X

X (2022), USA
Laufzeit: - FSK: 16 - Genre: Horror / Thriller
Kinostart Deutschland: - Verleih: capelight pictures

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Inhalt

Texas 1979. Eine Gruppe junger Filmemacher macht sich auf den Weg zu einer abgeschiedenen Farm mitten im Nirgendwo, um dort endlich den Film zu drehen, der ihnen zum Durchbruch verhelfen soll – ein Porno. Doch als die zurückgezogen lebenden Farmbesitzer dem Treiben ihrer Gäste auf die Spur kommen, gerät der kreative Trip zum Kampf auf Leben und Tod ...

Mia Goth, Jenna Ortega und Brittany Snow | mehr Cast & Crew


X - Trailer




Filmkritik X

Filmwertung: | 8/10


Wer in den vergangenen Jahren nach einem Beleg dafür sucht, dass das progressive Herz des angloamerikanischen Kinos auch in Zeiten von Marvel-Einheitsbrei und Remake-Mania kämpferisch schlägt und ungebrochen großes Kino und wilde Träume auf die Bildschirme und vor die hungrigen Augen der Welt pumpt, der stößt allen voran auf einen Namen: A24. Der New Yorker Filmverleih, benannt nach der berüchtigten italienischen Schnellstraße Autostrada 24, die mit der Filmgeschichte des neorealistischen Italo-Cinemas der Nachkriegszeit gesäumt ist, hat noch keine 10 Jahre auf dem Buckel und ist doch für den Vertrieb und die Produktion so vieler Hoffnungsträger des zeitgenössischen US-amerikanischen Kinos verantwortlich. Moonlight (2016), Midsommar (2019), The Lighthouse (2019), Uncut Gems (2019), Minari (2020), The Green Knight (2021), Everything Everywhere All at Once (2022) … die Liste ließe sich beliebig lang fortsetzen. Dabei bringen A24 ihre formschönen Schützlinge erfolgreich sowohl bei Streamingdiensten als auch auf den Leinwänden der großen Kinos unter und machen damit das Independent und Arthouse ausgerechnet in Zeiten abnehmender Kinobesuche (zwischen 2001 und 2018, also noch vor der Corona-Pandemie, ist die Zahl der Kinobesuche allein in Deutschland um mehr als 40 Prozent gesunken) salonfähig. Nun erscheint am 20. Mai mit X A24 nächster Streich – ein grandioser Backwood-Slasher, dem es gelingt, eine liebevolle Hommage an die goldenen Jahre des Slasher-Kinos (insbesondere dem TCM) zu sein und zugleich Kerntropen des Genres auf erfrischende Weise auf den Kopf zu stellen.

X: Mia Goth
X: Mia Goth © capelight pictures
X beginnt wie (gefühlt) jeder Horrorfilm, der eine Gruppe von jungen Stadtmenschen in die texanische Einöde führt: Mit Hochmut, in einem Van, und vorbei an einer lebensfeindlichen Landschaft, in der sich das drohende Unheil unerbittlich, wie ein nahender Sturm konsolidiert. Ein 5-köpfiges Filmteam aus Houston plant im Sommer 1979 irgendwo auf einer Farm in der staubigen Pampa einen Pornofilm zu drehen. Die Charaktere sind alle irgendwie bekannt: vom verdorbenen Stripper-Starlet mit Kokainfaible über den skrupellosen Macho-Produzenten, das abgebrühte Pornosternchen, den afroamerikanischen Vietnamveteranen, den selbstgerechten Möchtegern-Regisseur mit (urkomischen) Godard-Ambitionen bis zur für das Genre unverzichtbaren “Unschuld in Person“ (ein Produkt der konservativen US-Amerikanischen Sexualmoral der 80er-Jahre). Das Spiel, das Regisseur Ti West hier geschickt mit einem der populärsten Narrative des Horrorgenres und vor allem auch den Erwartungen seines Publikums treib, erinnert auf einnehmende Weise an die Dramaturgie von The Cabin in the Woods, der vor bald 10 Jahren einen ganz ähnlichen dekonstruktiven Ansatz verfolgte. Wo The Cabin in the Woods aber vor allem noch Genregrenzen zu sprengen suchte, unterzieht West dem Genre selbst eine zeitgemäße Umwälzung – nicht unwichtig: das Ganze ohne dabei allzu sehr am zurecht so populären Fundament, der Exploitation, dem Suspense und der derben Komik zu rütteln, die das Genre ausmacht. Dadurch gelingt West eine nahezu perfekte Balance zwischen Hommage und Neuschöpfung.

