Mord im Orient Express

Murder on the Orient Express (2017), USA
Laufzeit: - FSK: 12 - Genre: Krimi / Mysterie
Kinostart Deutschland: - Verleih: 20th Century Fox

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Inhalt

Was als verschwenderische Zugfahrt durch Europa beginnt, entwickelt sich schnell zu einer der stilvollsten, spannendsten und aufregendsten Mysterien, die je erzählt wurden. Basierend auf dem Buch der Bestsellerautorin Agatha Christie, erzählt MORD IM ORIENT EXPRESS die Geschichte von dreizehn Fremden in einem Zug, von denen jeder ein Verdächtigter ist. Ein Mann muss gegen die Zeit ankämpfen, das Rätsel zu lösen, bevor der Mörder noch einmal zuschlägt.

Kenneth Branagh, Penélope Cruz und Daisy Ridley | mehr Cast & Crew


Mord im Orient Express - Trailer




Filmkritik Mord im Orient Express

Filmwertung: | 7/10


1934 schuf Agatha Christie mit ihrem Kriminalroman „Mord im Orient-Express“ einen unsterblichen Vertreter und Wegbereiter des klassischen „Whodunits“, der in der Folge unzählige ähnlich gestrickte Werke maßgeblich beeinflusste. Adaptiert wurde der Roman auch mehrfach, am prominentesten sicherlich von Sidney Lumet mit seiner starbesetzten und mehrfach Oscar-nominierten Version von 1974. Angesichts dessen erscheint eine weitere werkgetreue Adaption nun zumindest in seiner Notwendigkeit fragwürdig. Dennoch wagte sich Shakespeare-Experte Kenneth Branagh, der zuletzt mit „Thor“, „Jack Ryan: Shadow Recruit“ und „Cinderella“ auch überraschende Ausflüge in den Mainstream wagte, an Christies Krimiwerk um den legendären belgischen Detektiv Hercule Poirot. Branagh versucht erst gar nicht Christies in den 30er Jahren angelegten Roman modern anzupassen, im Gegenteil, sein Film ist angenehm altmodisch geraten. Das heißt jedoch nicht, dass hier an Aufwand gespart wird, Branaghs „Mord im Orient-Express“ nutzt alle zur Verfügung stehenden technischen Mittel, um hier eine sehr stimmige, schön anzusehende und aufpolierte Hochglanzversion von Christies Mördersuche zu bieten.

Regisseur und Hauptdarsteller Kenneth Branagh (Hercule Poirot)
Regisseur und Hauptdarsteller Kenneth Branagh (Hercule Poirot) © Twentieth Century Fox
Branagh und der dieses Jahr allgegenwärtige Drehbuchautor Michael Green („American Gods“, „Logan“, „Alien Covenant“, „Blade Runner 2049“) modifizieren in ihrer Adaption nur Details. So kann schon mal verraten werden, dass Kenner von Christies Text nicht viele Überraschungen bei dieser Neuversion zu erwarten haben. Branagh verkörpert höchstpersönlich die Hauptrolle, die er mit süfisantem Genuss und augenzwinkerndem Humor angeht. Agatha Christie legte einen besonderen Fokus auf die Beschreibung von Poirots ikonischem Schnurbart, den sie als „immens“, „majestätisch“ und „prächtig“ bezeichnete, was dann erwiesenermaßen zu ihrer Enttäuschung angesichts Albert Finneys eher subtiler Gesichtsbehaarung in Lumets Film führte. Entsprechend macht Branagh aus Poirots selten zuvor gesehenem Schnurbart regelrecht einen eigenen Charakter, von dem man seine Augen kaum nehmen kann.

So ist Branagh in der Rolle des Poirot direkt ein ganz besonderer Anblick, den der Brite mit präzisem Spiel sehenswert verkörpert. Zu Beginn des Films etabliert er den selbsternannten „größten Detektiv der Welt“ als nahezu zwanghaften Mann, der in allen Lebensbereichen nach Perfektion und vor allem Symmetrie sucht, die hier geschickt (und vorausgreifend) als Symbol für Gerechtigkeit steht. Auch wenn es nur um zwei perfekte Frühstückseier geht oder Poirot nach einem versehentlichen Schritt in Pferdemist der Ausgeglichenheit wegen auch den zweiten Fuß hineinstellen muss, für den Detektiv muss alles in makelloser Balance stehen. Branaghs Inszenierung erfreut hier mit guten Auge fürs Detail und feiner Dramaturgie, die diese Sache insgesamt und speziell Poirot noch runder erscheinen lässt wie Lumets Version.

