Der See der wilden Gänse - DVD

DVD Start: 27.11.2020
FSK: ab 16 - Laufzeit: 107 min

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Inhalt

Nach einem Zusammenstoß in Wuhan mit einer rivalisierenden Bande, bei dem er einen Polizisten getötet hat, ist der Gangster Zhou Zenong auf der Flucht. Nicht nur die Gesetzeshüter ziehen das Netz enger, sondern auch seine ehemaligen Gangmitglieder wollen an ihn herankommen und senden dafür die Prostituierte Liu Aiai als Köder aus. Wird Zenong seinen Gegnern entfliehen können?

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DVD Details

Medienanzahl: 1
Regionalcode: 2
Vertrieb: eksystent filmverleih
Tonformate:
Deutsch (Dolby Digital 2.0 Stereo)
Chinesisch (Dolby Digital 2.0 Stereo)
Untertitel:
Deutsch
Bildformat: 16:9 / 1,85:1 Anamorph Widescreen
Bonusmaterial:
Trailer

Video on demand - Der See der wilden Gänse

DVD und Blu-ray | Der See der wilden Gänse

DVD
Der See der wilden Gänse Der See der wilden Gänse
DVD Start:
27.11.2020
FSK: 16 - Laufzeit: 107 min.

zur DVD Kritik

DVD Kritik - Der See der wilden Gänse

DVD Wertung:
Film: | 7/10
Bild: | 8/10
Ton: | 8/10
Extras: | 1/10
Gesamt: | 7/10


Nach seinem aufsehenerregenden Arthouse-Erfolg Feuerwerk am helllichten Tag“, der mit dem Goldenen Bären bei der Berlinale 2014 ausgezeichnet wurde, meldet sich der chinesische Regisseur Yinan Diao nun mit seinem vierten Film zurück. Auch in seinem meditativen Neo-Noir-Kunstwerk „Der See der wilden Gänse“ ist Diaos Handschrift sowohl in thematischer wie stilistischer Hinsicht erkennbar: So sind seine nahezu sediert wirkenden Figuren, die bedeutungsvoll in die Ferne blicken, erneut stimmungsvoll in das gedämpfte Orange von Natriumdampflampen und grelle Neonschilder getaucht. „Der See der wilden Gänse“ spielt wie auch „Feuerwerk“ zuvor mit den Genrekonventionen des klassischen Gangsterfilms, wobei sich hier ein Krimineller auf der Flucht vor seinen Kontrahenten in die falsche Frau verliebt. Statt jedoch auf herkömmliche Thrills und eine temporeiche Inszenierung zu setzen, bricht Diao konstant mit der Erwartungshaltung des Zuschauers. Seine eigenwillige Herangehensweise erweist sich als nahezu provokativ gemächlich, introspektiv, distanziert, unterkühlt und ausgestellt cool. Zugänglich ist dieser bisweilen auch verwirrende Film also beileibe nicht, dank einer ästhetisch oft virtuosen und außergewöhnlichen Inszenierung kann man ihm jedoch seine filmkünstlerisch anspruchsvolle Faszination nicht absprechen.

Die Prämisse ist hier leicht erklärt: Der Gangster Zhou Zenong (Hu Ge) erschießt nach einer Attacke einer rivalisierenden Motorraddiebesbande bei schlechter Sicht einer regnerischen Nacht versehentlich einen Polizisten. Zhou ist fortan auf der Flucht vor dem Gesetz, das von Captain Liu (Liao Fan) angeführt wird. Seine einzige Bezugsperson zur Außenwelt ist die von Gangboss Hua Hua (Qi Dao) ausgesandte mysteriöse Prostituierte Liu Aiai (Gwei Lun-mei), die ein unergründliches Spiel spielt. Zhou und Liu formen eine Art Allianz, zu der auch seine entfremdete Ehefrau Shujun Yang (Regina Wang) stößt, mit der Zhou Kontakt aufnehmen will.

Szene aus Der See der wilden Gänse
Szene aus Der See der wilden Gänse © eksystent filmverleih
Diao Yinan erweist sich erneut als präzise operierender Bilder- und Stimmungskünstler, der mit „Der See der wilden Gänse“ ein ästhetisch bemerkenswertes Filmkunstwerk erschafft. Seine expressive Bildsprache ist geprägt von einer Flut intensiver Farben, Texturen und Strukturen, die in außergewöhnliche Bildkompositionen eingefangen und mit exakten Kamerafahrten zu formaler Perfektion verbunden werden. Die Grundtonalität des Films ist so entschleunigt und minimalistisch, dass man sie allerdings auch mäandernd nennen könnte: Diao fordert viel Geduld vom aufgeschlossenen Zuschauer, denn seine reduziert, ja nahezu emotions- und ausdruckslos agierenden Figuren bleiben geheimnisvolle Chiffren jenseits jeder zugänglichen narrativen Herangehensweise. Was hier für ein Spiel gespielt wird, wer mit wem zusammenhängt und was das Ganze überhaupt soll, bleibt oft unklar, sodass man trotz der scheinbaren Simplizität dieser auch immer wieder verschachtelt erzählten Geschichte oft verwirrt und vor allem völlig unberührt zurückbleiben muss.

