Florian David Fitz

Florian David Fitz ©Paramount Pictures

Daten und Fakten

Geburtstag:
20.11.1974
Geburtsort:
München, Deutschland


zum Interview mit Florian David Fitz

Filmographie Florian David Fitz

Florian David Fitz hat in folgenden Filmen mitgewirkt, als:

Darsteller:





Hin und Weg
Hin und Weg
(2013)



Männerherzen
Männerherzen
(2009)





Stimme:




Regisseur:




Drehbuchautor:





Interview mit Florian David Fitz

Florian David Fitz im Interview zu "DA GEHT NOCH WAS"


Als wir uns das letzte Mal gesprochen haben, sagtest du Bewusstsein über die eigenen Wurzeln sei dir wichtig, du bräuchtest aber auch Abstand. Wäre eine Situation wie die von Conrad im Film alsoein Albtraum für dich?
Erst mal schon. Ich glaube, auch für Eltern ist so eine Situation nicht besonders toll. Im Falle des Filmes ist es spannend, weil Conrad zu seiner Familie einen krankhaften Abstand hält. Zwischen ihm und seinem Vater herrscht schon seit Jahren eine Sprechpause. Insofern ist die Situation, die sich ergibt, hier entsprechend spannend. Das ist mit mir und meinen Eltern ja nicht zu vergleichen. Wir halten immerKontakt und mögen uns auch sehr. Deswegen muss man aber nicht bei ihnen in der Bettritze schlafen.

Gibt es eine Situation die es für dich rechtfertigen würde, den Kontakt zur Familie vollständig abzubrechen?
Natürlich gibt die. Das sind zwar sehr traurige und meist sehr ungesunde Situationen, aber keiner kann sich das so richtig aussuchen. Ich habe in meinem eigenen Bekanntenkreis Kinder gesehen, die ihre Eltern furchtbar behandeln. Anders herum existiert das natürlich genauso. Bevor man einen Dachschaden davon trägt, oder dauerhaft leidet, ist es ganz klar besser, getrennte Wege zu gehen. Generell glaube ich zwar, dass Blut tatsächlich dicker ist, als Wasser, aber das muss nicht unbedingt heißen, dass das so auch gut ist.

Wie alt warst du, als du von Zuhause ausgezogen bist?
Ich war 19. Ich bin damals nach Boston geflogen, um dort zur Schule zu gehen. Das erste, was ich nach Auszug getan habe, war es also, meine Koffer im Studentenwohnheim auszupacken. Meine Eltern und auch ich hatten gedacht, dass vielleicht Heimweh aufkommen würde, weil ich sehr heimatsverbunden bin. Das klappte aber alles super.

Du hast am Skript zu DA GEHT NOCH WAS mitgearbeitet. Welche Ideen sind im Speziellen eingeflossen?
Ich glaube, es wäre zu kompliziert, das an dieser Stelle wirklich aufzuschlüsseln. Es hatte etwas mit der Dramaturgie zu tun. Ich fand die Grundideen in dem Buch toll, aber da ging es fast ein bisschen mehr um die Trennung der Eltern. Conrad hat all das eher als Beobachter erlebt. Nachdem der Entschluss stand, dass Conrad die Hauptfigur sein soll, brauchte er einen eigenes Problem, sodass der Vater-Sohn-Konflikt in den Vordergrund trat.

Dieser Konflikt wird schließlich angegangen und die beiden lernen voneinander. Was ist die große Herausforderung daran?
Es braucht Offenheit, die uns allen schwer fällt, weil sie auf Dauer anstrengend ist. Ich glaube nicht, dass ein Mensch in ununterbrochener Offenheit durch die Welt rennen kann, ohne dabei zu ermüden. Der Körper versucht, Energie zu sparen, wo es gerade geht. Das ist menschlich und auch in Ordnung, aber ich halte es für wichtig, sich die Relevanz von Offenheit regelmäßig bewusst zu machen. Im Film entscheiden sich nun weder Conrad noch sein Vater aus eigenen Stücken zu der Offenheit, die sie voneinander lernen lässt. Ausgelöst durch eine Wahl von Mutter Helene werden die beiden in diese Situation hinein gezwungen. Natürlich spitzt ein Film diese Unfreiwilligkeit zu, weil die Geschichte von einem, der freiwillig zu lernen beginnt, wahrscheinlich langweilig wäre. Grundsätzlich denke ich aber, dass wir auch im realen Leben oft unfreiwillig in Situationen landen, aus denen wir schließlich lernen.

