Die feine Gesellschaft

Ma Loute (2016), Frankreich / Deutschland
Laufzeit: - FSK: 12 - Genre: Komödie
Kinostart Deutschland: - Verleih: Neue Visionen

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Inhalt

Im Sommer 1910 geht Seltsames vor sich an der französischen Normandieküste. Alljährlich findet sich hier der Landadel ein, denn die Luft ist heilsam und die armen Fischer und verlumpten Muschelsammler sind herrlich pittoresk. Doch dieses Jahr ist etwas anders: zahlreiche Sommerfrischler sind spurlos verschwunden und haben das bizarre Polizistenduo Böswald und Blading auf den Plan gerufen. Schnell deuten die Zeichen auf den Fischer Rohbrecht, der stets hungrig wirkt und den man in der Gegend respektvoll den „Ewigen“ nennt. Mit seinem kantigen Sohn Lümmel verdient er sich ein Zubrot, indem er wohlhabende Touristen über die ewigen Gewässer befördert. So auch die Töchter der Familie van Peteghem, deren herrschaftliches Anwesen in aller gebotenen Dekadenz über der Bucht thront. Dabei verlieben sich Lümmel und die schöne Billie van Peteghem und zwingen Distinguierte und Depravierte in einen allzu plötzlichen Familien-Kontakt. Während die Polizisten ratlos durch eine groteske Dünenlandschaft voller Nymphomanen, Nudisten und Narzissten pflügen, drängt sich ein entsetzlicher Verdacht auf. Plötzlich verschwindet auch Billie van Peteghem und die Ordnungshüter müssen befürchten, dass die Rohbrechts nicht nur Muscheln, sondern auch Menschen sammeln.

Fabrice Luchini, Juliette Binoche und Valeria Bruni Tedeschi | mehr Cast & Crew


Die feine Gesellschaft - Trailer





Filmkritik Die feine Gesellschaft

Filmwertung: | 7/10


Der französische (Skandal-)Regisseur Bruno Dumont (*1958) dürfte bisher nur einem quantitativ sehr eingeschränkten Filmpublikum des Arthouse-Kinos bekannt sein. Er steht mit seinen unbestrittenen Meisterwerken wie L'humanité (Großer Preis der Jury, Preis für den besten Hauptdarsteller, Preis für die beste Hauptdarstellerin auf den Internationalen Filmfestspielen von Cannes 1999), Twentynine Palms (2003) oder Flandres (ebenso Großer Preis der Jury in Cannes 2006) für eine einzigartige Kunst der Präsenz, des Anti- oder zumindest Non-Intellektualismus, der Performativität, des Naturalismus, kurzum: der Authentizität. Die feine Gesellschaft SzenenbildThematisch widmet sich Dumont, ohne dabei jemals aufgesetzt psychologisierend zu wirken, den großen Abgründen der menschlichen Seele wie Verbrechen wie Mord und Vergewaltigung, sexuelle Verrohung und Animalität, Krieg, soziale Ausgrenzung und Hetze und nicht zuletzt immer wieder Leere, Abhärtung und Stumpfsinn. Mit seinem inzwischen achten Spielfilm in knapp zwanzig Jahren Schaffenskunst gelingt ihm nun mit Die feine Gesellschaft eine radikale Abkehr von bezeichnetem Stil und aufgeführten Themen und zum ersten Mal aus dem Stegreif eine in summa bravouröse Komödie mit mannigfaltigen glänzenden Qualitäten operesken Ausmaßes und nur vereinzelten Schwächen.

Im Sommer des Jahres 1910 verschwinden an der idyllischen Nordküste Frankreichs mehr und mehr Menschen auf mysteriöse Art und Weise. Die beiden Detektive Blading und Böswald begeben sich auf Streife, nicht zuletzt um die neu angekommene Aristokratenfamilie van Peteghem um André (Fabrice Luchini) und dessen Frau Isabelle (Valeria Bruni Tedeschi), die ihren jährlichen Urlaub hier abhält, vor den Umtrieben des Ortes zu schützen. Eine erste kriminalistische Spur führt zu der einheimischen, völlig verarmten Familie Brufort, die sich ihren Lebensunterhalt mit dem Transport der Touristen über den Fluss verdient. Hierbei verliebt sich ein Spross der Familie, Lümmel (im frz. Original filmnamensgebend: Loute für „Ma Loute“), in Billie, die geschlechtlich etwas schwer einzuordnende Tochter (?) Audes, Andrés Schwester. Die beiden so unterschiedlichen Familien sind gezwungen, sich auseinanderzusetzen, als sie von der Romanze ihrer Kinder erfahren. Im Hintergrund schwelt dabei die andauernde Bedrohung seitens der Bruforts, die Menschen buchstäblich zum Fressen gernhaben...

Die feine Gesellschaft Szenenbild Der Film erzählt viele einzelne Geschichten, entscheidet sich jedoch dezidiert dafür, nicht alle vollständig auszuformulieren. Als dramaturgischer und narrativer Aufhänger bietet Die feine Gesellschaft zunächst einmal eine Kriminalgeschichte um das mysteriöse Verschwinden der Touristen. Spannung ist hierbei weniger gewollt als Ironie und Komik, steht doch von Anfang an fest, dass die Kannibalenfamilie Brufort hinter den Morden im Ort steckt. Das Werk wartet mit der Romanze zwischen Lümmel und Billie aber auch mit einer genuinen Liebesgeschichte auf, die der eigentliche Katalysator des Films ist: Durch sie finden die so unterschiedlich porträtierten Familien, motorisiert durch die romantische Kommunikation zwischen den beiden Jugendlichen, zu einem kulturellen Zusammenstoß, aber auch zu einer partiellen Annäherung nolens volens. Am äußersten Rande ist der Film gar ein – wenn natürlich auch nur ironisiertes und maßlos übertriebenes – Gesellschafts- und Schichtendrama über Arm und Reich und deren unterschiedliche Wahrnehmung voneinander.

