Morris aus Amerika

Morris from America (2016), Deutschland / USA
Laufzeit: - FSK: 12 - Genre: Komödie / Drama / Romanze
Kinostart Deutschland: - Verleih: Farbfilm

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Morris aus Amerika Filmplakat -> zur Filmkritik

erhältlich auf Blu-ray und DVD

Inhalt

Morris ist 13, nicht gerade schlank und schwarz. Doch das ist nicht sein größtes Problem. Frisch gestrandet aus New York lebt er nun allein mit seinem Vater Curtis, der im Trainerteam des hiesigen Profi-Fußball-Clubs arbeitet, in Heidelberg. Auch wenn es zwischen Old School und Gangster Rap ziemlich unterschiedliche Auffassungen gibt, schweißt die gemeinsame Liebe zu Hip-Hop die beiden zusammen. Freunde zu finden und sich in dieser völlig neuen Welt zu behaupten, ist allerdings gar nicht so einfach, vor allem wenn man Gangster Rapper werden will. Zu allem Unglück ist da auch noch das Problem mit der deutschen Sprache, bei der auch die charmante Nachhilfelehrerin Inka nur bedingt helfen kann. Doch dann trifft Morris Katrin und sein ganzes Leben steht Kopf.

Markees Christmas, Craig Robinson und Carla Juri | mehr Cast & Crew


Morris aus Amerika - Trailer




DVD und Blu-ray | Morris aus Amerika

Blu-ray
Morris aus Amerika Morris aus Amerika
Blu-ray Start:
19.05.2017
FSK: 12 - Laufzeit: 90 min.
DVD
Morris aus Amerika Morris aus Amerika
DVD Start:
19.05.2017
FSK: 12 - Laufzeit: 86 min.

Filmkritik Morris aus Amerika

Filmwertung: | 9/10


Alles ist so zyklisch und dennoch unveränderbar, heißt es in einem Lied von Tocotronic. Morris, gerade mal 13 Jahre alt, ist ein Junge aus der Bronx (wow). Wohnt aber mit seinem Vater in Heidelberg (Lacher), die Tatsache, die ihn zu einem Außenseiter in musterhafter Vollendung macht. Als ob das nicht genug wäre, verliebt sich Morris in Katrin, ganze 15 Jahre alt, blondes selbstbewusstes Objekt der Teenie-Begierde (wow). Morris aus Amerika SzenenbildKatrin steht auf Jungs auf Motorrädern. Morris und sein Vater stehen auf Hiphop (wow). Morris gibt also zunächst einen denkbar peinlichen Freestyle (Lacher), gibt dann aber doch einen wirklich coolen Freestyle (wow). Am Ende bleibt von Katrin ein gemeinsames Selfie im modernen Filter-Look. Dafür ist Morris ein wenig älter geworden (zufriedenes Dahinschmelzen).

So lässt sich die Geschichte von „Morris from America“ in Kürze erzählen, damit ist sie aber natürlich noch nicht auserzählt. Neugierig macht alleine schon der deutsch-amerikanische Produktions- und Auswertungshintergrund (der US-Kinostart – wie immer früher als hierzulande – fand bereits im vergangenen August satt). Der Regisseur und Drehbuchautor Chad Hartigan („This is Martin Bonner“) vertritt dabei das in Verbindung mit dem Sundance Filmfestival stehende amerikanische Independent Kino. Es kommt einem vor wie Zusammenschrumpfen und Sich-Ausbreiten zugleich, als nach der ersten Innenszene ein Zoom-Out auf ausgerechnet sommerlich strahlendes Heidelberg kommt. „Morris from America“ beginnt also mit der Andeutung einer Culture Clash-Gegensätzlichkeit, die sich später glücklicherweise als Gag erweist, dessen Objekt allem voran der Film selbst ist. Während der deutsche Film oft der Provinzialität beschuldigt wird, wird hier die eindeutig abseits des globalen Kinos liegende Kulisse vorsichtig auf komödiantisch Brauchbares abgetastet.

