Im Herzen der See

In the Heart of the Sea (2015), USA
Laufzeit: - FSK: 12 - Genre: Action / Abenteuer
Kinostart Deutschland: - Verleih: Warner Bros.

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Im Herzen der See Filmplakat -> zur Filmkritik

erhältlich auf Blu-ray und DVD

Inhalt

Im Winter 1820 überstand die Besatzung des amerikanischen Walfängers Essex einen Angriff, dessen Wucht sämtliches Vorstellungsvermögen der Seeleute überstieg: Ein gigantischer Wal entwickelte bei seiner Attacke einen menschenähnlichen Drang nach Vergeltung. Die authentische Schiffskatastrophe inspirierte Herman Melville später zu seinem Roman „Moby Dick“. Doch das Buch erzählt nur die halbe Geschichte. „Im Herzen der See“ zeigt den qualvollen Überlebenskampf der verbliebenen Besatzung, der die verzweifelten Seemänner dazu bringt, Unvorstellbares zu tun. Stürme, Hunger und Panik nötigen die Männer dazu, den Wert des menschlichen Lebens und die Ethik ihres Berufs infrage zu stellen, während sich der Kapitän auf dem offenen Meer zu orientieren versucht und der erste Offizier an seinem Plan festhält, den großen Wal doch noch zu erlegen.

Chris Hemsworth, Cillian Murphy und Ben Whishaw | mehr Cast & Crew


Im Herzen der See - Trailer


Im Herzen der See - Trailer


DVD und Blu-ray | Im Herzen der See

Blu-ray
Im Herzen der See Im Herzen der See
Blu-ray Start:
07.04.2016
FSK: 12 - Laufzeit: 127 min.

zur Blu-ray Kritik
Im Herzen der See (3D Blu-ray) Im Herzen der See (3D Blu-ray)
Blu-ray Start:
07.04.2016
FSK: 12 - Laufzeit: 127 min.
DVD
Im Herzen der See Im Herzen der See
DVD Start:
07.04.2016
FSK: 12 - Laufzeit: 121 min.

Filmkritik Im Herzen der See

Filmwertung: | 8/10


Ron Howard ist eine der unberechenbarsten Allzweckwaffen Hollywoods: Mittlerweile ist ihm fast kein Genre mehr fremd, von Prestige-Dramen mit realen Begebenheiten wie sein Oscar-Gewinner „A Beautiful Mind“, „Apollo 13“, „Das Comeback“ oder „Frost/Nixon“ über Komödien wie „Splash“, „EdTV“ oder „Dickste Freunde“ zu Mainstream-Thrillern wie den Dan Brown-Verfilmungen oder „Kopfgeld“ und „Backdraft“. Seine Filme stehen für solide und kompetent gemachte Unterhaltung, kürzlich begeisterte er aber mit dem aufregenden Formel 1-Drama „Rush“ über die Rivalität zwischen Niki Lauda und James Hunt, womit Howard neue und erfrischende Seiten seines Könnens zeigte. Mit der Verfilmung des gleichnamigen preisgekrönten Sachromans von Nathaniel Philbrick „Im Herzen der See“ setzt der 61-jährige nun seine filmische Frischzellenkur fort und nähert sich nun zum ersten Mal auch leicht an das Horror-Genre an, wobei sein Film trotz leichter „Der weiße Hai“ Reminiszenzen weitestgehend ein altmodisch erzähltes Jungens-Abenteuer ist. Seine zweite Zusammenarbeit mit Chris Hemsworth erinnert in seiner authentischen und regelrecht spürbaren Darstellung des Seefahrerlebens im 19. Jahrhundert an Peter Weirs Meisterwerk „Master & Commander“, ist aber visuell weit verspielter und auffälliger inszeniert und formelhafter erzählt. In gewisser Weise ist Howards 23. Spielfilm also zumindest streckenweise ein Horrorfilm, denn er setzt den gefürchteten Wal, der Hermann Melville zu seinem Literaturklassiker „Moby Dick“ inspiriert hat, auf wirklich beängstigende Art und Weise in Szene, ebenso wie die Folgen seiner Angriffe, die die Crew hilflos und hungernd auf dem Meer treiben lassen. Hier geht es um eine unglaubliche Überlebensgeschichte, um den Kampf Mensch gegen Natur und – ähnlich wie vor kurzem in „Rush“ – um die Rivalität zweier unterschiedlicher Männer, nämlich Chris Hemsworth erstem Offizier des Walfängers Essex und seinem Kapitän George Pollard (Benjamin Walker). Kurz gesagt, „Im Herzen der See“ ist vollgepackt und eigentlich mehrere Filme in einem, alles im spektakulär und bildgewaltig inszenierten Gewand und diesmal meistens lohnenswerter 3D-Umsetzung – doch trotzdem will einem alles nicht so recht unter die Haut gehen..

