Jung & schön

Jeune & Jolie (2013), Frankreich
Laufzeit: - FSK: 16 - Genre: Drama
Kinostart Deutschland: - Verleih: Weltkino Filmverleih GmbH

Jung & schön Filmplakat -> zur Filmkritik

erhältlich auf 4K UHD, Blu-ray und DVD

Inhalt

Kurz vor ihrem 17. Geburtstag schläft die hübsche Isabelle im Sommerurlaub das erste Mal mit einem Jungen ein Ereignis, das sie unbeeindruckt und ernüchtert zurücklässt. Mit Beginn des neuen Schuljahres verabredet sie sich über das Internet mit Männern, die sie für Sex bezahlen. 300 Euro pro Treffen berechnet sie ihren meist älteren Kunden, das versteckte Geldbündel im Kleiderschrank wächst schnell an. Weder ihre Familie noch Freunde ahnen, was sie an ihren Nachmittagen treibt. Als ihr Doppelleben durch einen tragischen Zwischenfall auffliegt, sind die Eltern fassungslos. Doch während Isabelles Mutter sich mit Selbstvorwürfen und der Frage nach dem Warum quält, schweigt Isabelle beharrlich.

Marine Vacth, Géraldine Pailhas und Frédéric Pierrot | mehr Cast & Crew


DVD und Blu-ray | Jung & schön

Blu-ray
Jung und Schön Jung und Schön
Blu-ray Start:
24.04.2014
FSK: 16 - Laufzeit: 93 min.

zur Blu-ray Kritik
Jung und Schön Jung und Schön
Blu-ray Start:
27.10.2017
FSK: 16 - Laufzeit: 93 min.
DVD
Jung und Schön Jung und Schön
DVD Start:
24.04.2014
FSK: 16 - Laufzeit: 89 min.
Jung und Schön Jung und Schön
DVD Start:
27.10.2017
FSK: 16 - Laufzeit: 89 min.

Filmkritik Jung & schön

Filmwertung: | 9/10


Der französische Regisseur François Ozon gehört zu den bekanntesten und produktivsten Autorenfilmern des europäischen Kinos. Filme wie "Swimming Pool", "8 Frauen", "Unter dem Sand" oder zuletzt "In Ihrem Haus" sind echte Hausnummern des Arthouse-Kinos. Mit seinem neuen Film "Jung & schön" wurde er in diesem Jahr das zweite Mal in seiner Karriere in den Wettbewerb von Cannes eingeladen. Wiederum scheut sich Ozon nicht, in heikle gesellschaftliche Blickwinkel zu leuchten und so stehen die weiblichen Attribute jung und schön nun für Begehrlichkeiten, für die allerorts eine erschreckend hohe Zahl von Männern bereit ist, Geld zu bezahlen.

Dem Rhythmus der vier Jahreszeiten folgend, zeigt uns François Ozon das sexuelle Erwachen eines jungen Mädchens, das sich über moralische Grenzen hinwegsetzt und eine neue Welt entdeckt. Die hübsche Isabelle (Marine Vacth) feiert ihren 17.Geburtstag und verliert im Sommerurlaub an der Cote d'Azur ihre Unschuld. Doch diese Erfahrung ist weniger aufregend und romantisch, als sie gehofft hatte und ihr Urlaubsflirt entpuppt sich als schlechter Liebhaber. Dennoch erkennt sie Möglichkeiten in dieser körperlichen Zuneigung und zurück in Paris verabredet sie sich per Internet mit Männern, die sie für Sex bezahlen. Unter dem Decknamen Léa kommt Isabelle so an große Mengen Geld, was aber ihre Eltern und ihr Umfeld keinesfalls erfahren dürfen. Nach einem tragischen Zwischenfall kann sie jedoch nicht mehr verbergen, wie sie seit geraumer Zeit ihre Nachmittage verbringt, woraufhin für ihre Mutter Sylvie (Géraldine Pailhas) eine Welt zusammenbricht.

