Roads

Roads (2019), Deutschland / Frankreich
Laufzeit: - FSK: 6 - Genre: Drama
Kinostart Deutschland: - Verleih: StudioCanal

-> Trailer anschauen

Roads Filmplakat -> zur Filmkritik

Inhalt

Der 18-jährige Gyllen (Fionn Whitehead) aus London hat das Wohnmobil seines Stiefvaters entwendet und ist dem Familienurlaub in Marokko entflohen, als er zufällig auf den gleichaltrigen William (Stéphane Bak) aus dem Kongo trifft, der versucht, die Grenze nach Europa zu überwinden, um dort seinen verschollenen Bruder zu suchen. In diesem Moment größter Verlorenheit beschließen die beiden Verbündete zu werden: Angetrieben von jugendlicher Abenteuerlust bahnt sich das ungleiche Paar seinen Weg durch Marokko, Spanien und Frankreich bis nach Calais. Während die Freundschaft und das Vertrauen der jungen Männer zueinander mit jedem Tag wächst, werden sie mit Entscheidungen konfrontiert, die nicht nur ihr eigenes Leben nachhaltig beeinflussen...

Fionn Whitehead, Stéphane Bak und Moritz Bleibtreu | mehr Cast & Crew


Roads - Trailer




Filmkritik Roads

Filmwertung: | 9/10


In jedem Kinojahr gibt es Filme, die einen komplett überraschen. Filme, die man nicht auf Schirm hatte, und dann bei Sichtung einen überzeugen und man sich dann später denkt, warum man von diesem Film eigentlich nichts gehört hat. In 2017 gebührte diese Ehre dem Film "Columbus", dem allerersten Film von Kogonada, mit John Cho und Haley Lu Richardson, letztes Jahr war es der Film "Hereditary", einem der besten Horrorfilme der letzten zwanzig Jahre. Dieses Jahr ist es "Roads", eine kleine Filmperle mit dem Star aus "Dunkirk", Fionn Whitehead. Wer hier Road Trip Movies mit Augenmerk auf Freundschaft mag, der ist hier goldrichtig.

Sebastian Schipper ist ein deutscher Schauspieler, der mit seinem Film "Victoria" 2015 ganze 18 Preise mit nach Hause nehmen durfte, inklusive "Bester Film" und "Beste Regie" bei den German Film Awards. Zurecht, denn der Film wurde in einer einzigen, 140-minütigen Einstellung gefilmt, ein unglaubliches Meisterwerk. Nach vier Jahren Pause kehrt er mit einem weiteren, kleinen Filmjuwel zurück und etabliert sich als einer der talentiertesten Regisseure Deutschlands. Ihm gelingt es, aus einer simplen Geschichte einen ehrlichen, emotionalen Film zu inszenieren und eine glaubwürdige Freundschaft in Szene zu setzen. Schipper trifft genau die richtige Mischung aus Drama, Komödie und Road Trip, jeder dieser Aspekte des Films überzeugen und man hat nie das Gefühl, dass hier etwas nicht mit der Balance stimmt. Es gibt die richtige Anzahl von lustigen Momenten, die zu keiner Zeit stören, und die emotionalen Momente treffen den Zuschauer mit geballter Wucht. Schipper schrieb auch am Drehbuch mit und dabei nutzt er die Geschichte, um die aktuelle Lage der "Flüchtlingskrise" zu kommentieren. Was hier besonders überzeugend ist die Tatsache, dass sich Schipper auf keine politische Seite stellt, sondern er bleibt stets neutral. Schipper überlässt es den Zuschauern selbst, ihre eigene Meinung zu formen. Die Freundschaft zwischen Gyllen und William ist glaubwürdig geschrieben, die Dialoge fühlen sich authentisch an und auch die emotionalen Szenen verdient sich der Film durch überzeugende Charakterentwicklungen.

