The Favourite - Intrigen und Irrsinn

The Favourite - Intrigen und Irrsinn (2018), Irland / Großbritannien / USA
Laufzeit: - FSK: 12 - Genre: Drama
Kinostart Deutschland: - Verleih: 20th Century Fox

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The Favourite - Intrigen und Irrsinn Filmplakat -> zur Filmkritik

Inhalt

England befindet sich im frühen 18. Jahrhundert im Krieg mit Frankreich, doch Entenrennen und der Genuss von Ananas erfreuen sich wachsender Beliebtheit. Die gebrechliche Königin Anne (Olivia Colman) sitzt zwar auf dem Thron, doch ihre enge Freundin Lady Sarah (Rachel Weisz) regiert das Land an ihrer Stelle und kümmert sich auch noch um Annes Gesundheit und ihre sprunghaften Launen. Als das neue Dienstmädchen Abigail (Emma Stone) ihre Stelle antritt, schmeichelt sie sich schnell bei Sarah ein. Sarah nimmt Abigail unter ihre Fittiche und Abigail sieht ihre Chance, zu ihren aristokratischen Wurzeln zurückzukehren. Als die politischen Auseinandersetzungen Sarah zeitlich immer mehr in Anspruch nehmen, nimmt Abigail ihren Platz ein und fungiert fortan als Vertraute der Königin. Die aufkeimende Freundschaft gibt Abigail nun die Möglichkeit, ihre ehrgeizigen Ziele zu verwirklichen, und sie wird nicht zulassen, dass eine Frau, ein Mann, Politik oder sonst irgendetwas sich ihr in den Weg stellen.

Emma Stone, Rachel Weisz und Olivia Colman | mehr Cast & Crew


The Favourite - Intrigen und Irrsinn - Trailer




Filmkritik The Favourite - Intrigen und Irrsinn

Filmwertung: | 8/10


Yorgos Lanthimos mag Menschen nicht besonders. Zu diesem Urteil könnte man durchaus immer wieder kommen, nachdem man eines seiner giftigen Werke betrachtet und durchlebt hat. Der bizarre „Dogtooth“ oder seine beiden englischsprachigen, oft verstörenden „The Lobster“ und „The Killing of a Sacred Deer“ faszinieren mit ihren einzigartigen und hochoriginellen Konzepten, aber auch unterkühlter Distanz. Hier bildet auch „The Favourite“ absolut keine Ausnahme, der so ganz in Lanthimos Kosmos passt – obwohl der Grieche zum ersten Mal nicht am Drehbuch beteiligt war. Verlagert wird das misanthropische Lanthimos-Spiel diesmal ins 18. Jahrhundert am Hofe von Königin Anne – ein erstaunlich effektiver Nährboden für den querdenkenden Autorenfilmer und zudem ein herausragendes und oft delikates Stück Schauspielkino. Am ehesten kann man den Oscar-Kandidaten wohl als Mischung aus „Gefährliche Liebschaften“ und Park-Chan Wooks „Die Taschendiebin“ mit einem Hauch von Kubricks „Barry Lyndon“ sehen, allerdings zu jedem Zeitpunkt ganz spürbar durch Lanthimos einzigartigen Blick gefiltert. Wer denkt, dass historische Kostümschinken meistens trocken sind, darf sich angesichts dieses bissig-satirischen Stücks eines Besseren belehren lassen.

Rachel Weisz und Olivia Colman in The Favourite
Rachel Weisz und Olivia Colman in The Favourite © Twentieth Century Fox
Das 18. Jahrhundert, der englische Königshof. Das Land befindet sich im Krieg mit Frankreich, die amtierende Königin Anne (Olivia Colman) hat ihre besten Tage längst hinter sich und ist kaum fähig, ihr Amt ansatzweise adäquat auszufüllen. Manisch, gebrechlich, von Gischt, Wahnsinn und Bedürftigkeit geplagt, ist Anne von der Hilfe ihrer langjährigen Vertrauten und Beraterin Sarah Churchill, Herzogin von Marlborough (Rachel Weisz) abhängig, die insgeheim die politischen Geschicke Englands leitet. Sowohl Anne als auch Sarah stehen unter Dauerfeuer eines intriganten Hofes, vor allem des Vertreters der Landbesitzer und Oppositionsführer Robert Harley (Nicholas Hoult), der für die Beschaffung der Kriegssteuern zuständig ist.