Doch erneut muss die fantastische formale Brillanz dieses Films hervorgehoben werden, die trotz jeder unterkühlten Unnahbarkeit seiner Charaktere und Erzählung eine sogartige oder zumindest einlullende Wirkung entfalten kann. Diao ist spürbarer Filmconnaisseur, der das von ihm zitierte Genre genau kennt und so dekonstruieren kann. Hier betritt er eine ähnliche Liga wie etwa ein Jean-Pierre Melville, ein Michael Mann, ein Walter Hill oder ein Nicolas Winding Refn. Gerade die nahezu aufreizende in Neon getauchte Langsamkeit gepaart mit seinen stoischen Pokerface-Figuren erinnern an Refns sträflich unterschätzte und wegweisende Amazon-Serie „Too Old to Die Young“, die sämtliche Konventionen der inszenatorisch meist braven TV-Welt mit erhobenem Mittelfinger ausgehebelt hat.

Szene aus Der See der wilden Gänse
Szene aus Der See der wilden Gänse © eksystent filmverleih
Doch Diao verschmelzt diese surreale Hochganz-Ästhetik mit einer stets spürbaren Lebensrealität der chinesischen Gegenwart, die in ihrer offenen Darstellung zumindest einen latent unterschwelligen sozialrealistischen Kommentar offenbart. Diese Welt, die im nun berüchtigten Wuhan angesiedelt ist, ist schäbig und verfallen, ein China, das von billigen Restaurants, schmalen schmutzigen Gassen, zugemüllten Innenhöfen und einer lethargischen Fake-Hermés-T-Shirt-tragenden Bevölkerung geprägt wird. Diese ungefilterten Einblicke machen einen ansonsten inhaltlich eher dünnen Film mindestens als soziokulturelles Manifest einsichtsreich, ohne dass aber je eine plumpe Aussage zu dieser Lebensrealität getroffen wird.

Der langsame und spannungsbefreite Erzählfluss wird immer wieder von aus dem Nichts explodierender Ultra-Gewalt gebrochen, die von Diao mit Freude an der Hässlichkeit als hochstilisierter Performanceakt inszeniert wird. Der einschneidende Einsatz eines Gabelstaplers oder die Zweckentfremdung eines Regenschirms erweisen sich als außergewöhnliche Momente von ästhetisierter Gewalt, die man so wohl noch nicht gesehen hat. Hier werden die so reduziert agierenden Figuren plötzlich lebendig, während ihre Gesten ansonsten fernab jeder Ausgestelltheit bleiben. Diaos Herangehensweise an das, was man als Action verstehen könnte, erweist sich wie der gesamte Film als faszinierend andersartig und zumindest in kurzen Momenten elektrisierend. Dennoch ist es schade, dass man angesichts dieser filmischen Virtuosität so unberührt bleibt.

Szene aus Der See der wilden Gänse
Szene aus Der See der wilden Gänse © eksystent filmverleih
Bild
Es ist natürlich schade, dass ein derart bildgewaltiger und ästhetisch aufsehenerregender Film wie „Der See der wilden Gänse“ keine Blu-ray-Veröffentlichung erhält. Dennoch sieht der digital auf Red-Kameras fotografierte Film auch auf DVD toll aus. In Sachen Schärfe- und Detaildichte erreicht man natürlich keine Höchstwerte, dennoch geht dieser Teilaspekt auf DVD voll in Ordnung. Sehr überzeugend kommen die intensiven Farben zur Geltung, ebenso gefallen auch die starken Kontraste und bewusst etwas weicheren Schwarzwerte.

Ton
In akustischer Hinsicht offenbart sich ein durchaus lebendiger und räumlicher Sound, der mit gelegentlich druckvollen Passagen sowie einem guten Dynamikumfang garniert ist. Die zahlreichen Regenfälle kommen hier immer wieder raumfüllend zur Geltung, aber auch ansonsten verteilt sich das Sounddesign komplex auf die Kanäle. Dialoge und Stimmen sind in beiden Sprachfassungen deutlich und klar zu verstehen.

Extras
Das Bonusmaterial umfasst lediglich den deutschen und Original-Trailer.


Fazit:
„Der See der wilden Gänse“ erweist sich als formal und ästhetisch außergewöhnliches Filmkunstwerk, das mit enorm dichter Atmosphäre und ausgestellter Langsamkeit eine sogartige Wirkung entfaltet. In Diao Yinans viertem Film gilt ganz klar das Credo „Style over Substance“, besser gesagt ist der Stil hier die Substanz. Seine provokative Genre-Dekonstruktion ist jedoch oft verwirrend und durch seine Chiffren-artigen Figuren und betonten Verzicht auf narratives Momentum alles andere als zugänglich.


by Florian Hoffmann
Bilder © eksystent filmverleih