Einige Kritiker haben angemerkt, Konflikte und deren Lösungen seien im realen Leben etwas komplexer, als vom Film dargestellt. Wie würdest du das zurück weisen?
Lösungen sind immer relativ simpel. Die Herausforderung ist es, sie umzusetzen. Da gibt es kein größeres Geheimnis. Im Laufe der Filmhandlung werden alle Beteiligten ja nur dazu gezwungen, sich mit ihren Problemen auseinanderzusetzen. Niemand behauptet, dass danach alles gut ist. Einige ihrer Probleme können wahrscheinlich gar nicht gelöst werden, aber der Film stellt in den Raum, dass die Auseinandersetzung allein schon eine deutliche Verbesserung ist, die einen belohnen kann. Die Betonung liegt auf „kann“ - es muss nicht so sein. Ich persönlich finde es schön, am Filmende einen positiven Ausblick zu geben. Wer sich DA GEHT NOCH WAS ansieht wird ja nicht mit einer Komplettlösung aller Konflikte entlassen, aber doch mit dem positiven Gefühl, dass zumindest ein Bewusstsein für die Probleme da ist.

Conrad ist ein Aktionsmensch, der sehr hektisch und eilig vorgeht. Woran liegt das?
Conrads Vater Carl kommt aus dem Gewerkschaftslager und hat dementsprechend starke, soziale Werte. Ich glaube Conrad ist zu stolz, um sich von seinem Vater irgendetwas geben zu lassen. Er möchte alles selbst schaffen und eine Welt aufbauen, die er für richtig hält. Er will die ideale Frau, das ideale Haus - alles muss stimmen. Er bemerkt erst im Rückblick, dass er womöglich etwas aufzubauen versucht, das vielleicht gar nicht lebbar oder lebenswert ist. An dieser Stelle kommt ihm der Gedanke, dass sein Leben vielleicht viel schöner war, als noch weniger los war. Während wir versuchen, die Dinge zu vermeiden, die wir als Fehler unserer Eltern empfunden haben, schlittern wir schnell in das andere Extrem und machen den gegenteiligen Fehler. Ich glaube, entkommen kann man diesem Rad kaum. Es ist gerade deswegen wichtig, sich Lockerheit und Humor zu bewahren.

Conrad ist an einem irrealen Lebensimage stagniert. Kennst du das?
Ja. Wenn man hart arbeitet, wie Conrad es tut, dann ist man ununterbrochen in Bewegung und wer ununterbrochen in Bewegung ist, verpasst leicht den Moment, in dem der Gedanke hinter der Bewegung stagniert. Ich glaube, das nennt man Hamsterrad. Auch ich kenne das, aber im Moment habe ich das Gefühl, dass sich durchaus etwas bewegt. Man verändert sich - ob nun bewusst oder unbewusst.

Studien zufolge empfinden immer mehr Menschen die Welt und das Leben als irreal. Woran liegt das?
Durch unsere Zeitumstände - ob nun positive oder negative – fehlt und der direkte Kontakt mit den Dingen. Wir gehen beispielsweise nicht mehr auf den Acker, um unsere eigenen Karotten anzupflanzen. Das Bedürfnis nach einem solchen Kontakt ist aber noch immer da, was sich an Urban Gardening und vergleichbaren Trends zeigt. Zu sehen, dass Dinge passieren, weil man selbst etwas dazu tut, kann einemMenschen fehlen, gerade weil es eine solche direkte Feedback-Schleife immer weniger gibt. Dazu kommt, dass wir in unserer Zeit mit der digitalen Welt eine Ebene dazugewonnen haben, die tatsächlich nur noch in der Vorstellungswelt stattfindet, statt in der Realität.

