Lucky

Lucky (2017), USA
Laufzeit: - FSK: 0 - Genre: Komödie / Drama
Kinostart Deutschland: - Verleih: Alamode

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Lucky Filmplakat -> zur Filmkritik

erhältlich auf Blu-ray und DVD

Inhalt

Lucky (Harry Dean Stanton) ist ein 90-jähriger Eigenbrötler, Atheist und Freigeist. Er lebt in einem verschlafenen Wüstenstädtchen im amerikanischen Nirgendwo und verbringt seine Tage mit bewährten Ritualen – Yoga und Eiskaffee am Morgen, philosophische Gespräche bei Bloody Mary am Abend. Bis er sich nach einem kleinen Unfall seiner Vergänglichkeit bewusst wird. Zeit dem Leben noch einmal auf den Zahn zu fühlen.

Harry Dean Stanton, David Lynch und Ron Livingston | mehr Cast & Crew


Lucky - Trailer




DVD und Blu-ray | Lucky

Blu-ray
Lucky Lucky
Blu-ray Start:
03.08.2018
FSK: 0 - Laufzeit: 88 min.
DVD
Lucky Lucky
DVD Start:
03.08.2018
FSK: 0 - Laufzeit: 85 min.

Filmkritik Lucky

Filmwertung: | 9/10


Präsident Roosevelt schleicht durch die Wüste. Gemächlich, einen Schritt nach dem anderen setzend, kraxelt er über Sand, Steine und zwischen kleinen Büschen hindurch. Pure Entschleunigung zum stressigen Alltag als32. US-Präsident? Nein, denn es handelt sich nicht um den Menschen Franklin Delano Roosevelt, sondern um eine 100-jährige Landschildkröte, die den markanten Namen von ihrem Besitzer Howard (David Lynch) bekam. Das ist ein mehr oder weniger versteckter Gag, der sinnbildlich für den trockenen Humors des Filmes steht. Obwohl die Zuschauer nicht erfahren, warum Howard seine Schildkröte so genannt hat, wird in flammenden Monologen deutlich, wie sehr er seinen Gefährten liebt und wie wichtig ihm Roosevelt ist. In seiner Stammkneipe erzählt er traurig davon, dass die Schildkröte weglief, als er das Gartentor aufließ. Wie lange sie das wohl geplant haben mag, fragt Howard in die Runde. Keiner kann ihm darauf eine aufmunternde Antwort geben. Dennoch spenden ihm alle anwesenden Personen Trost. Auch Howards guter Freund Lucky (Harry Dean Stanton), die Hauptfigur und der Namensgeber des Films, tröstet seinen langjährigen Kumpanen.
Harry Dean Stanton in Lucky
Harry Dean Stanton in Lucky © Alamode Film
Lucky war im Zweiten Weltkrieg im Pazifik auf einem großen Kriegsschiff der US Navy stationiert – als Koch. Die „sicherste“ Position, die man zu dieser Zeit als Soldat haben konnte, weshalb er seinem Spitznamen verpasst bekam, der bis heute Bestand hat: „Lucky“.

