Only God Forgives

Only God Forgives (2013), USA
Laufzeit: - FSK: 16 - Genre: Thriller
Kinostart Deutschland: - Verleih: Tiberius

Only God Forgives Filmplakat -> zur Filmkritik

erhältlich auf 4K UHD, Blu-ray und DVD

Inhalt

Die ungleichen Brüder Julian und Billy dealen mit Drogen im pulsierenden Rotlichtmilieu von Bangkok. Dreh- und Angelpunkt für ihre illegalen Geschäfte ist ihr Kickbox-Club. Der Kopf des Familienkartells ist ihre unnahbare und knallharte Mutter Crystal. Nach dem Mord an seinem Bruder gerät Julian in eine nicht enden wollende Spirale der Gewalt. Es geht um Rache und Schuld, um Liebe und Hass und um die ewige Suche nach Vergebung...

Ryan Gosling, Kristin Scott Thomas und Yayaying | mehr Cast & Crew


DVD und Blu-ray | Only God Forgives

Blu-ray
Only God Forgives (uncut) Only God Forgives (uncut)
Blu-ray Start:
18.11.2013
FSK: 16 - Laufzeit: 92 min.

zur Blu-ray Kritik
Only God Forgives (uncut) (3D Blu-ray) Only God Forgives (uncut) (3D Blu-ray)
Blu-ray Start:
18.11.2013
FSK: 16 - Laufzeit: 92 min.
Only God Forgives (Limited 2-Disc Mediabook Edition) Only God Forgives (Limited 2-Disc Mediabook Edition)
Blu-ray Start:
03.11.2016
FSK: 16 - Laufzeit: 150 min.
DVD
Only God Forgives (uncut) Only God Forgives (uncut)
DVD Start:
18.11.2013
FSK: 16 - Laufzeit: 88 min.

zur DVD Kritik

Filmkritik Only God Forgives

Filmwertung: | 10/10


Nicht wenige sahen in „Drive“, für den Nicolas Winding Refn 2011 den Regiepreis in Cannes erhielt, die Geburt eines Meisterregisseurs. Dabei hatte Refn bereits seit 15 Jahren Filme gemacht; Filme über schweigsame Antihelden, die - gänzlich auf sich allein gestellt -, teils wie in Trance („Walhalla Rising“), teils unter Strom („Bronson“), auf moralischen Scheidewegen wandelten, immer der Gewissheit entgegen, dass in ihrer desolaten Welt nichts je richtig gut werden kann. Daran hatte sich in „Drive“ im Grunde nichts geändert, und doch war alles anders: Ein Film gemacht aus den besten Zitaten des einschlägigen Genrefilms der 80er Jahre und trotzdem der Inbegriff eines modernen Hyperkinos, so perfekt durchkomponiert wie sein kompetent ausgewählter Soundtrack aus pulsierendem Synthie-Pop (Kavinsky!) und italienischer Grandezza (Ortolani!), dessen Rhythmus er in jeder Sekunde zu folgen schien. Ryan Gosling war großartig als „Driver“, der mit jedem Blick (und jedem Kauen auf seinem Zahnstocher) mehr aussagte als es jedes überflüssige Wort könnte, von dem es in „Drive“, der Gesetzmäßigkeit eines (urbanen) Westerns folgend, kein einziges gab. „Drive“ war Nicolas Winding Refns erstes Meisterwerk, ein Film, in dem Style und Substanz so nahe beieinander lagen, wie es nur in einem zukünftigen Instant-Klassiker der Fall sein konnte. Und nicht zuletzt ein großartiges filmisches Paradoxon: Ein Actionfilm, der die totale Entschleunigung zelebriert. Eine Zuschauerin aus dem US-Bundesstaat Michigan, die den Film offensichtlich nicht verstand, verklagte die Filmfirma aufgrund nicht eingelöster Versprechen auf Schadensersatz. Der Rest ließ sich nur zu gern ein auf Refns einzigartigen inszenatorischen Sog - der die Erwartungen an einen potentiellen Nachfolger freilich in astronomische Höhen katapultierte und die Frage danach, auf welche Art und Weise der dänische Filmemacher wohl auf seinen neugewonnenen Status als Hoffnungsträger und Regie-Virtuose reagieren würde, zu einer der spannendsten und meistgestellten des Gegenwartskinos avancieren ließ.

Und nun ist er da. Refns insgesamt zehnter Film und die zweite Kollaboration mit „Everybody's Darling“ Ryan Gosling. Auch „Only God Forgives“ feierte seine Weltpremiere im Wettbewerb der Internationalen Filmfestspiele von Cannes – und erntete prompt Buhrufe statt Szenenapplaus. Das ist so nachvollziehbar wie verwunderlich: Refns neuer Film gebärdet sich in der Tat wie ein ausgestreckter filmischer Mittelfinger in Richtung Konsens und versucht erst gar nicht, den übersteigerten - und damit kaum erfüllbaren - Erwartungen der „Drive“-Anhängerschaft gerecht zu werden. Andererseits macht Refn einfach genau dort weiter, wo er 2009 mit seinem umstrittenen Wikinger-Epos „Walhalla Rising“ aufhörte: Mit einem kaum massenkompatiblen Kino der Andeutungen, des Schweigens, der Gewalt und der Irritation. „Drive“ war in der Tat Refns wahrscheinlich größtmöglicher Flirt mit dem Mainstream. „Only God Forgives“ zeigt aber auch das Dilemma auf, das einem solch brückenschlagenden Erfolg innewohnt: Ein einziger Film war dazu imstande, acht weitere förmlich zu negieren, indem er wider Willen zum ultimativen Referenzwerk hochstilisiert wurde, an dem sich fortan jedes weitere messen lassen müsse. Dass nun erneut Gosling auf dem Filmplakat zu sehen ist, macht es dem Rezipienten natürlich nicht gerade einfach. Und doch ist ein möglichst unvoreingenommer Blick von Vorteil, um den Film goutieren zu können: „Only God Forgives“ ist eine schwer zugängliche „refneske“ Kopfgeburt, die mit ihrem Vorgänger allenfalls den Hauptdarsteller und den unbändigen Stilwillen gemein hat.