In dieses fragile Konstrukt tritt schließlich Sarahs Cousine Abigail (Emma Stone), die zunächst unter Sarahs Aufsicht in den niedersten Ebenen des Hofes als Dienstmädchen arbeitet und gedemütigt wird. Doch die findige Abigail lernt schnell, wie man die Aufmerksamkeit der schrulligen, sprunghaften und pflegebedürftigen Königin erreichen kann und steigt schnell in der Rangordnung auf. Abigail erfährt nämlich schnell, dass Sarah nicht nur eine enge Vertraute der Königin, sondern auch ihre Liebhaberin ist. Es entspinnt sich ein verworrenes Liebesdreieck, das von zunehmend unersättlicher Gier nach Macht geprägt ist. Dazu kommt natürlich auch ein immer intensiver werdendes intrigantes Ränkespie zu Hofe, bei dem sich bald alle Parteien zerfleischen…

Emma Stone in The Favourite
Emma Stone in The Favourite © Twentieth Century Fox
Wenig überraschend kommt dann Lanthimos eigenwillige Inszenierung daher: Wie gewohnt nutzen der Grieche und sein Oscar-nominierter Kameramann Robbie Ryan fast ausschließlich extreme Weitwinkeloptiken, die oft für einen regelrecht verzerrten Blick auf das Geschehen bieten. Teilweise sorgen hier sogar Fischaugen-ähnliche Weitwinkelaufnahmen für Irritation. So bewahrt Lanthimos bewusst Distanz zu dem Schauspiel, der Effekt ist oft entlarvend, wenn alle sich gegeneinander ausspielen und niedere Beweggründe wie Eifersucht, Neid und blanker Opportunismus zum Vorschein kommen. Fast macht es irgendwann dank der außergewöhnlichen Inszenierung den Eindruck, als wäre diese Anordnung einsamer und scheinbar liebloser Figuren in den riesigen Räumen des dekadenten Hofes ein gläserner Käfig, den Lanthimos genüsslich beobachtet. Ein ästhetischer Anspruch der texturreichen Analogfilmbilder ist natürlich auch vorhanden, gerade weil Lanthimos wie gewohnt mit natürlichem Licht arbeitet. Wenn die nächtlichen Szenen dann stimmungsvoll ausschließlich von Kerzenlicht illuminiert werden, erfreut sich das Auge angesichts der so malerisch wie authentischen Bilder, die durchaus den Geist von Kubricks ähnlich konzipiertem „Barry Lyndon“ atmen.

Das geistreiche Drehbuch von Deborah Davis und Tony McNamara ist vollgepackt mit cleveren Bonmots und bewusst stilisierter Dialoge, die von den Darstellern genüsslich vorgetragen und von Lanthimos präzise und wirkungsvoll ausgeschöpft werden. Hier wirkt kein Wort fehl am Platz, immer wieder sticht die exakt gewählte Sprache brutal zu. Die von Lanthimos gewohnte Trockenheit und Schwarzhumorigkeit wird hier auf die Spitze getrieben und gerade in der ersten Hälfte ist dieses Ränkespiel überaus heiter und oft sehr komisch geraten. Auch wenn „The Favourite“ durchaus ähnlich sperrig ist wie Lanthimos andere Filme, ist er lebendiger und zugänglicher wie etwa der abstrakte und bis zum Maximum emotionslos vorgetragene „The Killing of a Sacred Deer“.

Emma Stone und Rachel Weisz in The Favourite
Emma Stone und Rachel Weisz in The Favourite © Twentieth Century Fox
Angesichts der ständigen gegenseitigen Verführungen, der pervertierten Selbstgerechtigkeit, der grotesken Manipulation, Egozentrik, dekadenten Unersättlichkeit und des allgegenwärtigen brutalen Verrats teilt „The Favourite“ auch die Schwächen seiner vorigen Filme: Nach der beschwingten ersten Hälfte hat man den Eindruck, dass sich alles gewissermaßen wiederholt, man müde wird von der entmenschlichten Monotonie dieses eigentlich traurigen Irrsinns. Der Antrieb verschwindet etwas und „The Favourite“ verflacht ein wenig, verliert wichtige Sympathieträger. Doch schaut man etwas genauer hin und lässt den Film etwas sacken, erkennt man tiefere Dimensionen und überraschende Menschlichkeit, die in diesen unmenschlichen Situationen steckt.

Das ist größtenteils dem herausragenden Darstellerinnen-Ensemble zu verdanken: Olivia Colman begeistert mit einer außergewöhnlich komplexen Rolle als unsicheres und zu diesem Zeitpunkt überfordertes Staatsoberhaupt. Sie schwankt zwischen Zuständen eines bockigen Kindes, unerträglicher Launenhaftigkeit und greller Hysterie, ist aber auch unterschwellig jederzeit spürbar danach bestrebt, geliebt zu werden. Diese Zwischen-den-Zeilen-Momenten, in denen Colman andeutet, dass unter ihrer unsicheren und oft manischen Fassade echte Wärme und ganz elementare menschliche Grundbedürfnisse schlummern, machen ihre Interpretation von Queen Anne dreidimensional und ungewöhnlich facettenreich. Ihre enorm unterhaltsame und vulkanartig angelegte Performance ist absolut außergewöhnlich und hochunterhaltsam. Nach zahlreichen starken Darstellungen über die Jahre wurde die Britin nun neben zahlreichen anderen Anerkennungen mit einer Oscar-Nominierung ausgezeichnet.

