Von Trauben und Menschen

Von Trauben und Menschen (2012), Frankreich
Laufzeit: - FSK: 0 - Genre: Dokumentation
Kinostart Deutschland: - Verleih: Film Kino Text

Von Trauben und Menschen Filmplakat -> zur Filmkritik

Inhalt

Frankreich, eine kleine Weinregion (Gaillac) östlich von Toulouse, Mitte September. Mit Lesescheren und Eimern bewaffnet schwärmt eine Gruppe von Frauen und Männern jeden Alters in die Rebzeilen eines mittelständischen Anbaubetriebs in der Region Gaillac aus – sie alle sind während der wenigen Wochen der Weinernte als Erntehelfer hierhergekommen.
Behutsam tastet sich der Film an seine Protagonisten heran. Hinter dem Smalltalk der Erntehelfer während der Arbeit verbergen sich tiefergehende Geschichten. Und natürlich wird auch zusammen gekocht, gegessen, getrunken und gefeiert.
Jeder Erntehelfer hat seine eigene Geschichte: Zwei Studentinnen, die ihren Platz im Leben suchen; eine 50 Jährige Frau die nach ihrer Entlassung keine andere Arbeit findet; eine junge Familie aus der Region, die sich bewusst für ein unabhängiges Leben entschieden hat; zwei ältere Männer, denen das Leben nichts geschenkt hat. Sie alle sind stolz auf ihre gemeinsame Arbeit im Weinberg, eine gute Zeit im Jahr, die ihnen hilft, über die Runden zu kommen.




Filmkritik Von Trauben und Menschen

Filmwertung: | 8/10


Im Original heißt Von Trauben und Menschen einfach nur Traubenernten – Vendanges. Die französischen Titel zeichnen sich des öfteren durch ihre Sachlichkeit und Schlichtheit aus, die hiesigen wollen eher gefallen. Sie greifen voraus, lassen weniger Spielraum zum Imaginieren. Das Wort Traubenernte lässt einen an die von jeweils unterschiedlichen Rhythmen bestimmten Handlungen denken: Handpflücken, Zusammenschütten der Inhalte vieler Eimer zu einem Haufen, Traubenrispe zu Traubenrispe, dann der Transport. Von Trauben und Menschen SzenenbildDas Maschinelle kommt ins Spiel, aber immer noch in einem ruhigen, übersehbaren Rahmen – Maischen, Pressen. Ab dann ist es eine andere Geschichte. Da die Ernte auch immer den Höhepunkt des ganzen landwirtschaftlichen Jahres darstellt, werden aus Handlungen kleine und große Rituale. Zum Abschluss eine ausgiebige Feier, während der Most vor sich hin gärt. Der deutsche Verleihtitel bereitet uns jedoch darauf vor, dass die Dokumentation die Weinlese an sich beiseite lassen wird, sie als Selbstverständliches nimmt. Was interessant ist, sind die Menschen, die Erntehelfer. Vor ein paar Monaten spielte ich selbst ein wenig mit diesem Gedanken: körperlicher Einsatz an der frischen Luft unter südfranzösischer Sonne. Abschalten, Abstand nehmen von der Großstadtgeografie, in der ich mich wie viele andere ab und an gefangen fühle. Von dem Weinberg aus einen klaren Blick auf die eigene Zukunft werfen und nach der Heimkehr wissen, was zu tun ist. Der Gedanke blieb nur eine Idee, ich habe dafür dann doch keine Zeit finden können.

Warum wird man Saisonarbeiter bei der Weinlese, hat sich der Dokumentarfilmemacher Paul Lacoste möglicherweise gefragt haben. In Von Trauben und Menschen begleitet er eine Gruppe von zwanzig Frauen und Männern auf einem kleinen Anbaubetrieb in der Nähe von Toulouse. Er schaut ihnen beim Pflücken auf den Weinbergen und beim Herumalbern zu, wenn sie sich gegenseitig mit Trauben bewerfen. Man ist hier auch um Spaß zu haben, eine Traubenschlacht bietet sich an. Wettbewerb unter den Arbeitern macht keinen Sinn, es geht um das gemeinsame Vorankommen – in einer Linie bleiben. Abends werden Eimer ausgewaschen und zum Trocknen übereinander aufgestellt, der Matsch von den Gummistiefeln abgeputzt – eigens dafür gibt es an den Außenseiten der Häuser angebrachte Metallstangen. Es wird zusammen gegessen, der junge Wein aus den Trauben von letzter Woche verkostet – Früchte der geleisteten Arbeit zu ernten muss sich gut anfühlen. Der Film hört beim Arbeiten mit und jedem Einzelnen zu, mal in privaten Wohnungen, mal neben ehemaliger Arbeitsstelle in der Stadt, mal bei einem Spaziergang im Wald. Von Trauben und Menschen SzenenbildDie Aufnahmen kommen uninszeniert daher, scheinen mehr durch die örtlichen Gegebenheiten oder Impulse der Sprechenden bestimmt zu sein, als durch das Bemühen, ihnen einen aussagekräftigen Rahmen zu geben. Man spricht über Verhältnis von Arbeitszeit und Entlohnung, über Sinnhaftigkeit der Gewerkschaften; darüber, was sie nach dem letzten Tag der Ernste vorhaben: renovieren, Wohnung finden oder sich vom Leben treiben lassen, komme was komme. Jean-Marie, ein rüstiger Scherzbold um die 70, sagt, die 35-Stunden-Woche wäre was für die Armen, er hatte das Doppelte durchgemacht, hatte mit Anfang zwanzig ein eigenes Haus – er glaubt, Recht zu haben. David, Anfang dreißig, großer und kräftig gebauter „Träger“, verdient zwar kein Vermögen, hat dafür Flexibilität bei der Bestimmung seiner Arbeitszeiten und viel freie Zeit. Er ist mit der selbst getroffenen Entscheidung seinerseits zufrieden.

