Tully

Tully (2018), USA
Laufzeit: - FSK: 12 - Genre: Komödie / Drama
Kinostart Deutschland: - Verleih: DCM

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Tully Filmplakat -> zur Filmkritik

erhältlich auf 4K UHD, Blu-ray und DVD

Inhalt

Marlo (Charlize Theron) hat gerade erst ihr drittes Kind bekommen, als ihr Bruder ihr ein besonderes Geschenk macht: Eine „Night nanny“, die sich nachts um die Kinder kümmern soll. Marlo ist zunächst skeptisch gegenüber dem Gedanken, Hilfe von einer fremden Person anzunehmen, doch als sie die junge, schlaue und witzige Nanny namens Tully kennenlernt, entwickelt sich eine einzigartige Freundschaft zwischen den beiden Frauen.

Charlize Theron, Mackenzie Davis und Mark Duplass | mehr Cast & Crew


Tully - Trailer




DVD und Blu-ray | Tully

Blu-ray
Tully Tully
Blu-ray Start:
12.10.2018
FSK: 12 - Laufzeit: 95 min.
DVD
Tully Tully
DVD Start:
12.10.2018
FSK: 12 - Laufzeit: 92 min.

Filmkritik Tully

Filmwertung: | 7/10


Marlo (Charlize Theron) hat zwei junge Kinder und ein drittes ist schon auf dem Weg, was man unschwer an ihrem riesigen Bauch und ihrem sehr geschafften Gesichtsausdruck erkennen kann. Ihr Sohn Jonah (Asher Miles Fallicah) hat durch aufkeimende Anzeichen von Autismus große Probleme in der Schule und fordert Marlos volle Aufmerksamkeit, während ihre Tochter Sarah (Lia Frankland) etwas vernachlässigt wird. Ihr fürsorglicher, aber lethargischer Mann Drew (Ron Livingston) ist entweder geschäftlich unterwegs oder liegt im Bett und spielt Playstation, weshalb Marlo zunehmend auf sich alleine gestellt ist. Ihre Karriere musste sie wegen ihren Kindern und dem damit einhergehenden Vorstadtleben erst mal auf Eis legen, wodurch sie trotz aller Liebe für ihre Kinder einfach ausgelaugt und leer ist. Ihr neureicher Bruder Craig (Mark Duplass) sieht nach der Geburt der kleinen Mia die Lösung: Er heuert eine Nacht-Nanny für Marlo an – die quirlige und in ihrer unbeschwerten Leichtigkeit fast schon unwirklich erscheinende Tully (Mackenzie Davis).

Marlo (Charlize Theron) kurz vor der Geburt ihres dritten Kindes
Marlo (Charlize Theron) kurz vor der Geburt ihres dritten Kindes © dcm
Schon 2011 lief Charlize Theron unter der Regie von Jason Reitman („Thank You for Smoking“, „Juno“, „Up in the Air“) im wunderbar offenherzigen „Young Adult“ zu ganz großer Form auf. In „Tully“ kommt es nun zur zweiten Zusammenarbeit des Regisseur-Schauspieler-Paares, die erneut aus der Feder der Oscar-gekrönten „Juno“-Autorin Diablo Cody stammt. Theron beweist wie schon oft in der Vergangenheit Mut zur Hässlichkeit und hat für die Rolle beachtliche 25 Kilo zugenommen. Das entstellt eine natürliche Schönheit wie Theron zwar nicht wirklich, dennoch gibt sie so glaubwürdig und furchtlos eine Frau in verfrühter Midlife-Crisis, der ihr Leben zunehmend über den Kopf wächst. Man sieht Theron ihre Müdigkeit regelrecht an und sie begeistert in einer komplexen und ungeschönten Darstellung einer ganz normalen Frau.

