Alice und das Meer

L’Odyssée d‘Alice (2014), Frankreich
Laufzeit: - FSK: 12 - Genre: Drama
Kinostart Deutschland: - Verleih: Film Kino Text

Alice und das Meer Filmplakat -> zur Filmkritik

Inhalt

Alice fährt zur See. Während Félix, ihr Mann, auf dem Festland zurückbleibt, arbeitet sie als zweite Mechanikerin auf der „Fidélio“, einem alten Frachtschiff. In ihrer Kabine stößt Alice auf ein Büchlein, das ihrem Vorgänger, dem alten Mechaniker gehörte. Bei der Lektüre seiner Notizen – zwischen Problemen mit der Maschine, neuen Eroberungen und Liebeskummer – klingt seltsamerweise etwas nach, das auch Alice verspürt, das Glück und die Traurigkeit in einer Parallelwelt auf See zu leben.
Von Hafen zu Hafen, zwischen dem Leben an Bord inmitten einer rein männlichen Schiffsbesatzung und ihren Gefühlen, die ins Schwanken geraten, versucht die junge Frau, auf Kurs zu bleiben.
In Locarno auf dem Festival del film wurde Hauptdarstellerin Ariane Labed für Ihre Leistung mit dem Preis für die beste Schauspielerin ausgezeichnet. ALICE UND DAS MEER feierte seine Deutschlandpremiere im Rahmen der 15. französischen Filmwoche in Berlin.


Ariane Labed, Melvil Poupaud und Anders Danielsen Lie | mehr Cast & Crew


Filmkritik Alice und das Meer

Filmwertung: | 8/10


„Jedes knackende Gelenk steht für einen Liebhaber“. Alice und der ihr unterstellte Kadett, mit dem sie gerade Verkehr hatte, beginnen alle Finger durchzugehen. Es knackt verlässlich laut, ohne Ausfälle.

Alice und das Meer Szenenbild Einer der Kritiker sagte, Alice und das Meer sei im gewissen Sinne ein „weiblicher Film“ und könnte niemals von einem Mann als Regisseur gemacht worden sein. Tatsächlich steht am Anfang eine Umkehrung der Rollen: Alice ist die einzige Frau inmitten einer männlichen Besatzung eines Frachtschiffes. Zunächst als zweite Mechanikerin, später gar als Chefingenieurin geht sie auf See und lässt ihren ein wenig glatten, aber nicht uninteressanten Freund Félix auf dem Festland auf sich warten. Die Seefrau Alice arbeitet also nicht nur in einem männlichen Beruf, sondern müsste auch wie einer lieben – interessant!
Die junge Regisseurin Lucie Borleteau und ihre (Film)Crew haben für den Dreh einen echten Frachter (keine Kulisse!) angeeignet. Die großen Handelsgesellschaften kommen einem nicht gern entgegen, aber es gab wohl einen cinephilen Entscheider, Glück gehabt. Die stark an das Leben einer ebenfalls als Schiffsmechanikerin tätigen Freundin angelehnte Geschichte wurde ursprünglich als Dokumentation geplant, reifte aber dann doch zu einer Fiktion aus.
Was auf See geschieht, gehorcht den eigenen, lange bestehenden Rhythmen. Wenn Gibraltar passiert wird, schreiben alle Emails, weil es Internet gibt. Beim Überqueren des Äquators veranstaltet man ein Initiationsritual mit Verkleidung – ein albernes Stück Theater im Film. Hoch und trocken, geht man in ein Bordell-Schrägstrich-Disko, lässt frenetisch feiernd Hände über die Körper der heimischen Frauen wandern, die Seeleute jederzeit gern haben. Die alt anmutenden Brüll-Lieder und die bedingungslose Liebe zu der Eintönigkeit des Meeres – das alles gibt es immer noch.

