Jürgen Vogel

Jürgen Vogel ©Siebbi

Daten und Fakten

Bürgerlicher Name:
Jürgen Peter Vogel
Geburtstag:
29.04.1968
Geburtsort:
Hamburg, Deutschland


zum Interview mit Jürgen Vogel

Filmographie Jürgen Vogel

Jürgen Vogel hat in folgenden Filmen mitgewirkt, als:

Darsteller:




Die drei !!!
Die drei !!!
(2019)

Die Welle
Die Welle
(2008)


Emmas Glück
Emmas Glück
(2006)

Gnade
Gnade
(2012)


Hin und Weg
Hin und Weg
(2013)

Hotel Lux
Hotel Lux
(2011)

Keinohrhasen
Keinohrhasen
(2007)

Männersache
Männersache
(2008)

Ostwind
Ostwind
(2013)

Ostwind 2
Ostwind 2
(2014)


Sass
Sass
(2001)

Schoßgebete
Schoßgebete
(2013)

Schwerkraft
Schwerkraft
(2008)

So viel Zeit
So viel Zeit
(2018)

Stereo
Stereo
(2013)


This is Love
This is Love
(2008)

Wo ist Fred?
Wo ist Fred?
(2006)


Produzent:

This is Love
This is Love
(2008)



Interview mit Jürgen Vogel

"Es gibt immer die Möglichkeit, Gnade zu erteilen."
-Hauptdarsteller Jürgen Vogel über seine Auffassung des Films, das menschliche Schuldbewusstsein und das Verzeihen -

Welche Rolle spielte die umliegende Natur für den Dreh von „Gnade“?
Schon eine große. Ich weiß gar nicht, wie ich das am besten sagen soll: das ist schon eine ganz eigene Welt, aber es hat auch etwas von einem Mikrokosmos und der großen, ganzen Welt. Wie eine riesige Familie in einem kleinen Dorf stellvertretend für die eigentliche Welt da draußen, die vielleicht anders strukturiert ist. Ich mag diese Diskrepanz zwischen der Schönheit der Natur und der Brutalität. Die Natur ist dir nicht unbedingt freundlich gestimmt. Wenn du da draußen eine Panne hast oder dir das Benzin ausgeht, du nicht heizen kannst und es kommt niemand vorbei, dann wirst du erfrieren. Wie lange willst du da rumturnen, damit du warm bleibst? Bei minus 40 Grad nachts ist dann irgendwann Ende. So eine Umgebung macht schon irgendetwas mit dir. Dir wird klar, dass es wunderschön ist, Eis zu fischen, aber du bist immer froh, wenn da noch andere sind, damit du dann bei jemand anderem einsteigen kannst, wenn dein Auto nicht mehr wegfährt. Die sind deswegen auch alle sehr hilfsbereit dort. Die kennen das und helfen sich total, da geht es eben um Leben und Tod. Kurz nach unseren Dreharbeiten, als wir gerade weg sind, waren dort mehrere Jugendliche mit dem Schneemobil unterwegs, die sind dann in so einen Sturm gekommen und sind erfroren. Dort ist es irgendwie Alltag, dass die Natur einen auch anfeindet, obwohl sie so wunderschön ist. Das ist schwer zu beschreiben, aber das macht schon auch was mit dir. Da bist du irgendwie auf dich gestellt und fragst dich: wie kämpft man da jetzt dagegen an, wie kriegt man das hin. Das ist einfach sehr existenziell.

Wie aufreibend waren die Dreharbeiten in genau diesem Setting tatsächlich?
Ich friere nicht so gerne. Aber wir hatten gute Klamotten. Trotzdem war es auf jeden Fall eine Grenzerfahrung. Man hat echt aufpassen müssen, dass einem nicht die Hände abfrieren. Es war hart, aber auch interessant. Da waren es permanent mindestens minus 25 Grad, an vielen Tagen auch Minus 37 oder 44. Je nachdem, was für ein Wind da gerade vom Meer kam. Das war Hardcore aber irgendwie auch geil. Danach warst du dann zuhause in deiner Bude und irgendwie warst du froh. Es war ja auch sehr dunkel, ab 3 Uhr war es Nacht. Da bist du ein bisschen mit dir beschäftigt und das war ganz schön. Aber je ernster Filme sind, desto mehr hast du auch Spaß darum herum. Das Team und wir suchen da dann schon einen Ausgleich. Wir hatten schöne Feierabende und so war das insgesamt ein relativ entspannter Dreh.

