Mutter & Sohn

Child's Pose (2012), Rumänien
Laufzeit: - FSK: 12 - Genre: Drama
Kinostart Deutschland: - Verleih: X Verleih

Mutter & Sohn Filmplakat -> zur Filmkritik

erhältlich auf 4K UHD, Blu-ray und DVD

Inhalt

Cornelia will für ihren erwachsenen Sohn Barbu immer nur das Beste, doch der entzieht sich vehement der erdrückenden Liebe seiner Mutter. Als er einen Verkehrsunfall verschuldet, unternimmt die erfolgreiche Architektin aus der rumänischen Oberschicht alles in ihrer Macht stehende, ihn vor den Konsequenzen und einer Haftstrafe zu schützen. Denn in ihrer Welt ist vermeintlich alles und jeder zu kaufen, auch die Unschuld, Freiheit und Liebe ihres Sohnes. Es ist ein schmaler Grat zwischen mütterlicher Fürsorge und egoistischer Manipulation – doch der Schicksalsschlag ist auch die Chance für einen Neuanfang.

Luminita Gheorghiu, Bogdan Dumitrache und Natasa Raab | mehr Cast & Crew


DVD und Blu-ray | Mutter & Sohn

DVD
Mutter & Sohn Mutter & Sohn
DVD Start:
22.11.2013
FSK: 12 - Laufzeit: 108 min.

Filmkritik Mutter & Sohn

Filmwertung: | 5/10


In der oberflächlichen Welt der rumänischen High-Society führt Cornelia (Luminița Gheorghiu) ein auf den ersten Blick sorgenfreies Leben. Erfolgreiche Architektin, verheiratet mit einem angesehenen Chirurgen und mit der Möglichkeit ausgestattet, die eigene Überzeugung – mit Geld lässt sich alles lösen – tagtäglich ausleben zu können. Bei einem weiteren Blick bekommt die Fassade allerdings hässliche Risse. Die Beziehung mit dem Chirurgen ist mit „Vernunftehe“ treffend beschrieben. Ihr größtes Problem ist aber das Verhältnis zum Sohn Barbu (Bogdan Dumitrache). Mit ihrer erdrückenden Liebe und ihrer pedantischen Art hat sie ihren Sohn nie seine Erfahrungen machen und sich ein eigenes Leben aufbauen lassen. Das Ergebnis ist, dass Barbu mit seiner Mutter am liebsten nichts mehr zu tun haben will, es aber nicht schafft, sich endgültig von ihr loszusagen. Sein Charakter ist wechselhaft, ja nahezu schizophren. Als der verkorkste Sprössling nachts mit unerlaubt hoher Geschwindigkeit ein Kind überfährt, das daraufhin verstirbt, wird bei Cornelia erneut der Beschützerinstinkt geweckt. Mit ihrem Geld versucht sie Zeugenaussagen zu fälschen und die ermittelnden Polizisten zu beeinflussen, um so eine drohende Gefängnisstrafe für ihr Kind abzuwenden. Im Schatten der Tragödie bietet sich so für beide die Chance auf einen Neuanfang.

Beim Ansehen des mit einem Goldenen Bären ausgezeichneten Dramas drängt sich eine elementare Frage auf: Wie viel Realismus verträgt ein Spielfilm? Der in Stuttgart aufgewachsene rumänische Regisseur Călin Peter Netzer hat ein wirklichkeitsnahes Werk geschaffen, doch dieser Pluspunkt ist zugleich sein Manko. Da ist die wackelige Kameraarbeit, die einem ein Gefühl verleihen soll, als sei man mitten in die Geschehnisse involviert, allerdings wirkt dieses Stilelement bei den mehrheitlich ruhigen Dialogszenen reichlich deplatziert. Auch das rabiate Heranzoomen mitten in Szenen, das einen eher an private Familienaufnahmen erinnert, geht oftmals zu Lasten des optischen Genusses. Vergleichsweise mutig ist auch die Entscheidung in diesem Film gänzlich auf Musik zu verzichten, was eine Hilfestellung für den Zuschauer gewesen wäre, die Hintergründe der Figuren besser verstehen zu können. Man hat zwar nicht den Eindruck, die Hauptdarstellerin Luminița Gheorghiu beim Schauspielen zu beobachten, sondern einen Ausschnitt aus dem Leben Cornelias zu sehen, jedoch ist der von ihr gemimte Charakter derart berechnend und oftmals kühl, wodurch ihr gesamtes Spiel sehr minimialistisch ausfällt.

