Anomalisa

Anomalisa (2015), USA
Laufzeit: - FSK: 12 - Genre: Animation / Komödie / Drama
Kinostart Deutschland: - Verleih: Paramount Pictures Germany

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Anomalisa Filmplakat -> zur Filmkritik

erhältlich auf Blu-ray und DVD

Inhalt

Der erfolgreiche Motivationstrainer und Bestsellerautor Michael Stone reist durch Amerika und begeistert mit seinen Vorträgen unzählige Menschen. Viele hoffnungslose Fälle hat er durch sein Buch erlöst, doch nun scheint er selbst in eine große Krise zu geraten. Während er anderen Menschen hilft, wird sein Leben immer leerer und bedeutungsloser. Müde vom vielen Reisen, lustlos über sein Leben als Familienvater, kommen ihm alle Menschen gleich vor. Als plötzlich in einer weiteren einsamen Nacht die schöne und lebendige Stimme einer Frau in sein Hotelzimmer dringt, schöpft er neue Hoffnung. Die unwiderstehliche Stimme gehört Lisa, die in einem Call-Center arbeitet und extra für Michaels Vortrag von weit her angereist ist. Michael ist überzeugt: Mit Lisa kann er einen Neustart wagen ...



Anomalisa - Trailer




DVD und Blu-ray | Anomalisa

Blu-ray
Anomalisa Anomalisa
Blu-ray Start:
02.06.2016
FSK: 12 - Laufzeit: 91 min.

zur Blu-ray Kritik
DVD
Anomalisa Anomalisa
DVD Start:
02.06.2016
FSK: 12 - Laufzeit: 87 min.

Filmkritik Anomalisa

Filmwertung: | 9/10


Der wahnwitzige Verstand von Charlie Kaufman hat uns einige der originellsten, einfallsreichsten und vielschichtigsten Filme der letzten 16 Jahre beschert. „Being John Malkovich“ und „Adaption“ von Spike Jonze und „Vergiss mein nicht“ von Michel Gondry waren brillante und verschachtelte Erforschungen des menschlichen Verstandes und von Einsamkeit, deren inhaltliche Tiefe und Bedeutungsebenen sich erst über mehrmaliges Ansehen vollends offenbart haben. Anomalisa SzenenbildSein Regiedebüt „Synechdoche New York“ vereinte diese Zutaten zu seinem bislang wohl komplexesten Werk, dem die Zugänglichkeit der ersten drei genannten Filme etwas abhanden ging. Was all seine Filme vereinte, ist eine messerscharfe Beobachtungsgabe menschlicher Eigenarten, die alle durch Kaufmans eigenartigen, von trockenem und manchmal bitterem Sinn für Humor getragenem Blick auf die Welt geprägt waren. Nun erscheint mit „Anomalisa“ Kaufmans zweite Regiearbeit, der von vorne bis hinten die ganz besondere Handschrift seines Machers trägt. Doch diesmal versuchte Kaufman trotz deutlicher inhaltlicher und inszenatorischer Ähnlichkeiten zu seinen anderen Filmen etwas ganz Neues, denn „Anomalisa“ ist ein Stop-Motion-Animationsfilm. Heraus gekommen ist ein erwartungsgemäß faszinierendes, unkonventionelles und einzigartiges Kunstwerk, das auf den ersten Blick zwar sehr geradlinig wirkt, doch letztlich wie von Kaufman gewohnt weit facettenreicher ist, als es zunächst den Anschein macht. Kaufman erforscht auf teils typisch selbst-reflektierende Weise in dem formal innovativen Film erneut das Thema menschlicher Einsamkeit und die Frage, was uns menschlich macht. „Anomalisa“ ist eine emotional und psychologisch tiefgründige Suche nach Identität, und ein Blick auf die Komplexität, Beziehungen zu anderen Menschen aufzubauen. Das ist in seinen Beobachtungen oft sehr humorvoll, manchmal traurig und immer menschlich.

