Ewige Jugend

Youth (2015), Italien / Frankreich / Frankreich / Großbritannien
Laufzeit: - FSK: 6 - Genre: Drama
Kinostart Deutschland: - Verleih: Wild Bunch

Ewige Jugend Filmplakat -> zur Filmkritik

erhältlich auf Blu-ray und DVD

Inhalt

Die alten Freunde Fred (Michael Caine) und Mick (Harvey Keitel) teilen in den Bergen zwar ihr idyllisches Feriendomizil, ein elegantes Wellnesshotel mit fast schon magischer Ausstrahlung, haben aber was ihr Alterswerk betrifft komplett verschiedene Vorstellungen. Während der berühmte Komponist und Dirigent Fred sich dem süßen Nichtstun hingibt, treibt den geschäftigen Regisseur Mick sein neustes Filmprojekt um, das durch die Launen seiner Muse Brenda (Jane Fonda) zu platzen droht. Freds Erholung stört dagegen ein Abgesandter des Buckingham Palace: Die Queen höchstpersönlich möchte die „Simple Songs“ angeleitet durch ihren Schöpfer selbst hören – ein Angebot, das Fred rundheraus ablehnt, sehr zum Leidwesen seiner Tochter und Managerin Lena (Rachel Weisz). Lieber möchte der Komponist zusammen mit seinem Freund Mick und dem skurrilen Schauspieler Jimmy (Paul Dano) relaxen, über das Leben philosophieren und die Macken der anderen Gäste kommentieren.

Michael Caine, Harvey Keitel und Rachel Weisz | mehr Cast & Crew


DVD und Blu-ray | Ewige Jugend

Blu-ray
Ewige Jugend Ewige Jugend
Blu-ray Start:
01.04.2016
FSK: 12 - Laufzeit: 118 min.

zur Blu-ray Kritik
DVD
Ewige Jugend Ewige Jugend
DVD Start:
01.04.2016
FSK: 12 - Laufzeit: 113 min.

Filmkritik Ewige Jugend

Filmwertung: | 8/10


2014 gewann der italienische Regie-Impressionist Paolo Sorrentino mit seiner Felliniesquen Rom-Hommage „La Grande Bellezza“ den Oscar für den besten nicht-englischsprachigen Film. Nun präsentiert der 45-jährige nach „Cheyenne – This Must Be the Place“ seinen bereits zweiten englischsprachigen Film und fährt dafür eine fabelhafte Besetzung auf, die sich sicher ebenfalls Hoffnungen auf Auszeichnungen machen darf. Sorrentino schrieb dem ehemaligen Sexsymbol und der bereits 82-jährigen Schauspielikone Michael Caine die Rolle des Star-Dirigenten und -Komponisten Fred Ballinger auf den Leib – sogar mit der Voraussetzung, dass er den Film nur macht, wenn Caine zusagt. Das tat er natürlich, ebenso wie Harvey Keitel, der Ballingers alten Freund und Filmemacher Mick Boyle spielt. Beide glänzen in Sorrentinos neustem Werk, das die Sinne des Zuschauers wie schon „La Grande Bellezza“ mit exquisiten Bildkompositionen, hervorragend eingesetzter Musik und eleganter Inszenierung regelrecht berauscht. Hier wird bewusst filmisch stimuliert, das ist Kino im konstanten Zustand der Erregung. Auf einer inhaltlichen Ebene ist „Ewige Jugend“ abstrakter, beschäftigt sich mit einer Vielzahl an Themen, ohne sich zu offensichtlich zu fokussieren und dem Zuschauer vorzuschreiben, was er denken und fühlen soll. Sorrentino behandelt hier universelle Dinge wie die Liebe, das Altern, Sterblichkeit, Begierde, Leidenschaft, Freundschaft und Erinnerung. Als fast alleinigen Schauplatz wählte der Italiener das legendäre Schweizer Berghotel Schatzalp, ein ehemaliges Sanatorium und heutiges Wellness- und Luxushotel, das Thomas Mann bereits zu seinem „Zauberberg“ inspiriert hat. Dieser magische Ort ist selbst eine Art Protagonist des Films und Sorrentino setzt die Atmosphäre zu maximalem Effekt ein, entdeckt an jeder Ecke Schönheit, an der man sich nicht satt sehen kann. Man wird von den Bildern regelrecht aufgesogen. „Ewige Jugend“ ist so unverkennbar ein Paolo Sorrentino Film, ein weiteres Kunstwerk, das man nur schwer kategorisieren kann und in seiner Aussagekraft oft recht vage bleibt, wodurch bei manchen Zuschauern Frustration vorprogrammiert ist. Ein garantiert polarisierender Film also, an dem für Cineasten jedoch kein Weg vorbei führt.

„Ewige Jugend“ ist also kein Film, der an Handlung, sondern eher am filmischen Moment und Emotion interessiert ist. Der nun siebte Film von Sorrentino spielt sich über nur wenige Tage ab, beobachtet die teils skurrilen Figuren in dem Schweizer Hotel. Fred Ballinger lebt alleine und zurückgezogen, ist im Ruhestand und genießt den Urlaub und das Nichtstun, die Massagen und die Landluft. Ein Abgesandter des Buckingham Palace bittet Fred nochmal ans Dirigentenpult zu treten, um sein legendärstes Werk „Simple Songs“ in einem Konzert für die Queen aufzuführen. Doch Fred bleibt hart und verzichtet aus nichtgenannten „persönlichen Gründen“ auf das prestigeträchtige Angebot. Sein alter Freund Mick ist ebenfalls im Hotel, um mit einer Gruppe von jungen Autoren und Schauspielern an seinem letzten großen Werk zu arbeiten, seinem Testament, das alles verkörpern soll, was ihn ausmacht. Nur ein passendes Ende zu seinem Meisterwerk fehlt Mick noch. Auch Gast im Hotel ist Lena (Rachel Weisz), Freds Tochter und persönliche Assistentin, die mit Julian (Ed Stoppard) verheiratet ist, der zugleich auch Micks Sohn ist. Doch ihre Ehe gerät ins Wanken, auch die Beziehung zu ihrem Vater ist nicht immer einfach. Gemeinsam verbringen sie Zeit im und um das Hotel, sinnieren und philosophieren über das Leben, bedauern die Unabwendbarkeit des Älterwerdens und Fehler der Vergangenheit.

