Ihr werdet euch noch wundern

Vous n'avez encore rien vu (2012), Frankreich / Deutschland
Laufzeit: - FSK: 0 - Genre: Drama
Kinostart Deutschland: - Verleih: Alamode

Ihr werdet euch noch wundern Filmplakat -> zur Filmkritik

erhältlich auf 4K UHD, Blu-ray und DVD

Inhalt

Nach dem Tod des gefeierten Theaterautors Antonie d’Anthac erhalten seine Freunde eine Einladung in sein Landhaus. Hier teilt ihnen der Verstorbene per Video seinen letzten Wunsch mit. Alle der versammelten Freunde haben über Jahre in Antoines Stück „Eurydice“ mitgewirkt und sollen für ihn eine letzte Entscheidung treffen: Eine junge Theatertruppe hat einen Mitschnitt ihrer Proben zu „Eurydice“ geschickt, um von Antoine die Erlaubnis zur Aufführung zu bekommen. Kaum sehen die Freunde ihre Figuren auf der Leinwand, sind auch sie wieder in ihren Rollen gefangen, aber das bleibt nicht die letzte Überraschung, die an diesem Abend auf sie wartet.

Sabine Azéma, Anne Consigny und Pierre Arditi | mehr Cast & Crew


DVD und Blu-ray | Ihr werdet euch noch wundern

DVD
Ihr werdet Euch noch wundern Ihr werdet Euch noch wundern
DVD Start:
22.11.2013
FSK: 0 - Laufzeit: 105 min.

Filmkritik Ihr werdet euch noch wundern

Filmwertung: | 8/10


Was ist von der Nouvelle Vague geblieben? Die meisten ihrer Vertreter sind längst nicht mehr am Leben, das französische Kino fristet seither einen Dornröschenschlaf zwischen trutschigem Gemütlichkeitskino und Komödienware, die sich auch „international verkaufen“ lässt, gern versehen mit „provinziellem Charme“, nur ab und zu aufgerüttelt von Verrückten wie Leos Carax oder der erzählerischen Wucht eines Jacques Audiard. Von denen, die noch geblieben sind, straft Jean-Luc Godard mit jedem neuen Film jene Kritiker Lügen, die seine Arbeiten der frühen 80er Jahre für „schwierig“ hielten, ist Agnès Varda unter die Dokumentarfilmer gegangen, ließ Jacques Rivette zuletzt vor vier Jahren von sich hören. Nur Alain Resnais, mittlerweile fast 91 Jahre alt, dreht in schöner Regelmäßigkeit Filme über den Zufall, die Liebe und die Volten, die sie schlägt. Filme wie „Herzen“ und „Vorsicht Sehnsucht“, die einerseits dem Anspruch gerecht werden, den Resnais als Auteur an sich stellt, und denen zuzusehen andererseits schlicht und einfach ein Vernügen ist: Seine Meisterwerke mögen früher entstanden sein, bemerkenswert aber ist, zu welcher Leichtigkeit Resnais erst im hohen Alter gefunden hat. Dennoch verhalten sich seine Filme diametral zu der Art Wohlfühlkino, die momentan so populär ist in Frankreich: Kinomagie, die tief im Alltag verwurzelt ist, bevölkert von verlorenen, sich stets auf der Suche befindenden Charakteren, die er ebenso kluge Fragen stellen lässt wie er ihnen Antworten mit auf den Weg gibt, immer getragen von einer kunstvollen Inszenierung, die nur deshalb manchmal umständlich erscheint, weil eben auch das Leben umständlich ist, von dem Resnais erzählt.

Was also ist geblieben von der Nouvelle Vague? Der Geist? Weg vom Produktionskino, hin zu individueller Autorenschaft. Im Ergebnis, zumindest idealerweise, Kopfkino, das auch im Bauch ankommt. Womit wir wieder bei Resnais wären, insbesondere bei „Letztes Jahr in Marienbad“, seinem ewigen Referenzwerk von 1961, das mehr einem assoziativen Gedankenstrom gleicht als einem geschlossenen narrativen Konstrukt und damit die vielleicht einzig denkbare Form fand, um seinem Sujet gerecht zu werden: Der Erinnerung. Ein Mann, eine Frau, ein barockes Schloss, Menschen als geisterhafte Erscheinungen. Er meint, sie hätten sich hier bereits ein Jahr zuvor getroffen. Sie weiß von nichts. Resnais lässt seine namenlosen Protagonisten durch Türen und Flure irren, auf der Suche nach einer Wahrheit, an der er tatsächlich gar nicht interessiert ist: Die Erinnerung folgt ihren eigenen Regeln, sie ist so frei und variant wie die Kunst.

