Ein verborgenes Leben

A Hidden Life (2019), Deutschland / Zypern
Laufzeit: - FSK: 12 - Genre: Drama / Biographie / Romanze
Kinostart Deutschland: - Verleih: Pandora

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Ein verborgenes Leben Filmplakat -> zur Filmkritik

Inhalt

EIN VERBORGENES LEBEN erzählt die Geschichte eines weithin unbekannten Helden. Der österreichische Bauer Franz Jägerstätter weigert sich standhaft, für die Wehrmacht zu kämpfen. Selbst im Angesicht der drohenden Hinrichtung bleibt er bis zuletzt davon überzeugt, seinem Gewissen folgen zu müssen. Getragen wird er von seinem tiefen Glauben und der unerschütterlichen Liebe zu seiner Frau Fani und den drei Kindern.
August Diehl und Valerie Pachner verkörpern Franz Jägerstätter und seine Frau Fani emotional aufwühlend, mit sensibler Präsenz und leidenschaftlicher Hingabe. Kameramann Jörg Widmer schuf dazu Bilder von poetischer Eleganz. Terrence Malicks unerschöpfliches Interesse am inneren Kampf seiner Hauptfigur macht EIN VERBORGENES LEBEN zu einem allegorischen Widerstandsdrama über Mut und den Kampf gegen das Böse.


August Diehl, Valerie Pachner und Matthias Schoenaerts | mehr Cast & Crew


Ein verborgenes Leben - Trailer




Filmkritik Ein verborgenes Leben

Filmwertung: | 8/10


Lange Zeit war er regelrecht verschollen, jetzt dreht er die letzten paar Jahre gefühlt einen Film nach dem anderen: Die Rede ist von Regie-Poet Terrence Malick, der mit „Badlands“ und „In der Glut des Südens“ als eine der bemerkenswertesten neuen Regie-Stimmen der 70er Jahre emporstieg und zwanzig Jahre verschwand, bis er 1998 mit „Der schmale Grat“ sein fulminantes Comeback feierte. In den letzten acht Jahren polarisierte er mit ganzen vier impressionistischen Experimentalfilmen, die von den einen verehrt und von den anderen als prätentiöser Quatsch abgetan werden. War sein letzter Film „Song to Song“ sein bisher wohl improvisiertestes und zusammenhanglosestes Werk, versprach er mit „Radegund“ wieder einer strukturierteren Form zu folgen. Mittlerweile heißt dieser Film „Ein verborgenes Leben“ und löst dieses Versprechen grundsätzlich ein. Dennoch beinhaltet seine Abhandlung über den österreichischen Kriegsdienstverweigerer und Märtyrer Franz Jägerstätter all seine stilistischen wie thematischen Markenzeichen, die aus „Ein verborgenes Leben“ alles andere als einen konventionellen Film machen.

Sankt Radegund, Österreich im Jahr 1939. Das zwischen Salzburg und Braunau am Inn gelegene Dörfchen ist die personifizierte Postkarten-Idylle. Hier verbringt der Bauer Franz Jägerstätter (August Diehl) mit seiner Frau Franziska (Valerie Pachner) und später ihren drei Töchtern ein friedliches und einfaches Leben, das just durch den Kriegseintritt von NS-Deutschland zerrüttet wird. Der streng christliche Franz akzeptiert noch die militärische Grundausbildung, bleibt aber nach seiner Rückkehr nach Hause prinzipientreu und entscheidet sich gegen die Unterstützung des Kriegsapparats. Mit seinem unterlassenen Treueschwur auf Hitler macht er sich dann auch spätestens zum Feind der kleinen Gemeinde. Seine Familie und er werden zunehmend von den Bewohnern mit Argwohn und Ablehnung betrachtet, jedoch hält Franz an seiner Überzeugung fest. Auch bei seiner Einberufung in den Wehrdienst versucht Franz bis zur obersten Instanz der Kirche um Rat zu fragen, stellt jedoch fest, dass auch diese Institution schon unterlaufen wurde und ihm keine Hilfe sein kann. Franz bleibt seinem Gewissen treu und akzeptiert schließlich die Haftstrafe, die früher oder später sogar seinen Tod bedeuten könnte…

Fani Jägerstätter (Valerie Pachner) und Franz Jägerstätter (August Diehl)
Fani Jägerstätter (Valerie Pachner) und Franz Jägerstätter (August Diehl) © Pandora Film Medien
„Ein verborgenes Leben“ überwältigt zunächst mit der von Malick gewohnt frei umherschwebenden weitwinkligen Kameraarbeit, die das ländliche, in imposante Alpenlandschaften eingebettete Dorfleben impressionistisch einfängt. In natürlichem Licht gebadet, erlebt man hier eine längst vergangene Zeit förmlich als körperliche Erfahrung: Man riecht förmlich das Holz der einfachen Hütten, die frische Bergluft, das saftige Gras und den Regen, der aus mächtigen Wolkenformationen niederprasselt. Die Kamera folgt seinen Protagonisten, erforscht die Umgebung und die Menschen. Malick zeigt seine Figuren in ihrem landwirtschaftlichen Alltag, folgt ihnen beim Umherschweifen, Herumtollen und Zusammensein, er liegt mit ihnen im Gras, zeigt Berührungen und Zärtlichkeit, einen Einklang mit sich, seinen Lieben und der Natur.

