Die versunkene Stadt Z

The Lost City of Z (2016), USA
Laufzeit: - FSK: 12 - Genre: Abenteuer / Historienfilm
Kinostart Deutschland: - Verleih: StudioCanal

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Die versunkene Stadt Z Filmplakat -> zur Filmkritik

erhältlich auf Blu-ray und DVD

Inhalt

Percy Fawcett wird von der Royal Society auf eine Expedition zur Landvermessung in Bolivien gesandt. Im Regenwald des Amazonas findet er immer wieder Spuren von vergangenen Zivilisationen. Sein Forscherdrang ist erwacht und er ist überzeugt von der Existenz einer versunkenen Stadt, die er Z nennt. Zurück in London will die Royal Society jedoch von dieser Idee nichts wissen. Getrieben von dem Drang, endlich seine mysteriöse Stadt zu finden, begibt Fawcett zusammen mit seinem Sohn erneut auf eine letzte gefährliche und verhängnisvolle Reise zum Amazonas…

Charlie Hunnam, Robert Pattinson und Sienna Miller | mehr Cast & Crew


Die versunkene Stadt Z - Trailer




DVD und Blu-ray | Die versunkene Stadt Z

Blu-ray
Die versunkene Stadt Z Die versunkene Stadt Z
Blu-ray Start:
17.08.2017
FSK: 12 - Laufzeit: 140 min.

zur Blu-ray Kritik
DVD
Die versunkene Stadt Z Die versunkene Stadt Z
DVD Start:
17.08.2017
FSK: 12 - Laufzeit: 135 min.

Filmkritik Die versunkene Stadt Z

Filmwertung: | 9/10


James Gray hat sich über die Jahre als einer der wichtigsten amerikanischen Autorenfilmer etabliert, dennoch blieb dem Macher solcher unterschätzter und außergewöhnlicher Filmkunstwerke wie „We Own the Night“, „Two Lovers“ oder „The Immigrant“ bislang eine breitere Wertschätzung außerhalb mancher Cineastenkreise weitestgehend verwehrt. Auch sein aktueller und aufwändigster Film „Die versunkene Stadt Z“ (der zum ersten Mal außerhalb seiner Heimat New York City angesiedelt ist) wird an Grays Status eines bewundernswerten und unverwechselbaren Außenseiters wohl nicht viel ändern. Die versunkene Stadt Z SzenenbildDas ist bedauerlich, denn hier ist ein Filmemacher zu bewundern, der direkt aus den 70er Jahren, der Hochzeit des amerikanischen Autorenfilmerkinos, in die Gegenwart transportiert zu sein scheint und – nun vielleicht mehr denn je – Filme erschafft, die aus einer lange vergangenen Zeit stammen könnten. „Die versunkene Stadt Z“, der auf dem gleichnamigen Buch von David Grann basiert, ist an der Oberfläche ein im besten Sinne altmodischer Abenteuerfilm, doch Gray macht aus dieser einfachen Prämisse noch so viel mehr. Es scheint fast so, als wäre dieser hypnotisch-halluzinogene und zutiefst majestätische Trip in ein versunkenes Königreich im Amazonas vom Geiste eines Stanley Kubrick berührt worden. Gerade die malerischen und selten schönen Bilder von Kamerakünstler Darius Khondji, die nur von Kerzenschein oder wenigen Lichtquellen illuminiert sind, erinnern insbesondere an Kubricks „Barry Lyndon“, ebenso wie Grays Hang zum überaus wirkungsvollen Nutzen klassischer Musik von Johann Strauss, Maurice Ravel oder Wolfgang Amadeus Mozart.

Es ist aber auch die hypnotische und oft nicht von dieser Welt stammende Wirkung dieser großen Bilder, dieser perfektionistisch anmutenden Intensität, die „Die versunkene Stadt Z“ so besonders machen und an die allergrößten Filmemacher erinnert, ohne jemals wie ein Imitat zu wirken. Gray ist einer der originellsten Filmemacher unserer Zeit, der sich nach alten Filmtugenden rückbesinnt, statt zu modernen Spielereien und Künstlichkeit zu greifen. „Die versunkene Stadt Z“ erinnert in seinem ultimativen Bestreben nach Realität und Authentizität, also tatsächlich einen Großteil der Produktion in den südamerikanischen Dschungel zu transportieren, auch an das wahnhafte Filmemachen an eigentlich unbespielbaren Realschauplätzen eines Werner Herzog (siehe insbesondere „Aguirre“ oder „Fitzcarraldo“), Francis Ford Coppola („Apocalypse Now“), William Friedkin („Atemlos vor Angst“), Michael Cimino („Heaven’s Gate“), Rowan Joffé („The Mission“) oder David Lean („Lawrence von Arabien“). Die versunkene Stadt Z SzenenbildMit Letzterem teilt „Die versunkene Stadt Z“ zweifelsohne seine wahrhaftige und selten verdiente Beschreibung „episch“, denn der über zwei Jahrzehnte und 140 Minuten Laufzeit erzählte Film lässt einen die verstrichene Zeit und ihre Wirkung auf die Beteiligten tatsächlich spüren. Zugleich gelingt es dem Film aber eine sehr introspektive und meditative Wirkung zu entfalten, die in interessantem Kontrast zu seiner epischen Natur steht.

