Tom Shadyac

Tom Shadyac ©Universal Pictures

Daten und Fakten

Geburtstag:
11.12.1959
Geburtsort:
Falls Church, Virginia, USA


zum Interview mit Tom Shadyac

Filmographie Tom Shadyac

Tom Shadyac hat in folgenden Filmen mitgewirkt, als:


Regisseur:


I Am
I Am
(2010)


Produzent:





Interview mit Tom Shadyac

"I AM" Interview: Regisseur Tom Shadyac glaubt an den Himmel auf Erden
"Das Himmelsreich ist nicht da draußen, es liegt in unserem Inneren."

Einige Kritiken zu I AM bemängeln, dass "die Welt etwas komplexer ist" als in I AM dargestellt. Inwieweit lässt sich das für Sie nachvollziehen?
Ich denke, es ist eine Wahnvorstellung der Gesellschaft, dass ein liebevolles Miteinander kompliziert ist. Vielleicht sind viele Zusammenhänge der Welt komplex, aber ihre Probleme sind es nicht. Sogar Einstein sagte, je mehr man ein Problem verkompliziert, desto weiter entfernt man sich von seinem Ursprung. Je einfacher man etwas betrachtet, desto tiefgründiger wird man es finden. Alles beginnt doch damit, wer man ist. Etwas zum Positiven zu verändern, beginnt nicht auf Staatsebene oder mit Gesetzen, es beginnt mit der Idee zu lieben. Darum geht es in I AM.

Halten Sie es für möglich, dass einige Menschen eine "komplexe" Wahrheit einer "einfachen" bevorzugen, weil ein einfacher Sachverhalt für jeden zugänglich ist und vom Einzelnen Handeln fordert?
Ja, ich denke, das stimmt. Je komplizierter ein Sachverhalt, desto weniger fühlt der Einzelne sich angesprochen, selbst etwas zu tun. Ein komplexer Sachverhalt zieht Leute nicht nur aus der Verantwortung, sondern entmachtet sie sogar, weil sie denken, dass sie als Einzelner ohnehin nichts verändern können. Aber nichts könnte der Wahrheit weiter entfernt sein als das: wenn man beginnt zu sagen ICH BIN die Lösung und schließlich wir sind die Lösung, dann passieren Dinge, die die Welt verändern.

I AM nennt Seperation als eines der größten Probleme unserer Zeit. Viele Philosophen halten das Zerlegen der Welt in ihre Komponenten für eine Fehlfunktion unseres Gehirns. Würden Sie dem zustimmen und den Verstand als Dilemma des Menschen bezeichnen, das es zu überwinden gilt?
Es ist mit Sicherheit auf unseren Verstand zurückzuführen, dass wir Dinge getrennt voneinander und in räumlicher Unabhängigkeit betrachten. Wie Einstein sagte, ist das eine Illusion der menschlichen Wahrnehmung, es ist nicht die Realität. I AM will die wirkliche Realität zeigen. Durch Physik und andere Wissenschaften versucht der Film zu beweisen, dass alles miteinander verbunden ist: es gibt kein Ende von Ich und keinen Anfang von Du, weil wir Eins sind. Unsere Energien beeinflussen einander und einfach alles auf der Welt. Sobald wir einen einzelnen Gegenstand betrachten, begeben wir uns in eine Illusion. Wenn wir noch weiter gehen, lässt sich sogar sagen, dass nichts etwas anders berührt: wenn ich einen Stuhl anfasse, dann berühre ich ihn in der Realität nicht, ich spüre ihn durch elektromagnetische Energien, die an mich zurückgegeben werden. Nichts ist, wie es dem Menschen erscheint und der menschliche Verstand als Konstrukteur all unserer Illusionen wird uns hier nicht weiterhelfen können. Wir müssen uns auf unser Herz konzentrieren, weil unser Herz die Wahrheit kennt.

Haben wir also alles, das wir wissen müssen und sogar noch mehr, direkt in uns?
Absolut. Das ist es, was schon mystischer Dichter Kabir gesagt hat: Wenn du die Antwort willst, such sie in dir selbst. Wer auszieht, um das Himmelsreich zu suchen, der wird es nicht finden, denn das Himmelsreich ist nicht da draußen, es liegt in unserem Inneren.

Es ist weitverbreiteter Glaube, dass wir nach dem Tod in die Einheit des großen Ganzen zurückkehren. Wenn wir es schaffen, noch im Leben die Illusion der Seperation zu überwinden, lässt sich dann in diesem Sinne vom Himmel auf Erden sprechen?
Ich spreche in diesem Sinne definitv davon. Ich glaube daran, dass sich der Himmel im Hier und Jetzt befindet. Ich bin nicht der Meinung, dass man auf ihn warten muss, bis die Körperlichkeit endet und wir in die nächste Dimension oder was auch immer uns nach dem Tod erwarten wird, weiterzieht. Ich denke vielmehr, dass der Himmel für jeden jederzeit beginnen kann, wir müssen uns nur für ihn entscheiden und entsprechend leben.