X: Jenna Ortega
X: Jenna Ortega © capelight pictures
Auf Seiten der Hommage gibt sich West als absoluter Genre-Liebhaber und -Versteher zu erkennen. Die erste Hälfte von X ist ein narratives und visuelles Lehrstück: So kann erstklassiger Backwoods-Horror aussehen. Dazu gehört, dass die Charaktere, so überzeichnet sie auch zum Zwecke ihre späteren (geschickten) Dekonstruktion sind, sie an keiner Stelle unglaubwürdig wirken. Tatsächlich versprüht jeder von ihnen auf ganz eigene Art und Weise einen nicht unerheblichen Charme, der eine gewisse emotionale Investition in die Charaktere durchaus erlaubt. Die Kulissen sind liebevoll und mit viel Sinn für Details eingerichtet. So sehr, dass sich ein zweiter Blick auf dem Film wirklich lohnt. Ohne zu viel zu verraten: Dialoge und Kulissen enthalten wertvolle Hinweise auf das spätere Schicksal der einzelnen Protagonistinnen und Protagonisten und Regisseur West hat auch darüber hinaus kleine Gimmicks und Referenzen durch den gesamten Film hindurch versteckt. Wer aufmerksam zuschaut, wird dafür auf jeden Fall belohnt. Doch nicht nur in solchen kryptischen Hinweisen scheint sich das vermeintliche Schicksal der Gruppe schon früh abzuzeichnen. Kameramann Eliot Rockett beschwört in gespenstig ruhigen Bildern der texanische Wildnis und entlang verfallender menschgemachter Strukturen einen atmosphärischen Horror herauf, der einem jede Lust am Land vergällt. An einer Stelle im Film sagt einer der Charaktere, begeistert über die Landschaft: „This is going to add a lot of production value” – Recht hat er.

X: Brittany Snow
X: Brittany Snow © capelight pictures
In der zweiten Hälfte seines Films beginnt West das zuvor sorgfältig etablierte Bild von der Slasher-Hommage geschickt in Frage zu stellen. Das beinhaltet unter anderem eine unkonventionelle Heldin (gespielt von Mia Goth, die im Film in einer Mike-Myers-würdigen Doppelrolle zu sehen ist), einen überraschend emphatischen Blick auf die Perspektive der „Täter“ und Themen wie Sexualität im hohen Alter bzw. den schieren Horror des Älterwerdens überhaupt. Dabei nimmt sich der Film trotz dieser ernsten Themen nie zu ernst, etablierte einen angenehmen und ausgewogenen Fluss zwischen Suspense und Gore, ist abwechselnd verdammt witzig und verdammt ekelig und macht vor allem einfach ein riesiger Spaß.

Regisseur West gab bereits bekannt, dass X Teil einer Slasher-Trilogie sein soll. Das Prequel Pearl befindet sich zu diesem Zeitpunkt bereits in der Postproduktion. Ob es mit X innovativen und überraschen Charakter mithalten kann, bleibt abzuwarten. Für Slasher-Fans ist X jedenfalls eines der Must-Sees dieses Sommers - eine Reise in die goldenen Zeiten des Slasher-Films, gespickt mit ein paar Neuordnungen, die dem Genre guttut.

Fazit:
Regisseur Ti West vereint des beste aus zwei Welten. X ist eine luzide Hommage an das Slasher-Kino der 70er und 80er Jahre und scheut sich gleichzeitig nicht vor der überfälligen Rekapitulationen einiger altbekannter (und obsoleter) Filmtropen des Genres. Das Ergebnis ist ein erfrischend anderer Sommer-Slasher, der Lust auf mehr macht.
by Jan Niklas Breuer

Bilder © capelight pictures


Cast und Crew

Darsteller:
Mia Goth, Jenna Ortega, Brittany Snow, Kid Cudi

Regisseur:
Ti West

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