Aufbruch zum Mond

First Man (2018), USA
Laufzeit: - FSK: 12 - Genre: Biographie / Drama / Historienfilm
Kinostart Deutschland: - Verleih: Universal Pictures Intl.

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Inhalt

Er gehört zu den größten Helden des 20. Jahrhunderts: Neil Armstrong, der erste Mann auf dem Mond. AUFBRUCH ZUM MOND erzählt aus Armstrongs Leben und von den enormen Konflikten und Entbehrungen, mit denen der Pilot vor und während seiner legendären Mission konfrontiert war. Gleichzeitig schildert der Film auf ergreifende Weise die hochdramatischen Ereignisse des amerikanischen Raumfahrtprogramms zwischen 1961 und 1969.

Ryan Gosling, Jason Clarke und Claire Foy | mehr Cast & Crew


Aufbruch zum Mond - Trailer




Filmkritik Aufbruch zum Mond

Filmwertung: | 9/10


Es rattert, es wackelt und knarzt an allen Stellen. Flüchtige Blicke durch zwei kleine Fenster lassen den Horizont erscheinen. Wir befinden uns im Jahr 1961 an Bord des Überschallflugzeugs X-15 der US Air Force, das sich gerade auf dem Weg in die Erdatmosphäre macht. Überall nur kaltes, zerkratztes Metall, unverkleidete Schrauben und ein wenig Glas, das den Blick nach draußen ermöglicht. Das Bild ist grobkörnig, die Kamera unruhig. Sie offenbart auch ganz nahe Großaufnahmen vom Piloten des Flugzeugs, der späteren amerikanischen Ikone Neil Armstrong (Ryan Gosling). Dieser befindet sich auf einem der zahlreichen Testflüge, die er für die Air Force gemacht hat, bevor er schließlich im Weltraumprogramm der NASA eingesetzt wurde.
Ryan Gosling und Claire Foy in Aufbruch zum Mond
Ryan Gosling und Claire Foy in Aufbruch zum Mond © Universal Pictures International Germany GmbH
Damien Chazelle, der hier im Alter von gerade mal 33 Jahren seinen vierten Film präsentiert, lieferte mit „Whiplash“ und „La La Land“ zwei der aufsehenerregendsten Filme der letzten zehn Jahre. Für letzteren wurde er mit einem Oscar für die beste Regie ausgezeichnet – zurecht, denn Chazelle gehört sicher jetzt schon zu den virtuosesten Filmemachern der heutigen Zeit. Mit „Aufbruch zum Mond“ liefert er nun sein bisher größtes Projekt – ein Biopic über den Mann, der als erster Mensch den Mond betreten hat: Neil Armstrong, Ingenieur, Koreakrieg-Veteran, Testpilot, Pionier, Familienvater. Als Grundlage für den Film wurde James R. Hansens offizielle Biografie „First Man: The Life of Neil A. Armstrong“ herangezogen. Hansen fungierte hier auch in beratender Funktion, um größtmögliche Authentizität zu gewährleisten.

Doch zurück zur fulminanten Eröffnungssequenz von „Aufbruch zum Mond“. Chazelle wird seinem Status als junger Meister erneut gerecht, denn diese Flugszene, die alleine aus dem Cockpit der X-15 als extrem subjektiv spürbare Erfahrung inszeniert ist, erweist sich als eine der realistischsten Szenen dieser Art in der Filmgeschichte. Chazelle und sein ebenfalls für „La La Land“ Oscar-prämierter Kameramann Linus Sandgren sind hier fast schon unangenehm nahe dran am Geschehen, am Flugzeug selbst, aber auch an Armstrong. Man hat fast schon selbst das Gefühl durchgeschüttelt zu werden, mit einem enorm starken Gespür für kleinste Details kommt hier ein Gefühl von derartig großer Authentizität auf, sodass man regelrecht den Eindruck erhält, dokumentarisches Originalmaterial zu betrachten.

Ryan Gosling in Aufbruch zum Mond
Ryan Gosling in Aufbruch zum Mond © Universal Pictures International Germany GmbH
Von Beginn an liegt hier die Gefahr eines verfrühten Todes über allem. Chazelle hat mit „Aufbruch zum Mond“ nicht die Absicht, einen triumphalen Crowdpleaser abzuliefern. Er konzipiert hier eine persönlich erzählte, intime und unkonventionelle Charakterstudie, die auf das rätselhafte Innere von Armstrong gerichtet ist. Nach diesem spektakulären Beginn, bei dem Armstrong kurz in Gefahr gerät, als er von der Atmosphäre abprallt und ins Weltall abzudriften droht, sorgt Chazelle direkt für einen größtmöglichen Kontrast: Armstrongs zweijährige Tochter Karen (Lucy Stafford) ist an Krebs erkrankt, eine Heilung ist aussichtslos. Karen stirbt und wirft einen Schatten auf Armstrong, der sich über den gesamten Film nicht lösen wird.

