Das unbekannte Mädchen

La fille inconnue (2016), Belgien / Frankreich
Laufzeit: - FSK: 6 - Genre: Drama
Kinostart Deutschland: - Verleih: temperclayfilm

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Das unbekannte Mädchen Filmplakat -> zur Filmkritik

Inhalt

Der 10. Spielfilm der Brüder Dardenne erzählt die Geschichte der jungen Ärztin Jenny (Shooting-Star Adèle Haenel). Als es eines Abends nach Sprechstundenende an der Tür ihrer Praxis klingelt und eine junge Frau um Hilfe bittet, antwortet Jenny nicht, weil sie zur gleichen Zeit den neuen Kollegen vorgestellt wird. Am nächsten Tag erfährt sie von der Polizei, dass eine unidentifizierte, junge Frau tot aufgefunden wurde. Von Schuldgefühlen geplagt, stellt Jenny private Nachforschungen an, um mehr über die Identität der Verstorbenen herauszufinden.

Adele Haenel, Fabrizio Rongione und Thomas Doret | mehr Cast & Crew


Das unbekannte Mädchen - Trailer




Filmkritik Das unbekannte Mädchen

Filmwertung: | 6/10


Dass das belgische Brüderpaar Jean-Pierre und Luc Dardenne zu den technisch virtuosesten und thematisch tiefgründigsten Filmregisseuren der Gegenwart zählt, dürfte unbestreitbar sein. Wurde seit deren Film La Promesse (dt.: Das Versprechen, 1996) seit 1996 jedes ihrer so verschiedenen und doch stilistisch einheitlichen Werke auf den Internationalen Filmfestspielen von Cannes nicht nur lanciert, sondern seit Rosetta 1999 stets auch mit einem Preis bedacht, änderte sich dies erst 2014 mit ihrem ersten schwächeren Film Deux jours, une nuit (dt.: Zwei Tage, eine Nacht, 2014) seit achtzehn Jahren. Das unbekannte Mädchen SzenenbildMit zu vielen aufgesetzten moralisierenden tableaux vivants nebst gekünstelter dramaturgischer Klimax und gar der ein oder anderen wahrhaft peinlichen Szene aufwartend, vermochte bereits dieser Film nicht so recht zu überzeugen.

Dass dieser Ausreißer leider kein Einzelfall bleiben wird, steht nun mit ihrem Folgewerk La fille inconnue (dt.: Das unbekannte Mädchen, 2016), das zum ersten Mal nicht in dem für die Brüder obligatorischen Dreijahresturnus gedreht worden ist, fest. Denn auch dieses beinhaltet größere und kleinere Schwächen, welche die große ästhetische Gesamtaura eines Dardenne-Werkes schmälern. Das große belgische Regieduo nun also in einer Schaffenskrise?

Jenny ist eine junge, äußerst gewissenhafte und disziplinierte Ärztin, die eines Tages das Türläuten nach Praxisschluss schlicht ignoriert. Am nächsten Tag stellt sich heraus, dass jenes von einem inzwischen tot aufgefunden und identitätslosen Mädchen stammte, das vermutlich nach Hilfe seitens der Praxis und damit Jennys suchte. Von Schuldgefühlen gequält macht sich die Ärztin auf die Suche nach dem Namen der Toten und gerät dabei in ein Netz aus Prostitution, Kriminalität und Gewalt.

Entgegen der vielen unterschiedlichen Vorwürfe in anderen Kritiken kann die mangelnde Tragfähigkeit des unbekannten Mädchens nicht in der angeblich ideenlosen und gekünstelten Storyline, dem unbefriedigenden Ende, dem Spiel mit Genreversatzstücken des Thrillers oder gar der vermeintlich einschläfernden Leistung der Hauptdarstellerin Adèle Haenel gefunden werden. Im Gegenteil trägt diese gerade dazu bei, dass der Film im Ganzen durchaus positiv, ja fasziniert goutiert werden kann. Immerhin inszenieren die Dardennes ein weiteres Mal mit bravouröser und makelloser Stilsicherheit. Mögen zwar tatsächlich einzelne Szenen überflüssig sein und den Film damit unnötig, doch nicht in markantem Ausmaße in die Länge ziehen – ein Manko, das die Brüder inzwischen einsahen und den Film deshalb seit seiner Premiere in Cannes um sieben Minuten kürzten –, Das unbekannte Mädchen Szenenbildso liegt das Hauptproblem des Films doch alleinig im geänderten inszenatorischen Grundgestus der Brüder, sich Charakteren und Thema zu nähern.