„Im Herzen der See“ setzt eine klassische Rahmenhandlung ein, die die Recherche des noch erfolglosen Schriftstellers Herman Melville (Ben Whishaw) für sein neues und wichtigstes Buch zeigt. Er ist fasziniert und regelrecht besessen vom tragischen Schicksal der Essex, dem Walfänger, der bei einer Expedition mehrfach von einem gigantischen Pottwal attackiert und zerstört worden ist und dessen 21-köpfige Crew schließlich fast komplett ums Leben kam. Bei der Geschichte handelt es sich um einen Mythos, denn das Walfang-Unternehmen, das die Expedition leitete, würde gerne die wahren Hintergründe der Katastrophe vertuschen. Melville trifft sich viele Jahre nach dem Desaster mit Thomas Nickerson (Brendan Gleeson), dem ehemaligen Schiffsjungen der Essex, der noch nie von seinen schrecklichen Erfahrungen berichtet hat. Nur mit großer Mühe gelingt es Melville, den zurückgezogenen und immer noch traumatisierten Nickerson zu überreden, sich zum ersten Mal zu öffnen.
Owen Chase (Hemsworth) ist ein fähiger See- und Bilderbuchmann aus einfachen Verhältnissen, der sich hochgearbeitet hat und danach sehnt, selbst zum ersten Mal Kapitän einer Expedition zu sein. Von einem gierigen und profitgesteuerten Walfangunternehmen erhält er das Versprechen, noch eine Seefahrt als Obermaat zu begleiten, um dann schließlich selbst beim nächsten Mal ein Schiff zu führen. Er stimmt zu und lässt seine schwangere Frau zurück (mit dem klassischen Versprechen „Ich komme wieder“), um auf die mehrmonatige Expedition zu gehen. In den ersten Monaten ist die Expedition erfolgreich und es können mehrere Wale gefangen werden, dessen Walöl vor allem als wichtiger Rohstoff der damaligen Industrialisierung von Interesse war. Immer wieder kommt es jedoch zu Spannungen zwischen dem autoritären und arroganten, aber unerfahrenen George Pollard, dem Kapitän des Schiffs, der aus einer priviligierten Seefahrerfamilie stammt und dem bodenständigen Chase, der vielen der riskanten Entscheidungen seines Kommandanten nicht beipflichten kann. Nach einem Zwischenstopp in Südamerika warnt eine andere Walfängercrew vor einem nie gesehenen gigantischen Pottwal, ein Monster der See, das aus dem Nichts auftauchte und viele Leben forderte. Entgegen aller Warnungen begibt sich die Essex auf Pollards Geheiß auf einen gefährlich weiten Weg tausende Kilometer vom nächsten Land entfernt, in der Hoffnung auf eine Vielzahl an Walen und damit Reichtum. Doch dort im Südpazifik wartete ihr Untergang...

Ron Howard lässt sich mit seiner Erzählung Zeit, inszeniert den Film mit zunächst recht gemächlichem Tempo und führt die Figuren behutsam ein. Viel Zeit investiert er hier in seine Rahmenerzählung mit den solide aufgelegten Ben Whishaw und Brendan Gleeson, die in ihren ruhigen und andeutungsreichen Momenten der Zweisamkeit für subtile Spannung und Antizipation sorgen. Chris Hemsworths Owen Chase ist zweifelsohne der andere große Fokus des Films, seine Lebenssituation auf der Insel Nantucket wird recht viel Zeit gewidmet, bis die Essex dann schließlich ablegt. Howard gelingen großartige und sehr stimmungsvolle Bilder vom Leben auf See, die Walfangszenen inszeniert er in mitreißenden und großen, fast majestätischen Bildern. Seine Kamera ist immer in Bewegung und sein dänischer Kameramann Anthony Dod Mantle setzt wie auch schon in „Rush“ extreme Blickwinkel ein, um ein erstaunlich dynamisches Bild an Bord eines Walfängers zu bieten. Auffällig ist die teils heftige Farbkorrektur, die „Im Herzen der See“ eine außergewöhnliche und bisweilen auch leicht bemüht wirkende Optik verleiht. Die Gelbstichigkeit ist jedoch nicht so dick aufgetragen, wie es der Trailer andeutet. Bemerkenswert ist der Einsatz von stereoskopischen Bildern: Gerade im Prolog mit Melville und Whishaw sind Howard und Dod Mantle deutlich bemüht, das Bild mittels Objekten im Vorder- und Hintergrund sehr dreidimensional zu gestalten, auch die räumliche Tiefe ist immer wieder zu spüren. Diese Raumwirkung spielt auch bei den intimeren Momenten an Bord des Schiffs eine Rolle, bei weiteren Totalen, die das Spektakel des Walfangs, wilde Stürme und später den furchterregenden Attacken des Pottwals zeigen, spielt die Dreidimensionalität eine untergeordnete Rolle. Es gelingt jedenfalls hervorragend, eine immersive Erfahrung zu schaffen, auch dank der exzellenten und sehr eingelebt und realistisch wirkenden Ausstattung. Howard gelingt es, dass man die salzige Meerluft förmlich schmeckt. „Im Herzen der See“ ist ein visuell spektakulärer Film, der primär von seiner Bildgewalt lebt. Hier wird sowohl in der Produktion als auch in der Postproduktion aus dem Vollen geschöpft, was digitales Filmemachen betrifft, dennoch wirken gerade viele Sets und die atemberaubende Landschaft angenehm real (es wurde unter anderem um die Kanarischen Inseln gedreht). Visuelle Effekte kommen sicher zu Hauf zum Einsatz, gerade was die nicht hundertprozentig glaubhaften CGI-Wale betrifft, doch insgesamt gelingt es sehr gut, die Nähte zum Nichtrealen gut zu kaschieren.