Daisy Ridley (Mary Debenham)
Daisy Ridley (Mary Debenham) © Twentieth Century Fox
Nachdem Poirot zu Beginn des Films seine Detektivkünste bereits in einem scheinbar undurchsichtigen Fall in Jerusalem eindrucksvoll zur Schau stellen kann, verschafft ihm sein Freund Bouc (Tom Bateman) einen Platz auf dem Orient-Express nach London, wo er endlich mal Entspannung finden will. Doch auch hier eilt ihm sein großer Ruf voraus und er findet sich im Mittelpunkt einiger interessanter und farbenfroher Charaktere, darunter der amerikanische Geschäftsmann Samuel Ratchett (Johnny Depp). Dieser sucht permanent das Gespräch mit Poirot, den er zu seinem Schutz für sich gewinnen will, denn er fühlt sich angesichts diverser Bedrohungen in ernsthafter Gefahr. Poirot verzichtet jedoch dankend, aber sichtlich abgeneigt auf das lukrative Angebot. Am nächsten Morgen wird Ratchett tot in seinem Abteil aufgefunden – er wurde Opfer zahlreicher Messerstiche. Nach einer massiven Lawine steckt der Zug zudem vor einem Tunnel in Kroatien fest, weshalb Bouc seinen alten Freund darum bittet, den Fall aufzuklären, damit er sich nicht mit der örtlichen Polizei abgeben muss. Zähneknirschend willigt der etwas müde Poirot ein, woraufhin er sich der 12 Verdächtigen im Zug annimmt…

Dass Branagh für seine aufwändige Adaption eine Allstar-Riege großer Darsteller gewinnen konnte, ist kein Geheimnis. Doch während Lumet aus seiner Besetzung einiges herauskitzeln konnte und dafür Oscar-Nominierungen und sogar den Preis für Ingrid Bergman für die beste Nebenrolle als Missionarin Greta Ohlsson einheimsen konnte, erreichen Branaghs Darsteller nur bedingt solche Höhen. Dennoch können einzelne Akteure wie insbesondere Michelle Pfeiffer als Miss Hubbard, Willem Dafoe als etwas zwielichtiger Österreicher Gerhard Hardmann oder auch Johnny Depp als rattenartiger Fiesling Ratchett für interessante Akzente sorgen. Auch solche brillanten Charakterköpfe wie Derek Jacobi als Ratchetts Butler oder auch Olivia Colman als Dienstmädchen von Judi Denchs Gräfin machen hier das Beste aus ihren kleinen Parts. Doch gerade wichtigere Rollen wie die von Daisy Ridley, Josh Gad, Penélope Cruz oder Leslie Odom Jr. bleiben hier leider eher blass.

Michelle Pfeiffer (Caroline Hubbard)
Michelle Pfeiffer (Caroline Hubbard) © Twentieth Century Fox
Wirklich mitreißend gestaltet sich dieser Express trotz vielversprechenden Beginns nicht. Eher als gemütlich lässt sich das Tempo dieses Films bezeichnen, wirkliche Spannung oder gar ein Gefühl für Momentum und Gefahr baut sich hier kaum auf. Jedoch geht es gar nicht um genannte Attribute, auch Lumets Version folgte einem ähnlichen Inszenierungsmuster. Es geht hier letztlich um die Figuren und ihre Eigenarten, durch die der Zuschauer ermutigt wird, selbst Detektivarbeit zu betreiben. Jedoch ist Poirot dem Zuschauer ohnehin schnell weit voraus, seine Lösungsideen werden schon recht früh offenbart. Branagh ist dann – und hier unterscheidet er sich von Lumets Version – daran interessiert, der komplexen Geschichte hinter dem Fall eine tiefere Bedeutung, ein moralisches Gewicht zu verleihen. Gerade am Ende offenbart der Film dann eine überraschende Seele, die den Film dann doch noch prägnanter im Vergleich zu Lumets Adaption erscheinen lässt.

Olivia Colman (Hildegard Schmidt), Judi Dench (Prinzessin Dragomiroff)
Olivia Colman (Hildegard Schmidt), Judi Dench (Prinzessin Dragomiroff) © Twentieth Century Fox
Während der ruhig erzählte Plot für wenig Aufregung sorgt und zudem angesichts unzähliger Kriminalfilm-Nachahmer spürbar konstruiert erscheint, gefällt die klassische Machart des Films ungemein. Branaghs „Mord im Orient-Express“ erweist sich unzweifelhaft als prachtvoller Ausstattungsgenuss, der wunderschön anzusehen ist. Vor allem ist es die greifbare Atmosphäre, die das detailverliebte Setdesign des legendären Zuges offenbart und die Szenerie fast schon greifbar werden lässt. Gepaart mit den tollen Breitbildaufnahmen (Branagh hat auf 65mm-Film gedreht) und Patrick Doyles bezaubernder Musik verzeiht man diesem im besten Sinne altmodischen Film dann, dass es ihm etwas an erzählerischer Dynamik und echtem Punch fehlt. Man genießt einfach nur noch dieses stilvolle und erwachsene Unterhaltungskino, das mittlerweile eine Seltenheit in den Kinos geworden ist.


Fazit:
Auch wenn Kenneth Branagh mit seiner Neufassung von Christies „Mord im Orient-Express“ das Rad keineswegs neu erfindet und die Erzählung wenig mitreißend erscheint, gelingt ihm hier doch ein angenehm klassischer Unterhaltungsfilm. Hier ist ein stilvoll-eleganter Film zu sehen, der vor allem durch seine Inszenierung und Schauwerte ein kleiner Genuss ist. Hinzu kommt Branaghs wirklich gelungene Interpretation von Meisterdetektiv Hercule Poirot, die Albert Finney in Sidney Lumets Verfilmung wohl noch übertrumpft.
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Bilder © 20th Century Fox