Wie gehst du mit der "digitalen Ebene" um? Lehnst du soziale Netzwerke beispielsweise ab?
Nein. Auch soziale Netzwerke haben tolle Seiten. Es hängt immer davon ab, wie man mit den Dingen umgeht. Wenn ich in einer kleinen Freundesgruppe twittere, dann würde ich egal wo ich bin wissen, was meine Freunde gerade machen. Man hat ein Gespür für einander und hält Kontakt. Das kann ich mir gut vorstellen, aber ich versuche in meinem Leben, gegen Zerstreuung anzugehen. Dadurch, dass ich schon beruflich sehr viel in Bewegung bin, bemühe ich mich wo es nur geht um Konzentration. Ich versuche, bei einer Sache zu bleiben. Mit allem, das ich zusätzlich in mein Leben integriere, wird das konzentrierteLeben schwerer.

Ist das "immer mehr Dinge" ein Konsumgesellschaftsproblem?
Ich würde wahrscheinlich noch etwas weiter gehen und es den Fluch der Möglichkeiten nennen. Wir wünschen uns alle Freiheit, und bis zu einem gewissen Grad macht Freiheit glücklich, aber wie alles hat auch Freiheit eine Kehrseite. Ich glaube, dieser Gedanke ist den Leuten relativ neu. Für gewöhnlich wird Freiheit als grundpositives und erstrebenswertes Gut visualisiert, weil die Menschen in der Vergangenheit nicht frei entscheiden konnten, was sie tun wollen und sich nach der gegenwärtigen Vielfalt an Möglichkeiten gesehnt haben. Eine extreme Wahlfreiheit wird aber genauso schnell zur Qual, weil man sich ständig entscheiden muss und dabei schnell das Gefühl hat, sich womöglich falsch oder zumindest nicht optimal entschieden zu haben.

Ähnlich verbreitet wie der Zweifel an der Entscheidung ist die rosarote Brille des Rückblicks. Hast du selbst eine Tendenz zur Nostalgie?
Ich glaube es ist eine grundsätzliche Tendenz des Menschen, nostalgisch zurück zu blicken. Ich habe gerade "Die Kunst ein kreatives Leben zu führen" von Frank Berzbach gelesen. Das ist eine Sammlung von Schriften, die sich mit all diesen Dingen auseinandersetzen. Ein sehr spannender Aspekt darin war der Hinweis, so gut wie alle spirituellen Lehren wüssten, dass man sich nie wirklich problemlos durch den Alltag bewegt. Vielleicht bleiben einige Probleme oder man empfindet wieder etwas Neues als Problem. Wenn man Tagebuch führt, dann lässt sich das sogar bewusst verfolgen. Eigentlich kann man sinnvollerweise also nur entscheiden, sich nicht mehr um das "Was?", sondern um das "Wie?" zu kümmern. Wie gehe ich mit Problemen um? Akzeptiere ich diese Kette? Wenn ich das nämlich nicht tue, sondern darauf warte, bis sie endet, dann wird mich das immer wieder unglücklich machen.

Wie schwer oder leicht ist es dir gefallen, dieses Wissen umzusetzen?
Für mich war das in den letzten Jahren durchaus herausfordernd, weil es mir neu war, aber langsam habe ich das Gefühl, dort anzukommen. Ich dachte oft, dass Leute vielleicht von mir erwarten würden, ich müsste die großen Kinosachen machen. Ich selbst hatte auf der anderen Seite genauso den Wunsch, an Projekten zu arbeiten, die etwas ungewöhnlicher sind und die Intelligenz nicht beleidigen. Diese beiden Pole zu vereinen, ist mir schwer gefallen, aber ich habe angefangen mich zu fragen, was eigentlich schief gehen kann. Wenn ich etwas riskiere und Filme mache, die auf die Schnauze fallen können, dann würde im schlimmsten aller Fälle vielleicht niemand mehr einen Film mit mir machen wollen, aber ist das für mich der Supergau? Das Leben würde auch dann weitergehen. Ich werde nicht auf meinem Sterbebett liegen und sagen: Verdammt, hätte ich das doch nicht riskiert! Ich habe für diesen Fall auch keinen Plan B, weil Vorausdenken nicht besonders gesund ist. Wobei in dem Buch, das ich angesprochen habe auch eine sehr nützliche Zen-Weisheit enthalten ist, die aussagt, der Blick auf die Dinge vom Tod aus kann sie in Relation und Perspektive setzen.

