Stronger

Stronger (2017), USA
Laufzeit: - FSK: 12 - Genre: Drama
Kinostart Deutschland: - Verleih: StudioCanal

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Stronger Filmplakat -> zur Filmkritik

erhältlich auf Blu-ray und DVD

Inhalt

Jeff Bauman (Jake Gyllenhaal) steht an der Ziellinie des Boston-Marathon von 2013, um seine Ex-Freundin Erin (Tatiana Maslany) anzufeuern – und hoffentlich zurückzugewinnen – nichtahnend, dass sich sein Leben im nächsten Moment für immer verändern wird. In der Nähe des 27-Jährigen explodiert ein Sprengsatz, der ihm beide Beine wegreißt. Bauman wird mit vielen anderen Schwerverletzten sofort ins Krankenhaus gebracht. Nachdem er das Bewusstsein wiedererlangt, kann er einen der Attentäter identifizieren und den Ermittlern entscheidende Hinweise liefern, um die Terroristen zu fassen. Jeffs eigener Kampf hingegen steht ganz am Anfang. Für ihn beginnen langwierige Reha-Maßnahmen, die er nur durch die unermüdliche Unterstützung von Erin und seiner eigenwilligen Familie durchsteht. Seine Art, mit dem niederschmetternden Schicksal umzugehen, lässt ihn zu einem Helden wider Willen werden und den Weg zurück ins Leben finden.

Jake Gyllenhaal, Tatiana Maslany und Miranda Richardson | mehr Cast & Crew


Stronger - Trailer




DVD und Blu-ray | Stronger

Blu-ray
Stronger Stronger
Blu-ray Start:
06.09.2018
FSK: 12 - Laufzeit: 119 min.
DVD
Stronger Stronger
DVD Start:
06.09.2018
FSK: 12 - Laufzeit: 114 min.

Filmkritik Stronger

Filmwertung: | 8/10


Gut fünf Jahre ist es nun her, dass der verheerende und heimtückische Bombenanschlag auf den Boston Marathon drei Menschen das Leben kostete und hunderte weitere verletzte. Die US-Filmindustrie ließ nicht lange auf sich warten und lieferte 2016 mit Peter Bergs „Boston“ (OT „Patriots Day“) einen hochintensiven und dringlichen Thriller, der die Ereignisse vor allem aus Sicht der Ermittlungsarbeiten rekapitulieren ließ. Fast zeitgleich war dann schon ein weiteres Projekt über die Anschläge in Planung, das nun in Form von „Stronger“ das Licht der Welt erblickt. Anders als Berg setzt Regie-Tausendsassa David Gordon Green („Ananas Express“, „Joe“, „Prince Avalanche“) seinen Fokus auf die intim-menschliche Geschichte des Supermarkt-Angestellten Jeff Bauman (Jake Gyllenhaal), der an der Ziellinie stehend durch die Explosion beide Beine verlor. Green zeigt, wie auch schon Berg, mit viel Lokalkolorit das enge Zusammengehörigkeitsgefühl einer Stadt im Ausnahmezustand, aber auch ein zutiefst menschliches Portrait eines Mannes und seiner Angehörigen angesichts der schwierigen Bewältigung eines neuen Alltags. Green inszeniert das einsichtsreich, sensibel und mit überraschendem Humor, aber vor allem ohne jede falsche Sentimentalität. Hier wird dankbarerweise niemand glorifiziert – genauer gesagt, ist die sensationsgierige Auseinandersetzung der Medien und ihre zwanghafte Suche nach Heldensymbolen ein Kernthema von „Stronger“.

