The Florida Project

The Florida Project (2017), USA
Laufzeit: - FSK: 12 - Genre: Drama
Kinostart Deutschland: - Verleih: Prokino Filmverleih GmbH

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The Florida Project Filmplakat -> zur Filmkritik

erhältlich auf Blu-ray und DVD

Inhalt

Orlando, Florida: Moonee (Brooklynn Prince) ist erst 6 Jahre alt und hat bereits ein höllisches Temperament. Nur wenige Meilen entfernt vom Eingang zu Disneyworld wächst sie in „The Magic Castle Motel“ an einem vielbefahrenen Highway auf. Jeden Tag versucht Halley (Bria Vinaite), das Leben mit ihrer Tochter auf unkonventionelle Art und Weise zu meistern. Moonee und ihre gleichaltrigen Freunde erklären derweil unter den wachsamen Augen des Motelmanagers Bobby (Willem Dafoe) die Welt um sich herum zu einem großen Abenteuerspielplatz…

Willem Dafoe, Brooklynn Prince und Bria Vinaite | mehr Cast & Crew


The Florida Project - Trailer




DVD und Blu-ray | The Florida Project

Blu-ray
The Florida Project The Florida Project
Blu-ray Start:
02.08.2018
FSK: 12 - Laufzeit: 111 min.
DVD
The Florida Project The Florida Project
DVD Start:
02.08.2018
FSK: 12 - Laufzeit: 107 min.

Filmkritik The Florida Project

Filmwertung: | 10/10


„Celebrate good times, come on!“ Das Ertönen von Kool and the Gangs legendärem Song „Celebration“ zu Beginn von „The Florida Project“ deutet bereits stimmungsvoll das vorreitende Thema allgegenwärtiger Widersprüche des Lebens an, das immer wieder in Sean Bakers neuem Film zum Vorschein kommt. Hier wird eine verzweifelte und oft hoffnungslos wirkende Welt präsentiert, die nur einen Steinwurf vom paradiesischen Luxusleben von Walt Disney World in Kissimmee, Florida entfernt liegt. Während die Reichen und ihre Familien dem schönen Leben in den 5-Sterne-Resorts Orlandos frönen, sind die umliegenden Motels mit vielversprechenden Namen wie Magic Castle Inn oder Futureland nach der Finanzkrise kaum noch Anlaufstelle für Touristen. Hier kommen Familien unter, die sich durchs Leben schlagen müssen und mit aller Kraft dagegen ankämpfen müssen, um nicht ganz untergehen und obdachlos zu werden.

Der paradiesische Schein trügt: Bobby (Willem Dafoe) hat als Manager einer Billigmotelanlage alle Hände voll zu tun
Der paradiesische Schein trügt: Bobby (Willem Dafoe) hat als Manager einer Billigmotelanlage alle Hände voll zu tun © PROKINO Filmverleih GmbH
Nachdem Regisseur Sean Baker nach einigen mit Laiendarstellern besetzten Independent-Filmen schon ganz nah am gewöhnlichen Menschen war, brachte ihm sein auf dem iPhone gedrehter „Tangerine“ vor zwei Jahren den Durchbruch. Seine Tragkomödie über zwei Transgender-Freundinnen in Los Angeles sorgte für Aufsehen und öffnete die Tür für sein bisher größtes Projekt in Form von „The Florida Project“. Hier zeigt sich Baker erneut als ungemein realistischer und humanistischer Filmemacher, der seine Subjekte mit enormem Einfühlungsvermögen wahrhaftig, sehr berührend aber auch oft sehr amüsant beobachtet.

