Rocketman

Rocketman (2018), Großbritannien
Laufzeit: - FSK: 12 - Genre: Biographie / Drama / Musik
Kinostart Deutschland: - Verleih: Paramount Pictures Germany

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Inhalt

Es ist schwer zu glauben, aber ROCKETMAN ist der erste Film über das wechselhafte Leben und die Karriere des britischen Popmusikers. Kongenial übernimmt Taron Egerton („Kingsman: The Golden Circle“, „Robin Hood“) die Rolle des jungen Elton, der als Ausnahmetalent an der Royal Academy of Music begann und sich zur weltbekannten Musik-Ikone hocharbeitete. Unter der Regie von Dexter Fletcher („Eddie The Eagle“) und nach einem Drehbuch von Lee Hall („Billy Elliot – I Will Dance“) bringt ROCKETMAN die bisher unerzählte Geschichte dieser faszinierenden Persönlichkeit auf die große Leinwand. Gegen den Willen seines Vaters und geplagt von Selbstzweifel, verfolgt der junge Musiker den Traum von einer Musikkarriere, bis er schließlich zur Inspiration für Millionen wird. Alle Songs im Film werden von den Schauspielern gesungen und nahtlos in das fantastische Rock-’n’-Roll-Musical eingebunden. Als Elton Johns Songwriting-Partner Bernie Taupin ist Jamie Bell („Billy Elliot – I Will Dance“) zu sehen, seine Mutter Sheila wird gespielt von Bryce Dallas Howard („Jurassic World: Das gefallene Königreich“), die Rolle von Johns langjährigem Manager John Reid übernimmt Richard Madden („Game Of Thrones“).

Taron Egerton, Jamie Bell und Richard Madden | mehr Cast & Crew


Rocketman - Trailer




Filmkritik Rocketman

Filmwertung: | 8/10


Nachdem der spektakuläre weltweite Siegeszug des Queen-Films „Bohemian Rhapsody” im Februar mit überraschenden vier Oscars gekrönt wurde, folgt nur wenig später das nächste Biopic über eine der ikonischsten Musikgrößen aller Zeiten. Die Rede ist von Reginald Kenneth Dwight alias Sir Elton Hercules John oder einfach nur: Elton John. Ob „Rocketman“ das sensationelle weltweite Einspielergebnis der Freddie Mercury-Show von über 900 Millionen Dollar übertreffen kann, darf unter anderem angesichts des nicht-jugendfreien Inhalts bezweifelt werden, dennoch liegt hier sicherlich der in fast allen Belangen interessantere und originellere Film vor. Der Vergleich mit „Bohemian Rhapsody“ liegt natürlich nahe, auch weil erneut Bryan Singer-Ersatz Dexter Fletcher Regie führte. Doch tatsächlich liegt mit „Rocketman“ ein nahezu grundlegend anderer Film vor: War „Bohemian Rhapsody“ ein durch und durch konventionelles Hochglanz-Biopic, ist „Rocketman“ trotz des ebenso herkömmlichen erzählerischen Kerns ein oft stilistisch überhöhtes Musical, das Johns Suche nach Liebe, Identität und Anerkennung zum roten Faden macht.

Neben spektakulärer Ausstattung, grandioser Musik und schwungvoller Inszenierung haben die beiden Filme aber noch etwas gemein: Einen großartigen Hauptdarsteller. Rami Malek gewann für seine bemerkenswerte und oft gespenstische Darstellung von Ikone Freddie Mercury verdientermaßen einen Oscar, an dem furchtlos und furios aufspielenden Taron Egerton wird man sicher nächstes Jahr bei den großen Preisverleihungen auch kaum vorbeikommen. Egerton hebt sich tatsächlich in einer entscheidenden Sache von Malek ab: Er geht das enorme Wagnis ein und singt selbst, was ihm größtenteils bemerkenswert gut gelingt.