Jeff Bauman (Jake Gyllenhaal) und seine Exfreundin Erin (Tatiana Maslany) finden wieder zueinander.
Jeff Bauman (Jake Gyllenhaal) und seine Exfreundin Erin (Tatiana Maslany) finden wieder zueinander. © Studiocanal GmbH / Scott Garfield
Jake Gyllenhaal spielt diesen Normalo aus der Bostoner Arbeiterklasse sehr glaubwürdig und mit großer emotionaler Bandbreite. Von Beginn an wird der Costco-Mitarbeiter als einfacher Typ portraitiert, der wahrlich nicht ohne Schwächen ist. Er ist ein lockerer und witzelnder Charmeur, der jedoch im Kern auch immer noch ein wenig Kind und weit unter seinen Möglichkeiten geblieben ist. Erin Hurley (Tatiana Maslany) hat schon oft die Geduld mit ihm verloren, wodurch ihre Beziehung in einem konstanten Schwebezustand ist. Nun möchte sich der chronisch unzuverlässige Jeff mal wieder beweisen und seine Herzdame zurückgewinnen, wofür er sich für sie mit selbstgemachtem Transparent anfeuernd an die Ziellinie des Boston Marathons stellt. Doch der feige Anschlag der Attentäter bestraft Jeff, denn hier kommt er zwar knapp mit dem Leben davon, muss allerdings beide Beine amputiert bekommen.

Nicht nur Jeffs Familie, angeführt von der schroffen Matriarchin Patty (Miranda Richardson), trifft besorgt im Krankenhaus ein, sondern auch die aufgelöste Erin. Jeff kann dem FBI eine genaue Beschreibung des ersten Attentäters geben, was schließlich zu dessen Lokalisierung und Tod führt. Bauman wird umgehend zum menschlichen Symbol der „Boston Strong“-Bewegung gemacht und als Held gefeiert. So zeigt der Film, wie Jeff mit seiner körperlichen Einschränkung, aber auch wie seine Familie mit ihrem unerwarteten Ruhm umgeht. Die Beziehung zu Erin wird ebenfalls aufgefrischt, die schließlich Job und Familie zurücklässt, um bei Jeff und Patty einzuziehen und für ihn zu sorgen. „Stronger“ zeigt nicht nur, wie Bauman an der neuen Situation zu zerbrechen droht, sondern auch, welchen Preis seine Angehörigen bezahlen müssen, um für Jeff da zu sein.

Jeff Bauman (Jake Gyllenhaal)
Jeff Bauman (Jake Gyllenhaal) © Studiocanal GmbH / Scott Garfield
Green inszeniert seinen Film sehr bodenständig und unauffällig, er klebt an den Figuren, der Anschlag selbst geschieht in der Unschärfe im Hintergrund, während die Kamera auf Tatiana Maslanys fassungslosem Gesicht ruht. Diese darf direkt schon mal lobend hervorgehoben werden, denn von Beginn an zeigt die Kanadierin hier eine überwältigend emotionale und naturalistische Darstellung, die nicht minder im Mittelpunkt steht wie die von Jake Gyllenhaal. Ihre Erin ist eine komplex gezeichnete Figur, die alles versucht, um für Jeff da zu sein, aber nicht immer die Stärke dafür aufbringen kann. So ist ihre Beziehung im Film trotz aller Liebe stets auch konfliktreich und alles andere als eindimensional.

Das ist alles durch seine aufrichtige Menschlichkeit und Offenheit bewegend, aber auch immer lebensecht von Humor durchbrochen, der primär von Baumans erfrischend selbstironischem Umgang mit seiner Situation erzeugt wird. Doch eines der Kernthemen des Films ist der kritische Umgang mit dem Stress, der daher rührt, Teil eines aufgezwungenen medialen Slogans und als Held gefeiert zu werden, ohne das Gefühl zu haben, dass man den Titel auch nur annähernd verdient hat. Green hinterfragt diesen Helden-Mythos, denn trotz all der Aufmerksamkeit in den Medien und in Baumans Freundes- und Verwandtenkreis scheint sich keiner außer Erin wirklich darum zu scheren, wie es dem Opfer eigentlich wirklich geht. So wird Bauman umherkutschiert, schwenkt innerlich voller Angst erfüllt von stolzen Fans umjubelt die Fahne vor einem Eishockey-Spiel der Bruins oder wirft den ersten Pitch beim Red Sox-Spiel, während seine Mutter heimlich einen TV-Termin mit Oprah Winfrey ausgemacht hat. Gerade die Familie wirkt in ihrem Stolz oft falsch und scheint sich hauptsächlich an der unerwarteten Aufmerksamkeit zu erfreuen.