In diesem Fall sind es eben primär die Einwohner des real existierenden Magic Castle Inn Motels, die dort ein Leben am Rande der Gesellschaft führen. Im Mittelpunkt stehen hier die sechsjährige Moonee (Brooklynn Prince), die mit ihrer 24-jährigen Mutter Halley (Bria Vinaite) in dem Motel eine Übergangsunterkunft finden. Moonee schäumt förmlich über vor kindlicher Lebensfreude und findet mit ihren gleichaltrigen Freunden Scooty (Christopher Riviera), Dicky (Aiden Malik) und Jancey (Valeria Cotto) an jeder noch so unwahrscheinlichen Ecke Platz für Abenteuer, Spiel und vor allem Schabernack. Währenddessen versucht Halley mit nicht weniger Energie irgendwie über die Runden zu kommen und die fällige Miete aufzutreiben, sei es mit dem Verkauf von Parfüm-Imitaten in den umliegenden Resorts oder – wenn gar nichts anderes mehr geht – mit Prostitution. Als Art heimlicher Ersatzvater für Moonee und gewissermaßen auch Halley fungiert Motelmanager Bobby (Willem Dafoe), der gerne mal ein Auge zudrückt, aber sein Geschäft auch ordentlich führen will.

Ein Herz und eine Seele: Halley (Bria Vinaite) und ihre Tochter Moonee (Brooklynn Prince)
Ein Herz und eine Seele: Halley (Bria Vinaite) und ihre Tochter Moonee (Brooklynn Prince) © PROKINO Filmverleih GmbH
Im Grunde verzichtet Baker erfrischenderweise auf eine echte Story und künstliche Konflikte und setzt viel mehr darauf, seine Figuren einfach nur mit bemerkenswerter Natürlichkeit zu beobachten. Dadurch dass er an realen Schauplätzen dreht, gewinnt man als Zuschauer auch ein ungemein starkes Gefühl für den Handlungsort, der ähnlich wie auch in Andrea Arnolds „American Honey“ nahezu dokumentarisch greifbar wirkt. Seien es die Protagonisten oder eben auch die zahlreichen Nebenfiguren, in diesem wunderbar realistischen und ungeschönten Szenario denkt man überhaupt nicht daran, nur fiktive Personen zu beobachten. „The Florida Project“ ist so ein Film voller Leben, der regelrecht vibriert und auf subtile und unaufgeregte Weise nahezu hypnotisch in seinen Bann zieht.

Anders als noch „Tangerine“ wirkt „The Florida Project“ kontrollierter und weniger ungestüm, ohne jedoch an Energie einzubüßen. Das liegt mitunter daran, dass Baker sein iPhone 5s gegen 35mm-Filmkamera eintauscht (mit Ausnahme einer unglaublich wirkungsvollen Szene, die hier nicht gespoilert werden soll) und damit seiner realistisch beobachteten Welt genau die richtige Prise Film-Poesie verleiht. Kameramann Alexis Zabé erschafft hier eine Ästhetik, die die harte Lebensrealität mit all ihren scharf beobachteten Details unverblümt einfängt, aber auch zugleich auf faszinierende Weise Schönheit findet. Das wird schon zu Beginn deutlich, wenn die fliederfarbenen Pastelltöne des Magic Castle in leicht ungesättigten Bildern zum Vorschein kommen.

Motelmanager Bobby (Willem Dafoe) hat ein Auge auf die kleine Moonee (Brooklynn Prince), die mit ihrer Mutter Halley in dem von ihm betreuten
Motelmanager Bobby (Willem Dafoe) hat ein Auge auf die kleine Moonee (Brooklynn Prince), die mit ihrer Mutter Halley in dem von ihm betreuten "Magic Castle Motel" lebt © PROKINO Filmverleih GmbH
Nachdem „Celebration“ für Stimmung sorgt und aus kindlicher Perspektive deutlich macht, dass das Leben trotz aller Umstände gefeiert werden sollte, wirkt das ehrlich empfunden und keineswegs aufgesetzt. Gerade in der ersten Stunde folgt Baker mit großen Augen seinen Kinderdarstellern, wie sie an jeder Ecke Potential für Abenteuer finden. Hier sticht direkt ganz stark Brooklynn Prince hervor, die immer aufgedreht und gut gelaunt mit herrlich neunmalklugen Sprüchen und Rundum-Sorglos-Einstellung für große Freude sorgt. Prince ist einfach entzückend in ihrer Rolle, ihre Präsenz ist magnetisch und unwiderstehlich. Doch in ihrem Auftreten steckt unterschwellig auch immer spürbar Dimension, man erkennt ihrem Spiel auch an, dass sie sich ihrer Realität absolut bewusst ist und trotz aller Kindlichkeit ein stückweit erwachsen ist. Keine Frage, ihre Darstellung reiht sich sofort zu den besten Kinderperformances der Filmgeschichte ein.