Taron Egerton ist Elton John in Rocketman
Taron Egerton ist Elton John in Rocketman © Paramount Pictures
Den erzählerischen Rahmen von „Rocketman“ bildet Johns Besuch bei einer Selbsthilfegruppe, der er in einem typisch extravaganten Kostüm beiwohnt. Seine Vorstellung vor der Gruppe und den Zuschauern ist nicht nur wegen seines flamboyanten Auftretens eindrucksvoll, auch seine Worte unterstreichen gleich mit welchem Charakter man es zu tun hat: „I'm Elton Hercules John. I'm an alcoholic. Cocaine addict. Sex addict. Bulimic. Shopaholic.“ Das ist dann auch die Marschroute für einen wilden und unterhaltsamen Film, der (anders als „Bohemian Rhapsody“) nie die Augen vor den exzessiven, selbstzerstörerischen und schwachen Seiten seines überaus menschlich gezeichneten Subjekts verschließt.

Doch „Rocketman“ braucht eine Weile, um richtig abzuheben. Zu vertraut wirkt das von Lee Hall („Billy Elliot – I Will Dance“, „Gefährten“, „Victoria & Abdul“) gefertigte erzählerische Konstrukt, um sich nicht sofort an mittlerweile unzählige andere Musiker-Biopics à la „Ray“, „Walk the Line“, „Get On Up“ oder eben „Bohemian Rhapsody“ erinnert zu fühlen. So erzählt John nämlich der Gruppe erst mal, wie er zu dem wurde, was er heute ist. Der Film beginnt dann in seiner Kindheit und offenbart einen schüchternen Jungen (Matthew Illesley, dann Kit Connor), der von seinem konservativen Vater Stanley (Steven Mackintosh) statt Liebe und Anerkennung meist nur müdes Desinteresse erhält. Etwas besser sieht es dann schon bei Mutter Sheila Eileen (Bryce Dallas Howard) und Großmutter Ivy (Gemma Jones) aus, wobei es vor allem letztere ist, die den kleinen Reggie wegen seines scheinbar gottgegebenen Talents am Piano ermutigt die Royal Academy of Music aufzusuchen.

Richard Madden spieltJohn Reid in Rocketman
Richard Madden spieltJohn Reid in Rocketman © Paramount Pictures
So klappert der Film ganz gemäß gängiger Genre-Konventionen die unterschiedlichen Stationen im Leben der späteren Musikikone ab, wobei schon frühzeitig deutlich wird, dass sich Johns Suche nach Liebe als Konstante erweist. Man erlebt die schmerzhafte Trennung der Eltern mit, aber auch erste musikalische Gehversuche, nachdem er schon mit 11 Jahren an der Academy Musik studiert und später die Band „Bluesology“ gründet. Natürlich zeigt der Film auch, wie banal er zu seinem weit knackigeren Künstlernamen kam.

Ganz wesentlich ist dann auch das Aufeinandertreffen mit Songwriter Bernie Taupin (ein brillanter Jamie Bell), mit dem John eine der ertragreichsten musikalischen Beziehungen der Geschichte bilden sollte. Zugleich wird hier auch eine tiefe Freundschaft geknüpft, was der Film in einem seiner großen Stärken überaus glaubhaft, geerdet und feinfühlig darstellt. Hier beginnen eine grandiose musikalische Karriere und eine Schaffensphase, die an Kreativität kaum zu überbieten ist, was von Fletcher mitreißend inszeniert wird.

Wie auch schon in „Bohemian Rhapsody“ in überaus groben Zügen geschildert, erkennt nicht jeder sofort das Genie, das eigentlich wie ein Elefant im Raum steht. Statt dem comichaft von Mike Myers verkörperten EMI-Mann Ray Foster vor Freddie Mercury muss sich John vor dem skeptischen und nicht minder dick auftragenden Stephen Graham als Verleger Dick James beweisen. Dieser gibt John und Taupin jedoch eine Chance und ihr lawinenartiger Erfolg wird nur noch von wenigen Stolpersteinen gestört - John wird zu einem der größten Popstars der 70er Jahre.

