Tod auf dem Nil

Death on the Nile (2020), USA
Laufzeit: - FSK: 12 - Genre: Krimi / Mysterie / Drama
Kinostart Deutschland: - Verleih: Walt Disney

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Inhalt

Erneut schlüpft Kenneth Branagh in die Rolle des exzentrischen Detektivs mit den bemerkenswert scharfen grauen Zellen und seinem ebenso bemerkenswerten Schnurrbart. Für seine zweite Agatha Christie-Interpretation nach dem Erfolgsthriller „Mord im Orientexpress“ führt Regisseur Branagh zugleich ein phänomenales Schauspielensemble an: Gal Gadot, Armie Hammer, Emma Mackey, Letitia Wright, Annette Bening, Tom Bateman, Rose Leslie, Russell Brand, Jennifer Saunders sowie Dawn French spielen die Hauptrollen in diesem stargespickten und pointierten Gesellschaftsthriller.

Kenneth Branagh, Gal Gadot und Armie Hammer | mehr Cast & Crew


Tod auf dem Nil - Trailer




Filmkritik Tod auf dem Nil

Filmwertung: | 6/10


Nach dem beachtlichen weltweiten Erfolg von „Der Mord im Orientexpress“ war schon früh klar, dass Kenneth Branagh auch ein weiteres Mal den pompösesten aller Schnurrbärte tragen würde. Und natürlich bietet sich das ja auch irgendwo an, denn der berühmte belgische Detektiv Hercule Poirot tauchte in nicht weniger als 33 Romanen von Agatha Christie auf. So erscheint nun nach einiger Corona- und Armie Hammer-bedingter Verspätung mit „Tod auf dem Nil“ Teil zwei des PCU (Poirot Cinematic Universe). Ähnlich wie der Vorgänger glänzt auch diese klassischste aller Kriminalgeschichten durch überschwänglich glamouröse Ausstattung und Kostüme, schöne Stars und gediegenen Rätselspaß. Kurz gesagt: Wer „Mord im Orientexpress“ mochte und ohnehin eine Schwäche für altmodische Kriminalgeschichten oder auch Krimidinners hat, der wird sicher auch an „Tod auf dem Nil“ seine kleine Freude haben.

Man muss sich natürlich nichts vormachen, Christies achtzehnte und möglicherweise bekannteste Poirot-Geschichte wurde bereits zweimal verfilmt: Da wäre John Guillermins an Original-Schauplätzen aufwändig produzierte Kinoversion von 1978 mit Peter Ustinov, aber auch die 2004 erschienene britische TV-Adaption mit David Suchet. Was kann Kenneth Branagh also nun mit seiner Neuauflage beitragen? Letztlich entstaubt der Brite den Stoff wie auch zuvor dank des großzügigen Budgets, gibt dem Ganzen neuen, üppigen, aber auch etwas artifiziellen Glanz und setzt Poirot und damit sich selbst noch mehr in den Mittelpunkt.

Tod auf dem Nil: Kenneth Branagh als Hercule Poirot
Tod auf dem Nil: Kenneth Branagh als Hercule Poirot © Disney
So beginnt der Film zunächst in prächtigen Schwarzweiß-65mm-Breitbildaufnahmen von den Schützengräben Belgiens des Ersten Weltkriegs. Hier wird ein junger schnurrbartloser Poirot präsentiert, der als einfacher Soldat dank brillanter Kombinationsgabe erkennt, wie eine taktisch wichtige Brücke entgegen aller Widerstände sicher eingenommen werden kann. Doch da er eine Kleinigkeit übersieht, kommt es zu einem fatalen Fehler, der auch ihn kennzeichnen wird. Während dieser Prolog noch vielversprechend beginnt, endet er auf einer Pointe, bei der man eigentlich nur mit den Augen rollen kann. Es sei nur verraten, dass Branaghs scheinbare Obsession mit Poirots gigantischer Rotzbremse hier hoffentlich ihren Höhepunkt gefunden hat.

Diese poirotsche Ursprungsgeschichte wirkt hier im Nachhinein betrachtet ohnehin im Gesamtkontext des Films (abgesehen von einem kurzen Epilog) etwas überflüssig und deplatziert, auch weil sie mit Christies Biografie ihrer liebsten Figur nichts zu tun hat. Ansonsten folgt der Film der Vorlage weitgehend werkgetreu und für Kenner entsprechend überraschungsarm: So hält sich Hercule Poirot gerade im Urlaub in Ägypten auf, wo er den Nildampfer S.S. Karnak besteigen möchte. Auch vor Ort ist das frisch verheiratete Ehepaar Linnet Ridgeway (Gal Gadot) und Simon Doyle (Armie Hammer), die auf der Karnak ihre Hochzeitsreise mit Gästen feiern wollen. Unliebsamerweise gehört hier auch die Aristokratin Jacqueline de Bellefort (Emma Mackay) dazu, die zuvor mit Simon verlobt war und pikanterweise ihre Freundin Linnet mit ihm bekannt gemacht hat. Auf der Reise über den Nil kommt es dann schließlich zu einem mysteriösen Mordfall, den natürlich nur der im Hintergrund fleißig beobachtende Meisterschnüffler Hercule Poirot lösen kann.