Gegen alle Erwartung verzichtet der Film auf die ornamentale Schönheit der in Reihen ausgerichteten Weinreben und hält die Landschaft nur zu Anfang kurz von oben aus fest. Es regnet und herbstet in Momentaufnahmen vielmehr, als in typischen long takes. Häufig wird geschnitten, rekadriert. Dabei bleibt die Kamera dran, verliert nicht ihren Fokus, widersteht, wie diejenigen, die sie gerade filmt, stoisch den harten Windstößen. Sie filmt auch Zufälliges, sucht nach Ausdrucksvollem, nach kleinen dokumentarischen Ködern: verträumtes Gesicht, die leichte Angetrunkenheit der Feierabende, menschliche Aura.

Von Trauben und Menschen Szenenbild Irgendwann kommt eine Gruppe von Grundschulkindern vorbei, um zu sehen wie Wein hergestellt wird. Sie fühlen die schweren Flaschen, staunen über die Gerätschaften (ein Pool voller Wein!), mischen sich unter die Arbeiter auf dem Weinberg. Die maschinelle Lese finden sie besser, weil sie schneller ist. Komisch, wie die kreischende Kinderschar den erwachsenen Männern und Frauen als überlegen wahrgenommen wird. So etwas wie die Arroganz der Jugend, oder ist das zu einfach gedacht? Als Antwort auf die Frage, warum man Saisonarbeiter bei der Weinlese wird, lässt uns Paul Lacoste deutlich den mitlaufenden Mangel spüren. Die Rentner suchen nach Abwechslung, nach Vergnügen sogar, bei den jüngeren ist es Arbeitslosigkeit, Geldnot, Ausbrennung. Eine Frau zeigt die Fotos ehemaliger Kollegen: diese ist jetzt ohne Arbeit, diese hier auch – sans boulot. Leider stellt die Saisonarbeit keine Alternative dar, weil man nach dem Tag des Ankommens und der ersten Aufregung auch schon auf das baldige Ende hinarbeitet. Von Trauben und Menschen zeigt Beschäftigung, die eine Jahreszeit hat – so hat die Jury von Dok Leipzig ihre Auszeichnung als der beste Film zum Thema Arbeit begründet. Schön und gut, aber auch traurig. Saisonarbeit ist eine Welt für sich, sagt jemand in dem Film. Auf den alten Fotografien sehen wir die Erntehelfer von früher, Frauen und Kinder. Irgendwann kommen auch Männer dazu, Rentner und Arbeitslose vor allem – die Schwachen der Gesellschaft in der immer gleichen Gruppenaufstellung. Von Trauben und Menschen SzenenbildSie reden über Einsamkeit, „Atomisierung des Einzelnen in der globalisierten Welt“, über Solidarität, die sie selbst in ihrem überschaubaren Team vermissen. Anders, als die Trauben einer Rispe, müssen Menschen ihren Weg oft alleine gehen.

Von Trauben und Menschen öffnet seine Beobachtung einer würdigen, naturverbundenen Gemeinschaftsarbeit zu einer Erzählung über die vielen Gesichter einer präkarisierten Arbeitswelt, die uns stets unendliche Möglichkeiten vortäuscht. Wer mit dem Film die eigenen Sehnsüchte nach dem Einfachen und Ursprünglichen zu stillen sucht, wird hier nicht auf seine Kosten kommen. Das wäre eine andere Geschichte, und die hätte sich falsch angefühlt.


Fazit:
Ein „kleiner“ Film, ein Bruchstück, ein Zeitzeugnis, eine ausgedehnte Momentaufnahme. Von Trauben und Menschen weiß seine Geschichte zu erzählen, ohne sie endgültig und überdeutlich in die eigene Struktur einzumeißeln. Sympathisch und klug.
by

Bilder © Film Kino Text


Cast und Crew

Regisseur:
Paul Lacoste

Drehbuch:
Paul Lacoste