Mit dem Erscheinen des Buches im Jahr 2009 wollte Gray diesen Film machen, was jedoch angesichts des enormen Produktionsaufwands und der nicht unbedingt mainstreamgerechten Machart von Grays Filmen zahlreiche Verzögerungen nach sich zog. Brad Pitts Produktionsfirma Plan B (Pitt wollte ursprünglich selbst die Hauptrolle übernehmen, später musste auch sein Ersatz Benedict Cumberbatch aus Zeitgründen abspringen) gelang es schließlich das Projekt zu stemmen, das zunächst als Abschlussfilm auf dem New York Filmfestival und später bei der Berlinale präsentiert wurde.

Doch nun zur Handlung: Diese startet im Jahr 1906, als der britische Oberstleutnant Percy Fawcett (Charlie Hunnam) von der Royal Geographical Society beauftragt wird, nach Bolivien zu reisen, um das weitestgehend unerforschte Grenzland zu Brasilien zu vermessen und zu kartieren. Dort befindet sich ein großes Kautschukbaumvorkommen, das eine potentiell ertragsreiche Importquelle darstellen kann. Fawcett nimmt den Auftrag an, was jedoch auch das Opfer vorsieht, seine schwangere Ehefrau Nina (Sienna Miller) in der britischen Heimat für Jahre zurückzulassen. Er begibt sich auf eine beschwerliche Reise auf See und Schienen, um sich schließlich mit einer kleinen Gruppe, darunter sein zugewiesener Assistent Henry Costin (mit dichtem Bart kaum zu erkennen: Robert Pattinson), einen Weg durch den lebensbedrohlichen Regenwald zu schaffen. Schnell wird klar, dass ihr Trip nicht nur von den überall lauernden Naturgefahren, sondern auch von feindlichen Eingeborenen und schließlich auch Krankheiten und Lebensmittelmangel erschwert wird. Doch nach einem Hinweis eines friedfertigen eingeborenen Reiseführers entdecken Fawcett und seine Crew uralte Keramikreste, die auf eine lange versunkene Zivilisation deuten. Die versunkene Stadt Z SzenenbildDie Männer müssen jedoch die Reise in die Heimat antreten, wo sie für ihre Errungenschaften in der Landvermessung gefeiert, jedoch nur müde für die Behauptung belächelt werden, dass tatsächlich „Wilde“ mitten im Dschungel eine Zivilisation erschaffen haben sollten. Es dauert allerdings nicht lange, bis Fawcett eine weitere Expedition anberaumt, diesmal mit Unterstützung des neugierigen Biologen und Abenteurers James Murray (Angus MacFadyen). Fawcett entwickelt eine zunehmend intensiver werdende Obsession, ein versunkenes Königreich im Amazonas ausfindig zu machen, für dessen Entdeckung er alles aufs Spiel setzt…

Dass Gray seinen Film betont langsam erzählt und viel Geduld erwartet, wird sicher viele Zuschauer mit geringer Aufmerksamkeitsspanne abschrecken und distanzieren. „Die versunkene Stadt Z“ ist kein einfach zu konsumierender Film mit rasch vergänglicher Wirkung und einfacher Dramaturgie, sondern eine immersive und subtil fesselnde Erfahrung, die bei entsprechender Aufmerksamkeit lange nachwirkt und sich tief im Gedächtnis eingräbt. Auch thematisch ist der Film trotz seines prinzipiell geradlinigen Plots enorm dicht erzählt, ohne jemals irgendwelche Botschaften explizit auszusprechen – dafür ist Grey (ähnlich wie Kubrick) ein zu zerebraler und psychologisch komplexer Filmemacher. Der Zuschauer wird zur eigenen Reflektion und sicher auch erneuter Rezeption des Films angeregt, womit wieder Erinnerungen an besagte große Filme entstehen, die auf den ersten Blick sperrig, mysteriös und kaum greifbar erscheinen, einen aber nie wieder loslassen. Der Film ist so ein wahrer Traum für Cineasten, denn diese Art des Filmemachens ist in der heutigen Fastfood-Filmlandschaft eine bedauernswerte Seltenheit geworden.
Das Wort „cineastisch“ darf hier nochmal betont werden, denn auch wenn Gray niemals die Kamera wie ein ähnlich kompromisslos Realismus-suchender Alejandro González Iñnarritu virtuos bewegt, um Aufmerksamkeit auf sich selbst zu richten, ist sein Film an Bildgewalt kaum zu übertreffen. Nichts wirkt hier artifiziell, Darius Khondji lässt mit seinen mystisch anmutenden Bildern eine wahrlich malerische Qualität entstehen. Khondji nutzte 35mm-Analogfilm, wodurch „Die versunkene Stadt Z“ über eine besondere Textur und üppige Farblichkeit verfügt, die insbesondere stark an ähnliche Werke des New Hollywood erinnert.