Kaufman erzählt hier eine simple Geschichte, die in gerade mal 90 Minuten viele Wahrheiten des Menschseins inhaltlich brillant kondensiert. Im Fokus steht Michael Stone (gesprochen vom großartigen britischen Charakterdarsteller David Thewlis), ein Kundenserviceguru, der schon erfolgreich Bücher über das Thema geschrieben hat. Er ist für einen Tag wegen einer Präsentation auf Geschäftsreise in Cincinnati, Ohio und übernachtet im Luxushotel The Fregoli. Michael ist verheiratet und hat einen Sohn, fühlt sich aber leer und unglücklich. Die Banalität und Monotonie des täglichen Leben langweilt ihn und er schlafwandelt eigentlich nur in einem depressiven und gelähmten Zustand durch die Welt. Gefangen in der Einsamkeit seines Hotelzimmers ruft er eine alte Flamme an, von der er sich vor vielen Jahren ohne wirklichen Schlussstrich getrennt hat. Später trifft er im Hotel auf die ebenfalls einsame, zurückhaltende und mit Selbstzweifeln hadernde Lisa (Jennifer Jason Leigh), die ihn sofort in seinen Bann zieht.

Mehr darf man über diesen wunderbaren Film eigentlich nicht erfahren. Anomalisa SzenenbildDer Film wirkt auf den ersten Blick erzählerisch nahezu minimalistisch, Handlungsort und -zeit sind sehr reduziert. Der Film spielt zum größten Teil in einer einzigen Nacht in besagtem Hotel. Kaufman präsentiert auf gewohnt trockene und amüsante Weise, wie sich der Protagonist durch die Banalitäten des Alltags navigiert, ein Taxi nimmt, anstrengenden Monologen seines Taxifahrers folgt, im Hotel eincheckt, Zimmerservice bestellt, mit seiner entfremdeten Frau ein obligatorisches Telefonat führt. Doch mit zunehmender Laufzeit offenbart der Film einige Überraschungen und doppelte Böden, mit denen man zunächst kaum rechnen würde. Dass „Anomalisa“ im Stop-Motion-Verfahren animiert ist, erweist sich jedenfalls als hintersinnig, auch der erzählerische Kniff, dass der fabelhafte Charaktermime Tom Noonan alle Figuren außer Michael und Lisa spricht, hat seine Gründe. Scheinbar kleine und unbedeutende Details wie etwa der Name des Hotels oder das Design der Puppen erweisen sich ebenfalls als essentiell für das tiefere Verständnis des Films.

Entstanden ist das Ganze mit Hilfe einer Kickstarter-Kampagne, die fast eine halbe Million Dollar eingebracht hat. Nach dem finanziellen Flop von „Synechdoche New York“ (US-Einspiel bei einem Budget von 20 Millionen: 3 Millionen Dollar) vor sechs Jahren hat Kaufman nach eigener Aussage große Probleme gehabt, Finanzierung für seine exzentrischen Stoffe zu erhalten. Seinen Ursprung hat „Anomalisa“ als Theaterstück: Bei seinen Aufführungen in New York im Jahr 2005 waren ebenfalls nur Thewlis, Leigh und Noonan auf der Bühne zu sehen, das Stück funktionierte als sogenanntes „Sound Play“ ohne Bühnenbild. Unterstützung bei der filmischen Adaption erhielt Kaufman von Stop-Motion-Filmemacher Duke Johnson, der bisher durch die Parodie-Internet-Filmchen „Mary Shelley's Frankenhole“ auffiel.

