Blade Runner 2049

Blade Runner 2049 (2017), Großbritannien / Kanada / USA
Laufzeit: - FSK: 12 - Genre: Science-Fiction / Action
Kinostart Deutschland: - Verleih: Sony Pictures

-> Trailer anschauen

Blade Runner 2049 Filmplakat -> zur Filmkritik

Inhalt

30 Jahre nach den Ereignissen des ersten Films fördert ein neuer Blade Runner, der LAPD Polizeibeamte K (Ryan Gosling), ein lange unter Verschluss gehaltenes Geheimnis zu Tage, welches das Potential hat, die noch vorhandenen gesellschaftlichen Strukturen in Chaos zu stürzen. Die Entdeckungen von K führen ihn auf die Suche nach Rick Deckard (Harrison Ford), einem seit 30 Jahren verschwundenen, ehemaligen LAPD Blade Runner.

Harrison Ford, Ryan Gosling und Ana de Armas | mehr Cast & Crew


Blade Runner 2049 - Trailer




Filmkritik Blade Runner 2049

Filmwertung: | 10/10


„Blade Runner 2049“ ist die wohl reichhaltigste filmische Vision seit die Wachowskis 1999 mit „Matrix“ einen der größten Science-Fiction-Meilensteine der Geschichte erschaffen haben. Denis Villeneuve zementiert mit seiner Fortsetzung von Ridley Scotts unantastbarem Science-Fiction-Monolith endgültig seinen Status als virtuoser und scheinbar unfehlbarer Meisterfilmemacher. Wie schon seine wuchtig, intensiv und muskulös inszenierten Filme „Prisoners“, „Sicario“ oder „Arrival“ verlangt auch sein neuester und bislang herausforderndster Coup von der ersten Sekunde an volle Aufmerksamkeit. Villeneuve zeigt sich erneut als Filmemacher, der sein Medium mit fast schon beängstigender Präzision und Kontrolle beherrscht. Doch jeder, der sein gewaltiges Vermächtnis kennt, weiß, dass „Blade Runner“ nicht irgendein Film ist. Der Gedanke an eine Fortsetzung dieses endlos einflussreichen und immer noch faszinierenden und den Intellekt und die Sinne gleichermaßen stimulierenden Meilensteins erschien seit 35 Jahren regelrecht utopisch. Doch Villeneuve hat diese harte Nuss eindrucksvoll geknackt, denn ihm gelingt es die einzigartige Tonalität und Atmosphäre von Scotts Sci-Fi-Noir-Filmkunstwerk nicht nur erneut einzufangen, sondern diese zu erweitern und auszufüllen, ohne je wie eine Kopie zu wirken. „Blade Runner 2049“ lebt die Parallelrealität des Originalfilms weiter, wobei Villeneuve und sein geniales Team um Kameramann Roger Deakins und Production Designer Dennis Gassner auch etwas ganz Eigenes und Visionäres schaffen, dass noch lange Bestand haben wird.

K (RYAN GOSLING) in BLADE RUNNER 2049
K (RYAN GOSLING) in BLADE RUNNER 2049 © Sony Pictures Releasing GmbH
Der Eindruck, den „Blade Runner 2049“ von Beginn an macht und bis zum Ende anhält, hallt noch lange nach Ansehen – oder besser gesagt Erleben – des Films nach. Wie es nur die größten audiovisuellen Meisterwerke der Filmgeschichte geschafft haben, lässt einen diese von Villeneuve und Co. erschaffene Welt nicht los. Villeneuve gelingt es hier, den Zuschauer vom ersten Bild an in eine völlig singuläre und schlicht hypnotisierende Welt zu transportieren, aus der man nach gut drei Stunden nur völlig benebelt heraustaumeln kann. Hier werden überwältigende, ja ekstatische Bilder, Räume und Welten geschaffen, aus denen man schwer wieder in die Realität zurückkehren will.