Es ist auch naheliegend, dass Cornelia und ihr Umfeld sich auf ihre eigenen Probleme fokussieren und die eigentlich tragische Thematik, das nämlich ein Kind zu Tode gefahren wurde, in den Hintergrund rückt. Das die Upperclass sich selbst am nächsten steht und um ein Kind, welches auch noch aus ärmlichen Verhältnissen stammt, nicht trauert, ist durchaus realistisch. Für die alternativ thematisierten Probleme Interesse herzustellen fällt dennoch schwer, da eine viel bewegendere Angelegenheit für den Hauptteil der Laufzeit keine wirkliche Rolle spielt. Es ist unter anderem dieser Umstand, der dazu beiträgt, dass für keine Figur Sympathien oder Mitgefühl aufkommen will – die Familie des Opfers einmal ausgenommen. Selbst die Hauptfigur Cornelia wirkt antagonistisch, ebenfalls ihr missratener und undankbarer Sohn Barbu und die anderen Mitglieder der Oberschicht sind typische dekadente Vertreter ihrer Klasse, die man wahrscheinlich sogar nicht mögen soll.

Hinterfragen kann man auch den Sinn von Szenen, in denen die Mutter Cornelia bei alltägliche Handlungen zu sehen ist, wie zum Beispiel beim Füttern von Fischen oder beim Rauchen und Trinken in der Küche. Diese Passagen werden nicht mit Musik untermalt, die Hauptdarstellerin besticht auch nicht durch große mimische Fähigkeiten und auch für die Handlung sind sie nicht zwingend notwendig, da sie die Geschehnisse in keiner Weise voran bringen. Dadurch wird der Film unnötig langatmig und es scheint fast, als habe man diese Momente nur gezeigt, um die Dauer etwas zu strecken. Spätestens beim dritten Mal, wenn Cornelia alleine zu sehen ist, beginnt man gedanklich abzuschalten, da man darauf konditioniert wurde, dass in den nächsten ein bis zwei Minuten nichts Spannendes passieren wird. Es könnte ohnehin ein guter Teil der Laufzeit entfallen, ohne dass der Film darunter leiden würde. Wahrscheinlicher ist eher, dass er an Tempo und Spannung gewönne.

Da sich „Mutter und Sohn“ eigentlich als Drama definiert, ist es auch überraschend, dass dramatische Szenen Mangelware sind. Ein einziges Mal zeigt Barbu seiner Mutter gegenüber Zorn über ihr erdrückendes Verhalten, aber vor allem die letzte Szene, als die Konfrontation mit den Eltern des verstorbenen Jungen erfolgt, kann erst gänzlich in diesem Metier überzeugen. Zwischendurch lassen sich einige gute Dialogzeilen finden, die Potential erahnen lassen, das aber nicht gänzlich ausgeschöpft wurde und den Film daher auch nicht trägt. Die genaue Zielgruppe lässt sich ebenfalls nur schwer festlegen. Will man sich über das Leben in Rumänien, Korruption, Helikoptereltern oder Zweiklassengesellschaften informieren, wäre eine Dokumentation die bessere Wahl. Um ein packendes Drama zu sein, fehlt dem Film die meiste Zeit über Emotionalität und der Mut, die Fessel des Realismus abzuschütteln.

Fazit: „Mutter und Sohn“ gelingt es glaubwürdige Wirklichkeit auf die Leinwand zu projezieren. Für eine Dokumentation fehlt dem Ganzen allerdings der Informationsgehalt und als Spielfilm ist er zu langatmig, die Charaktere zu unsympatisch und man wartet vergeblich auf ein emotional aufgeladenes Finale zwischen Mutter und Sohn.
by Andreas Engelhardt

Bilder © X Verleih