Chad Hartigan versucht ein Werk, das, nach seinen eigenen Worten, sowohl europäisch als auch amerikanisch anmutet. Selbst als Teil des ergebnisbedachten Kalküls, sind die typischen Merkmale aber wirklich sehr liebevoll zu Figuren gestaltet. Morris aus Amerika SzenenbildEs gibt zum Beispiel auf der einen Seite die amerikanisch-konkrete Ausdrucksweise und die anstößigen Chips Sandwiches, auf der anderen die gemütliche Deutschlehrerin Inka (Carla Juri), die die ganze Welt mit Heißgetränken erwärmen könnte und die Morris (Markees Christmas) immer wieder dazu aufruft, auf seine Sprache zu achten. Der Film, der aus repräsentationsethischen Gründen doch schnell ins Lähmende und Moralisierende kippen könnte, interessiert sich weniger für das Ausagieren der üblichen Un- und Übersetztbarkeiten und dafür viel mehr für das eigentliche Sammeln der Erfahrungen. Für einen 13-jährigen heißt es hier wie sonst, eine Abfolge von Peinlichkeiten und Zuneigungsbekundungen durchzumachen. Kampf mit beginnenden Morgenerektionen und heimlicher Genuss von delikaten Pornoheftchen inbegriffen. Morris' Außenseitertum ist das eines jeden Teenagers, denn jeder Teenager im Wesentlichen als eine Gestalt „des tragisch komischen Übergangs“ anzusehen ist – so hat es mal der deutsche Popstar Jens Friebe treffend bemerkt. Im Einzelnen bedeutet jedoch schwarz und dick in Heidelberg zu sein den absolut Ausnahmezustand. Zumal begegnen Morris hier ausschließlich blonde, schlanke in Hinsicht der Sexualentwicklung viel fortschrittlichere Musterkörper. „Deutsche Arschnasen“ sind dafür wenig lustig, denn es gibt bei ihnen buchstäblich wenig zum Ankoppeln.

Es ist Ferienzeit – die freien Nachmittage blähen sich zu unangebrochenen Tagen des leichtsinnig-komplizierten Müßiggangs. Die Hölle da draußen scheint unmittelbar, aber daheim zu bleiben ist auch keine Option. Morris entscheidet sich für das Jugendzentrum. Morris aus Amerika SzenenbildDie faulen Sozialisierungsversuche in einer Institution laufen auf weitere Peinlichkeiten hinaus, als er zu einer Party eingeladen wird. Obligatorisches Programm – Hose mit Wasserpistole anspritzen. Wie man neulich in Fatih Akins „Tschick“ gesehen hat, kann ja gerade das Nicht-Eingeladen-Sein zu dem Zündmoment dramaturgischer Ausgelassenheiten werden. Chad Hartigan greift aber auch tiefer in die Kiste – in dem Jugendzentrum wird ein Talentwettbewerb veranstaltet. Mit einem anständigen Hobby wie Querflöte Spielen kommt man bestens davon, aber Morris rappt irgendwas mit „Fucking bitches, two at a time“. Snoop Dogg für Arme. Gangster Rap wird somit durch den Kakao gezogen, aber man lacht vor allem über den Eigensinn und Disproportionalität eines heranwachsenden Ichs, dessen einzelne Teile den anderen davon wachsen. Schluss mit Jugendzentrum-Phase. Dabei zielte Morris nur auf Katrin (Lina Keller) hoch, ein perfektes Mädchengesicht plus Hotpants. „She's so pretty, fuck self pity, I feel so shitty“, rappt seinerseits Tylor, the Creator. Sehr zu empfehlen – eine Bestandsaufnahme der jungen Gefühle, in musiktechnischer Hinsicht bewusst kaputt und karg gehalten.

Besonders erfreulich: Craig Robinson, bekannt vor allem aus Judd Apatow Produktionen, spielt den Vater Curtis und beruflich den Trainer der Heidelberger Fussballmannschaft! Morris aus Amerika SzenenbildWie er in dem unübersehbar oberflächlich eingerichteten Wohnzimmer-Setting artig dasitzt oder etwa in einer genauso unglaubhaften Bar mit sozial unbeholfenen Kollegen! Der Film weiß auch hier die bewussten wie vorgefundenen Dissonanzen und Ungereimtheiten humorvoll darzubieten. Curtis und Morris teilen ihren Alltag zu zweit, die Mutter ist gestorben. Daher sicher auch die Ungemütlichkeit. Der Vater erzieht seinen Sohn also alleine. Er erzieht ihn, indem er über Beats und Flow erzählt – je minimaler, desto besser. Dazu hört man eine Menge einzig für den Film komponierter Hiphop-Stücke. Kopf hoch und runter, man nickt mit, sogar die Holzfiguren aus dem Heidelberger Schloss nicken mit. Morris lernt, dass er aus der Musik raus und in die Welt rein muss, um am Ende in die Musik wirklich reinzukommen. „Rap about how you don't know shit“. Stimmt doch, und im Zweifel auch immer für die Pubertät sein.


Fazit:
Ein süßer Film, dem man das Karikaturhafte seiner Figurenaufstellungen nicht im Geringsten übel nehmen will. Wir werden außerdem daran erinnert, dass es nicht ohne Belang ist, was für Musik aus unseren Kopfhörern in die Welt da draußen vordringt.
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Bilder © Farbfilm