Ist das Menschenbild von „Gnade“ ein theoretisches Konzept?
Der Mensch an sich macht sich auf dieser Welt von der ersten Sekunde an schuldig. Egal, was du tust: was für den einen toll ist, ist für den anderen schlimm. Alles, was du machst, ist letztendlich falsch und egal, was du dir vornimmst, kannst du es weder irgendjemand anderem noch dir selbst immer recht machen. Wir kommen auf die Welt und machen sofort Fehler, die Frage, auch die des Film ist: wie geht man damit um, was könnte eine Option sein und wie kommen wir aus diesem Schlamassel heraus? Das ist alles eine theoretische, philosophische Frage. Das muss jeder für sich selbst herausfinden. Was ist für dich und dein Existieren auf dieser Welt die beste Möglichkeit, mit dem Leben klarzukommen. Verzeihst du, wenn jemand einen Fehler macht? Manchmal machst du es vielleicht und ein anderes Mal nicht. Da ist dann die Frage, was der bessere Weg war und wie du besser abschließen konntest. Wie lange hat dich der eine Weg beschäftigt und wie lange der andere. Da gibt es ja keine Regel, das ist für jeden unterschiedlich und das ist eigentlich auch das Schöne daran.

Nachdem „Gnade“, ja jedem selbst überlässt, den Protagonisten Gnade zu gewähren – wie sehen Sie selbst das?
Ambivalent. Ich kann das pauschal gar nicht sagen. Das Schöne an diesem Film ist für mich, dass es auch wenn sich das jetzt vielleicht arrogant anhört, immer die Möglichkeit gibt, Gnade zu erteilen und zu verzeihen, egal in welcher Situation. Ich glaube, es ist einfach schön, zu wissen, dass wir diese Option immer haben. Aber Gnade ist für mich nicht unweigerlich notwendig. Ich würde niemanden dazu überreden. In so einer Situation sollte jeder das mit sich selbst ausmachen. Jeder bezahlt für die Entscheidung, die er da trifft, in gewisser Weise ja auch selber.

Ist das menschliche Schuldbewusstsein angeboren oder entwickelt es sich und denken Sie, dass sich Bewusstsein in der modernen Zeit womöglich zurückentwickelt hat?
Ab wann hast du Bewusstsein für das, was du tust – das hat mit Entwicklung zu tun, glaube ich. Da wächst man hinein. Aber es gibt ja Menschen, die sind, man nennt das glaube ich zerquetscht: die sind sich ihrer Schuld bewusst und leiden darunter. Es gibt aber auch Menschen, die dieses Schuldbewusstsein nicht haben, warum auch immer. Wir können das von außen ja auch nicht beeinflussen. Ich glaube, immer schon und in jeder Zeit gab es beides. Gerade jetzt momentan gibt es, wenn man es jetzt zum Beispiel politisch sehen will, eine junge Bewegung, die sich wehrt. Die bilden sich weiter und haben wohl das Gefühl, auch mal ‚nee‘ sagen zu wollen. Es findet heute ja auch viel im Internet statt. Da gibt es immer wieder fast intervallmäßig so eine Kraft. Eine Zeit lang hat man das Gefühl, keiner kriegt mehr irgendetwas mit und das ist eine Scheißzeit, aber dann merkt man wieder: Doch, da gibt es ganz schön viele, die klar denken und sagen – Nee, das will ich nicht –, um dann auch etwas dagegen zu tun. Ich gebe diesen Gedanken nicht auf und ich finde, das war auch schon immer so, dass man mal gedacht hat: Das ist irgendwie alles schlimm. Aber jetzt gerade finde ich es ziemlich gut, dass es vor allem unter den Jüngern wieder ein Auflehnen gibt.

Für Sie ist „Gnade“ nun schon der 6. Glasner Film. Was lässt Sie beide immer wieder gerne miteinander arbeiten?
Prinzipiell habe ich das Gefühl, dass wir ähnliche Dinge wollen und uns gegenseitig aufstacheln. Wir müssen auch gar nicht mehr wirklich viel miteinander reden: wir versuchen uns immer wieder selbst zu überraschen. Ich mag die Geschichten, die er kreiert und ich mag es, wie er Kino sieht. Aber es ist auch schwer zu sagen: manchmal trifft man jemanden und hat das Gefühl es passt einfach. Ich glaube, ich kann ihm vielleicht ein bisschen helfen, das, was er sich ausdenkt zu erfüllen. Ich hab das Gefühl, es funktioniert einfach, die Welten zum Leben zu erwecken, die er da erfindet. Das ist ja schon immer eine sehr spezielle, sehr atmosphärische Welt und ich glaube, dass wir das ganz gut drauf haben, uns das gegenseitig zu verbildlichen.