Sie haben bereits erwähnt, dass I AM wissenschaftlich beweist, wie falsch die vorherrschende Vorstellung der Seperation oder der menschlichen Natur ist. Das impliziert, dass der Mensch seine eigene Natur nicht mehr spürt und sich auf die Wissenschaft berufen muss, um sich selbst zu erkennen. Hat der Mensch also den Kontakt zu seinem Innersten und zu allen anderen Lebewesen verloren?
Ja, so ist es. Wir leben in Unbewusstsein, es ist als ob wir Schlafen würden. Die Urvölker hatten ein dutzend Mal höheres Bewusstsein als wir es haben. Sie waren sich der Vernetzung aller Dinge bewusst. Wir dagegen verlieren den Kontakt zu uns selbst, zu einander und allem um uns herum. Das lässt sich wörtlich nehmen: wir ziehen unsere Nahrung nicht mehr aus dem Boden, wir schöpfen Wasser nicht mehr aus dem Fluss oder jagen Tiere, um sie zu essen - jemand anderes tut es für uns und wir verlieren die direkte Verbindung. Das Technologiezeitalter ist es, was uns in diesem Sinne vor die vielleicht größte Herausforderung stellt, weil wir lieber über einen Bildschirm Kontakt halten und auf den direkten Kontakt mit Anderen nicht mehr angewiesen sind. Aber trotz alledem bin ich überzeugt, dass wir aufwachen werden. Ich denke, wir bemerken langsam, dass ein Mensch mit einer solchen Lebensweise nicht wirklich lebt.

Ein anderer Aspekt, der in I AM behandelt wird, ist Glückseligkeit und die Tendenz der Menschen, sich nicht mehr zu fragen, ob ihr Handeln sie glücklich macht. Woran liegt diese Tendenz Ihrer Meinung nach?
Ich denke, dass man uns von Außen eintrichtert, wie glücklich uns bestimmte Dinge zu machen haben. Wir denken, wenn wir so und so viel Geld machen, wenn wir dieses oder jenes Auto fahren, oder diese riesige Villa kaufen, werden wir glücklich sein. Die Menschen folgen damit der Illusion, dass Glück sich in der äußeren Welt befindet. Glück meint aber Erfüllung, was wiederum vom Wort Füllen abstammt - das alleine impliziert, dass wir Glück nur im Inneren finden können, es füllt unser Inneres an. Glückliche Menschen wenden sich nach Innen und was sie dort finden, ist ihr Herz. Was sie finden, ist Liebe, Liebe zu Personen, aber auch Liebe zu bestimmten Tätigkeiten. Sie entdecken ihre wirklichen Wünsche, ihre Talente und schließlich Möglichkeiten, ihre Talente und Wünsche umzusetzen.

Sie haben nun Beziehungen als einen Faktor zum Glück genannt. I AM führt das weiter und macht klar, dass wir vor allem glücklich sind, wenn wir uns um jemand zweiten kümmern können...
Ja, eine der besten Wege, das eigene Glücklichkeitslevel zu erhöhen, ist es, sich um andere zu sorgen und Beziehungen zu unterhalten. Zwischenmenschliche Beziehungen sind von der größten Kraft überhaupt und sie machen uns vor allem deswegen glücklich, weil sie uns die Möglichkeit geben, uns um etwas zu kümmern, das größer ist, als wir selbst.

Sich in der heutigen Welt um jemanden zu kümmern, scheint auf der anderen Seite schwierig, weil die Menschen oft misstrauisch reagieren. Bietet man einer älteren Frau an, ihre Taschen zu tragen, wird sie durch das menschliche Verhalten der letzten Dekaden wohl eher denken, dass man sie stehlen will. Um die Welt zu verbessern, wie können wir das Misstrauen überwinden, das das menschliche Verhalten bis hierher bereits in den Herzen der Menschen gesät hat?
Ich denke, man überwindet Misstrauen nicht, man schleust sich durch Misstrauen hindurch. Man entwaffnet es. Wenn jemand deine Hilfe zurückweist, dann bietest du dem nächsten deine Hilfe an, irgendwann wird jemand sie annehmen. Oder du probierst es immer und immer wieder bei ein und demselben und irgendwann wird das Misstrauen schwinden. Um etwas zu verbessern, muss man etwas Neues ausprobieren und das setzt immer voraus, dass man bereit ist, sich selbst zu überwinden. In I AM haben wir eine Szene, in der ein Mann Gratis Umarmungen verteilt. Auch er musste sich überwinden und auch er wurde von dem ein oder anderen zurückgewiesen, aber er machte weiter, weil er überzeugt war, dass er das Richtige tut. Solche Situationen geben uns erst das Gefühl, am Leben zu sein.

