Son of Saul

Saul fia (2015), Ungarn / USA
Laufzeit: - FSK: 16 - Genre: Drama / Historienfilm / Thriller
Kinostart Deutschland: - Verleih: Sony Pictures

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Son of Saul Filmplakat -> zur Filmkritik

erhältlich auf Blu-ray und DVD

Inhalt

Oktober 1944, Auschwitz-Birkenau. Saul Ausländer ist ungarischer Jude und arbeitet für das sogenannte Sonderkommando, eine Gruppe jüdischer Gefangener im Konzentrationslager, die den Nazis bei ihrer großangelegten Judenvernichtung helfen müssen. Während der Arbeit in einem der Krematorien entdeckt Saul den Körper eines Jungen, den er für seinen Sohn hält.
Als das Sonderkommando eine Rebellion plant, beschließt Saul eine schier unmögliche Aufgabe zu übernehmen: Den Körper des Kindes vor den Flammen zu retten und einen Rabbi zu finden, der das Kaddischgebet spricht und somit dem Jungen eine angemessene Beerdigung ermöglicht.


Géza Röhrig, Levente Molnár und Urs Rechn | mehr Cast & Crew


Son of Saul - Trailer




DVD und Blu-ray | Son of Saul

Blu-ray
Son of Saul Son of Saul
Blu-ray Start:
21.07.2016
FSK: 16 - Laufzeit: 107 min.

zur Blu-ray Kritik
DVD
Son of Saul Son of Saul
DVD Start:
21.07.2016
FSK: 16 - Laufzeit: 103 min.

Filmkritik Son of Saul

Filmwertung: | 9/10


„Nicht noch ein Nazi-Film!“ – Das mag sich der ein oder andere hierzulande denken, wenn er über den ungarischen Film Son of Saul liest, der diese Woche in den Kinos startet. Viele sind von diesem Thema mehr als gesättigt, so wurden doch die meisten jahrelang im Geschichtsunterricht mit dem Nationalsozialismus konfrontiert. Dennoch sollte jeder Kinobesucher Son of Saul eine Chance geben. Son of Saul SzenenbildDenn der Oscar und Golden Globe – Sieger ist ein brutales und ehrliches Stück Kino, das unerbittlich an die Nieren geht und den Zuschauer auf dem Kinositz erstarren lässt.

Wie im Titel bereits enthalten, handelt der Film von einer Person namens Saul und seinem Sohn. Man wird als Zuschauer sofort ins kalte Wasser geworfen. Eine Einleitung oder ähnliches entfällt gänzlich. Man ist mitten drin im Geschehen, im Konzentrationslager Auschwitz im Jahre 1944. Saul ist ein Ungar mit jüdischer Abstammung, der dort im Sonderkommando arbeitet, besser gesagt gezwungen wird zu arbeiten. Er bereitet die Ermordung deportierter Juden vor und vollzieht die Verbrennung der Leichen. Unter den zahlreichen Leichen findet er einen Jungen, den er für seinen Sohn hält. Seinen vermeintlichen Sohn möchte er eine jüdische Bestattung ermöglichen, da es im Judentum verboten ist, Tote zu verbrennen. So hat er sich es zur Aufgabe gemacht, den Jungen aus dem Konzentrationslager fort zu bringen und einen Rabbi zu finden, um eine humane und jüdische Beerdigung mit Gebeten zu organisieren. Ein Unterfangen, das in dem im Konzentrationslager herrschenden Chaos einem Ding der Unmöglichkeit gleicht.