Baker lässt Einstellungen gerne lange stehen, beobachtet die Kinder einfach und offenbart dabei zahlreiche wahrhaftige und regelrecht magische Momente. Es macht einfach Spaß, mit diesen Kindern abzuhängen, ihre Welt zu erforschen. Diese Welt wird wie bereits erwähnt ungemein detailreich eingefangen, Baker wirft einen Blick auf Amerika, den man nicht allzu oft und schon gar nicht in den gängigen Mainstream-Filmen zu sehen bekommt. Hier wird in Form der Fast-Food-Ketten oder einer riesigen Orange von „Orange World“ und eines gigantischen Magierkopfes vor „The Gift Shop“ eine idealisierte, übergroße Oberfläche entlarvt, unter der sich nicht viel befindet. Dass die Ober- quasi unmittelbar in die Unterschicht übergeht, macht Baker auch auf prägnante Weise deutlich.

Dreamteam: Moonee (Brooklynn Prince) und ihre Mutter Halley (Bria Vinaite)
Dreamteam: Moonee (Brooklynn Prince) und ihre Mutter Halley (Bria Vinaite) © PROKINO Filmverleih GmbH
Doch während sich „The Florida Project“ in seiner ersten Hälfte primär auf das Erforschen der Figuren und ihres Lebensumfeldes setzt, entwickelt der Film schließlich ganz unauffällig mehr und mehr Kraft. Die Schlinge um Halleys Hals wird immer enger, wodurch auch die dramatischen Konflikte sich zusehends zuspitzen. Brea Vinaite, die Baker über Instagram entdeckt hat, erweist sich als faszinierende Erscheinung und echte Offenbarung. Mit frechem Mundwerk, aber großem Herz ist ihre Halley eine schmerzhaft lebensnahe Figur, die man trotz allen Fehlverhaltens nie hassen kann, so menschlich ist sie von Baker gezeichnet, so nachvollziehbar wird sie von Vinaite gespielt.

Doch das still pochende Herz des Films ist sein einziges bekanntes Gesicht: Der legendäre und so wandlungsfähige Charakterdarsteller Willem Dafoe. Er gibt seiner Rolle so viele subtile und präzise Akzente, dass er gar nicht viel sagen muss, um eine Menge zu vermitteln. Sein Bobby ist eine empathische Figur, die für sein Umfeld meist unausgesprochen großes Verständnis entgegenbringt, aber auch vernünftig genug ist, seinen Jo entsprechend ernst zu nehmen. Man sieht Dafoe immer wieder seinen inneren Zwiespalt an, seinem Wunsch zu helfen, aber meist machtlos zu sein. So gelingt ihm hier eine wunderbar unaufgeregte und in feinen Tönen berührende Darstellung, die zurecht mit vielen Preisen überhäuft wurde.

Baker baut über lange Zeit eine derart große Intimität mit seinen Figuren auf, dass man angesichts der immer größer werdenden Probleme spürbar an ihnen hängt. So kommt hier gegen Ende hin pure, herzensbrechende Emotion zum Vorschein, die aus „The Florida Project“ gerade in der letzten halben Stunde eine Gefühlsachterbahnfahrt macht, die niemals auch nur ansatzweise manipulativ oder gar melodramatisch erscheint. Viel zu wahrhaftig und nah am Menschen ist dieses echte Wunder von einem Film, dessen faszinierend wagemutiger (wenn auch vielleicht etwas abrupter) Schluss einem das Herz förmlich explodieren lässt. Diese wahrhaft empfundenen Figuren wirken noch lange nach.


Fazit:
„The Florida Project“ ist ein vor realem Leben berstendes Meisterwerk, das seine Figuren mit wahrhaftiger Intimität beleuchtet und mit großer Empathie eine gerne vernachlässigte Seite Amerikas offenbart. Regisseur Sean Baker inszeniert das angenehm unaufgeregt und ohne künstliches Drama, wobei er von großartig naturalistischen Darstellern unterstützt wird. Ein echtes, tief berührendes und auch lustiges Juwel!
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Bilder © Prokino Filmverleih GmbH