Ist es für die Zusammenarbeit eher förderlich oder manchmal auch hinderlich, wenn man auch privat befreundet ist?
Es ist auf jeden Fall eng miteinander verbunden. Wir treffen uns im Privaten jetzt zum Beispiel nicht einmal die Woche zum Essen. Wir müssen uns immer ein bisschen von einander erholen. Wir sind zueinander und miteinander schon ganz schön anstrengend, glaube ich. Ich freue mich jetzt zum Beispiel, wieder mehr mit ihm zu tun zu haben, nachdem wir uns längere Zeit nicht gesehen haben, aber bei uns ist es eher so: jeder macht sein Ding. Wir mögen uns wohl auch so, weil wir arbeitsmäßig gut zusammen passen und darüber hinaus führen wir, wenn wir zusammen sind, auch sehr viele private Gespräche. Wir nutzen dann die Zeit der Zusammenarbeit, um abzuchecken, wie es uns eigentlich sonst so geht. Das funktioniert total gut. Wahrscheinlich arbeiten wir auch deswegen so viel miteinander: weil wir uns dann auch vermissen und uns über die Arbeit sehr intensiv sehen können. Das verbindet auf jeden Fall und das steht sich nicht im Weg, es gehört zusammen.

Bei „Der Freie Wille“ haben Sie Matthias Glasner ja nicht nur als Schauspieler, sondern auch als Co-Autor unterstützt. Verändert das Schreiben den Blick auf Rollen?
Nein, ich würde das auch gar nicht so nennen. Wir haben eine Figur zusammen entwickelt. Das machen wir eigentlich immer so. Aber ich schreibe nicht so gerne. Ich bin kein guter Schreiber und kann das überhaupt nicht richtig. Wir entwickeln eben immer wieder etwas zusammen – hier bei „Gnade“ war das jetzt gar nicht notwendig. Wir hatten einen tollen Drehbuchautor, der die erste Vorlage schon fertig hatte und wir haben das Buch dann einfach umgeschrieben, an einen anderen Ort gesetzt und noch mal ein bisschen verfeinert. Aber verändert: ich vergesse Sachen auch schnell. Ich kann mich gut von Dingen verabschieden und lösen.

Es heißt, dass Sie zwischen Ihren emotional hochanspruchsvollen und aufreibenden Rollen immer wieder ins Komödiengenre wechseln, um sich noch besser lösen zu können...
Ich finde es prinzipiell gesund und toll, wenn man da einen Wechsel hat. Es ist einfach geil, auch mal was zu machen, wo es darum geht, die Leute und am Ende auch sich selbst zum Lachen zu bringen. Man macht ja eine Komödie auch nur dann, wenn man sie selber lustig findet. Wenn ich selber nicht darüber lachen kann, dann hab ich keinen Bock das zu machen, selbst wenn ich wüsste, dass die anderen das komisch finden. So ein Wechsel fühlt sich gut an. Ich hatte da mal eine Phase, in der ich 2 oder 3 Jahre sehr viele ernste Filme gemacht habe, beim Junkie angefangen. Danach habe ich dann selber gedacht – Ok, ich kann mit euch nicht mehr normal über banale Sachen reden, weil das Leben echt schlimm ist. Ich hatte wirklich das Gefühl, alle sind doof, weil sie gar nicht mitkriegen, was da auf der Welt abgeht. Da fühlst du dich plötzlich wie ein Streetworker, der sich die ganze Zeit mit wirklich krassen Themen beschäftigt und irgendwann, wenn dann Leute zu dir kommen und sagen: Ich habe heute Stiefmütterchen gepflanzt, das hat mir so gefallen! – dann denkst du so: Bist du dumm, hör auf, du machst mich damit grad völlig irre! Aber wenn du so die Menschen und die Welt siehst, dann verzweifelst du irgendwann. Da kommt so ein Wechsel instinktiv. Menschen machen das sowieso instinktiv: man hat eine Freundin, mit der kann man über ernste Sachen reden und das ist toll, aber man kann nicht nur mit ihr reden. So ist es mit Filmen auch. Instinktiv suchst du dir einen Ausgleich, damit du insgesamt einen relativ normalen Level kriegst. Du weißt, dass es harte Sachen gibt und dass es auch mal ernsthaft sein kann, aber manchmal musst du eben alles in Frage stellen und über dich selbst lachen.