Malick und sein Chefkameramann Jörg Widmer erschaffen hier eine gewohnt meditative und eindrucksvolle Vision, die in Mark und Bein übergeht. Gepaart mit der klassischen Musik von Bach, Beethoven, Górecki oder Arvo Pärt und dem beeindruckenden Score von James Newton Howard sowie den gewohnt philosophischen Erzählstimmen bewegt „Ein verborgenes Leben“ schon auf rein filmischer Ebene. Doch diesmal profitiert Malick auch von einem starken erzählerischen Kern, der den Film behutsam vorantreibt und auch dramaturgisch zum ergreifenden Ereignis macht. Franz Jägerstätters Glaubens- und Prinzipienfrage, seine stets voranschreitende Seelensuche und die Frage nach dem Vorhandsein eines freien Willens machen aus „Ein verborgenes Leben“ einen starken wie zeitgemäßen Stoff. Was bedeutet es, statt den einfachen Weg der Folgsamkeit den steinigen des Widerstands zu gehen? Was geschieht, wenn man statt „Ja“ eben „Nein“ sagt und sich seinen Prinzipien und seiner Moral treu bleibt?

Fani Jägerstätter (Valerie Pachner) mit Rosi Jägerstätter (Ida Mutschlechner) und Maridl Jägerstätter (Maria Weger)
Fani Jägerstätter (Valerie Pachner) mit Rosi Jägerstätter (Ida Mutschlechner) und Maridl Jägerstätter (Maria Weger) © Pandora Film Medien
Franz Jägerstätter wird hier nicht als offensichtlicher Held gefeiert. Der Film zeigt immer wieder Gespräche, bei denen er von autoritären Figuren umgestimmt werden soll. Eine Unterschrift genügt und er ist ein freier Mann. Man stellt wiederholt die Frage, was dieser Widerstand denn bringt, da ohnehin nie jemand von Jägerstätter erfahren wird. Doch darum geht es dem stillen Landwirt nicht, auch wenn er seine Motivation nie plump und direkt ausspricht. Der Film argumentiert schließlich, dass es eben diejenigen sind, die ein verborgenes Leben führten, auf deren Vermächtnis das Gute der Welt fundiert. Jägerstätter ist kein Mann der großen Worte, er versucht gar nicht erst für sich und gegen die NS-Ideologie zu argumentieren. Im ganz existenzialistischen Sinne ist er ein Mann, der sich durch seine Taten definiert, der standhaft bleibt, auch wenn er dadurch untergeht und sogar seine Familie zurücklassen muss.

Auf die Fremdenhass-Ideologie, die etwa sein einstiger Freund und Bürgermeister von Sankt Radegund (Karl Markovics) von sich gibt, reagiert Jägerstätter zunächst mit Schweigen. Ob diese Worte, die zum Inhalt haben, dass ihr Land von parasitären Eindringlingen befallen wird, einen bewusst warnenden Bezug zur Gegenwart aufbauen sollen, ist unklar. Jedoch hallen diese Worte besonders nach und lassen die Märtyrerfigur Franz Jägerstätter natürlich in einem unzweifelhaften Licht dastehen. Gerade in dieser Zeit erscheint eine klare Haltung gegen Fremdenhass so wichtig und auch wenn „Ein verborgenes Leben“ weit davon entfernt ist, ein plumper Botschaftsfilm zu sein, verfügt er über eine große und sehr nachdenklich machende thematische Resonanz.

Franz Jägerstätter (August Diehl)
Franz Jägerstätter (August Diehl) © Pandora Film Medien
Bei all den berauschenden und impressionistischen audiovisuellen Welten und der ergreifenden Geschichte, die Malick hier erzählt, darf dennoch die Frage gestellt werden, ob er dafür wirklich 173 Minuten benötigt. Fast schon bewusst scheint Malick die Geduld des Zuschauers ausreizen zu wollen. So dauert es nicht allzu lange, bis die visuellen Muster trotz ihrer Schönheit repetitiv erscheinen und der Eindruck entsteht, dass man erzählerisch auf der Stelle tritt. Immer wieder schweifen die Figuren umher, immer wieder blickt Franz nachdenklich in die Ferne, während im Voiceover Seelen- und Sinnsuche betrieben wird. Lange Konversationen gibt es selten, wodurch sich Malick seiner eher traumartigen Gestaltung treu bleibt. Gelegentlich kommt es zu wirkungsvollen Gastauftritten deutschsprachiger Schauspielprominenz, etwa von Tobias Moretti als sympathisierender örtlicher Priester über Alexander Fehling als Jägerstätters Pflichtanwalt, Bruno Ganz als Richter bis zu Franz Rogowski als lebensfroher Mitgefangener.

Vielleicht ist die nahezu exzessive Länge dann auch Mittel zum Zweck, soll spürbar machen, in welchem spirituellen Existenzkampf sich Jägerstätter befindet. „Ein verborgenes Leben“ ist kein Film, der einfache Fragen stellt und ganz sicher auch keine einfachen Antworten geben will. Er konfrontiert den Zuschauer quasi selbst damit, Seelensuche zu betreiben, um sich die Frage zu stellen, wie man in Jägerstätters Situation handeln würde. Auch wenn das letztlich nicht bequem ist und Geduld wie Anstrengung erfordert, erweist sich der Film letztlich als kathartisches Erlebnis. Man tritt dann schließlich ein Stück weit verändert nach draußen und nimmt die Welt erst mal anders wahr. So gelang Malick trotz zumindest scheinbar überzogener Länge eines seiner besten und vielleicht wichtigsten Werke, das lange nachwirkt, sofern man sich denn dafür öffnen möchte.

Fazit:
„Ein verborgenes Leben“ erweist sich als anspruchsvolle und meditative Seelensuche mit starkem erzählerischen und thematischen Kern in gewohnt impressionistischen Bildern. Bei 173 Minuten mag Terrence Malicks Film durchaus in visueller wie erzählerischer Hinsicht repetitiv erscheinen, jedoch wird so auch hohe Aufmerksamkeit und eigene Seelensuche eingefordert.
by Florian Hoffmann

Bilder © Pandora