Der Film startet mit gigantischen geometrischen architektonischen Strukturen, die das Auge in Ehrfurcht wandern lassen – und kaum ist man gefangen von diesen Mustern, erscheint auch schon ein menschliches Auge in überwältigender, leinwandfüllender Großaufnahme und zum Weinen anregender Schönheit – ganz wie auch im Original. Doch ein entscheidender Unterschied wird in den ersten Minuten von „Blade Runner 2049“ deutlich: Tageslicht. Wer Ridley Scotts Film kennt, weiß, dass ein wesentlicher Aspekt seines zigfach kopierten Looks die urbanen und stets verregneten Nachtszenarien ist. Keine Angst, „Blade Runner 2049“ hält sich auch in dieser visuell so eindrucksvoll und atmosphärisch dichten Zukunftsvision des Los Angeles von 2049 auf, doch Villeneuve schafft hier auch seinen ganz eigenen visuellen Stil. So eben in der wunderbar minimalistischen Eröffnungssequenz, die von Kennern wiedererkennt werden könnte. Hier wurde nämlich eine ursprünglich für das Original ungenutzte Idee aufgegriffen, die subtil abgewandelt und erweitert wurde. Auf Spoiler möchte diese Rezension natürlich verzichten.

Rick Deckard (HARRISON FORD)
Rick Deckard (HARRISON FORD) © Sony Pictures Releasing GmbH
Was gesagt werden kann, ist, dass man sich an keinem der präzise und kraftvoll komponierten Bilder von „Blade Runner 2049“ sattsehen kann. Die von Villeneuve und Co. erschaffene dystopische Welt fühlt sich immer ein Stück weit bekannt an, der Bezug zum Original reißt nie ab. Ganz entscheidend: Es gelingt Villeneuve und seinen Drehbuchautoren Hampton Fancher (der bereits das Original schrieb, bevor David Peoples übernommen hat) und Michael Green die ganz eigene Stimmung von Scotts Film einzufangen. Doch zugleich fühlt sich diese neu erschaffene Welt wie eine filmische Wiedergeburt an, die alles aus der Erinnerung wegspült, was man in den letzten Jahren im Mainstreamkino als banale Durchschnittsware serviert bekommen hat. Wie bereits Scott nutzt Villeneuve das Genre, um es als Nährboden für große Ideen zu verwenden. Villeneuve mischt wie auch im Original jede Menge analoge Strukturen in seine eingelebt wirkende Zukunftsvision, bei allem Hightech findet man auch zahlreiche althergebrachte Elemente wie Gaskocher – womit man sich stilistisch zum Original treu bleibt. Doch dann kreieren Villeneuve und sein Team auch zahlreiche nie gesehene und faszinierende Technologien, die einen konstant zum Staunen bringen und ja, durch ihre Greifbarkeit und Glaubwürdigkeit voll in diese Welt transportieren. Künstlich wirkt hier nichts.

Das ungemein detaillierte und hochoriginelle Szenenbild, das mit einer nicht enden wollenden, aber nie überfordernden Flut von Ideen und Konzepten stimuliert, überwältigt. Die urbane Szenerie des Los Angeles des Jahres 2049 greift zahlreiche visuelle Motive von Scotts Film auf (es finden sich sogar wieder Atari- und Pan Am-Logos im von gigantischen VR-Werbeanzeigen gesäumten Großstadtbild), fängt aber auch exakt die Stimmung des Originals ein. Doch Villeneuve reichert all das mit allerneuester Technologie zur völligen, immersiven Glaubwürdigkeit an und erweitert den Raum mit eigenen Ideen, die sich völlig natürlich in das bereits Etablierte eingliedern. Während Scotts Film insgesamt etwas filigraner und intimer erscheint, nutzt Villeneuve den Raum in Form von Panoramen komplett und spielt ihn mit seiner gewohnten Wucht aus, sodass man immer wieder ein überwältigendes Gefühl von üppiger Größe und spürbarer Realität erhält.

K (RYAN GOSLING)
K (RYAN GOSLING) © Sony Pictures Releasing GmbH
Keine Frage, „Blade Runner 2049“ ist ein Design-Triumph, wie man ihn lange nicht gesehen hat. Der Film erreicht eine betörende, ernsthaft hypnotische und berauschende Dimension, die natürlich ganz eng mit Roger Deakins präzise-kraftvoller und zutiefst ausdrucksstarker Arbeit verbunden ist. Seine Bildkompositionen, seine einzigartige expressive Lichtsetzung und sein bemerkenswerter Einsatz von Farben ist ein fulminanter visueller Traum, der dem Briten nach 13 Oscar-Nominierungen endlich seinen ersten Gewinn des Goldjungen bescheren muss.