Ist der Verstand, der uns aus dem Moment heraus in Vergangenheit und Zukunft zieht, das große Dilemma des Menschen?
Ja, absolut. Der menschliche Verstand hat mit Sicherheit auch seine guten Seiten, aber ich glaube, dass es mit dem Verstand so ähnlich ist, wie mit der Freiheit. Es ist ein Geschenk, aber auf der anderen Seite wirft es uns aus der Gegenwart und dem Gefüge der Natur heraus, was Probleme entstehen lässt. Die positivenund negativen Seiten des Verstands ausbalancieren zu wollen, verpflichtet zu Selbstdisziplin.

Auch der Verlust der Identität spielt für den Film eine Rolle. Kannst du es nachvollziehen, wenn man als Schauspieler über das Gefühl klagt, in jeder Rolle ein Stück Seele zu lassen?
Wenn man "ein Stück Seele" verlieren mit "immer weniger werden" gleichsetzt, dann kann ich es nichtnachvollziehen. Das wäre ja, als würde meine Liebe weniger werden, wenn ich sie hergebe. Noch eher als weniger, wird man mehr. Man versetzt sich als Schauspieler in die unterschiedlichsten Situationen und im Idealfall nimmt man seine Seele dabei mit. Ich empfinde das als sehr spannend, weil man erkennt, wie viele unterschiedliche Möglichkeiten es gibt. Man wird durchaus zögerlicher zu sagen: "Ich bin so!", und wenn man Leute Dinge sagen hört wie: "Das würde ich nie machen!", dann beginnt man darüber zu lachen, weil man erkennt, dass die Umstände eine größere Rolle spielen, als man zunächst vielleicht annehmen will. Das hat aber nichts damit zu tun, dass man weniger wird, eher im Gegenteil.

Viele Leute würde es interessant finden, dich in einem Film deine eigene Person spielen zu sehen. Würdest du das wollen?
Nein, das wäre für mich ja überhaupt nicht spannend. Ich will mich ja in andere Menschen und Situationen versetzen. Davon abgesehen wäre ein Film über meine Situation auch kein besonders interessanter Film. Vielleicht würden einige tatsächlich vom Gegenteil ausgehen, aber ich kenne mein Leben besser (lacht).


„DIE HÜTER DES LICHTS“ INTERVIEW


„Der Schwarze Mann ist die Angst vor der Angst.“
- JackFrosts deutsche Stimme Florian David Fitz über die Urangst, Mutproben und das Kindsein-

Bist du ein Winterfan und findest es toll, wenn draußen Schnee liegt?
Ja, ich mag das anfangs. Ab März finde ich es dann aber anstrengend. Meist ist der Schnee ja nur am Anfang schön und wird dann ziemlich scheußlich. Aber ich habe in Boston studiert und in der Zeit, in der ich dort war, gab es einen extremen Blizzard, sodass die ganze Stadt lahm lag. Da lagen 2 oder 3 Meter Schnee und man kam nicht mehr aus der Tür. Dafür danke ich Jack Frost, denn irgendwie hatte das schon einen Zauber: nur die großen Straßen waren frei und die Leute sind mitten auf der Straße spazieren gegangen, als wäre es 1870. Das ganze Leben hat angehalten.

Da „Die Hüter des Lichts“ ja ein echter Weihnachtsfilm ist: was war dein schönstes Weihnachten?
Natürlich sind die Weihnachtsfeste in der Kindheit immer die schönsten. Das kann man für sich auch nicht mehr herstellen, dafür aber für die nachkommende Generation. In unserer Familie versuchen wir immer, den Kindern ein magisches Fest zu bereiten und damit haben wir dann auch selbst eine große Freude. Darauf bezieht sich, glaube ich, auch der Film.

Gibt es da etwas, das du dir dieses Jahr wünschst?
Ich bin jetzt in einem Alter, in dem die Wünsche nicht mehr materieller Art sind. Dann sagt man auch solche Sätze, wie man sie früher von den älteren Leuten gehört hat. Ich sage zwar noch nicht – Ich wünsche mir Gesundheit – aber auch das wird irgendwann kommen.