 Erin (Tatiana Maslany) läuft den Boston Marathon.
Erin (Tatiana Maslany) läuft den Boston Marathon. © Studiocanal GmbH / Scott Garfield
Im Großen und Ganzen ist „Stronger“ zwar ein weitestgehend konventionelles Drama, das Green jedoch mit viel Einfühlungsvermögen, Wahrhaftigkeit und Detailfreude inszeniert. Er strebt hier nach Authentizität, die unter anderem auch deshalb spürbar wird, da er zahlreiche der real beteiligten Menschen besetzt und damalige Situationen nachspielen lässt. Besonders ist hier die unter die Haut gehende Szene hervorzuheben, bei der Bauman vom medizinischen Personal zum ersten Mal einen Verbandwechsel bekommt. Die hier gesehenen Krankenschwestern haben auch 2013 Bauman betreut, was der Szene ein starkes Gefühl von Echtheit verleiht. Das liegt auch an Jake Gyllenhaal, der den hier empfundenen Schmerz mit großer Glaubwürdigkeit in einer langen, ganz auf Jeff und Erin fokussierten Einstellung stark nachfühlbar macht. Überhaupt führt der Film mit großem Einsichtsreichtum durch den Alltag der Figuren und zeigt anhand zahlreicher herausfordernder Situationen, wie sich das Leben von Jeff verändert hat.

Greens großes Gespür für die präzise Beobachtung von menschlichem Verhalten kommt immer wieder eindrucksvoll zum Vorschein, jedoch ist es gerade eine besonders bewegende und intime Szene, die hier besonders herausragt: Dort trifft Bauman zum ersten Mal nach dem verhängnisvollen Tag auf seinen Retter Carlos Arredondo (Carlos Sanz), der ihm seine ganz eigene schicksalhafte Geschichte schildert und die daraus einhergehende große persönliche Bedeutung von Jeff veranschaulicht. In Szenen wie dieser kommt Greens Handschrift und Interesse für authentische menschliche Momente stark zur Geltung. Auch darüber hinaus ist „Stronger“ schlicht stark gemachtes menschliches Drama, das Klischees angenehmerweise vermeidet und sehr differenziert, respektvoll und vielschichtig mit seinen Figuren umgeht.

 Jeff Bauman (Jake Gyllenhaal) inspiriertTausende
Jeff Bauman (Jake Gyllenhaal) inspiriertTausende © Studiocanal GmbH / Scott Garfield
Der Film handelt letztlich von der Entwicklung, die Bauman durchgemacht hat, ist aber keine simple Geschichte über menschliche Willens- und Widerstandskraft. „Stronger“ hätte in weniger sensiblen Händen denkbar leicht in generische und erzwungen sentimentale Gegenden abdriften können, jedoch ist es David Gordon Greens präziser und nuancierter Inszenierung zu verdanken, dass der Film über seine gesamte Laufzeit so gut funktioniert und immer wieder ernsthaft bewegt und schließlich auch inspiriert.


Fazit:
„Stronger“ verzichtet auf falsche Sentimentalität und schildert die Geschichte von Jeff Bauman wahrhaftig, einsichtsreich und nuanciert. Sowohl Jake Gyllenhaal als auch Tatiana Maslaney erfüllen ihre Rollen mit großer Authentizität und liefern damit vielschichtige Oscar-würdige Darstellungen.
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Bilder © StudioCanal