Und doch geht ihr Gesamtwerk doch eher in die philosophische Richtung...
Wegen genau solchen Filmen bin ich Schauspieler geworden. Ich habe damals „Taxi Driver“ gesehen und es sind eben solche Filme, die mich bewegen und wahnsinnig berührt haben. Selbst „Henry- Portrait of a Serial Killer I“ – das sind Filme, wo ich denke: Wahnsinn! Das ist der Grund, aus dem ich Schauspieler geworden bin. Ich habe damals keine Komödie gesehen und dann gedacht: Boah, ich will Schauspieler werden. Ich hab nichts gegen Komödien, das gehört alles dazu. Aber ganz ehrlich ist das nicht der Grund, aus dem ich Schauspieler bin und wenn es nur solche Filme geben würde, dann wäre ich keiner. Das hat mit mir selber zu tun: ich will da was loswerden, ich will Menschen berühren und ich will die Leute in diese Welt mitnehmen, weil ich glaube, dass wir letztendlich dann besser sind, wenn wir uns mit allem auch mal auseinandersetzen und nicht nur so tun, als würde es das nicht geben.

Gibt es da ein Projekt in Ihrer Karriere, das Ihnen selbst am wichtigsten war oder sind die Grenzen fließend?
Immer das Nächste. Das ist schwierig, ich will ja auch keinem auf den Schlips treten. Es gibt sicherlich Projekte, die für mich total wichtig waren. „Kleine Haie“ war zum Beispiel wichtig, weil es einer der ersten, deutschen Filme war, der im Kino richtig gut lief. Es gab davor noch die „Wahnsinnsehe“ von Sönke (Wortmann) und mit „Kleine Haie“ fing damals in den 90ern dieser ganze Boom der Komödie an. Ich fand das damals gar nicht so toll. Ich wollte eigentlich in eine andere Richtung und habe dann ja auch ganz andere Sachen gemacht. Ich hatte danach viele Komödienangebote, die habe ich aber alle abgelehnt – ich habe lange Jahre keine Komödie gemacht, einfach als Verweigerung dieser Welle. Ich wollte damals sozialkritische, harte Sachen machen und das habe ich auch getan. Aber es gab natürlich auch später Episoden, die wichtig waren. „Der freie Wille“ war auf jeden Fall auch so ein Film. Oder „Sexy Sadie“, da hatten wir (mit Matthias Glasner) damals ja die Firma (Schwarzweiss-Filmproduktion) gegründet gehabt und wollten versuchen, noch mal andere Filme zu machen und zu gucken: was wollen wir eigentlich? Was wollen wir wirklich sehen?

Wie gehen Sie mit damit um, dass man Sie als einen der kompromisslosesten deutschen Schauspieler handelt?
Über „Der Freie Wille“ hat jemand mal geschrieben, dass er es total schlecht fand: mir fehle die nötige Distanz zur Figur. In der ganzen Zeit war das die beste Kritik, weil ich keine Distanz zu meiner Figur will. So was wie „Der freie Wille“ werden wir nicht mehr machen, aber es wird anderes kommen und prinzipiell finde ich es gut, Grenzen zu überschreiten, solange man es ernst nimmt. Ich mache das nicht, um zu provozieren oder weil ich geil darauf bin, die Leute zu schocken, sondern ich finde die Auseinandersetzung mit Figuren, die für uns zunächst Tabu sind, notwendig. Ich finde das ist eine Chance, sich selbst ein Bild zu machen, wie man damit umgehen könnte. Wie hätte man das verhindern können, wie könnte man dieses Problem angehen und kann man das überhaupt. Auch ohne Antworten zu geben finde ich es gut, jemanden zu dieser Auseinandersetzung zu bringen. Für mich gehört das zum Film dazu. Das ist eine Aufgabe von uns als Schauspielern und Filmemachern. All diese Rote Teppich Nummer ist eigentlich Quatsch. Ich muss das deshalb auch immer veralbern. Ich sehe mich so nicht und ich will so auch nicht gesehen werden. Ich bin ich, manchmal ein Spinner, aber dieses ganze Star-Getue finde ich albern, weil ich mich so nicht sehe.

Interview by Sima Moussavian