Kannst du dich erinnern, wann du die Lüge Christkind entlarvt hast?
Nein. Ich glaube, dass Kinder recht schnell wissen, dass es Christkind und Co nicht gibt, und trotzdem möchten sie daran glauben– das ist ja auch schön so. Mich hat zum Beispiel noch nie ein Kind auf den doch offensichtlichen Widerspruch aufmerksam gemacht, dass einerseits das Christkind die Geschenke bringt und andererseits die Eltern sagen: Hey, das ist von mir! Kinder sagen da nicht: Das hat das Christkind gebracht, warum soll ich mich bei dir bedanken? Ein bisschen will man sich eben auch betrügen lassen.

JackFrosts deutsche Stimme Florian David Fitz © Paramount Pictures Wie wichtig ist es dir, die Magie der Kindheit zu bewahren?
Ich finde das zweischneidig: auf der einen Seite sage ich mir – Es ist so, wie es ist. Aber auf der anderen Seite gibt es auch als Erwachsener noch genügend Rätsel und Magie, wenn es auch eine andere Magie ist, als früher. Es gibt da solche Rituale: dass man beispielsweise unter keiner Leiter durchgehen will. Im Endeffekt sollten solche Rituale aber dazu da sein, einen selber auf irgendetwas einzuschwören oder Energie zu geben. In dieser Hinsicht verstehe ich sie und finde sie gut. Das sind dann Äußerlichkeiten, die man macht, um sich auf irgendetwas zu konzentrieren. Man darf sich nur nicht davon treiben lassen. Ich kenne da solche Spiele: zum Beispiel bin ich früher oft Fahrrad gefahren und habe mir dann gesagt: Ok, bevor das nächste Auto kommt, muss ich an diesem und jenem Baum sein. Das macht dann so sehr Spaß, dass man irgendwann Wetteinsätze macht, etwa nach dem Motto: Wenn das passiert, dann kriege ich das und das oder dann funktioniert das und das. Man fängt also an, sich mit solchen Wetteinsätzen zu jagen und irgendwann muss man sich dann sagen: Ok, ich höre jetzt damit auf– weil es sonst leicht zur Zwangsstörung wird. Solange sich solche Rituale aber in Grenzen halten und einen auf etwas einschwören, finde ich sie gut.

Gibt es eine Situation, in der du wieder richtig Kind wirst?
Witziger Weise zum Beispiel beim Synchronisieren von diesem Film. Irgendwie ist das eine Weiterführung dessen, was man früher gemacht hat, wenn man „Der Kleine Vampir“ gelesen hat und sich vorstellte, auch fliegen zu können. Beim Synchronisieren hat man dann ja wirklich das Bild dazu und muss so einer Figur beruflich seine Seele geben und sich in die einzelnen Situationen versetzen, die die Figur erlebt. Es macht total Spaß, so etwas wie in einem ausgedehnten Traum machen zu können.

„Die Hüter des Lichts“ sind ja Kinderhelden. Wer von ihnen war in deiner Kindheit dein Held und wer ist es heute?
„Helden“ waren die Hüter für mich nie. In meiner Kindheit gab es außerdem keinen Weihnachtsmann, da gab es das Christkind - der Weihnachtsmann kam für mich erst nach und nach mit der Amerikanisierung. Es gab für mich den Osterhasen, das Christkind, den Nikolaus und den Krampus. Bei Hannah (Herzsprung) gab es zum Beispiel schon die Zahnfee, aber bei mir nicht. Meine Zähne wurden einfach in einer Streichholzschachtel aufgehoben, aber ich habe kein Geld dafür bekommen – das ist ja auch ziemlich materialistisch. (lacht) Es gab für mich also schon ein paar dieser Figuren, aber nicht im Sinne von Helden. Das waren eben Figuren, die einem etwa für die Fantasie geben konnten und den Eltern bei der Erziehung geholfen haben. Ich finde es schwierig, jemanden als „Held“ zu bezeichnen, weil dann irgendwo steht - Mein Held ist mein Vater – und dann verdrücke ich mir eine Träne. Ich bin da vorsichtig, weil das schnell kitschig wird. Es gibt natürlich Leute, die mir sehr wichtig sind und mir immer Vorbilder waren, aber „Held“ finde ich als Wort einfach schwierig.