Es mag überraschend sein, aber Chazelle wählt diese Herangehensweise, um einen extrem subjektiven Film über tiefen Schmerz, Verlust, Trauer und Obsession zu machen. Denn es ist nicht nur der Tod von Armstrongs Tochter, der über dem Film liegt, sondern die ständige Gefahr, dass einer seiner NASA-Mitstreiter beim Wettlauf ins All stirbt, besteht konstant. Alles, was diese Astronauten bei ihrem Weg zur bemannten Raumfahrt erarbeiten, ist Pionierarbeit und könnte ihre letzte Tat bedeuten. Der Film zeigt, wie der bei der Air Force durch riskantes Verhalten in Ungnade gefallene Armstrong sich für das Gemini-Programm der NASA bewirbt, angenommen wird und schließlich mit einigen Kameraden an einem unglaublich harten Training teilnimmt. Wie auch bei dem Jazz-Schlagzeuger in „Whiplash“ ist Chazelle also ganz nah an der extremen Erfahrung einer laserartig fokussierten Hauptfigur, die besessen auf ein großes Ziel hinarbeitet. Dabei bleibt erneut die weibliche Hauptfigur, hier Armstrongs Frau Janet (Claire Foy) außen vor, denn ihr Mann trägt die Trauer und seinen inneren Kampf mit sich selbst aus, bleibt undurchdringlich. Gosling spielt diese permanente Angespanntheit, diese tiefe Angst stets stoisch nach innen gerichtet. All seine Emotionen spielen sich hinter seinen Augen ab, in denen sich ein ständiger innerer Kampf andeutet. Lediglich bei der Beerdigung von Karen zieht sich Armstrong einmal in den Keller zurück, wo Chazelle einen weinenden Gefühlsausbruch Armstrongs offenbart, den Gosling in einer weiteren Großaufnahme inbrünstig spielt.

Neil Armstrong (Ryan Gosling) in Aufbruch zum Mond
Neil Armstrong (Ryan Gosling) in Aufbruch zum Mond © Universal Pictures International Germany GmbH
Die klaustrophobische Herangehensweise des Beginns hält Chazelle über den gesamten Film aufrecht. Sei es in gnadenlosen Fliehkraft-Testapparaten, in Flugzeugen oder den enorm engen Raumkapseln, hier spielt sich alles immer ganz nahe ab, Chazelle wählt fast nie den äußeren, totalen Blick. Sogar bei den Familienszenen wählt der Regisseur eine beklemmend enge Ästhetik, stets gepaart mit natürlichem Licht und grobkörniger Optik. Chazelle romantisiert die 60er Jahre nie, verliert sich nicht in der makellosen Ausstattung, wodurch er die Ära unmittelbar erfahrbar macht. Alles in diesem Film wirkt so rau und realistisch, dass man immer wieder vergisst, einen Film aus dem Jahr 2018 zu sehen.

Dadurch, dass Armstrong so verschlossen erscheint, strahlt der Film oberflächlich gesehen trotz der hohen Nähe ironischerweise eine gewisse Distanz und Kälte aus, die sicher nicht jedem Zuschauer behagen wird. Doch bei genauerer Betrachtung ist diese unsentimentale und nüchterne Herangehensweise bemerkenswert und erfrischend fern von jeder billigen emotionalen Manipulation. Er bleibt schlicht seiner Hauptfigur und seinem subjektiven Erleben auf authentischste Weise treu. Dadurch bleiben allerdings auch die meisten Nebenfiguren leider eher auf Distanz und sind nicht viel mehr als Stichwortgeber in der Peripherie des isolierten und einsamen Armstrong. Freundschaften mit seinen Kollegen deuten sich an, etwa mit Edward Higgins White (Jason Clarke) und vor allem Elliott See (Patrick Fugit), jedoch muss Armstrong immer wieder Trauerfälle und Beerdigungen erleben, die seine selbstgewählte Distanz begreifbar machen. Ein gewisser Fokus liegt zumindest auf der starken Claire Foy, die immer wieder verzweifelt versucht zu ihrem Mann vorzudringen.