Ariane Labed spielt Alice. Sie ist das Gesicht des verrückten Neuen Griechischen Kinos – Greek Weird Wave – und war einige Male in der Rolle der Frauen zu sehen, die ihre Sexualität auf eine ziemlich bizarre Weise erkundeten. In einer sehr abgemilderten Form findet diese Tradition hier eine Fortsetzung. Alice ist mal normal, wie jede andere, mal wunderschön, immer hemmungslos, direkt, mitfühlend. Alice und das Meer SzenenbildSie hat etwas Jungenhaftes an sich ohne unweiblich zu sein. Wenn sie betrügt, „ist sie auf sanfte Weise untreu“. Der Erste Offizier Gaël (besetzt mit Melvil Poupaud, dem Verführer des französischen Kinos) ist zufällig die alte große Liebe aus ihrer Ausbildungszeit. Sobald die beiden sich wiedersehen, sind sie einander hoffnungslos zugetan – die Chef-Unterstellte-Fantasie fährt mit vollen Segeln. Wie bei Zahlenbildern, bei denen nummerierte Punkte mit geraden Linien zu einer Zeichnung verbunden werden, ist die Erzählweise hier von so angenehmer Unmissverständlichkeit, dass Alice und das Meer doch als ein sehr „männlicher Film“ durchgehen könnte, wenn auch ohne Action. Weil er voller gelebter und fantasierter Sexualität ist, die, wie gesagt, zwischen dem „A“ der eindeutigen Blicke und dem „B“ des logisch Darauffolgenden sich gelassen treiben lässt. Auch weil es zwischen dem Sex auf See und der Liebe an Land keine wirkliche Spannung, keinen diese beiden Dinge ausschließenden Imperativ gibt. Als Félix über die Untreue von Alice (dank einem im Handy gespeicherten Selfie) erfährt, sagte er ihr beiläufig beim Abschied, dass er übrigens Bescheid wisse; ihre Haut an der Haut des Anderen habe ihn ganz schön angewidert. Alice und das Meer SzenenbildAm Ende der Reise liegt er plötzlich schlafend auf dem Bett ihrer Kabine, abweisend aber nicht unumstößlich – es kommt wieder ohne Skandal aus. Für einen Kassenerfolg führt der Film seinen dramaturgischen Bogen wahrscheinlich doch nicht bis zu dem Punkt des Einrastens hin. Das sollte uns aber nichts ausmachen.

Lucie Borleteau lagert die verschiedenen Daseinsformen von Sex als das Natürlichste der Welt in ihren Langfilm-Regiedebüt direkt und indirekt so ein, dass es für ihn buchstäblich konstitutiv wird: als Zeitvertreib, als Teil eines Zu-Lande-Sein-Rituals, als Form der Kommunikation und als Liebesäußerung. Großzügig oft sehen wir das Blau der gleißenden Wasseroberfläche und das Orange der Cargo-Container. Am verführerischsten jedoch schimmert der Maschinenraum mit seinen Röhren, seinen leicht zitternden Messanzeigern, seinen mit schwarzem Schweröl eingeschmierten Gerätschaften. Die Patina der Sinnlichkeit haftet unübersehbar dem ironisch als Fidelio getauften Schiff an. Alice findet ein Tagebuch, welches ihrem Vorgänger, einem vor Ort verunglückten Mechaniker gehörte. Die Notizen lesen sich sentimental und für den Mechaniker, der die freie Zeit auf dem Trockenen stark alkoholisiert in Hafendiskos vertreibt, fast zu gut geschrieben. Ein Kunstgriff aus gutem Grunde, da sich dank dem Tagebuch ein Mehrwert an Liebe, Beziehung und deren Scheitern in den Film reinholen lässt, ohne dabei erzählerisch in Überschweifung zu geraten.

Alice und das Meer Szenenbild Unter dem Strich (und vielleicht ein wenig augenzwinkernd gemeint) haben die Franzosen im Völkervergleich von allem Sinnlichen doch am meisten Ahnung. Die Kamera fährt am Deck entlang und sieht mit den Augen von Alice, wie die französischen Mannschaftsmitglieder jubelnd einen Retro-Porno schauen, während die Philippiner weiter rechts leidenschaftlich Karaoke singen. Als die letzten zum Schluss über die Küchenutensilien streiten, verabschieden sich die anderen von den alten Frauenpostern wie von guten alten Freunden. Alice kann sich zu keinen von ihnen wirklich gesellen.
Zum Schluss wird das Frachtgut nach Danzig zum Absatz hinübergerettet. Fidelio soll als unbrauchbar verschrottet werden. Das Umhertreiben eines Handelsschiffes, dessen Kurs von den kleinen Differenzen an der Börse bestimmt wird, ist die Odyssee von heute.


Fazit:
Bei Alice und das Meer beginnt man als Zuschauer dazwischen zu träumen. Ein Film mit der Lizenz zum Zerstreut-Sein also – das funktioniert prima. Schön und sehenswert.
by

Bilder © Film Kino Text