 Auf ihrem Weg nach Calais: Gyllen (Fionn Whitehead) und William (Stéphane Bak).
Auf ihrem Weg nach Calais: Gyllen (Fionn Whitehead) und William (Stéphane Bak). © Studiocanal GmbH
Fionn Whitehead hat das geschafft, was viele jungen Schauspieler erreichen wollen: Er feierte sein Leinwanddebüt mit "Dunkirk", dem letzten Film von Meisterregisseur Christopher Nolan. Danach durfte er die Leinwand mit einer Schauspiellegende teilen, Emma Thompson, in dem Drama "Kindeswohl". In "Roads" verkörpert er den jungen Freigeist Gyllen, der sich mit seiner Familie im Marokko-Urlaub befindet. Als er es mit ihnen nicht mehr aushält, leiht er sich prompt den alten Van seines Stiefvaters aus und macht sich auf den Weg nach Frankreich, wo sein leiblicher Vater lebt. Auf dem Weg trifft er einen Kongolesen namens William, der ebenfalls nach Frankreich möchte, um nach seinem verschollenen Bruder zu suchen. Zusammen erleben sie ein Abenteuer voller Höhen und Tiefen, dass sie nie vergessen werden, und entwickeln eine Freundschaft, die ihr weiteres Leben prägen wird. Whitehead hat in allen drei Filmen, in denen er mitgewirkt hat, gezeigt, dass er ein großes schauspielerisches Talent besitzt. Auch hier überzeugt er und liefert eine glaubwürdige Performance ab. Doch er schafft es nicht ganz, an Stéphane Bak's Niveau ranzukommen. Dieser spielt William, der lange nichts mehr von seinem großen Bruder gehört hat und wissen möchte, was mit ihm passiert ist. Bak ist ein junger französischer Schauspieler, der sein Können schon in diversen heimischen Produktionen zeigen konnte, wie beispielsweise in "Elle" an der Seite von Isabelle Huppert. In einer Geschichte über Freundschaft ist die Chemie zwischen den beiden Hauptdarstellern extrem wichtig und die ist hier hervorragend. Wenn man Whitehead und Bak auf der Leinwand sieht, denkt man sich, dass die beiden schon seit Jahren miteinander befreundet ist. Die Entwicklung der Beziehung im Film ist so natürlich und ein Grund hierfür sind die tollen Performances der beiden. Am Ende des Films sitzt man noch da und ist etwas traurig, da man mehr von William und Gyllen sehen möchte. Whitehead ist wie gewohnt gut als rebellischer Junge, der mit seinen familiären Problemen nicht klarkommt, doch Bak ist die Entdeckung des Films. Ihm gelingt es, aus einer einfachen Figur durch seine Leistung einen vielschichtigen Charakter zu kreieren, für den man sofort Sympathie empfindet und mitfiebert. Die restliche Nebenbesetzung hat nicht viel zu tun, ist aber grundsolide. Ben Chaplin gibt den leiblichen Vater Gyllen's, der nicht gerade begeistert ist, als er von der Reise seines Sohnes erfährt. Chaplin ist nur für maximal zehn Minuten zu sehen, ist aber äußerst überzeugend. Daher ist es etwas schade, dass sich der Film schnell von dieser Vater/Sohn-Storyline abwendet, hier hätte ich gerne mehr gesehen.

Gyllen (Fionn Whitehead) und William (Stéphane Bak)
Gyllen (Fionn Whitehead) und William (Stéphane Bak) © Studiocanal GmbH
Die ersten 15 Minuten legen die Weichen für diesen tollen Film. Gyllen trifft in Marokko auf den Kongolesen William und fragt ihn, ob er denn nicht mitkommen wolle, doch dieser lehnt dankend ab. Doch als Einheimische Gyllen aber abzocken möchten, ist William zur Stelle und befreit ihn aus den Händen der Betrüger, und das ist der Beginn einer wundervollen Freundschaft. "Roads" ist primär ein Roadtrip-Film, der sich um die Beziehung der beiden Hauptdarsteller dreht. Die Entwicklung dieser Freundschaft ist glaubwürdig geschrieben und überzeugt auf ganzer Linie. Dabei hilft hier auch die sehr gute Performance der beiden Hauptdarsteller, die das gute Material nochmal auf die nächste Stufe aufwerten und ihren Charakteren den nötigen Tiefgang verleihen. Was besonders schön ist die Tatsache, dass William von seiner Heimat weit entfernt ist, doch in der Nähe von Gyllen eine andere Art von Heimat finden. Sie freunden sich an, erzählen sich Geschichten, die sie erlebt haben und haben Spaß - etwas, dass William in seinem Leben vermisst, nachdem sein großer Bruder verschwunden ist. Doch der Film ist mehr als nur ein Roadtrip und hat mehr zu bieten als nur die Geschichte einer Freundschaft. William ist die Personifikation der aktuellen "Flüchtlingskrise", der politische Aspekt des Films ist hier ebenfalls gelungen. Schipper bleibt stets neutral und überlässt dem Zuschauer die Entscheidung, was er von der ganzen Sache halten soll. Des Weiteren enthält der Film eine kleine Prise Familiendrama (Der ganze Subplot um Gyllen und sein Vater, mit dem er seit der Scheidung seiner Eltern keine gescheite Beziehung mehr hat), die man aber hätte noch weiter ausbauen können. Wenn man bei dem Film etwas kritisieren muss, dann ist es dieser Teil, denn die Szenen zwischen Gyllen und seinem Vater sind wirklich gut, doch das Ende dieses Plots ist nicht zufriedenstellend und der Schipper ignoriert danach diesen Storyfaden, was mich etwas gestört hat. Die Kamera liefert wunderschöne Bilder ab und auch das Pacing weiß zu gefallen.


Fazit:
Roads verbindet das Thema Freundschaft und Politik auf clevere Art und Weise und das Ergebnis kann sich sehen lassen. Dieser Film sollte den höheren Schulklassen gezeigt werden, denn man kann von ihm einiges lernen. Humor, Herz und Emotionen, hier ist wirklich alles dabei und die Hauptdarsteller sind ebenfalls spitze. Roads ist ein kleines Filmjuwel.
by

Bilder © StudioCanal