Die Filme der Dardennes sind thematisch betrachtet Geschichten familiärer Bindungen. Bereits die Titel zeugen hiervon: Le fils (dt.: Der Sohn, 2002) oder L'enfant (dt.: Das Kind, 2005). Im Zentrum der Erzählungen stehen Menschen, die durch die schwierige Interaktion mit ihren Mitmenschen und durch ins Wanken geratene soziale Umfelder emotionalen Extremsituationen ausgesetzt werden. Nur selten geschieht dies aus intrinsischen Gründen. Es sind vielmehr äußere Erschütterungen, welche die Figuren kathartische Prozesse durchleben und -leiden lassen. Auch bei Jenny versetzt zwar der (un)verschuldete Tod des unbekannten Mädchens diese in plötzliche Selbstzweifel und Lebensreflexionen. Dennoch liegen die Figurenkonfiguration und die sich daraus ergebenden dramaturgischen wie narrativen Folgen hier gänzlich anders als gewohnt.

Denn die großen Fragen menschlicher Existenz und menschlichen Miteinanders entfalten sich in den Filmen der Dardennes letzten Endes stets in der leibhaftigen, physisch präsentischen Auseinandersetzung mit dem Mitmenschen. Sei es der Vater des verstorbenen Jungen in Der Sohn, der nun mit dem frei gelassenen Mörder seines Kindes in Verbindung tritt oder der kleine Cyril in Le gamin au vélo (dt.: Der Junge mit dem Fahrrad, 2011), der um die leibliche Aufmerksamkeit seines Vaters wirbt, der ihn verstoßen hat und dies fortan tut.

Jenny hingegen ist die einzige lebende Person, die keine emotionale Bindung, Distanz oder Wechselseitigkeit hierzwischen zu anderen Protagonisten aufbauen kann. Ihre einzige Bindung ist vielmehr eine rein abstrakt-moralische an ein verstorbenes Mädchen. Eine Art synthetische Interaktivität zwischen den Figuren und daraus wie so oft resultierende, unvergleichbar gelungene Versuche über Wahrheiten des menschlichen Lebens – gedrosselt in den großen Themen Schuld, Gier, Mitgefühl und Hoffnung – vermag Das unbekannte Mädchen gerade aus diesem Grunde nicht zu bieten. Das unbekannte Mädchen SzenenbildEs ist das Fehlen dieses einzigartigen Gestus und eigentlichen Wirkmechanismus der Werke der Gebrüder Dardenne, der das filmische Gesamtgetriebe vorliegend nicht zum Laufen bringt. Vielmehr wandelt die Ärztin knapp zwei Stunden durch eine dramaturgisch aufgeheizte Welt ohne größere einschneidende Hindernisse und ohne dass dabei der Zuschauer eine tiefere Motivation ihrer Odyssee als nur ein hauchdünn angeschnittenes Schuldgefühl Jennys mitgeteilt bekommt. Dies ist im Vergleich zur ansonsten herausragenden emotionalen und zwischenmenschlichen Komplexität der anderen Filme der Regisseure viel zu wenig.

Was bleibt sind die großartigen schauspielerischen Leistungen, die technisch virtuose Inszenierung in puncto Regie und Kameraführung und das Gefühl, dass selbst ein mittelmäßiger Film der Dardennes immer noch mehr wert ist als das Gros der allermeisten sonstigen, meist so genannter Autorenfilme der Gegenwart.

Ist es für die Regiebrüder dennoch an der Zeit, sich seit ihrem künstlerischen Radikalschnitt zwischen den äußerst seichten Titeln Falsch (1987) und Je pense à vous (dt.: Ich denke an euch, 1992) und der stilistischen Neuerfindung mit Das Versprechen ein weiteres Mal in Frage zu stellen? Nicht unbedingt. Doch muss sicherlich ein Rückanschluss an die nonverbale Tiefgründigkeit und Ästhetik des Unausgesprochenen und Unaussprechlichen – ihre Markenzeichen gefunden werden.


Fazit:
Gewohnt virtuos inszenierter und fotografierter Film in typischer Dardenne-Manier mit einer hervorragenden Adèle Haenel in der Hauptrolle. Dramaturgisch zum ersten Mal im Werk der Gebrüder jedoch leider in seiner Klimax misslungen und mit seinem obwohl sich niemals wirklich aufdrängenden, sondern sensiblen und diskreten sozialen Sujet letztlich dennoch wirkungslos.
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Bilder © temperclayfilm