Die Inszenierung des Filmes und seiner Hauptfigur ist mutig. Schon zu Beginn wird mit den typischen Hollywood-Konventionen wird gebrochen. Der 90-jährige Lucky wird in Unterhemd und Unterhose gezeigt- viel weniger können Kleidungsstücke einer Person nicht schmeicheln. Ob beim Aufstehen, Waschen, Rasieren oder bei seinen fünf Yoga-Übungen, die er jeweils 21 Mal wiederholt: der vom Alter gezeichnete Körper, an dem Haut und Fett ein Eigenleben führen und vor sich hin schwabbeln, die Brust, die in Richtung Bauchnabel gewandert ist, all das wird in Nahaufnahmen gezeigt. Diese Sequenzen lassen dank der schrägen Ästhetik erkennen, dass man hier einen ungewöhnlichen Film mit einem ganz eigenen Charme und Stil zu sehen bekommt.
Zu sehen bekommen die Zuschauer „Luckys“ Gesicht zum ersten Mal, als er sein kleines, entlegenes Wüstenhaus verlässt. Er läuft – vom Alter gebeugt , aber dennoch erstaunlich rüstig und fit – in die nahegelegene Kleinstadt, um in seinem Stamm-Schnellrestaurant seinen Kaffee zu trinken, seine Kreuzworträtsel zu lösen und sich mit Inhaber Joe (Barry Shabaka Henley) und Kellnerin Loretta (Yvonne Huff) zu unterhalten.
Nach einiger Zeit macht sich „Lucky“ wieder auf den Weg, um in Bibis (Bertila Damas) kleinem Tante-Emma-Laden Milch zu kaufen. Er kehrt nach Hause zurück, telefoniert mit einem Freund und schaut seine heißgeliebten Gameshows, die er mit bissigen Kommentaren begleitet.
David Lynch und Harry Dean Stanton in Lucky
David Lynch und Harry Dean Stanton in Lucky © Alamode Film
Abends macht er sich wieder auf den Weg in die Stadt, um in Elaines (Beth Grant) Kneipe alkoholische Getränke zu sich zu nehmen und sich mit den Stammgästen um Howard und Paulie (James Darren) zu unterhalten. Luckys Altersweisheit und seine offene Art sorgen dafür, dass er in der kleinen Gemeinde hoch angesehen ist.
Obwohl sich all diese Schritte in seinem Tagesablauf nicht sonderlich spannend anhören mögen, ist der Film genau das: spannend. Das liegt an einer selten gesehenen Fülle an Details, die in jeder Szene zu entdecken sind. Hier muss man Regie-Debütant John Carroll Lynch ein großes Kompliment machen. Nichts geschieht – wie in so vielen anderen Filmen – einfach so, sondern hat einen hintergründigen Sinn. Alles wird später wieder aufgegriffen und aufgelöst. Beispielsweise schimpft Lucky trocken an einer bestimmten Stelle der Kleinstadt „Fotze“. Bis zum Ende weiß man nicht, warum er das macht- bis die Szene klug aufgelöst wird.
Gerade diese Detailverliebtheit nötigt einem höchsten Respekt ab. Wie hoch mag der organisatorische Aufwand gewesen sein, um all das so stimmig und perfekt zu komponieren? Ohnehin ist es erstaunlich, dass der Charakterdarsteller John Carroll Lynch im Alter von 53 Jahren (mittlerweile 54) ein solch grandioses Erstlingswerk geschaffen hat.
Als Schauspieler kennen Filmfans den Mann mit dem unverwechselbaren Gesicht vor allem aus „Gothika“, „Zodiac - Die Spur des Killers“, „Shutter Island“ oder „The Founder“.
Harry Dean Stanton in Lucky
Harry Dean Stanton in Lucky © Alamode Film
Es ist bedauerlich, dass Lynch für seine großartige Regie-Leistung nur wenige Preise (Locarno International Film Festival 2017 - Prize of the Ecumenical Jury, Haifa International Film Festival 2017 - Fedeora Award - Filmmakers of Tomorrow, Satellite Awards 2017 - Special Achievement Award - Best First Feature) erhalten hat. Dass der Film in der aktuellen Award-Saison so untergegangen ist, dürfte auch mit dem kümmerlichen Einspielergebnis (955.925 US-Dollar) zusammenhängen. Bei der Masse an Filmen wird ein Werk, das so wenige Leute gesehen haben, oft übersehen. Das macht die Nichtberücksichtigung allerdings nicht besser. Denn Lynchs größter Verdienst ist es, aus allen Schauspielern herausragende Leistungen herausgekitzelt zu haben. Dabei hat er seinen Film vor allem mit Darstellern aus der zweiten oder dritten Reihe besetzt. Menschen, die ihr Handwerk verstehen, Talent mitbringen, in Hollywood aber nach einem gewissen Zeitraum aussortiert wurden. Tom Skerritt (M.A.S.H., Alien, Magnolien aus Stahl) ist einer von ihnen. In einer schauspielerisch herausragenden Dialogszene im Schnellrestaurant, in dem er und Stanton sich die Bälle perfekt zuspielen, entsteht deshalb einer der besten, emotionalsten Szenen des gesamten Filmes. Auch Barry Shabaka Henley (Terminal, Collateral, Vier Brüder, State of Play, Ali) als ruhiger Zuhörer, Ron Livingston (Conjuring - Die Heimsuchung, Die Frau des Zeitreisenden, Adaption: Der Orchideen-Dieb) als Howards Anwalt, den Lucky nicht leiden kann, Beth Grant (Speed, No Country for Old Men, Little Miss Sunshine) als harte, aber herzliche Barbesitzerin und Ed Begley Junior (Whatever Works - Liebe sich wer kann, Das Glück an meiner Seite, Chefarzt Dr. Westphall) als Luckys humorvoller Arzt zeigen, wie gut sie aufspielen können, wenn sie ein erstklassiges Drehbuch in die Hand bekommen, einen Regisseur haben, dem sie vertrauen können, der sie motiviert und der vor allem darauf achtet, dass jede noch so kleine Rolle bedeutsam für die Dynamik zwischen den Figuren und die Geschichte ist.