An dieser Stelle setzt Resnais mit „Ihr werdet euch noch wundern“ wieder ein. Sämtliche Schauspieler (als sie selbst: unter anderem Sabine Azéma, Lambert Wilson, Michel Piccoli, Mathieu Amalric), die der verstorbene Theaterregisseur Antoine d'Anthac einst in seiner Adaption von Jean Anouilhs „Eurydike“ besetzte, erhalten nach dessen Tod eine Einladung in sein Landhaus; die Trauernden werden wie zu einer Audienz empfangen, die Inszenierung ist perfekt. Eine Leinwand wird enthüllt, von der aus d'Anthac aus dem Jenseits zu seinen Gästen zu sprechen scheint. Auch, wenn am Ende des Films eine Pointe steht, arbeitet Resnais zu keiner Sekunde auf diese hin und lenkt das anfängliche Rätselraten um die Intention des phantomhaften Antoine – man wähnt sich zunächst beinahe in den Gefilden von Agathe Christie – in eine vollkommen andere Richtung: Eine junge Theatertruppe arbeitet an einer zeitgenössischen Interpretation von „Eurydike“ (deren Umsetzung Resnais in weiser Voraussicht, um einer etwaigen Peinlichkeit aus dem Weg zu gehen, dem wesentlich jüngeren Filmemacher Bruno Podalydès anvertraut hat) und hat Antoine einen Mitschnitt der Proben geschickt, um seine Erlaubnis zur Aufführung zu erhalten. Sein letzter Wille ist es, dass seine Schauspieler und Freunde ihm posthum die Entscheidung abnehmen.

Nach anfänglicher Skepsis – die „Compagnie de la Colombe“ lässt „Eurydike“ in einer verlassenen Fabrik spielen – beginnen Antoines Darsteller, zunächst nur verbal, ihre alten Rollen wieder einzunehmen. Nach und nach öffnet Resnais die Räume der Vorstellungskraft, schickt seine Figuren zurück an die Orte ihrer Erinnerungen. Der Film wird selbst zu einer Adaption von „Eurydike“, nur im Plural. Die Schauspieler vor der Leinwand beginnen mit den Schauspielern auf der Leinwand zu interagieren, das Theater kommuniziert mit dem Kino, die Tradition mit der Moderne. Und einmal mehr treibt Resnais sein Spiel mit der Erinnerung, indem er Details der Spielstätten, etwa die Größe der Zimmer oder der Gegenstände, die sich in ihnen befinden, je nach Blickwinkel beliebig verändert. Eben deshalb ist „Ihr werdet euch noch wundern“ nicht nur abgefilmtes Theater, sondern Theater inszeniert nach den Regeln des Films. Einmal taucht in abgewandelter Form ein berühmter Zwischentitel aus Friedrich Wilhelm Murnaus „Nosferatu, eine Symphonie des Grauens“ auf: „Er ging über die Brücke und dann kamen ihm die Gespenster entgegen“. Eigentlich wollte Resnais gar seinen Film nach ihm benennen, bevor er sich schließlich umentschied (der Originaltitel bedeutet soviel wie „Ihr habt noch nichts gesehen“). Tatsächlich sind seine Figuren (und damit auch die Anouilhs) keine vom Leben gebeutelten Individualisten mehr, sondern – wie in seinen früheren Filmen – unnahbare, gespenstische Gestalten an ebensolchen Plätzen, die so nur in Träumen existieren können.

Gleichzeitig ist „Ihr werdet euch noch wundern“ ein augenzwinkernd selbstreflexives Werk, durchzogen von einem nur allzu menschlichen Gefühl der Wehmut: Wie Antoine hat Alain Resnais diverse Akteure, die für seine Werke von Bedeutung waren, auf der Leinwand versammelt. Nur ist Resnais noch am Leben, er dreht bereits einen neuen Film. Besagte Pointe am Ende des Films löst schließlich das Gefühl auf, es könne sich hier um einen filmischen Abschiedsbrief handeln. So deplatziert sie zunächst wirken mag, sagt sie doch nichts anderes als „Es wird noch lange weitergehen, ihr werdet euch noch wundern!“ Vielleicht ist es das, was von der Nouvelle Vague geblieben ist: Die Kunst ist frei und variant, und genau so sollte ein Film gedreht werden. Ganz egal mit welchem Ergebnis. Resnais folgt diesem Prinzip seit nunmehr über 60 Jahren. „Ihr werdet euch noch wundern“ ist sein persönlichster Film, und sein bester seit langem: Vor- und Rückschau zugleich und doppelbödige, hintersinnige Versuchsanordnung über das Kino.
by Siegfried Bendix

Bilder © Alamode