, dass du ficken darfst." Ein Genie, wie von Trier muss eben nicht um den heißen Brei herum reden, um Stars an Land zu ziehen, wie es ihm hier mit Uma Thurman, Christian Slater oder Stacy Martin gelang. Die Britin feiert ihr Leinwanddebüt, doch die Bemerkung, ihr Name wird nun in aller Munde sein, verkneift man sich angesichts der im Film gezeigten Bilder lieber. Shia LaBeouf zeichnet als Jerôme für das unromantische erste Mal der adoleszenten Joe verantwortlich. Nach seiner Aussage erfolgte die Bewerbung um seine Rolle bei Herrn von Trier nicht schulmäßig mit tabellarischem Lebenslauf, sondern mit einem Foto seines Geschlechtsteils.

Wer sich die Nägel der linken Hand vor denen der rechten Hand schneidet, lebt unbeschwerter. Derartige Lebensphilosophien webt Seligman alias Skarsgård in die Handlung ein, während sich Nymphomanin Joe irgendwann im "Land der Schwänze" verliert. Während die Anmerkungen des Feingeistes ein Genuss sind, sind die Schilderungen der wenig intelligenten Joe Schmerz pur, ohne aber Mitleid zu erwecken. Von Trier etabliert Joe als Dummchen, das außer Sex nichts im Leben kann, und ermöglicht es damit dem Zuschauer, auf eine fast obszöne Art auf Joe herabzublicken. Acht Männer pro Nacht, wenn logistisch möglich zehn sexuelle Befriedigungen pro Tag. Doch seinen ganzen Zynismus und Weltekel wirft von Trier in eine Szene, in der Uma Thurman als verlassene Ehefrau eines Joe verfallenen Mannes mit dessen drei Kindern in Joes Liebeshöhle auftaucht, um den Kindern das "Bett der Hurerei" zu zeigen und ein höhnisches und verzweifeltes Szenario heraufzubeschwören. Doch rückblickend zeigt Joe auch dafür keine Reue, war es doch ihre Mission, die Liebe und das Leben zu zerstören. Selbstredend, dass sie damit auch ihre eigene Fähigkeit zu Glück zerstört und die immer wieder seriell dargestellten Sexakte bei ihr zu Einsamkeit führen. Ein Bild des Jammers geben dabei auch die Männer ab, die fortwährend denken, Joe etwas Tolles, gar Einmaliges zu bieten, im Endeffekt aber nur wie Zuchtbullen in Reagenzgläser abspritzen. Ein Porno ist von Triers Drama, wie er selbst mehr oder minder zynisch sagt. Ein philosophisches Filmerlebnis dazu. Eigenartig unsexy auch, weil man einer Suchtkranken zusieht, bei deren Offerten man als Mann eher eine Gänsehaut bekommen müsste, als einen gewaltigen Ständer.

"Nymph()maniac 1" ist Lars von Triers Einleitung in ein tiefgründig philosophisches Pornodrama, das anhand von Joes Orgien zynisch und mit Weltekel eine hässliche Seite von Liebe zeigt. Teil 2 soll an Deutlichkeit noch zulegen und die verstörende Dosis des Gesamtwerkes erhöhen.

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Bilder © Concorde Filmverleih GmbH