Die versunkene Stadt Z Szenenbild Um erneut auf Kubrick zu kommen: Auch seine Werke haben zu ihrer Veröffentlichung selten die Wertschätzung erfahren, die sie verdient haben, erst später wurden viele seiner Filme (etwa „The Shining“ und nun langsam auch „Eyes Wide Shut“) als die Meisterwerke angesehen, die sie nun mal sind. Gerne wurde Kubrick für seine intellektuelle Kühle und Präzision kritisiert, wobei die tiefempfundene und komplexe emotionale Tiefe seiner Filme gerne übersehen wurde. Die emotionale Ebene ist auch für den enorm ambitionierten „Die versunkene Stadt Z“ für viele Zuschauer sicher nicht leicht zugänglich, manche bereits erschienen Kritiken deuten jetzt schon ein Missverstehen des Films an. Auf rein filmischer Ebene ist es kaum zu bestreiten, dass Grays Film schnell eine hypnotische Wirkung aufbaut, dass sich der Dreh an schwer erreichbaren und unwirtlichen Orten in Südamerika in enorm wirkungsvollen und atmosphärisch dichten Bildern ausgezahlt hat. Die Gefahr ist spürbar, die Natur in all ihren Dimensionen förmlich greifbar. Man riecht den Schweiß und Dreck regelrecht, glaubt, die schwül-feuchte Hitze des Dschungels zu spüren. Schnell fühlt es sich an, als sei man selbst auf einem Abstieg in die Hölle, bei dem der Wahnsinn näher liegt, als man sich wünschen mag.

Der Film ist deutlich in drei Akte aufgeteilt, die stets mit einer Expedition enden. Folglich gibt es immer wieder Momente der Erholung in der Heimat, aber auch der erschütternd (aber erneut seltsam malerische) authentisch inszenierte Erste Weltkrieg in den Schützengäben an der Somme spielt eine Rolle. Gerade hier wird nochmal die enorme Ambition und Größe dieses Films spürbar, bei dem nichts unecht wirkt. In den Heimatszenen erzählt Gray in geschliffenen und sehr authentischen Dialogen von gesellschaftlichen Konventionen, darunter fallen auch Geschlechterrollen. Dass Fawcett einen unstillbaren Entdeckerdrang hat und stets auf dem Weg nach Ruhm ist, ist eine Selbstverständlichkeit, die kaum von seiner hingebungsvollen Frau Nina, deren Rolle die der Mutter Zuhause ist, angezweifelt wird. Sienna Miller spielt hier sicher einen ihrer besten und nuanciertesten Parts, bei dem sie sehr viel über subtile Mimik und Körpersprache ausdrückt und das Beste aus ihren wenigen Auftritten macht. Sie bewundert ihren Mann und akzeptiert seine Berufung, doch man spürt auch ihren meistens unterdrückten Schmerz, der in der langen Einsamkeit liegt.

Die versunkene Stadt Z Szenenbild Charlie Hunnam trägt den Film erstaunlicherweise problemlos mit großer und sehr charismatischer Leinwandpräsenz. Er spielt hier eine faszinierende, entschlossene und sehr starke, couragierte Männerfigur, dessen unstillbarer Entdeckerdrang und Ehrgeiz entgegen aller Widrigkeiten sicher das pochende Herz des Films darstellt. So geht es in „Die versunkene Stadt Z“ auch um alles um sich herum verschlingende Obsession und das Schreiten in die Dunkelheit, in die geheimnisvollen unentdeckten Bereiche dieser Erde und schließlich um das Streben nach heroischer Größe und Unsterblichkeit. Fawcett ist ein vorausdenkender Mann, der sich beweisen will, der Teil des Establishments ist, aber zugleich auch gegen ihr rückständiges Weltbild antritt und sich beweisen will. Hunnam portraitiert diese faszinierend komplexe und ehrenhafte Persönlichkeit würdevoll und mit großer Überzeugungskraft – zweifellos seine bisher beste Rolle. Schließlich ist es dann aber Miller, der das schmerzhaft schöne und melancholische Schlussbild gehört, das sich direkt einen Platz in den Annalen der Filmgeschichte verdient hat. Ein großer, mysteriöser, atemberaubender Film, der unbedingt auf der größtmöglichen Leinwand gesehen werden muss.


Fazit:
James Grays „Die versunkene Stadt Z“ ist überwältigendes, majestätisches und klassisches Filmabenteuer, das in seiner erhabenen Machart und geheimnisvoller Ausstrahlung an Kino einer vergangenen Zeit erinnert. Hier ist ein Film zu bewundern, der Geduld erfordert, aber den Zuschauer bei entsprechender Aufmerksamkeit in einen meditativen Zustand versetzt, der lange nachwirkt.
by

Bilder © StudioCanal