Westen

Westen (2013), Deutschland
Laufzeit: - FSK: 12 - Genre: Drama
Kinostart Deutschland: - Verleih: Senator Filmverleih

Westen Filmplakat -> zur Filmkritik

erhältlich auf 4K UHD, Blu-ray und DVD

Inhalt

Nelly Senff (Jördis Triebel) wartet mit ihrem kleinen Sohn (Tristan Göbel) auf den Mann, der sie über die Grenze bringen wird. Raus aus der DDR, in den Westen – die Freiheit. Kaum angekommen, wird sie dort von den alliierten Geheimdiensten durchleuchtet. Scheinbar gibt es ein paar dunkle Punkte in ihrer Vergangenheit. Doch die selbstbewusste Nelly will niemandem mehr Rechenschaft ablegen. Besonders ein US-Offizier ist beeindruckt von dieser starken Frau, die nichts weiter als ihre Freiheit will und die um ihren Stolz und ihre Würde kämpft. Aber da ist auch noch der mysteriöse Hans (Alexander Scheer), der Interesse an ihr zeigt und sich rührend um sie und ihren Sohn kümmert...
Am Ende begreift Nelly, dass sie ihren Weg zielstrebig weitergehen muss – ohne zurückzublicken.


Jördis Triebel, Alexander Scheer und Tristan Göbel | mehr Cast & Crew


DVD und Blu-ray | Westen

Blu-ray
Westen Westen
Blu-ray Start:
17.10.2014
FSK: 12 - Laufzeit: 102 min.
DVD
Westen Westen
DVD Start:
17.10.2014
FSK: 12 - Laufzeit: 98 min.

Filmkritik Westen

Filmwertung: | 6/10


Rund vier Millionen Menschen verließen in den Jahren zwischen 1949 und 1990 die DDR in Richtung Bundesrepublik. Das Notaufnahmelager Marienfelde in Berlin-Marienfelde war eines von drei Lagern, das Notaufnahmeverfahren für die Menschen aus der DDR und Ost-Berlin abwickelte. Zugrunde lag dem Verfahren das sogenannte Bundesnotaufnahmegesetz, wonach eine Anerkennung als politischer Flüchtling geprüft und gegebenenfalls eine ständige Aufenthaltserlaubnis für das Bundesgebiet und West-Berlin erteilt wurde sowie die Belastung durch den Zuzug der Flüchtlinge gleichmäßig auf die Bundesländer verteilt werden konnte. Wie Menschen dieses Anerkennungsverfahren erlebt haben, thematisiert nun der Film "Westen".

Wer die DDR verlassen wollte, hatte eigentlich genug von den Demütigungen hinter Mauer, Stacheldraht und Selbstschussanlagen. Nelly Senff (Jördis Triebel) darf 1978 mit ihrem neunjährigen Sohn Alexej (Tristan Göbel) von Ost- nach West-Berlin ausreisen. Drei Jahre nach dem Tod ihres Freundes Wassilij will die studierte Chemikerin ein neues Leben beginnen, doch den Start in die neu erlangte Freiheit hatte sie sich anders vorgestellt. Im Notaufnahmelager Marienfelde muss sie von misstrauischen Geheimdienstmitarbeitern fragwürdige Interviews über sich ergehen lassen. Gefangen im Transitraum zwischen beiden deutschen Staaten fühlt sich die 30-jährige an die Drangsalierungen des DDR-Regimes erinnert. Zusehends beginnt sie an ihren Entscheidungen zu zweifeln und bohrende Fragen zu ihrem vermeintlich verstorbenen Lebenspartner reißen ihr gänzlich den Boden unter den Füßen weg.