Tod auf dem Nil: Armie Hammer und Gal Gadot
Tod auf dem Nil: Armie Hammer und Gal Gadot © Disney
Wie sich herausstellt, hat natürlich jeder der Gäste ein Motiv für den Mord. So klappert Poirot einen Verdächtigen nach dem anderen ab, bis er schließlich zu seiner großen Schlussfolgerung kommt. Einige Figuren aus Christies Roman und auch der Originalverfilmung wurden für dieses Remake abgewandelt, andere wurden hinzugefügt: So ist erneut Bouc (Tom Bateman) dabei, der bereits in „Mord im Orientexpress“ als Poirots Freund und Vertrauter etabliert wurde, in dem Roman von Christie aber keine Rolle spielt. Ebenso an Bord ist Boucs Mutter Euphemia (Annette Bening), Linnets alte Schulfreundin Rosalie Otterbourne (Letitia Wright), deren Tante und Jazzsängerin Salome (Sophie Okonedo), Linnets Anwalt und Cousin Andrew Katchadourian (Ali Fazal), Arzt und Linnets Ex-Verlobter Lord Windlesham (Russell Brand), Linnets Zofe Louise Bourget (Rose Leslie), sowie ihre Patentante Marie van Schuyler (Jennifer Saunders) mit ihrer Begleiterin Mrs. Bowers (Dawn French). Dass hier Professionen und Figurenkonstellationen abgeändert wurden, sorgt für Kenner der Vorgänger oder des Ursprungsmaterials für Abwechslung, spielt aber letztlich kaum eine Rolle.

Branagh kommt schneller und effektiver zur Sache als Guillermins doch sehr gediegene und oft langatmige Verfilmung. Er etabliert die Figuren und ihre Beziehung untereinander effektiv und benötigt nicht allzu viel Zeit, um auf den Dampfer zu kommen. Leider gestalten er und sein Drehbuchautor Michael Green insbesondere die Nebenfiguren weit weniger schillernd und interessant als es noch in der 78er Version geschehen ist. Gal Gadot lässt wie gewohnt die Leinwand erstrahlen, Armie Hammer hat nicht wirklich viel zu spielen, während jedoch Emma Mackey mit als einziges Cast-Mitglied als von besessener Eifersucht getriebene Sitzengelassene echte Akzente setzt. Dass gerade allerdings jemand wie Russell Brand so wenig genutzt wird, ist dann schon enttäuschend und auch ansonsten werden die Figuren nur recht oberflächlich charakterisiert.

Szene aus Tod auf dem Nil
Szene aus Tod auf dem Nil © Disney
Trotz allem Pomp und unübersehbarem Aufwand, bei dem unter anderem sowohl der berühmte Tempel von Abu Simpel als auch die S.S. Karnak nachgebaut wurden, fehlt dem Film der spürbare Lokalkolorit des an Originalschauplätzen gedrehten Originals. Dennoch: Hier gibt es einiges an Schauwerten zu bewundern, leider gestaltet sich der Film dadurch aber nicht mitreißender oder gar spannender. Das ist alles natürlich sehr hübsch anzusehen, statt tief in einen verstrickten Plot involviert zu werden, bleibt man aber weitestgehend passiver Betrachter.

Auch wenn das Liebesdreieck zwischen Linnet, Simon und Jacqueline durchaus Potential hat und gelegentlich etwas Feuer aufkommt, bleibt das alles doch etwas blass. Trotz modernem Anstrich ist „Tod auf dem Nil“ im Kern dann eben immer noch gediegene und altmodische Krimikost, die dem Genre nichts Neues beisteuern kann. Insbesondere nach Rian Johnsons brillantem Christie-Verschnitt „Knives Out“ erscheint Branaghs Interpretation zwar respektvoll gegenüber der Vorlage, aber eben schlicht zu routiniert und uninspiriert, um mehr als nette Krimikost zu sein. Hier tut nichts weh, hängen bleibt aber auch nicht viel.

Fazit:
Tod auf dem Nil bietet wie sein Vorgänger gediegene und wenig spannende Krimikost in modernem und verschwenderisch aufwändigem Gewand, die insbesondere Freunden altmodischer Genrevertreter Spaß bereiten sollte. Dennoch erscheint der Film trotz aller Schauwerte und teilweise überraschend blasser Stars zu routiniert, um wirklich nachhaltigen Eindruck zu machen.
by Florian Hoffmann

Bilder © Walt Disney