Am besten lässt man „Ewige Jugend“ einfach über sich fließen, ergötzt sich an der berauschenden Schönheit der sinnlichen Bilder, lässt sich von der Atmosphäre aufsaugen. In Sorrentinos audiovisuell aufgeladener, oft traumartig wirkender Welt steht aber auch viel zwischen den Zeilen geschrieben, er lässt viel assoziativen Spielraum für den Zuschauer. Hinzu kommen zahlreiche ausladende Konversationen, in denen ganz viel Wahrhaftigkeit steckt. Über allem schwebt eine tief empfundene Melancholie über das Älterwerden und damit verbundene verpasste Chancen. Doch gerade das charmante Zusammenspiel zwischen Caine und Keitel erzeugt auch durchaus einige sehr humorvolle Momente. Wie sich das bei Filmen über Altersprobleme gehört, besprechen die Beiden täglich als eine Art Running Gag die Anzahl der jeweils produzierten Urintropfen. An der Tatsache, dass sich die Beiden schon ewig kennen und gegenseitig schätzen, lässt das nuancierte Spiel der Altstars nie den Hauch einer Frage aufkommen. Schauspielerisch baut der Film auf Natürlichkeit und Understatement, ist nicht an großen Gesten interessiert. Michael Caine ist erwartungsgemäß wunderbar in seiner Rolle, ihm gehört die Leinwand mit bemerkenswerter Leichtigkeit, er muss nicht viel machen, um ganz viel auszusagen. Sein Timing ist makellos. Mit zunehmender Laufzeit fokussiert sich der Film dann aber auf Keitels Figur. Ihm gehören die größeren Momente, sein Spiel ist weniger zurückhaltend angelegt wie das von Caine. Nach und nach offenbart der zunehmend melancholische Film die Charaktere, besonders der erzählerische Bogen von Keitels Figur sorgt schließlich für subtil bewegende und überraschende Momente, die nachwirken. Auch fabelhaft ist Rachel Weisz, die besonders in einer kathartischen Szene glänzt: In einer langen ununterbrochenen Großaufnahme liefert die Oscar-Preisträgerin einen bewegenden an ihren Vater gerichteten Monolog, bei dem sie ihr ganzes schauspielerisches Können ausspielen darf. Darüber hinaus spielt Paul Dano einen frustrierten Schauspieler, der zur Vorbereitung auf einen Filmdreh in Deutschland Zeit im Hotel verbringt und einige Gespräche mit Ballinger teilt. Schließlich hat Jane Fonda noch einen großen Auftritt als alternde Diva Brenda Morel, die in Micks Film die Hauptrolle übernehmen soll.

Wie schon bei „La Grande Bellezza“ inszeniert Paolo Sorrentino Kino für die Sinne, doch während der Genuss seines Oscar-prämierten Films in vielerlei Hinsicht von der Kenntnis des Kinos von Federico Fellini abhängig war, ist „Ewige Jugend“ in seiner Erzählung universeller und zugänglicher. Dennoch, auch dieser Film ist anspruchsvolles, langsames Kino, das hohe Aufgeschlossenheit vom Zuschauer erwartet. Sorrentino lässt Bilder und Momente für sich wirken, er erklärt nicht, baut hier und da bedeutungsschwangere Traumsequenzen und skurrile Momente ein. Er nimmt den Zuschauer nicht an die Hand, gibt ihm damit die Möglichkeit, Bedeutung für sich selbst zu schaffen. Er ist nicht auf billige emotionale Manipulation und Klischees aus, jeder Moment wirkt so überraschend und anregend. Das ist ohne Zweifel ganz besonderes Autorenkino in Reinkultur, bei dem die Handschrift und die Vision des Machers jede Sekunde spürbar sind. Das kann nun natürlich positiv und negativ sein, denn Sorrentinos Eigenarten können natürlich auch leicht irritieren und den Zuschauer außen vor lassen. Ob „Ewige Jugend“ nun also echte Größe erreicht (oder doch dafür in mancher Hinsicht zu unklar bleibt), kann wohl nur mit etwas zeitlicher Perspektive gesagt werden. Doch für den Moment gesehen, ist „Ewige Jugend“ ein cineastisches Fest, das gesehen werden muss, wenn man sich ernsthaft mit zeitgenössischem Kino auseinandersetzen will.


Fazit:
Paolo Sorrentino kreiert nach seinem gefeierten Oscar-Gewinner „La Grande Bellezza“ ein weiteres sinnlich-betörendes Filmerlebnis, das durch seine außergewöhnliche Machart weit aus dem Durchschnitt herausragt. Unterstützt wird der Film durch seine exzellente Darstellerriege, angeführt von einem subtil großartigen Michael Caine und Harvey Keitel in einer seiner besten Rollen. Sicher kein Film für jeden Geschmack, alleine für das audiovisuelle Erlebnis für Cineasten ein Pflichttermin.
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Bilder © Wild Bunch