Son of Saul ist ein 107 minütiger Horrortrip, der eine ganz andere Perspektive auf den Holocaust zeigt. Während klassische Filme über den Nationalsozialismus mehr von außen auf die Geschehnisse blicken und man mehrere Handlungsorte hat, so befindet man sich hier von der ersten bis zur letzten Sekunde im Konzentrationslager Auschwitz. Dabei ist die Kamera pausenlos dicht am Hauptdarsteller dran. Während er gestochen scharf zu sehen ist, so ist der Hintergrund meist etwas verschwommen. Die Perspektive wirkt stellenweise fast wie ein Third-Person-Shooter in einem Videospiel. Kameramann Mátyás Erdély folgt dem Hauptdarsteller Géza Röhrig auf Schritt und Tritt. Regisseur László Nemes hat es mit dieser Idee geschafft, dem Zuschauer ein immersives Kinoerlebnis zu ermöglichen. Son of Saul SzenenbildMan taucht in eine Welt ein, in der man eigentlich nicht sein möchte. Dabei wird zwar auf direkte und scharfe Kameraeinstellungen auf die Leichenberge im KZ verzichtet, doch sieht man in verschwommene Winkel der Kinoleinwand eben jene Leichen der Deportierten. So hat Nemes es geschickt geschafft, das Unzeigbare darzustellen. Darüber hinaus erlebt der Zuschauer sehr lange Plansequenzen, in denen die Kamera minutenlang Saul im KZ verfolgt und man meist nur seinen Hinterkopf und Rücken sieht, doch dabei das Kopfkino des Zuschauers - insbesondere durch die im KZ verursachten Geräusche – angeregt wird. Denn das Grauen wird selten mit der Kamera komplett eingefangen, aber eben jenes Grauen schwirrt im Kopf des Zuschauers von der ersten Minute des Films und lässt einen auch Tage danach nicht los. Zwangsläufig wird hier mit der Wackelkamera gearbeitet. Rennt Saul, so rennt der Kameramann ihm hinterher, weswegen das Bild dementsprechend hektisch wirkt. Doch dies fügt sich authentisch in die dortige Lage ein. Es herrschen chaotische Verhältnisse, in denen manchmal die deutschen Soldaten die Männer des Sonderkommandos mit den Deportierten verwechseln. Als Zuschauer versteht man in dieser unmenschlichen Situation nicht jedes gesagte Wort, nicht alles ist untertitelt. Mal hört man deutsch, mal ungarisch und mal ist es jiddisch. Es ist unübersichtlich, ohne dabei von der eigentlichen Kernhandlung abzuweichen. Dies wird äußerst stark inszeniert und dem Zuschauer wird die chaotische Situation unmittelbar vermittelt. Es ist zweifelsohne ein anstrengender Film. Während man in Roman Polanskis Der Pianist oder in Spielbergs Meisterwerk Schindlers Liste, dem Zuschauer Ruhepausen gab, Zeit zum Durchatmen und man als Zuschauer hier und da etwas Hoffnung verspürte, so vergeht hier die Zeit durchgehend negativ, weswegen dies definitiv kein angenehmes Kinoerlebnis wird.

Ein weiterer Hauptaspekt des Films neben der Kameraführung und der Thematik ist der Hauptdarsteller Saul, der vom Ungar Géza Röhrig gespielt wird. Hierzulande mag sich der ein oder andere vielleicht denken, dass Röhrig in Ungarn ein Superstar in der Filmbranche ist. Doch dies trifft nicht zu. Röhrig ist eigentlich kein professioneller Schauspieler. Zu Beginn der 90er hatte er paar Auftritte in Fernsehserien, doch in einem Kinofilm war er bis zu seiner Rolle in Son of Saul nicht zu sehen. Son of Saul SzenenbildSeit 2000 in New York lebend, ist Röhrig überwiegend als Dichter und Erzieher in einem Kindergarten tätig gewesen. Aber er kann auch schauspielern und das auf ganz hohem Niveau, wie er es in diesem Film bewiesen hat. Selten ist ein Schauspieler so im Mittelpunkt wie in diesem Film. Praktisch in jeder Kameraeinstellung ist er zu sehen. Für Röhrig, der selber Jude ist, stellt dies darüber hinaus eine besondere Herausforderung dar, die er glänzend meistert. Meist ist er fast komplett emotionslos im Gesicht, doch die Furcht und Leere sieht man in seinen Augen. Mit leerem Blick geht er durch das KZ, plündert die Deportierten, säubert die Anlage, verbrennt seine eigenen Leute. Es tut einem als Zuschauer unglaublich weh, ihn dabei zu beobachten. Viel erfährt man nicht über seine Vergangenheit, doch man wünscht sich, dass sein Unterfangen, dem Jungen eine ordentliche Bestattung zu ermöglichen, erfolgreich sein wird. Eine außergewöhnliche Performance, die – obwohl er der Mittelpunkt des Films ist – nicht einer One-Man-Show gleicht. Denn Röhrig spielt hier äußerst zurückhaltend und der Situation entsprechend voller Demut und verliert nur wenige Worte im gesamten Film. Eine direkte Message hat der Film in erster Linie nicht. Sauls Handeln ist ein Akt der Menschlichkeit. Doch scheint diese humane Intention in der unmenschlichen Situation hoffnungslos. Im Vergleich zum letztjährigen estnischen Anti-Kriegsdrama Mandariinid, welches für einen Oscar nominiert war und am Ende einen zum Tränen rührenden Appell an die Menschlichkeit hatte, ist Son of Saul bis zum Schluss ein grauenhafter Alptraum, aus dem der Zuschauer erst erwacht, wenn der Abspann läuft.


Fazit:
Perfekt ist Son of Saul nicht. Doch er verdient sich das Prädikat „Besonders Wertvoll“. Son of Saul zeigt eine in einem Film nie dagewesene Perspektive über den Holocaust. Ein herausragender Darsteller und eine besondere Kameraführung innerhalb des KZ, machen Son of Saul zu einem intensiven, eindringlichen und brachialen Film, der den Zuschauer schockiert zurücklässt und angesichts der regressiven politischen Entwicklungen in der Mitte der heutigen Gesellschaft hierzulande womöglich zum richtigen Zeitpunkt erscheint.
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Bilder © Sony Pictures