Ron Livingston in Lucky
Ron Livingston in Lucky © Alamode Film
Der Fokus liegt trotzdem eindeutig auf Harry Dean Stanton (Paris, Texas, Alien – Das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt, The Green Mile, Die Klapperschlange). Dass der 90-Jährige für seine Meisterleistung, für seine letzte große Vorstellung nach 62 Jahren als Schauspieler nicht entsprechend belohnt wurde, obwohl er sich in seinem Alter nochmal den Torturen der unerträglichen Hitze aussetzte und Stunden auf durch die Wüste gelaufen ist, dabei laut Lynch bis an die Grenzen seiner körperlichen Belastbarkeit ging, ist eine Schande! In Hollywood musste sich Stanton mit größeren und viel öfter kleineren Nebenrollen über Wasser halten. Wie gut er auch in einer Hauptrolle aufgehen und das Publikum mitreißen kann, beweist er in „Lucky“. Mit seiner nuancierten Performance berührt, anrührt und begeistert er die Zuschauer zutiefst. Immerhin wurde seine letzte Vorstellung mit einigen kleineren Auszeichnungen bedacht (Film Club's The Lost Weekend 2017 – Bester Schauspieler; Gijón International Film Festival 2017, AISGE Award – Bester Schauspieler; Indiana Film Journalists Association 2017, IFJA Award – Bester Schauspieler, Satellite Awards 2017 – Bester Schauspieler). Das macht die Nichtberücksichtigung bei den wichtigen Preisen allerdings nicht besser, zumal der am 15. September 2017 verstorbene Stanton das aufgrund seiner (Lebens-) Leistung verdient gehabt hätte. Zumal der Film bei Kritikern und Publikum gut ankam, wofür auch die Durchschnittsbewertung bei IMDB (7,4 von 10) und der Metascore (7,9 von 10) sprechen. Hat man über diese Ungerechtigkeit erstmal genug den Kopf geschüttelt, kann man sich wieder den vielen positiven Aspekten des Filmes zuwenden.
Harry Dean Stanton in Lucky
Harry Dean Stanton in Lucky © Alamode Film
Denn nicht nur die fantastischen Schauspieler und die überragende Regie-Führung machen „Lucky“ zu einem Ausnahmefilm. Auch das Drehbuch trägt mit geschliffenen, klugen und philosophischen Dialogen zur melancholisch-nachdenklichen Stimmung bei. Es werden immer wieder Fragen zum Leben gestellt und auf interessante Weise – meist mit viel Wortwitz – beantwortet. Zu dieser Atmosphäre, die noch viele Wochen nach Ansehen des Filmes im Gedächtnis bleibt, trägt auch die eingängige Musikuntermalung einen großen Teil bei. Als Lucky auf einer Geburtstagsfeier singt, wirkt das nicht wie in vielen anderen Filmen erzwungen, sondern authentisch und ist deshalb die anrührendste Szene im gesamten Film. Dazu kommt eine ruhige Kameraführung mit intelligenten, vielseitigen Einstellungen.
Die wunderschönen Locations tragen dank der Trostlosigkeit, die sie auf der einen Seite vermitteln und der Hoffnung, die sie auf der anderen Seite spenden, ihren Teil zum Gelingen von „Lucky“ bei.


Fazit:
Harry Dean Stantons letzte Vorstellung ist eine der besten Leistungen in seiner gesamten Karriere. Regie-Debütant John Carroll Lynch holt aus dem Schauspielveteranen – und all seinen Mitspielern – das Maximum heraus, reichert den Film mit vielen Details an und erschafft damit eine emotionale Tiefe, die in einem nur 88 Minuten kurzen Film in dieser Form selten zu sehen ist. „Lucky“ ist bewegend, intelligent, vielschichtig und begeisternd – und damit eine würdige Bereicherung von Stantons umfangreicher Filmografie. Eine Filmperle für Cineasten.
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Bilder © Alamode