Heraus gekommen ist ein bemerkenswert aufwändig gestalteter Film, der mit unglaublich viel Liebe zum Detail entstanden ist. Die Sets sind absolute Miniatur-Wunder, in denen man sich leicht verlieren kann, hier wurde zudem betont auf Realismus und Wiedererkennung gebaut. Anomalisa SzenenbildDer Film ist nicht nur der Realität so nah – wie es mit dieser Technik möglich ist – nachempfunden und in Szene gesetzt, die Figuren sind auch erstaunlich menschlich gestaltet. Hier werden keine bewusst überzeichneten Puppen wie etwa in „Team America: World Police“ eingesetzt, sondern so authentisch und filigran wie wohl noch nie zuvor gesehen dargestellt. Man kann sich durch die fantastische gestalterische Arbeit problemlos in den Figuren verlieren, doch dass in diesem zutiefst menschlichen, introspektiven und sehr wieder erkennbaren Rahmen jedoch Puppen Schauspieler ersetzen, erzeugt einen faszinierenden Effekt: Ihre Bewegungsabläufe sind unglaublich präzise, flüssig und realistisch animiert, doch ihre an und für sich sehr detailreich gestalteten Gesichter sind in deutlich abgetrennte Segmente unterteilt, wodurch immer unterschwellig ein leicht befremdlicher, maskenartiger Effekt entsteht. Dass die Gesichter so beschaffen sind, hat nicht nur praktische Gründe, wie man durch Kaufmans in all seinen Filmen erkennbare selbst-reflektierende Art erahnen kann. Eine eigenartige und leicht verunsichernde Wirkung wird sicher auch dadurch erzielt, dass Tom Noonan ein fach jegliche anderen Charaktere spricht, ob männlich oder weiblich.

Über den genanntem surrealen Touch der Puppenanimation bewegt sich „Anomalisa“ aber auch in anderen Aspekten von seiner scheinbaren Darstellung der banalen Realität weg. Der Film nimmt stellenweise albtraumhafte Dimensionen an, wobei man zuvor Gesehenes wieder hinterfragen muss. Dennoch, trotz aller surrealer Elemente und der offensichtlichen exzentrischen Machart des Films, schlägt hier wie bei allen Filmen von Kaufman ein tief menschliches und ehrliches Herz. „Anomalisa“ ist ein sehr ruhiger, langsamer und introspektiver Film, der von der ersten Sekunde an schmerzhaft ehrlich mit Einsamkeit und Isolation umgeht. Michael hat Schwierigkeiten, zu anderen Menschen Beziehungen aufzubauen bzw. diese zu halten, fühlt sich daher von der Welt entfremdet. Man spürt seinen Schmerz, auch wenn seine ihn darstellende Puppe mit Allerweltsgesicht (das merkwürdigerweise stark Eintracht Frankfurt-Trainer Armin Veh ähnelt) meistens den gleichen Gesichtsausdruck trägt. Zu den Beziehungsproblemen kommt auch die Schwierigkeit, Individuen auseinanderzuhalten. Hier kommt das sogenannte Fregoli Syndrom (nach dem auch das Hotel benannt ist) ins Spiel, denn darunter Leidende sehen überall gleiche Gesichter. Anomalisa SzenenbildAuch abseits dieses nie direkt angesprochenen Syndroms spricht der Film deutlich die Suche nach Identität an, fragt, was uns letztlich ausmacht, individuell macht. Michael sieht alle anderen Menschen als anonyme Masse mit Variationen des gleichen Gesichts, fühlt sich völlig entfremdet von seiner Umgebung. Dementsprechend urknallartig ist das Gefühl, als er Lisa zum ersten Mal hört und gar nicht genug von ihrer Stimme bekommt. Thematisch hört der Film hier nicht auf und lässt wohl weitere Interpretationen zu, denn Kaufman erklärt sich natürlich nicht selbst. Man kann sicher sein, dass „Anomalisa“ noch in vielen Jahren analysiert werden wird und das Thema vieler wissenschaftlicher Abhandlungen sein wird. Doch das soll nicht davon ablenken, was für ein wunderbarer, tief empfundener und sensibler Film Kaufman und Johnson hier gelungen ist.


Fazit:
„Anomalisa“ ist ein weiterer zutiefst unorthodoxer Geniestreich des wundervollen Charlie Kaufman. Hier ist ein introspektives und intimes Kunstwerk zu bewundern, das auf sehr ehrliche und menschliche Weise Einsamkeit und die Suche nach menschlichen Verbindungen und Identität erforscht. Zudem gehört die Stop-Motion-Animation zum Allerfeinsten, was das Genre bisher hervorgebracht hat.
by

Bilder © Paramount Pictures Germany