Man kann nicht genug Worte über die visuellen Aspekte des Films verlieren, jedoch ist es eben auch die Tonalität, die Villeneuves Film mit seinem bewunderten Original teilt. Hier macht man dankbarerweise, wie auch schon 1982 – abgesehen von der wenig geliebten Kinoversion mit der ungewünschten erklärenden Erzählstimme von Harrison Fords Rick Deckard – keine Zugeständnisse an ein Publikum, das gerne an der Hand genommen wird. „Blade Runner 2049“ erweist sich über weite Strecken als ähnlich kryptische, kühle und distanzierte Angelegenheit wie auch das Original, das dem Zuschauer bis heute viel Ambivalenz und Interpretationsfreiraum bietet. Hinzu kommt eine sehr ruhige, bedächtige und langsame Erzählweise, die bei der erheblich erweiterten Laufzeit auch deutlich spürbar wird.

Szene aus BLADE RUNNER 2049
Szene aus BLADE RUNNER 2049 © Sony Pictures Releasing GmbH
Im Mittelpunkt steht hier, wie auch im Original eine Odyssee der Hauptfigur, diesmal in Form von Ryan Goslings mürrischer Blade Runner K, die ein Mysterium zum Inhalt hat, das es aufzuklären gilt. Wie auch Harrison Fords Blade Runner Rick Deckard muss K Jagd auf eine neue Generation von Replikanten machen, um jedoch ein größeres Geheimnis aufzudecken, das ihn auch höchstpersönlich betreffen könnte. Mehr sei hier nicht verraten, jedoch darf gesagt sein, dass Villeneuve genauso wenig wie einst Scott daran interessiert ist, thematische Botschaften auszusprechen oder Fragen allzu einfach zu beantworten. Wie auch 1982 und in den folgenden von Scott angefertigten Schnittfassungen wabert auch in „Blade Runner 2049“ eine essentielle Frage stets im Hintergrund: Was bedeutet es menschlich zu sein?

Die 35 Jahre alte Frage, ob Rick Deckard selbst ein Replikant ist, hat Ridley Scott für sich schon beantwortet, andere Mitschaffende interpretieren die Situation anders. Deckard hat auch in „Blade Runner 2049“ eine letztlich integrale Rolle, die der nun 74-jährige mit überraschend ausgeprägter emotionaler Dimension ausfüllt – nicht unähnlich zu seiner Rückkehr als Han Solo in „Stars Wars: Das Erwachen der Macht“. Mit seinem Erscheinen hat man in „Blade Runner 2049“ zum ersten Mal wirklich das Gefühl, dass das gewichtige Vermächtnis des Originals spürbar wird. Was gegen Ende geschieht, wandelt die zuvor etablierte Tonalität etwas ab und mag für manche Puristen und Fans des Originals wohl kontrovers daherkommen. Mehr kann an dieser Stelle aber auch nicht verraten werden.

Joi (ANA DE ARMAS) und K (RYAN GOSLING)
Joi (ANA DE ARMAS) und K (RYAN GOSLING) © Sony Pictures Releasing GmbH
Auch wird es im dritten Akt dann doch etwas actionreicher, man könnte sogar sagen, dass hier zum ersten Mal ein Hauch von Konventionalität Einzug in Villeneuves dichtes Universum erhält. Das ändert aber sicher nichts daran, dass ein Gefühl von akutem Weltschmerz und tief empfundener Melancholie über allem liegt und der Film vielleicht in den finalen Konfrontationen willkommene Fahrt aufnimmt. Die Actionszenen gegen Ende verfügen über Villeneuves bekannte Intensität und sind gerade bei einem ausgedehnten Showdown auf dem offenen Meer mit an die Nieren gehender Brutalität ausgestattet. Ob die 164-minütige Laufzeit wirklich nötig ist, sei dahingestellt, denn die Erzählung, die Ryan Goslings Figur antreibt, packt an sich nur bedingt. Gosling spielt seine Figur wie so oft bewusst stoisch reduziert und minimalistisch, wodurch jedoch ein ganz besonderer Gefühlsausbruch umso wirkungsvoller und mit der Kraft eines plötzlichen Vulkanausbruchs erfolgt.