Die Nacht-Nanny Tully (Mackenzie Davis)
Die Nacht-Nanny Tully (Mackenzie Davis) © dcm
„Tully“ funktioniert zweifelsohne als intime Charakterstudie dieser Frau, jedoch ist die titelgebende Tully der Katalysator des Films. Zunächst reagiert Marlo etwas wiederwillig auf die Vorstellung, ihr Kind einer fremden Frau zu überlassen. Doch die Erscheinung der so lebendigen, warmherzigen und charismatischen jungen Frau bringt plötzlich die innere Ruhe, die Marlo so lange benötigt hat. Endlich kann sie wieder schlafen, doch Tully ist auch Freundin und scheinbar Seelenverwandte, wodurch Marlos Leben einen neuen Wiedergeburt-artigen Schwung erhält. Das erzählen Cody und Reitman allerdings nicht zu offensichtlich, sondern in angenehm subtilen und scharfsinnigen Tönen, die hier vieles unausgesprochen lassen. Reitman inszeniert „Tully“ zurückhaltend und fokussiert sich voll und ganz auf seine Hauptfigur. Sein Film ist überaus menschlich geraten und zeigt in schonungsloser Detailfreude und Ehrlichkeit den Lebensalltag einer ganz normalen Mutter, womit sich sehr viele Frauen identifizieren können sollten.

Tully (Mackenzie Davis) beobachtet Marlo (Charlize Theron) beim Stillen
Tully (Mackenzie Davis) beobachtet Marlo (Charlize Theron) beim Stillen © dcm
Hier glänzt der Film, wenn er das tagtägliche Prozedere des Mutter-Daseins präzise seziert und für zahlreiche unangenehme Einsichten zeigt, die man so selten im Film sieht. Alleine das schmerzhafte Milchabpumpen wird hier immer wieder sehr anschaulich illustriert, aber auch der hohe Stress Marlos wird von Reitman förmlich spürbar dargestellt. Überhaupt stehen Marlos körperliche Gebrechen in Form geschwollener Füße und Brüste, eines schlaffen Post-Schwangerschaftsbauchs und überall hervorstehenden Adern immer wieder im Mittelpunkt (Zitat: „Mein Körper wirkt wie die Reliefkarte eines Bürgerkriegslandes“). Der Humor von „Tully“ ist meist herrlich trocken, wobei Diablo Codys Handschrift erwartungsgemäß spürbar zum Vorschein kommt. Doch Cody hält sich hier in Sachen stilisierter Sprache eher zurück, was jedoch nicht bedeutet, dass es in „Tully“ nicht vor geistreich-cleveren Bonmots tummelt.

Tully (Mackenzie Davis) und Marlo (Charlize Theron)
Tully (Mackenzie Davis) und Marlo (Charlize Theron) © dcm
Die Tatsache, dass der Film „Tully“ und nicht „Marlo“ heißt, spricht für sich: Diese Figur hat eine große Bedeutung, die erst nach und nach deutlich wird und im letzten Akt zum Vorschein kommt. Der Film spielt ein wenig mit Assoziationen zum Horror-Nanny-Subgenre à la „Die Hand an der Wiege“, denn Tully ist eigentlich zu perfekt um wahr zu sein. Warum will diese junge Frau mit solcher unermüdlichen Leidenschaft Marlo helfen? Dieses Mysterium hängt hier immer ein klein wenig in der Luft (ebenso wie die immer wiederkehrenden Meerjungfrauenbilder), jedoch erzählen Cody und Reitman hier vordergründig ein komplex-menschliches Portrait in sehr naturalistischen und unaufgeregten Zügen. Hier ist man primär bemüht, eine wahrhaftige Studie dieser so wiedererkennbaren Frau zu erzählen, da muss man den tatsächlich gewagten Schluss, der zunächst etwas frappierend wirkt, erst mal sacken lassen. „Tully“ wirft jedenfalls einige spannenden Fragen über das Mutter-Dasein und Selbstbestimmung auf, die den angenehm unsentimentalen Film trotz des etwas holprigen Endes sehenswert machen.


Fazit:
„Tully“ ist ein scharfsinniges und intimes Portrait einer ganz normal überforderten Frau, der ihr stressiges Mutter-Dasein zunehmend über den Kopf wächst. Charlize Theron begeistert mit einer furchtlosen und wahrhaftigen Darstellung einer Frau am Scheideweg, während Regisseur Jason Reitmans zurückhaltende und präzise Inszenierung auf seine Hauptdarstellerin fokussiert ist.
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Bilder © DCM