Als qualitativ hochwertiges Unterhaltungswerk operiert Die feine Gesellschaft mit einem Mix aus verschiedenen Arten von Humor. In erster Linie stellt der Film eine (Stereo-)Typenkomödie dar: Zu erwähnen wären nur der ultradimensional dicke und dümmliche Polizeiinspektor und sein nur etwas smarterer Assistent (in ihrem Habitus unverblümt an Laurel und Hardy angelehnt) oder die hysterisch-neurasthenische überbesorgte Mutter. Hochinnovativ ist dabei die bis zum Schluss und selbst über den Film hinaus rätselhafte Figur der Billie (gespielt vom Laien „Raph“, auf dessen Suche der Regisseur nach eigenen Angaben monatelang war), die in ihrer Androgynität der Story das hochmoderne Thema „Gender“ einverleibt und damit für einen formalästhetischen wie thematisch spannenden Durchbruch sorgt.

Die feine Gesellschaft Szenenbild Die feine Gesellschaft arbeitet weiterhin mit dem Mittel des – allerdings plumpen und gewöhnungsbedürftigen – Slapstick, indem beispielsweise unentwegt die Stühle, in die sich ausgerechnet der Patriarch der Familie André niederlässt, in sich zusammenbrechen. Letztlich bleibt die Grundtonalität des Films aber eine der Hyperbolik, nämlich der maßlosen Übertreibung von Charakterzügen und dem adäquaten Schauspiel dazu: So einzig und allein aristokratisch, distinguiert und manierlich die van Peteghems auf der einen Seite sind, so abscheulich, depraviert und rückständig geriert sich die Kannibalenfamilie Brufort auf der anderen Seite.

Es ist hervorzuheben, dass Dumont nach wie vor einer der größten Filmschaffenden im Arthouse-Kino ist. Neben Jean-Pierre und Luc Dardenne oder Jacques Audiard mag er einer der konsequentesten und künstlerisch akzentuiertesten und ambitioniertesten Regisseure sein. Die vielen hervorstechenden Panoramaaufnahmen der französischen Nordküste, vermischt mit dem für Dumont berühmten Blick für das Detail der Nahaufnahme, wenn es zum Beispiel um das Ausstellen der vielen unverwechselbaren Physiognomien der Figuren geht, sorgen auf visueller Ebene für eine einzige Augenweide. Unterlegt ist dieses konstant hohe inszenatorische Bildniveau des Kameramanns Guillaume Deffontaines mit wiederkehrenden klassischen Aufnahmen des belgischen Komponisten Guillaume Lekeu (1870–1894) und einer detail- und passgenauen Geräuschkulisse unter anderem des rauschenden Meeres oder des exponierten Fußstampfens im Tümpel.

Ein weiterer Triumph des Films ist der abwechslungsreiche, diametrale und dadurch besonders spannende Schauspielcast zwischen professionellen Stars (Familie van Peteghem) und absolut unbedarften Laien (Familie Brufort) – eine der großen und einzigartigen Stärken der Schauspielregie Dumonts. Die feine Gesellschaft SzenenbildDabei fügen sich letztere nicht zuletzt dank der Inszenierung dermaßen gut in das prädominante berufsmäßige Schauspiel des Film ein, dass eine wunderbare schaustellerische Balance der Ironie und Varietät etabliert und aufrechterhalten wird.

Was einzig negativ ins Gewicht fallen mag, sind neben dem grundsätzlichen Gewöhnungsbedarf des eigensinnigen Humors dessen Frequenz und deutliche Hyperbolik. Namentlich der Schauspielstil Juliette Binoches, aber auch stellenweise der Fabrice Luchinis wirken in ihrer ununterbrochenen und maßlosen Übertreibung störend. Das bildkompositorisch, musikalische und regieinszenatorisch extravagant hohe Niveau des Films wird dadurch in seiner Wahrnehmung etwas entzaubert und letztlich getrübt. Zwar handelt es sich dabei ebenso um ein entschieden eingesetztes Inszenierungsmittel des Regisseurs, doch hätte man sich an der einen oder anderen Stelle dann doch etwas mehr Einhalt und Gleichgewicht gewünscht. Insgesamt bleibt Die feine Gesellschaft ein Fantasiefilm, der humorvoll Themen wie Kannibalismus, Serienmord, Inzest und Geschlechtsunspezifität behandelt und zu dessen Ende hin die Figuren schlichtweg in den Himmel davonschweben. Das mag nicht jedermanns Sache sein. Doch lohnen selbst dann noch all die aufgezählten zahlreichen positiven Aspekte den Kinobesuch.


Fazit:
Dumont gelingt mit seinem ersten wahren Versuch in seinem Œuvre auf Anhieb eine turbulent-surreale Komödie, die mit einer opulenten und pittoresken Kinematografie, ausgefallen aufwändigen Kostümen, einem glänzenden Soundtrack und einer originell-überzogenen diametralen Geschichte und Dramaturgie glänzt. Einzig der pausenlos übertriebene exuberante Schauspielstil und die etwas zu häufig und zu sehr auf Slapstick beharrende Komik des Films fallen negativ auf. Ein äußerst sehenswerter fantasievoller Seh- und Hörgenuss!
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Bilder © Neue Visionen