Während „Blade Runner“ einst vor allem durch seinen unsterblichen Monolog von Rutger Hauers Replikant Roy Batty tiefe Emotionalität und Menschlichkeit entfachte, streut Villeneuve weit mehr ansatzweise vergleichbare Momente ein. Auch wenn diese Szenen nicht an die überwältigende Größe des „Tears in the Rain“-Monolog heranreichen, erweitert Villeneuve die Aussagekraft des Erforschens von Menschlichkeit in verschiedenen wirkungsvollen Variationen. Doch wie auch schon beim Original spürt man auch diesem Film an, dass mehrmaliges Ansehen unbedingt erforderlich ist, dass der wahre Wert dieses Films, seine Aussagekraft, die für viele Zuschauer unterschiedlich ausfallen wird, erst nach Jahren in Gänze deutlich sein wird.

Sapper (DAVE BAUTISTA)
Sapper (DAVE BAUTISTA) © Sony Pictures Releasing GmbH
Jared Letos mysteriöse Figur mit Gottkomplex Niander Wallace darf hier auch nicht unerwähnt bleiben. Leto erhält hier einige prägnante und ausdrucksstarke Momente, in denen seine Figur lange und kryptische Monologe hält, dabei aber eine faszinierende Ambivalenz ausstrahlt. Seine rechte Hand Luv (Sylvia Hoeks) nimmt aber tatsächlich einen noch prägnanteren und aktiveren Teil der Geschichte ein. Hoeks ist eine echte Entdeckung, die zuerst mit faszinierender Gefasstheit und später mit explosiver und unnachgiebiger Intensität überrascht und begeistert. Dann wäre da auch noch „Feuchtgebiete“-Star Carla Juri, die hier eine recht kurze, aber dafür sehr eindrucksvolle und integrale Rolle gewinnen konnte.

„Blade Runner 2049“ ist einer der besten Fortsetzungen aller Zeiten, die die anspruchsvollen Fans des Originals mehr als zufrieden stellen sollte. Villeneuve und seinem Team ist hier ein epochales Meisterstück gelungen, das wie auch das Original nicht ohne Schwächen ist, aber dennoch eine ungeheure, lange nachwirkende Strahlkraft besitzt. Es ist selbstverständlich, dass dieser Film eine hohe Aufmerksamkeit und Geduld verlangt, denn sein bedächtiger und introspektiver Erzählrhythmus darf durchaus als anspruchsvoll bezeichnet werden. „Blade Runner 2049“ ist wie Scotts Film ein echter philosophischer Science-Fiction-Film, der sich nicht über Spektakel, sondern über komplexe und teils sperrige Ideen definiert. Das heißt natürlich nicht, dass der Film nicht alleine für seine audiovisuelle Sogkraft (Hans Zimmers und Benjamin Wallfischs an Vangelis angelehnte wabernd-fiebrige Soundsphären dürfen nicht unerwähnt bleiben) wirkungsvoll ist, denn gerade hier gelingt Villeneuve besagte transportierende Qualität, die noch viel stärker als alle Worte wirken und den inhaltlichen Kontext durch Mittel puren Kinos ausdrückt.


Fazit:
„Blade Runner 2049“ erweist sich als nichts Geringeres als ein filmisches Wunder, das nicht nur Atmosphäre, Tonalität und Erzählart seines unsterblichen und tief einflussreichen Vorgängers auf meisterhafte und ekstatische Weis einfängt, sondern auch erweitert und zu etwas schließlich Einzigartigem macht. Der Film ist ein nie dagewesener, völlig überwältigender und transportierender audiovisueller Triumph, bietet aber auch wie schon Ridley Scotts Meilensein komplexe philosophische Ideen, die viel Platz für Interpretation bieten.
by

Bilder © Sony Pictures