François Ozon hat ein fantastisches Händchen für die Entdeckung junger Schauspielerinnen und hält in seinem neuen Film dem französischen Supermodel Marine Vacth den Steigbügel in eine große Filmkarriere. Vacth brilliert in ihrer ersten Hauptrolle mit einer überzeugenden Mischung aus Verletzlichkeit und Willensstärke. An ihrer Seite agieren Géraldine Pailhas und Frédéric Pierrot als besorgte Eltern sowie Charlotte Rampling mit einem beeindruckenden Gastauftritt. Als Isabelles attraktiver, aber erotisch enttäuschender Urlaubsflirt ist der deutsche Jungschauspieler Lucas Prisor zu sehen. Dieser Charakter sollte laut Drehbuch eigentlich einem Engländer gebühren, doch Ozon entschied sich kurzerhand für einen Deutschen, was er augenzwinkernd damit begründet, dass die Deutschen doch dafür bekannt sind, kein Talent im “pour faire l’amour” (Liebe machen) zu haben. Die Story von Isabelle geht über die vier Jahreszeiten und zur Symbolisierung der Übergänge wählte Ozon vier der schönsten Chansons der französischen Musikikone François Hardy, die den Lauf der Handlung perfekt ergänzen. Hört man die Zeile aus Hardys 68er Chanson "Weil man nicht sehr unglücklich ist, vergisst man, dass man nicht glücklich ist …" könnte dies beim Anblick Isabelles stimmiger nicht sein.

Ozon wollte keine harte Sozialstudie abliefern, die eine junge Frau zeigt, die sich ekelhaften älteren Freiern vor die Füße wirft. Ihm geht es um die Adoleszenz, nicht bloß als eine emotionale Zeit, sondern auch als eine hormonelle, in der sich der jugendliche Körper intensiv physiologisch verändert und gar missbraucht wird, um zu fühlen. Diese noch nicht mit Emotionen verbundene Sexualität verkörpert Isabelle in Perfektion, wobei sich Ozon bei ihrer betont emotionslosen Entjungferung, bei der sie von ihrem zweiten Ich beobachtet wird, noch auf recht dünnem Eis bewegt, was sich aber in der Fortentwicklung ihrer Charakterstudie fast als genialer Kunstgriff erweist. Ein wichtiger Aspekt war auch, dass Isabelle aus einer finanziell gut gestellten Familie kommt und sie sich keineswegs aus wirtschaftlichen Gründen prostituiert. Vielmehr steht ihre Prostitution für den adoleszenten Prozess, dem der Wunsch nach Aufmerksamkeit und Andersartigkeit innewohnt, den sie auch durch Drogen oder Magersucht hätte manifestieren können. Diese gelebte diabolische Seite Isabelles ist für ihre Mutter natürlich ein Albtraum und hier detoniert der Film inmitten der Gegenwartsgesellschaft in Zeiten steigender Zahlen sich prostituierender Studentinnen, die dies allerdings für ihren Lebensunterhalt tun. Für ihr Umfeld scheint die Gefahr das Verlangen zu sein, das sie in anderen auslöst und die Art, wie ihre Jugend und Schönheit jeden dazu zwingt, sich den eigenen Sehnsüchten und Enttäuschungen zu stellen. Als man sie im Bekanntenkreis nicht mal mehr gerne mit Männern allein lässt, sagt sie: "Ich bin nicht die, die gefährlich ist." Damit stellt sie indirekt die Frage nach der moralischen Schuld an dieser so flächendeckend auftretenden, aber gesellschaftlich doch nicht gewollten Konstellation Prostituierte-Freier. Ist an diesem Markt, der doch bei Weitem mehr zwischenmenschliches Leid als Freude hervorruft, das Angebot oder die Nachfrage schuld? Ozon aber will diese Frage im künstlerischen Sinne bestimmt nicht gestellt wissen, konnte aber mit Marine Vacth keine Bessere zur Verkörperung derselbigen finden.

Der neue François Ozon ist dank der geheimnisvoll verschlossenen und betörend arroganten Marine Vacth nicht nur "Jung & schön", sondern eine Inszenierung von hoher Eleganz, die auf melancholischen Chansons schwebt.
by André Scheede

Bilder © Weltkino Filmverleih GmbH