„Die ursprüngliche Idee war es, einen Film über einen Mann zu machen, der Gott herausfordert“, sagt Refn selbst. Dieser Mann ist Julian (Ryan Gosling): Sein Bruder Billy, mit dem er in Bangkok einen Kickbox-Club leitet, der in erster Linie für die Durchführung illegaler Geschäfte jedweder Art herhalten muss, vergewaltigt und tötet eine Prostituierte und wird daraufhin im Auftrag eines selbsternannten „Racheengels“ (Gott?), der mit seinem Samuraischwert für Gerechtigkeit sorgt (oder zumindest für seine Definition davon), getötet. Julians Mutter (der Teufel?), gespielt von einer herrlich gegen den Strich besetzten Kristin Scott Thomas, reist daraufhin aus den USA an, um ihren toten Lieblingssohn zu bestatten - doch eigentlich sinnt die eiskalte Syndikats-Chefin und Übermutter nur auf Vergeltung. Sie setzt Julian, den sie eigentlich für „zu weich“ hält, auf den schier unbesiegbaren „Racheengel“ an – mit denkbar blutigen Folgen.

„Only God Forgives“ ist ein fatalistischer Noir-Albtraum zwischen Rachefantasie, fernöstlicher Spiritualität und ödipaler Mutter-Sohn-Beziehung. Und doch so viel mehr: Refn beschreibt den Film als „(...)Zusammenfassung aller Filme, die ich bisher gemacht habe“ und fügt hinzu: „Ich glaube, dass ich mit Hochgeschwindigkeit auf eine kreative Kollision zusteuere, um alles um mich herum zu verändern.“ „Only God Forgives“ legt jetzt schon Zeugnis davon ab: Einen faszinierenderen, verstörenderen, ambivalenteren Film wird man in diesem Jahr vielleicht nicht mehr zu sehen bekommen. Refn verzichtet gänzlich darauf, seine Figuren zu psychologisieren (nur um dann doch häppchenweise freud'sche Symbole in sein fast mythologisches Szenario einzustreuen) und entfacht einen regelrechten Mahlstrom an (Sinn)Bildern, die erst einmal (richtig) gedeutet werden wollen. Wenn sich etwa Julians Fäuste in sublimierten Großaufnahmen ballen, dann ist das kein Zeichen von Stärke oder Überlegenheit, sondern vielmehr die Manifestation der eigenen Unsicherheit gegenüber der persönlichen Stellung in diesem dezidiert virilen – und entsprechend durchritualisierten – Gefüge (ironischerweise gelenkt von einer Frau), das Refn eben nicht glorifiziert, sondern als Hexenkessel inszeniert, in dem die Wurzeln der Gewalt, die sich so extrem wie aprupt vollzieht und in ihrer Unberechenbarkeit noch lange im Nachhinein nach Luft schnappen lässt, zu suchen sind – natürlich ohne dass er dies je explizit tun würde. Eine Wertung – soweit überhaupt möglich - überlässt er dem Zuschauer, ebenso wie die Entscheidung, ob man seinen Film nun lieben oder hassen will – oder vielleicht beides.

Audiovisuell ist „Only God Forgives“ über jeden Zweifel erhaben. Refn lässt seine vom Schicksal gezeichneten Protagonisten durch eine in blutrot-neongelbes Licht getauchte Vorhölle taumeln, begleitet von Cliff Martinez' sinistrem Soundteppich, der sich ebenso widerspenstig gibt wie der Film selbst (und sich, anders als in „Drive“, stetig dem Rhythmus des Films anpasst – und nicht andersherum). Er ist eben kein Männerfilm im Kunst-Kostüm, sondern – im Gegenteil – großes Kunstkino im Kostüm eines Männerfilms, dessen Verweigerungshaltung nie zur bloßen Pose gerät, sondern angesichts Refns einer Odyssee ins Ungewisse gleichenden Filmographie nur zwingend erscheint. Und schließlich offenbart „Only God Forgives“ für den, der sich auf ihn einlassen möchte, doch eine Wucht, die sich nachhaltig einbrennt. Ein destruktiver, grotesker, vielschichtiger und schlicht großartiger Film, der zur gleichen Zeit anzieht und abstößt, sein Publikum mit voller Absicht und Konsequenz verunsichert und am Ende schließlich niemanden, der ihn sicht, mit einem Gefühl von Gleichgültigkeit zurücklassen wird. Mehr kann Kino kaum leisten. Nicht zuletzt deshalb ist „Only God Forgives“ schon jetzt ein Anwärter auf den besten – und leider auch am meisten missverstandenen – Film des Jahres.
by Siegfried Bendix

Bilder © Tiberius