Ryan Gosling in Aufbruch zum Mond
Ryan Gosling in Aufbruch zum Mond © Universal Pictures International Germany GmbH
Chazelle arbeitet die Entwicklungsphasen des Weltraumprogramms nüchtern und einsichtsreich ab. Der hohe Realismusgrad macht auch auf Sprachebene keine Zugeständnisse, denn Chazelle und der für „Spotlight“ Oscar-prämierte Autor Josh Singer wählen stets technischen Fachjargon, anstatt zu vereinfachen. Wie erwartet entzieht Chazelle den Weltraumszenen ungeheure Intensität und Spannung: Durch den hohen Realismus erhält man ein fast körperliches Gespür für diese analogen Geräte, die immense Gefahr liegt hier stets über allem. Hier wirkt alles etwas verschmutzt, verkratzt, der Lack ist rissig, die Wände voll von Instrumenten und Bedienelementen ehrfurchterweckend.

Ein Highlight des Films ist etwa das Gemini 8-Programm, der sechste bemannte Weltraumflug, bei dem zum ersten Mal zwei Raumfahrzeuge im Weltall erfolgreich miteinander andockten. Beim Start der mit Armstrong und David Scott (Christopher Abbott) bemannten Rakete knarzt, klappert und grölt es überall, die unheimlichen metallischen Geräusche beängstigen regelrecht. Der Einsatz verläuft reibungslos, bis die Kapsel plötzlich ins Schleudern gerät und die Ohnmacht der beiden Raumfahrer angesichts unmenschlicher Fliehkräfte kurz bevor steht. Majestätische Weltraum-Momente wie man sie aus anderen Filmen kennt, bleiben in dieser von filmischer Künstlichkeit befreiten, greifbar industriell-rüttelnden Hölle größtenteils aus. Raumfahrt besteht hier mehr aus Furcht und dem inneren Zwang, den Tod zu besiegen als freudigem Entdeckergeist.

Claire Foy als Janet Armstrong in Aufbruch zum Mond
Claire Foy als Janet Armstrong in Aufbruch zum Mond © Universal Pictures International Germany GmbH
Chazelle zeigt auch sehr selten, was im Kontrollzentrum passiert. Er schneidet eben nicht auf angespannte Gesichter in Houston wie etwa in Ron Howards „Apollo 13“ gesehen, liefert nicht diese befreienden Reaktionsschüsse auf ein jubelndes Bodenpersonal, die noch entsprechend mit triumphaler Musik untermalt sind. Justin Hurwitz (ebenfalls für „La La Land“ sogar zweifach Oscar-prämiert) verzerrte, von den 60er Jahren inspirierte Thereminklänge sorgen immer wieder für passend unheimlich-gespenstische Stimmung. Auch Armstrongs innere Einsamkeit akzentuiert Hurwitz starke Filmmusik, die mitentscheidend für den eher trauervollen Grundton dieses Films ist. Doch Hurwitz lässt es beim passenden Moment auch entsprechend majestätisch werden: Sobald der obligatorische Höhepunkt des Films in Form der Mondlandung beginnt, setzt das grandiose, an Philip Glass erinnerndes Stück „The Landing“ ein, was den Puls hochschnellen und entsprechend Gänsehaut ob dieses dann wirklich triumphalen Moments entstehen lässt.

Die Mondlandung inszeniert Chazelle mit würdiger Größe. Überhaupt ist es bemerkenswert, wie Spezial- und visuelle Effekte hier zu einem stets glaubhaften und hochrealistischen Ganzen nahtlos zusammenfließen. Nie hat man in „Aufbruch zum Mond“ das Gefühl etwas Anderes als die greifbare Realität zu sehen. Die Mondoberfläche erscheint in ihrer Unweltlichkeit gepaart mit Hurwitz gespenstischer Musik schon fast surreal, so erstaunlich ist immer noch die Tatsache, dass sich diese Situation tatsächlich so abgespielt hat. Chazelle kostet die Zeit auf dem Mond aus, findet hier auch Momente der Ruhe und des Friedens für Armstrong, der sein Ziel erreicht hat. Ob der bewegendste Moment des Films sich so abgespielt hat, sei dahingestellt, hier findet „Aufbruch zum Mond“ jedoch seinen Höhepunkt, wenn er den Kreis der Trauer zwischen Armstrong und seiner verstorbenen Tochter auf dem Moment in einer bedeutungsvollen Geste schließt.


Fazit:
„Aufbruch zum Mond“ ist ein oft virtuoses Biopic über Raumfahrtpionier Neil Armstrong, das kompromisslos subjektives Empfinden eines isolierten Mannes einer konventionellen Erzählweise vorzieht. Damien Chazelle inszeniert einen bemerkenswert authentisch und analog wirkenden Film, der Raumfahrt so realistisch und ungeschönt nahe bringt wie kein Film seit „Der Stoff aus dem die Helden sind“.
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Bilder © Universal Pictures Intl.