Es geht also niemals um die Reaktion, sondern einzig um die eigene Aktion?
So ist es. Es ist nicht unsere Aufgabe, die Reaktionen anderer zu kontrollieren oder zu planen. Unsere Aufgabe ist es, das zu tun, was wir als richtig und für eine Verbesserung hilfreich ansehen. Menschen wie Ghandi oder Jesus, die man als heilig bezeichnet, haben immer starke, jedoch genauso gemischte Reaktionen hervorgerufen. Anfangs haben die Leute sich immer durch sie bedroht gefühlt, weil sie für etwas standen und etwas lebten, das ihnen nicht vertraut war. Im Endeffekt ist jegliche Reaktion hier gut. Auch Menschen, die zunächst aufgebracht sind, werden auf jeden Fall dazu gebracht, nachzudenken. Das ist der erste Schritt zur Veränderung. Vielleicht bietest du jemandem an, seine Taschen zu tragen und er reagiert aufgebracht, doch während er nachhause geht, denkt er sich vielleicht: Womöglich wollte diese Person mir tatsächlich helfen, warum habe ich wohl so reagiert?

Der Schlüssel zur Veränderung ist damit also das Einzige zu kontrollieren, das wir kontrollieren können - uns selbst - und alles loszulassen, das sich außerhalb unserer Kontrolle befindet?
Das haben Sie wundervoll ausgedrückt! Das ist nämlich der einzige Weg, Entmutingung auszuschließen. Nimmt jemand nämlich annimmt, es ist seine Aufgabe, die Welt zu verändern und betrachtet er dann die Resultate, dann wird er vielleicht enttäuscht sein. Nimmt er aber an, es ist eine Augabe, leidenschaftlich das zu tun, das er für hilfreich hält und die Resultate loszulassen, dann wird er sich frei fühlen. Manchmal kann man die Resultate auch einfach nicht sehen, obwohl die da sind. In Filmen finden wir etliche Beispiele dafür: jemand tut eine kleine Tat und bemerkt nicht einmal, dass sich etwas verändert hat, aber das hat es. Als Michael J Fox beispielsweise in der Zeit gereist ist, hat er eine Kleinigkeit verändert und 20 Jahre später zeigte sich, dass seine Tat die gesamte Zukunft beeinflusst hat. Einer der Menschen, die ich für I AM interviewt habe, sagte, für ihn sei genau das Glaube. Er sagte, Glaube ist, zu wissen, dass in der Zukunft jemand das Resultat von einfach allem sehen wird, was wir heute tun.

I AM beweist unter anderem, dass unsere Emotionen einen messbaren Effekt auf die Welt um uns haben. Manche Philosophen gehen davon aus, dass eine Emotion, die nicht in eine Handlung transformiert wird, wertlos ist. Wie sehen Sie das?
Ich denke, dass alles Wert hat. Ich glaube, wenn eine Emotion nicht zu einer Handlung führt, dann hat der Fühlende nie vollständig an das geglaubt, was die entsprechende Emotion hervorgerufen hat. Sagt jemand beispielsweise, dass er an Liebe glaubt und handelt er dann nicht in Liebe, dann glaubt er noch nicht genug daran. Wenn jemand nämlich wirklich an etwas glaubt und seine Emotionen ernst nimmt, dann geht es nicht mehr um die Entscheidung, danach zu handeln oder nicht - es geht gar kein Weg daran vorbei, weil es einem ins Fleisch und Blut übergeht. Es wird zur eigenen Persönlichkeit. Folgt einer Emotion also keine Tat, dann würde ich es vielleicht nicht einmal als Emotion bezeichnen, sondern eher als Gedanken. Handelt es sich um eine starke Emotion, dann wird eine Tat folgen.

Alles in Allem fordert I AM jeden dazu auf, etwas zu tun, das ihm positive Emotionen gibt, welche wiederum etwas in der äußeren Welt verändern. Dabei geht es aber weniger darum, etwas zu tun, das man liebt, und eher darum, die Liebe in allem zu finden, das man tut, richtig?
Das könnte ich nicht besser ausdrücken. Auch, wenn Menschen sich in einer schwierigen Situation befinden und das, was sie tun müssen, im Grunde nicht lieben, können sie Liebe in alles legen, das sie tun müssen. Ein wundervoller Satz!

Interview by Sima Moussavian