Der Film bewegt sich immer zwischen menschliche Drama und großem Spektakel. Da wäre der ausgeprägte Anfang an Land, aber auch die Rahmenhandlung, die immer wieder leicht den Erzählfluss unterbricht. Neben dem immer wieder eintretenden Spektakel, etwa ein wild tobender Sturm, in den das Schiff gerät oder die Konfrontationen mit dem Riesenwal, ist es vor allem die Rivalität zwischen Chase und Pollard, die die dramatische Substanz des Films bilden. Chris Hemsworth ist das gewohnt bullige, selbstbewusste und respekteinflößende Bild von einem Mann, dessen ehrenhafter Kodex durchweg glaubwürdig ist. Er scheint geradezu geboren für Howards romantische und mythische Vision der Seefahrerei. Hemsworth hat eine starke Präsenz und Charisma und setzt diese in seiner bislang vielleicht besten Rolle wirkungsvoll ein. Gerade in der zweiten Hälfte des Films muss er zudem das untere Spektrum seiner Physis darstellen und zeigt sich in ungewohnt hagerer Gestalt. Auch in den Nebenrollen ist der Film mit starken Charakterdarstellern wie Brendan Gleeson, Ben Whishaw, Cillian Murphy, Benjamin Walker oder Frank Dillane sehr gut besetzt. Später entwickelt sich der Film dann zu einem echten Überlebensfilm, der das qualvolle, monatelange Herumvegetieren und Hungern mitten auf dem Ozean in Rettungsbooten und unbarmherig brutzelnder Sonne zeigt, das schließlich zu schockierenden Schritten führt. Anders als in „Unbroken“ vor kurzem sieht man es den Darstellern wirklich an, dass sie für ihre Rollen mächtig gehungert haben, wodurch ihr Überlebenskampf auch dank effektivem Make-Up eine spürbar schmerzhafte Wirkung hat. Später wird der Film dann wieder zu einem reinen Drama an Land, in dem es um Ehre und Loyalität angesichts skrupelloser Profitgier der Mächtigen geht. Von der Struktur erinnert der Film so ein wenig an den unterschätzten Ridley Scott Seefahrerfilm „White Squall“. Insgesamt ist die Erzählung von „Im Herzen der See“ durchweg altmodisch und damit auch etwas formelhaft, doch Howards sehr solide Regie sorgt für einen weitestgehend packenden Film, der sehr gut, aber nie großartig ist. Wie bei vielen Filmen von Howard hat man den Eindruck eines handwerklich perfekten Films, der voller sehr guter Zutaten ist, doch der Funke springt beim Endergebnis nicht so ganz über. Letztlich bleibt „Im Herzen der See“ so ein angenehm klassisch inszeniertes und bildgewaltiges Abenteuer, dem es letztlich irgendwie an genug Spannung, psychologischer Tiefe und echter Emotion fehlt, wodurch man den Film leichter bewundern, als sich wirklich dafür begeistern kann.


Fazit:
Ron Howard gelingt mit „Im Herzen der See“ ein bildgewaltig inszeniertes und klassisch erzähltes Mann-gegen-Natur-Abenteuer, das kontinierlich zwischen Drama und Spektakel navigiert. Am Ende fehlt es dem handwerklich exzellent umgesetzten Film aber an echter Tiefe und richtiger Spannung, um mehr als ein guter Film zu sein
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Bilder © Warner Bros.