Schumanns Bargespräche

Schumanns Bargespräche (2017), Deutschland
Laufzeit: - FSK: 6 - Genre: Dokumentation
Kinostart Deutschland: - Verleih: NFP

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Schumanns Bargespräche Filmplakat -> zur Filmkritik

Inhalt

Charles Schumann. Der Mann hinter dem „Schumann’s“. Bar-Institution, Autor - sein Buch „American Bar“ ist längst weltweit ein Klassiker der Bar-Literatur - Model, Denker und Reisender in Sachen Bars. Gerade 75 Jahre alt geworden, könnte man meinen, er hat alles gesehen und alles erreicht. Er, der Mann aus Niederbayern, der beim Grenzschutz anfing, eine Ausbildung im Auswärtigen Amt absolvierte, der in seiner Anfangszeit in Diskotheken und Bars in Südfrankreich arbeitete, bis er schließlich für ein Politikstudium nach München ging und 1982 die „Schumann’s American Bar“ eröffnete.
Doch 75 ist genau das richtige Alter, um weiterzumachen, der Neugier auf das Leben, den Menschen und ihren Geschichten weiter zu folgen. Und so geht Charles Schumann für SCHUMANNS BARGESPRÄCHE auf einen Streifzug durch einige der interessantesten Bars der Welt, führt den Zuschauer an Sehnsuchtsorte und öffnet ihm u.a. die Türen zum „Dead Rabbit“ in New York, der „Hemingway Bar“ in Paris, dem „El Floridita“ in Havanna und der Bar „High Five“ in Tokio. Er lässt sie ihre Geschichten erzählen, spricht mit den Menschen, deren Leben der blauen Stunde gehört, die sie zelebrieren und genießen. Er trifft Barseelen, Macher und Chronisten und begibt sich auf die Suche nach den Geheimnissen der Barkultur.
Während dieser Gespräche beginnt man zu ahnen, dass jede Bar ihr eigenes kleines Universum ist, jede ihr eigenes Schauspiel aufführt, das mit jedem neuen Tag auf neue Weise zum Leben erweckt wird. Die Besetzung ändert sich mit der Tageszeit und dem Wochentag, aber die Stammschauspieler garantieren das Stück. Und der Kenner weiß, welches Stück gespielt wird.


Charles Schumann, Maxim Biller und Claudius Seidl | mehr Cast & Crew


Schumanns Bargespräche - Trailer




Filmkritik Schumanns Bargespräche

Filmwertung: | 8/10


Ein Film über Bars, perfekt gemixte Drinks und die Leidenschaft, die sich dahinter verbirgt, ist automatisch ein Film über Menschen. Eine Bar stellt einen eigenen Kosmos dar. Sie ist genauso sozialer Treffpunkt, wie auch ein Ort des Für-Sich-Seins und Beobachtens. Es kommt dabei natürlich immer auf den Besucher an und was davon gerade sein Bedürfnis ist. Eine Stammbar kann sogar für manch einen zu einem zweiten zu Hause werden. Ein Ort, an dem sich die eigene Persönlichkeit manifestiert, und der einen letztlich irgendwo auch charakterisiert. So viele unterschiedliche Menschen es gibt, so viele unterschiedliche Bars gibt es, um jedem das Seine zu bieten. Eine weltweite Ikone und der bekannteste deutsche Barkeeper ist Charles Schumann. Er hat das Ansehen von Drinks und Bars in Deutschland in den letzten Jahrzenten wieder mehr als salonfähig gemacht und dafür gesorgt, dass besonders im bierträchtigen München eine anerkannte Barlandschaft entstehen konnte. Mit seinen inzwischen 75 Jahren wurde er dabei selbst oftmals zur Kult- und Kunstfigur stilisiert.

Charles Schumann vor dem Schumanns
Charles Schumann vor dem Schumanns © Niv Abootalebi
Charles Schumann wurde als Bauernsohn in Kirchenthumbach in der Oberpfalz geboren, Priesterseminar in Regensburg, Polizeischule in München, Sportkader, Leibwächter Adenauers, Mitglied des diplomatischen Korps in Stockholm, Studium der Journalistik, Hähnchenbrater in Italien, Nachtklubleiter in Südfrankreich und schließlich Erfinder des >Schumanns<. Obwohl dies naheläge, ist der Film „Schumanns Bargespräche“ keine Biografie über seinen erstaunlichen Werdegang. Diesen kann man in einem anderen Film von Marieke Schröder „Von Kirchenthumbach in die Welt“ nachverfolgen.