Regisseur Christian Schwochow, der für sein Debüt "Novemberkind" (2008) zahlreiche Auszeichnungen erhielt, erzählt die Geschichte der selbstbewussten Nelly, die gemeinsam mit ihrem Sohn erste Gehversuche im goldenen Westen wagt. Der Roman "Lagerfeuer" von Julia Franck aus dem Jahr 2003 diente als Vorlage, weil Schwochow fasziniert davon war, wie die Autorin multiperspektivisch und autobiografisch diese Lebensphase der Ungewissheit in dieser Zwischenwelt des Transits mit der großen Hoffnung auf Freiheit schildert. Julia Franck verbrachte selbst Ende der 1970er Jahre fast neun Monate zusammen mit ihrer Mutter und drei Geschwistern im Notaufnahmelager Berlin-Marienfelde, was eine gute Voraussetzung für eine atmosphärisch stimmige und authentische Verfilmung dieses Themas war. Die Adaption des Romans zu einem Drehbuch mit einem verfilmbaren dramaturgischen Konzept übernahm die Mutter des Regisseurs Heide Schwochow. Durch die herausragende Hauptdarstellerin Jördis Triebel wird Nelly sofort zur Identifikationsfigur und als ihr Filmsohn Alexej macht Tristan Göbel einen großartigen Job. Kameramann Frank Lamm findet für das in Berlin, Köln und Mönchengladbach gedrehte Drama Bilder, die auf den ersten Blick eine große Weite atmen, andererseits aber eine schauderhafte klaustrophobische Enge widerspiegeln.

"Wissen Sie, warum ich aus der DDR wegwollte? Wegen solcher Fragen.", sagt Nelly Senff zum CIA-Agenten Fleischmann. Das kann der Zuschauer schnell nachempfinden, wenn Nelly mit ihrer Stempelkarte, auf der 12 Stempel zum Erlangen einer Aufenthaltsgenehmigung von Nöten sind, durch das Notaufnahmelager gescheucht wird. Die federführend durch einen Agenten der USA durchgeführten Befragungen wirken wie eine Anspielung auf die von NSA-Spitzeleien geprägte Gegenwart und deren Motive sind nicht minder unklar. Tief beeindruckend stellt sich für den Zuschauer dar, welch abstoßendes Szenario die Bürger aus der DDR nach ihrer Ausreise erwartet hat und verschweigt auch nicht, dass Nelly schon davor im Ostteil keinen Fuß mehr vor den anderen bekam und ihren Job als Chemikerin sofort verlor, als sie ihren Ausreiseantrag stellte. Die Motive der Interviews verdichten sich in ihrem Fall erst, als sich der Fokus auf ihren verstorbenen Freund richtet, dessen Tod hinsichtlich einer möglichen Spionage-Tätigkeit in Zweifel gezogen wird. Von da an verliert sie jedwedes Vertrauen und kann auch mit dem im Lager gefundenen Freund Hans nicht mehr umgehen, weil er ja für die Stasi arbeiten könnte. Es beginnt eine pure Paranoia unter der ihr tapferer Sohn, der in seiner neuen Schule zudem als "Ost-Pocke" beschimpft wird, am meisten zu leiden hat. Nun war der Reiz für Regisseur Schwochow größer, Fragen zu stellen, als Antworten zu geben. Ein lobenswerter Kunstgriff, der in diesem Fall jedoch bedeutet, dass weder die Wahrheit um Nellys Freund Wassilij herauskommt, noch die Stasi-Frage um Hans beantwortet wird. Viel hält der Zuschauer also am Ende des Filmes nicht in Händen, außer der Gewissheit, dass Nelly den Sprung in die Freiheit geschafft hat. Da wäre aber noch der beklemmende, fast dokumentarische Eindruck über dieses Notaufnahmelager. Das dürften auch im Westen die meisten nicht gewusst haben.

"Westen" ist ein beklemmendes Zeitdokument über die Ankunft von DDR-Bürgern im vermeintlich goldenen Westen. Christian Schwochow entlässt den Zuschauer mit mehr Fragen, als Antworten und damit mit einem Unwohlsein, das unsere Freunde aus der DDR damals vielleicht auch so erlebten.

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Bilder © Senator Filmverleih