Rachel Weisz und Olivia Colman in The Favourite
Rachel Weisz und Olivia Colman in The Favourite © Twentieth Century Fox
Emma Stone erweist sich aber als einzige Nicht-Britin als die vielleicht größte Überraschung des Films. Während ihre Abigail zu Beginn noch der Sympathieträger ist, der ungerechtfertigterweise von seiner Umgebung geschunden wird, macht sie die wohl größte Entwicklung aller Figuren durch. Sie wird vom Statthalter des Publikums über mehrere Evolutionsstufen zum durchtrieben-intriganten Monster, das jegliche Wärme des Beginns einer Eiseskälte weichen lässt – inklusive brutalem Killerinstinkt. Das Faszinierende ist, dass man nicht mal sicher ist, inwiefern diese Person überhaupt jemals wirklich „gut“ war, oder ob sie von Anfang an schon vielleicht die schlimmste Figur des Films war und dem Publikum quasi nur etwas vorgespielt hat. Stone hat sich schnell seit ihrem Durchbruch in „Superbad“ und spätestens in „Einfach zu haben“ über die Jahre zu einer hochkarätigen Schauspielerin entwickelt, sodass diese Evolution verdientermaßen von ihrem Oscar-Triumph von „La La Land“ gekrönt wurde. Doch selten ist Stone tatsächlich so dermaßen in einer Rolle verschwunden, hat völlig neue, bösartige, niedere Motivation und eiskalte Kalkulation so glaubwürdig gespielt wie hier. Völlig zurecht gab es dafür nun die dritte Oscar-Nominierung.

Doch dieses durchtriebene Liebesdreieck wird noch von der herausragenden und ebenfalls Oscar-nominierten Rachel Weisz komplettiert. Auch ihr komplex gespielter wie geschriebener Part hallt lange nach, denn trotz all der emotionalen Brutalität, die man hier für zwei Stunden durchlebt, gelingt es Weisz unter ihrer scheinbar egozentrischen Hülle (wie auch Colman) eine menschliche Dimension spürbar werden zu lassen, die ihr opportunistisches Handeln auf sonderbare Weise fast schon legitimiert. Man kann ihr nahezu schon einen echten Beschützerinstinkt attestieren, wenn sie um Annes Aufmerksamkeit angesichts der aufkeimenden Beziehung zu Abigail kämpft. Als Annes engste Vertraute und eigentliche politische Lenkerin des Landes ist ihr Kampf um ihre eingesessene Vormachtstellung schon verständlich und letztlich nahezu tragisch.

Emma Stone in The Favourite
Emma Stone in The Favourite © Twentieth Century Fox
„The Favourite“ fasziniert auch durch die Verschiebung seiner Erzähldynamik. So könnte man Sarah Churchill zunächst als Antagonist des Films verstehen, die den Protagonist und Sympathieträger Abigail zunächst abweist, dann aber schließlich doch fatalerweise aufnimmt. So kehrt sich diese Dynamik schließlich, bis Sarah zur Ausgestoßenen und Missverstandenen wird und schließlich gefühlt keine Sympathieträger mehr übrig bleiben. So scheint es, denn es wird einem zunehmend klarer, dass der überall präsente Killer- gleichzeitig auch Überlebensinstinkt ist und alle drei Hauptcharaktere eigentlich tragische Figuren mit gewaltiger Dimension sind. So begeistert der in der zweiten Hälfte etwas ermüdende Machtkampf dann schließlich doch und offenbart ein komplexes und facettenreiches Werk, das lange nachhallt.


Fazit:
Das intrigenreiche, zehnfach Oscar-nominierte Ränkespiel „The Favourite“ ist wie von Yorgos Lanthimos gewohnt sperrig und unterkühlt, aber sicher auch sein zugänglichster Film. Das herausragend ausgestattete schwarzhumorige Drama begeistert mit drei herausragenden Darstellerleistungen, die zum Besten gehören, was die letzte Zeit schauspielerisch hervorgebracht wurde. Auch wenn der Film in der zweiten Hälfte das Gefühl leichter Redundanz hervorbringt und zu ermüden droht, fasziniert „The Favourite“ gerade im Nachhall mit seiner vielschichtigen Dimension.
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Bilder © 20th Century Fox