Bryce Dallas Howard als Sheila, Gemma Jones als Ivy, Taron Egerton als Elton John und Jamie Bell als Bernie in Rocketman
Bryce Dallas Howard als Sheila, Gemma Jones als Ivy, Taron Egerton als Elton John und Jamie Bell als Bernie in Rocketman © Paramount Pictures
Die Konventionen des innerlich zerrissenen und ungeliebten Musikers sind hinlänglich bekannt, dennoch kommt man aber auch kaum umher, sie zu schildern, da sie eben meist wahrheitsgetreu sind. Wie bereits geschildert, kommt auch „Rocketman“ angesichts dieser riesigen und so reichhaltigen Lebensgeschichte nicht um eine gewisse Simplifizierung und das Herunterbrechen auf prägende Momente herum. Auch kommt Fletcher nicht umher, eine Erfolgsmontage mit durch das Bild schwirrenden Schlagzeilen zu integrieren. „Rocketman“ hebt sich stilistisch jedoch von anderen großen Biopics durch seine immer wieder eingestreuten Musical-Momente ab, bei denen eben nicht nur John singt. Wie schon in seinem unterschätzten Musical „Make My Heart Fly – Verliebt in Edinburgh“ inszeniert Fletcher diese hervorragend choreografierten Nummern mit überschwänglicher Verve, der man sich spätestens bei Egertons explosivem ersten Auftritt zu „Saturday Night's Alright” auf einer Kirmes kaum entziehen kann.

„Rocketman“ bietet zahlreiche dieser mitreißenden Nummern, die natürlich von Johns grandioser Musik getragen werden. Dennoch ist „Rocketman“ kein einfaches Best of aus Johns Karriere, das die oft fantastisch überhöhten Musical-Nummern zum Selbstzweck integriert. Die Entscheidung, den Film genauso zu inszenieren, macht angesichts seines Sujets auf organische Weise Sinn. So erzählen besagte Szenen die Geschichte und den inneren Zustand seiner Figuren meist weiter und funktionieren so als tragendes erzählerisches und inszenatorisches Element.

Taron Egerton spielt Elton John in Rocketman
Taron Egerton spielt Elton John in Rocketman © Paramount Pictures
„Rocketman“ macht einfach viel Spaß, verliert aber nie die Essenz seines Protagonisten aus dem Blick. Johns widersprüchlicher Charakter (einmal wird er „an introverted extrovert“ genannt) fasziniert, während der Film seine selbstzerstörerische Phase nie zu beschönigen versucht. Der enorme Erfolg und große Reichtum sorgen für zahlreichen Exzess und Aufmerksamkeit, die jedoch häufig aus gierigen Motiven entspringt. Johns Beziehung zu Musikmanager John Reid (in bester halb anziehender, halb abstoßender Yuppie-Manier von Richard Madden verkörpert) spielt so auch eine wesentliche Rolle. Aus stürmischer Leidenschaft entwickelt sich eine Liebesbeziehung, die allerdings zunehmend versauert. John wird von dem manipulativen Reid bis an die Grenze des Missbrauchs ausgenutzt und finanziell wie eben auch emotional terrorisiert. Anders als bei „Bohemian Rhapsody“ geht es hier durchaus auch in Sachen homosexueller Liebe freizügiger und offenherziger zu.

Trotz aller Klischees und Vertrautheit, die der Film aufweist, fällt es angesichts seiner leidenschaftlichen zentralen Performance, den erfindungsreichen Musical-Einlagen und der herzlichen Inszenierung nicht schwer, sich von „Rocketman“ schließlich gewinnen zu lassen. Elton John-Puristen mögen sich zwar an manch einer erzählerischen Freiheit stören, jedoch gelingt es Fletcher und Hall den Kern der Musikikone herauszuarbeiten und dessen andauernde Suche nach Liebe aufrichtig vorzutragen. Und so offensichtlich es auch sein mag: Johns brillante Musik in dieser gutgelaunten wie ehrlichen Greatest-Hits-Compilation zu erleben, ist auch schon ein großer Trumpf.


Fazit:
„Rocketman“ ist zum einen ein konventionell erzähltes Hochglanz-Musiker-Biopic, das jedoch durch seine originelle Musical-Inszenierung und einen aufrichtigen und warmherzigen thematischen Kern schließlich mitreißt. Dazu kommt der furios aufspielende Taron Egerton, der diese große und schwierige Rolle schauspielerisch wie musikalisch auf bemerkenswerte Weise meistert.
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Bilder © Paramount Pictures Germany