Judgement - Grenze der Hoffnung

Judgement - Grenze der Hoffnung (2014), Deutschland / Bulgarien / Kroatien
Laufzeit: - FSK: 12 - Genre: Drama
Kinostart Deutschland: - Verleih: Farbfilm

Judgement - Grenze der Hoffnung Filmplakat -> zur Filmkritik

Inhalt

Ein kleines Dorf an der bulgarisch-türkischen Grenze, hier lebt der Mittvierziger Mityo (Assen Blatechk) mit seinem achtzehnjährigen Sohn Vasko (Ovanes Torosian). Seine Frau Fanka ist vor kurzem gestorben, das Verhältnis zum Sohn ist angespannt. Als Mityo seinen Job als Milchfahrer verliert, steht seine gesamte Existenz auf dem Spiel und es scheint für ihn nur noch einen Ausweg zu geben:
Er nimmt das Angebot seines ehemaligen Armee-Captain (Miki Manojlovic) an. Er soll illegale Flüchtlinge aus Syrien über die nahe Grenze zur Türkei in die EU schleusen. Eine folgenschwere Entscheidung. Der Weg führt durch das Grenzgebiet am sogenannten Judgment-Felsen vorbei, der Mityo immer wieder an ein schreckliches Ereignis während seiner Militärzeit an der härtesten Grenze des Kalten Krieges erinnert: Jetzt hilft Mityo Menschen die Grenze zu überwinden, die er einst mit brutaler Waffengewalt verteidigt hat und wird dabei von den Schatten der Vergangenheit heimgesucht.


Miki Manojlovic, Assen Blatechki und Ovanes Torosian | mehr Cast & Crew


Filmkritik Judgement - Grenze der Hoffnung

Filmwertung: | 8/10


Der Film vom bulgarischen Regisseur Stephan Komandarev (Die Welt ist groß und Rettung lauert überall) wurde in Deutschland, Kroatien und Mazedonien mitproduziert. Die Idee für dieses Projekt, das von vielen wahren Geschichten der Grenzbewohner inspiriert ist, entstand bereits 2002/2003, als der 49-jährige Komandarev in dieser Region Dokumentarfilme drehte und mit den Bewohnern ins Gespräch kam.
Der Name des Filmes bezeichnet einen besonderen Stein. Die englische Übersetzung „Judgement“ des bulgarischen Wortes „Sadilishteto“ ist etwas ungenau, heißt die korrekte Bezeichnung doch Opfer- oder Richtplatz. An diesem Ort geschahen in der Vergangenheit viele schreckliche Dinge, die in Komandarevs Werk angedeutet werden.

In einem kleinen bulgarischen Dorf an der Grenze zur Türkei herrscht Tristesse und Ausweglosigkeit. Jeder, der kann, verlässt diesen hoffnungslosen Ort. Mitio (Assen Blatechk) kann es nicht. Der Mitvierziger arbeitete hier bis vor kurzem in der Molkerei, die allerdings schließen musste. Ein neuer Job ist nicht in Aussicht. Sein 18-jähriger Sohn Vasko (Ovanes Torosian) hält ihn zudem einen Verlierer, ist gefrustet von seinem Leben. Auch Mitio ist verzweifelt. Denn wenn er keine 7000 Euro auftreiben kann, wird sein Haus zwangsversteigert. Der „Kapitan“ (Miki Manojlovic) bietet ihm einen gut bezahlten, aber gefährlichen Job als Schleuser für Flüchtlinge an – wegen der guten alten Zeiten. Mitio möchte eigentlich nicht annehmen, doch ihm bleibt keine andere Möglichkeit. Vasko verliebt sich derweil in seine neue Mitschülerin Maria (Ina Nikolova) und deckt nach und nach gut gehütete Geheimnisse Mitios auf.

Die Geschichte ist hervorragend umgesetzt. Es entwickelt sich bereits nach kurzer Zeit eine bedrückende, melancholische Stimmung, die von der gefühlvollen Musikuntermalung und den heruntergekommenen, tristen Locations zusätzlich verstärkt wird. Auch deshalb berührt der Film und geht zu Herzen. Denn er mutet seinen Protagonisten viel zu. Dadurch bedingt wird eine klug vorangetriebene Ereigniskette ausgelöst, die „Judgement“ auch zu einem spannenden, kurzweiligen und unterhaltsamen Werk macht. Bemerkenswert ist außerdem, dass Komandarev die aktuelle und hochbrisante Geschichte aus einem anderen Blickwinkel, dem eines Schleusers und seiner Familie, betrachtet. So lernt der Zuschauer eine neue Sichtweise kennen. In vielen anderen Filmen sind die Schleuser meist ausschließlich bösartige, undifferenzierte Menschen. Hier wird feingliedriger vorgegangen, was „Judgement“ ebenfalls zugutekommt.
Die Figuren sind allesamt sehr gut gezeichnet. Die Beweggründe bleiben durchgehend nachvollziehbar und verständlich. Dank des starken Drehbuchs haben auch die Nebencharaktere eine beachtenswerte Tiefe und bleiben nachhaltig im Gedächtnis haften. In Bulgarien läuft der Film bereits seit einiger Zeit, heizte dort die Diskussion um die Flüchtlingsproblematik im Land an und stellte einem großen Publikum viele wichtige Fragen. Denn Bulgarien ist mit dem aktuellen Flüchtlingsstrom, der immer größer wird, überfordert und viele Menschen des Balkanlandes verdrängen diesen dringend zu diskutierenden Punkt aus ihren Gedanken. „Judgement“ sorgte dafür, dass viele Menschen über die aufgeworfenen Fragen nachdenken. Dieses Ziel hat der Film demnach erreicht. Das liegt auch daran, dass der Film die universellen Themen Schuld, Existenzangst, Vergebung, Versöhnung, Familienprobleme, Tod, Mord und die Entvölkerung ländlicher Gegenden behandelt. Und dies sind nur einige Themen dieses bedeutungsschweren Filmes.
Komandarev gelingt es des Weiteren, den Balanceakt aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft eines Menschen zu finden und dies zu einem großen Ganzen zusammenzufügen. Denn während früher viele Flüchtlinge aus Bulgarien reisten, kommen nun immer mehr Flüchtlinge aus anderen Ländern in das EU-Land. Als einzige kleine Schwäche der Storyline könnte man das Ende nennen, das vorhersehbar ist. An der kraftvollen Bedeutung ändert das aber nichts.

Die einheimischen Schauspieler können allesamt überzeugen, auch wenn einige mimisch ziemlich begrenzt sind.
Es gibt allerdings zwei Kategorien, die die Wertung nach unten ziehen. Zum einen die schlechte, ausdruckslose, amateurhafte deutsche Synchronisation, die viel Atmosphäre kostet, weil sie zusätzlich nicht lippensynchron ist. Zum anderen die immer wieder stark ruckelnde Kameraführung, durch die der Zuschauer teilweise die Übersicht verliert. Das sind allerdings die einzigen Schwächen dieses zu empfehlenden Filmes.


Fazit:
Bedrückender, wichtiger Film, der viele aktuelle und brisante Themen behandelt und von einem anderen Standpunkt beleuchtet.
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Bilder © Farbfilm