Deine Figur Jack Frost stellt sich im Film ja heldenhaft gegen den Schwarzen Mann: denkst du, der schwarze Mann ist im realen Leben die Zukunftsangst, die man während des Erwachsenwerdens entwickelt?
Ich glaube, der schwarze Mann ist noch grundsätzlicher die Urangst, die wir irgendwann entwickeln. Ich finde, es ist die Angst vor der Angst. Als Kind ist man zum Beispiel in den Keller gegangen und das war vollkommen in Ordnung: man machte da unten irgendwas, aber dann lief man hoch und hatte irgendwas im Rücken, sodass man sich dachte: Was wäre, wenn von hinten jetzt jemand käme und ich davor Angst hätte? Man denkt sich noch, dass man ja keine Angst hat, aber in dem Moment, in dem man sich darüber Gedanken macht, bekommt man eben Angst und hat dann wirklich das Gefühl, dass jemand hinter einem ist. Wir sind früher zum Beispiel gerne in der Nacht in Seen gesprungen und es war an sich toll, in dieses schwarze Wasser zu springen, aber irgendwann hat man dann so einen Gedanken wie: Krass, früher hätte ich total Angst gehabt, dass da irgendwas im Wasser ist. Allein über diesen Gedanken, fragst du dich dann: Was, wenn da jetzt wirklich etwas drin ist? Da ist zwar nichts, aber dieser Gedanke verdirbt dir irgendwie den Spaß, sodass du dann ins Wasser eintauchst und denkst: Ahh, vielleicht ist da irgendwas unter mir. Das ist es, was passiert, wenn man erwachsen wird: man bekommt Angst vor der Angst, weil man genau weiß wie es ist, Angst zu haben.

Und wovor hast du im Konkreten Angst? Vorm Fliegen, vor Schlangen oder vielleicht vor Spinnen?
Spinnen sind es schon mal nicht: ich hatte eine Vogelspinne, aber die ist mit 16 gestorben. Als ich irgendwann nachhause kam, lief mein Hund zum Terrarium und hat dort herumgeschnüffelt, weil die Spinne auch schon roch – so ähnlich wie ein Krebs, der vergammelt. Aber Angst - mittlerweile habe ich Höhenangst, das ist wahrscheinlich eine Alterserscheinung. Ich war neulich in den Bergen und da hatte ich das zum ersten Mal. Ich bin ja immer viel in die Berge gegangen und daher hat mich das dann richtig geärgert. Aber es ging eben richtig steil runter und mein Kumpel hat sich über mich kaputt gelacht, weil ich sonst immer der bin, der austeilt, und da erst mal richtig durchatmen musste, um weiterzugehen. Dann ist auch noch mein Hund dort herumgesprungen und ich dachte nur: Ich krieg ´nen Vogel: packt den Hund in den Rucksack, der fällt gleich runter! Ich kann mir jetzt auch vorstellen, wie Eltern aus dem nichts Panikanfälle wegen ihrer Kinder bekommen.

Nachdem die Hüter im Film großen Mut beweisen: musstest du selbst schon mal eine Mutprobe bestehen?
Ich war eher einer, der anderen Leuten die Mutproben gestellt hat. Wenn wir Streiche gespielt haben, dann war mein bester Freund Basti immer ein bisschen feige. Der, der die Streiche gemacht hat, war eher ich, sodass ich dann meist auch erwischt wurde, weil ich nicht besonders geschickt war. Die krasseste Mutprobe, die wir damals gemacht haben, war nachdem wir Winnetou gesehen haben und Blutsbrüder werden wollten. Jeder hat dann ein Messer mitgebracht und mein bester Freund hat sich mit Müh und Not einen Tropfen Blut raus gequetscht. Ich hatte von meinem Vater ein unerwartet scharfes Taschenmesser und habe mir das einmal quer über den Finger gezogen. Als ich dann nachhause gegangen bin, musste ich mich nähen lassen. Man sieht das heute immer noch. In den Zeiten von Aids würde man Blutsbrüderschaft vielleicht gar nicht mehr machen, aber ich finde, das hat etwas Romantisches.

Wann warst du das letzte Mal so richtig mutig?
Ich muss öfter mutig sein. Auch bei Rollen: in „Vincent will Meer“ musste man mutig sein, um dieses Syndrom zu spielen, weil man weiß, dass die Leute womöglich austicken, wenn man das nicht gut macht. Bei „Die Vermessung der Welt“ war dieser Punkt das Alter. So etwas kann ja immer schief gehen und einfach nicht ankommen. Die Rolle als Jesus hätte auch richtig in die Hose gehen können. Ich muss also öfter berufsbedingt mutig sein, aber bis jetzt hatte ich da das große Glück, dass es eigentlich immer aufgegangen ist. Trotzdem setzt man sich auch damit auseinander, dass es irgendwann anders kommen könnte.