In seinen Bargesprächen, nimmt Protagonist Schumann zumeist die Rolle eines Zuhörers ein und führt den Zuschauer dabei in verschiedenste Barkosmen weltweit. Darunter das Dead Rabbit in New York, die Hemingway Bar in Paris, das El Floridita in Havanna und die Bar High Five in Tokio. Dabei wird deutlich, dass die großen Bars, trotz aller Unterschiedlichkeiten, durch eine ganz bestimmte gemeinsame Leidenschaft ihrer Barkeeper miteinander verbunden sind: Der Anspruch, den für den Kunden besten Drink zu servieren. Sei es, dabei eine bestimmte Philosophie zu vertreten, dauerhaft die perfekte Mixrezeptur zu finden oder jeden Cocktail nach genauen Vorgaben zu kreieren oder ein intuitives Gespür für den Kunden zu entwickeln, um somit den Drink an seine Persönlichkeit anzupassen. Seriöses Cocktailmixen hatte schon immer etwas Künstlerisches. Ziel war und ist hierbei eine wohldosierte Mischung aus der Wirkung des Alkohols und einem anspruchsvollen kulinarischen Genuss zu erreichen.

Charles Schumann in der Star Bar Tokio
Charles Schumann in der Star Bar Tokio © Niv Abootalebi
Alkoholische Getränke wurden durch Menschen, wie z. B. Hemingway oder Bunuel, immer auch zu einer existentiellen Grundlage für Kreativität verklärt. Diese künstlerische Größe schwingt bei der Zubereitung der Cocktails im Film mit. Verstärkt wird das durch einen jazzig geprägten Sound, der sich an die Länder und Bars anpasst, und vor allem durch die glasklaren Slow-Motion Aufnahmen während der detaillierten Zubereitungen verschiedenster Cocktails. Erstaunlicherweise scheint genau an dem Ort, an dem Hemingway den Daiquiri lieben gelernt hatte, die Liebe zur Cocktailherstellung zugunsten der pragmatischen Befriedigung der touristischen Massennachfrage verloren gegangen zu sein. Im El Floridita auf Kuba werden die Daiquiris heute sogar im Dauertakt für mehrere Gläser in Schnellmixern produziert. In Havanna hat der kapitalistische Tourismus die Idylle des für Freiheit und künstlerisches Geschick stehenden Vorgangs des Cocktailmixens bereits seit Langem verdrängt. Mit Tokio, New York, Paris und München wird im Film sinnbildlich deutlich, dass gute Cocktails von je her auch ein Privileg des Geldes sind.

Charles Schumann im 'Employees Only' in NY
Charles Schumann im 'Employees Only' in NY © Niv Abootalebi
Die große Stärke des Films ist die Offenheit, die der Protagonist Schumann bei seinen Gesprächspartnern auslöst. Der Film dient nicht dazu, um die „Ikone“ Schumann größer dastehen zu lassen. Vielmehr ergibt sich über die subtil begleitende Kamera die Möglichkeit, nicht nur tiefergehende Einblicke in die Kulturen und das Denken von Schumanns zahlreichen Gesprächspartnern zu bekommen, sondern indirekt auch einen persönlicheren Zugang zum oft unnahbar geltenden Protagonisten selbst. Es zeigt sich, dass er nach wie vor voller Begeisterung und Neugier für sein Metier, aber auch für Menschen und ihre Geschichten, ist. Ganz dezent, fast beiläufig, wird hierbei auch der Umgang eines ikonenhaften Lebemanns mit dem Alter veranschaulicht. Für ihn ist klar, dass die Zeit keine Ausnahmen macht.


Fazit:
Marieke Schröder gelingt es in den vier Jahren, in denen sie Schumann begleitete, ein sehr interessantes und stimmungsvolles Portrait über die gesellschaftlichen Bedeutungen von Bars und Drinks zu zeichnen, ohne dabei in der Bedeutungslosigkeit spätnächtlicher Bardiskussionen zu versinken. Der charismatische Charles Schumann ist dabei immer nah am Zentrum des Geschehens. Er ermöglicht so tiefere Einblicke in das Leben der Barmacher weltweit, sowie in seine eigene Person.
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Bilder © NFP