In jedem Fall ist man ja Kritik ausgesetzt: würdest du dir manchmal wünschen, so unsichtbar zu sein, wie Jack Frost zu Anfang des Films und kennst du auf der anderen Seite auch den Wunsch, gesehen zu werden?
Jeder, der menschlich ist, kennt wohl Situationen, in denen er sich unsichtbar fühlt und es gerne nicht wäre, weil er gesehen werden will. Die andere Seite kennt aber auch jeder. Manchmal würde man eben gerne verschwinden. Aber an Kritik muss man sich zum Beispiel gewöhnen. Wenn man nur Konsument ist und Kritiken liest, denkt man immer, die wären objektiv, aber wenn man die Dinge besser kennt, als der Kritiker, findet man teilweise sogar Fehler. Auch Fehler im positiven Sinne, die für einen selbst spielen, aber stimmen tut es trotzdem nicht. Es ist sehr spannend, wie man damit umgeht. Man steckt in etwas sehr viel Arbeitszeit und Liebe und muss es dann verschmerzen, dass manche Leute das Scheiße finden. Das wäre noch nicht mal das große Problem, ein Problem ist dann, wenn jemand ungerecht wird, um unterhaltsam zu sein. Das ist auf der anderen Seite auch für den Berufskritiker eine große Herausforderung, weil keiner eine Kritik lesen will, die ausgewogen ist, wenn sie nicht unterhaltsam ist. Ich denke dann immer: Wie machen die Politiker das? Die müssen ja nun wirklich dauernd einstecken und trotzdem wieder aufstehen, um das Land voranzubringen, auch wenn sie ständig von Leuten angemault werden, die denken, es besser zu wissen.

Da ein Thema des Films Identitätsfindung ist: du hast bisher ja vom Drehbuchautor bis Regisseur beruflich die verschiedensten Rollen übernommen. Gibt es da die eine, die deinem Ich am meisten entspricht?
Nein. Man lernt in diesem Beruf im Laufe der Zeit vor allem, dass es viele Dinge gibt, die man sein kann. Man sieht das zum Beispiel auch im Freundeskreis: es gibt vielleicht Leute, in deren Gegenwart du schlagfertig bist und wieder andere, in deren Gegenwart du dich verhältst, als wärst du auf den Mund gefallen, sodass nur noch Schwachsinn aus dir heraus kommt, obwohl du immer noch dieselbe Person bist. Das eigene Verhalten hängt sehr von den Umständen ab. In einem Krieg zum Beispiel wäre jeder von uns vermutlich sehr anders. Daher finde ich es immer schwachsinnig zu sagen - Ich hätte so und so gehandelt – oder – Ich würde nie einen Menschen umbringen. – Wenn man Schauspieler ist, lernt man relativ schnell, dass wir alle viele Möglichkeiten haben: auch auf beruflicher Seite. Ich versuche also einfach, die Dinge immer mit dem Herzen zu machen, wenn ich mich für eine Möglichkeit entschieden habe. So macht das dann auch große Freude.

Um nochmal auf Jack Frost zurückzukommen: er will seine Identität ja über die Erinnerung finden. Wie wichtig ist dir Verwurzeltsein?
Mir ist das sehr wichtig. Als ich in Amerika war, habe ich gemerkt, wie gut es ist, eine Heimat zu haben. Man lernt seine Heimat ja erst richtig kennen, wenn man weg ist und es ist irgendwie auch wichtig, dass man seiner Heimat nicht zu nahe ist. Man kann zum Beispiel nicht einfach wieder bei seinen Eltern einziehen, aber sobald man eine gewisse Distanz hat, ist man total glücklich, dass man seine Eltern hat und guten Kontakt zu ihnen pflegt. Ich würde aber nie direkt neben meine Eltern ziehen und das wäre denen wohl genauso wenig recht. Wurzeln sind also sehr wichtig, aber ich glaube, es braucht ein bisschen Luft dazwischen.

Interview by Sima Moussavian